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24 Jahrgang

Dienstag den 21. Dezember 1897

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Und abgesehen davon noch, daß die ganze Ge­sellschaft aus Rand und Band ist: aber was das Alles kostet! Da habe ich den Wunschzettel meiner lieben Frau vor mir liegen. Natürlich sechs ver­schiedene theuere Gegenstände — einen Pelzmantel, einen Korallenschmuck.....selbstredend nur

zur Auswahl für mich! Aber ich weiß genau: wenn ich eines von den Dingern wähle, so ist es nicht das rechte — just ein anderes hätte ihr mehr Freude gemacht. Und die Kinder? Ja, das reißt mit den Spielsachen gar nicht ab. Mein Gott, wenn ich noch an unsere Kinderzeit denke! Wie genügsam waren wir mit unseren Bleisoldaten und Holzkanonen! Und jetzt? Alfred will eine ganze Marine neuester Konstruktion. Der modernste „Typ" ist ihm noch nicht modern genug. Und was heutzutage erst in Puppen für ein Luxus ent­faltet wird! Man könnte graue Haare darüber kriegen, wenn man sie nicht schon hätte. Wahr­haftig — mit dem zehnten Theile von dem, was mich dieses Fest kostet, haben wir in unserer Jugend das lustigste Christfest von der Welt gehabt. Jetzt muß ich mich ein ’ halbes Jahr lang in meinen Freistunden mit der Abfassung eines Feuilleton- Romans plagen, um das Geld wieder einzubrin­gen, das man so, dem unerbittlichen Zuge der Zeit folgend, zum Fenster hinauswirft. Und da­bei drei geschlagene Wochen keine Ruhe, den Kopf voll Sorgen, um Alles recht zu machen, Vorwürfe rechts und links, Erwartungen, die man nicht er­füllen kann — o Bruder Ferdinand! Kennst Du das entsetzliche Gefühl, das man hat, wenn sich das Portemonnaie krampfhaft in der Tasche windet — vergebens, denn „es muß sein."

Dieses fürchterliche „Muß!" Ich habe schon vorgehabt, einen Verein von Familienvätern zur Beschränkung des Weihnachts-Unfugs zu gründen, doch ich finde keine Mitglieder. Die Idee wird sehr originell und gut befunden, allein im ent­scheidenden Augenblicke — zieht sich Alles zurück.

Ferdinand, wenn ich Dir einen Rath geben darf: Heirathe nicht! Bleibe Junggeselle! Da hast Du's immer bequem. Du sitzt bei Deinem Skat und läßt Dir inzwischen von Deinem Hausdrachen die für die Lieben bestimmten Gaben einkausen, verpacken und abschicken — hast mit dem ganzen Krempel nichts zu thun, während ich hier sitze und Trübsal schwitze und vor Angst nicht weiß, was ich zuerst anfangen soll — Christbaum kaufen, Krippe aufstellen, Kerzen besorgen, Herumlaufen wie ein von der Tarantel Gestochener. . .

Nein, Ferdinand! So kann es nicht weiter gehen! Entweder es tritt bald eine Reform auf dem Gebiete des Weihnachtsunwesens ein, oder — das Vaterland muß an diesen unsinnigen Aus­schreitungen zu Grunde gehen. Cavent consules!

Na, und so weiter, und so weiter. Im Grunde genommen liegt das Geheimniß der Weihnachtserfolge doch darin, daß man Jedem nicht das schenkt, was man ihm wünscht, son­dern was er sich selber wünscht. Und schließlich wird man auch mit dem Geldpunkt fertig. Es hat gewiß auch einen gewisfen Reiz und bietet manche Anregung, in der politischen Saure­gurkenzeit etwas zu phantasiren und Romane zu schreiben — man wird sonst zu einseitig.

Und nun, lieber Ferdinand, wann kommst Du? Ich hoffe stark, daß wir den Sylvester­punsch zusammentrinken werden. Adieu, altes Haus! Auf fröhliches Wiedersehen! Dein Paul.

P. 8. Deine Gans war delikat. Die Lecke­reien haben wir den Kindern zum Theil noch vorenthalten, damit sie sich nicht den Magen verderben.

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J. J. Arnd.

Literarisches.

Feierglocke» zu heiligen Freudentagen. Von Cor­dula Peregrina (E Wöhler). Mit bischöflicher Approbation. Mit schönem Titelbild und Widmungsblatt. Würzburg, Verlag von Andr. Göbel, 1898. XV. 256 S. Preis elg. geb. 3 Mark.

Ein herrliches Festgeschenk in erster Linie sowohl für Neukommunikanten als für Firmlinge, dann aber auch für Erwachsene als Weihnachts- oder Neujahrs- gabe. Die gefeierte Dichterin Peregrina ist für uns nicht das, was ihr Name besagt, eine „Fremde", sondern eine in allen katholischen Kreisen wohlbekannte Sängerin heiliger Liebe, deren religiöse Gedichte so sinnig und innig sind, daß der Reiz, der ihre Lieder umgibt, sie seit lange zu einer der beliebtesten Dichterinnen hat aufrücken lassen. Obwohl Konvertitin, wird sie auch von protestantischen Frauen und Töchtern sehr gerne gelesen, weil ihre Lektüre jedesmal ein Hochge­nuß ist. Hohe Poesie, Tiefe der Gedanken, Wärme des Gefühls, Originalität des Inhaltes und melodische Sprache eignen dieser • gottbegnadeten Dichterin in hervorragendem Maße. Möchten doch alle Seelsorgs- priester die Eltern oder Verwandten ihrer Kommunion­kinder und die oft um gute Geschenkbüchr verlegenen Pathen ihrer Firmlinge auf die so ganz eigenartige Kommunion- und Firmungsgabe aufmerksam machen, denn das liebliche Buch wird seinen Besitzern für das ganze Leben von Segen sein, und immer wieder wird man in ihm lesen, sei es in der ersten Abtheilung: „Das Kind des Herrn an seines Lebens hehrsten Tagen", oder in der zweiten: „Das Kind des Herrn in seinem täglichen Lebenswandel". Für die kirchlichen Hochfeste, wie für die einzelnen Familien- und Lebens­feste enthält Peregrinas goldenes Liederbuch erhebende Hochgedanken, und diese sind eingekleidet in unver­gängliche Rhtymen, welche jeden Leser und jede Leserin dauernd entzücken. Die Ausstattung ist in jeder Be­ziehung hochfein und schön.

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Vor und nach dem Feste.

Von M. Geyer.

(Nachdruck verboten.)

Dingsda, 20. Dez. 1897. Lieber Freund!

Du wirst Dich wundern, daß ich so kurz vor dem Christfeste den Muth und die Zeit finde, einen längeren Brief an Dich zu schreiben. Aber es geht nicht anders — einmal muß es doch her­unter von der Leber! Ich sage Dir — es ist wirklich nicht mehr zum Aushalten! Diese Ge- schenkwuth vor Weihnachten! Sie bringt die Menschheit noch an den Rand des Chaos!

Da sitze ich hier und schreibe schnell noch den Weiheartikel für den heiligen Abend. In der Politik herrscht Ruhe und Friede, wenn die Feier­tage und die parlamentarischen Ferien anbrechen, hoffentlich nicht die Ruhe vor dem Sturm! Aber im Nebenzimmer — da ist von JÄube nichts zu spüren. Da sitzen meine drei Sprößlinge und arbeiten sich ab im Schweiße ihres Angesichtes mit ihren „Ueberraschungen". Soeben steckt Lies­chen den Kopf durch die Thür und flüstert mir zu: „Papa, Du weißt doch noch nichts?" Und dabei verräth mir ihr mit schwarzer französischer Kreide beschmiertes Antlitz, daß sie wieder mit einer Zeichnung für mich beschäftigt ist. Drei solcher Dinge habe ich bereits in meinem Zimmer hängen. Mit der Zeit werde ich die Wohnung damit tapezieren können. Und Alfred sitzt — ich sehe es durch eine Thürspalte — krumm gebeugt über einer Arbeit, und das geht immer surr — surr — schnurr — hurr — ein entsetzliches Ge­räusch, das einen rasend machen könnte! Er „sägt Laub" - natürlich! Und Amalie ist am Sticken. Es ist wirklich ein Skandal, wie die liebe Jugend, anstatt sich im Freien zu tummeln und Schnee­männer zu bauen, sich Wochen lang in dumpfer Stube abplagt des „lieben Christkindleins" halber, das doch Jedem eine Freude machen soll, nicht nur mir und Mama, sondern auch den lieben Onkeln, Tanten, Vettern, Basen rc. rc. Und meine liebe Frau Anna — natürlich muß sie auch sticken! Die nothwendigsten Sachen im Haushalt werden versäumt, keinen Tag ist das Mittagessen zur Zeit fertig — und wenn sich meine Stirn in Falten zieht, dann erhalte ich einen so liebens­würdigen Blick, ich sage Dir, einen so unwider­stehlichen — na, mit einem Wort: es ist zum Rasendwerden!! ___________________ _____

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Gott sei Dank! Jetzt ist's herunter vom Herzen. Es schließt, Dich um stille Theilnahme bittend. Dein Paul.

Dingsda, 27. Dez. 1897. Lieber Ferdinand!

Ich muß doch sagen: Prinzipiell bleibe ich natürlich auf meinem Standpunkte stehen, wie immer in Prinzipienfragen. Dennoch habe ich manches aus meinem Brief vom 20. dieses Monats zu mildern und abzuschleifen.

Alles in allem betrachtet ist doch das Christ­fest ein ganz famoses Fest — ein Fest, bei dem einem so recht das Herz aufgeht und überfließt vor Freude und Wonne. Da vergißt man alle Verdrießlichkeiten, die vorhergegangen sind — und gerade das Glück, ein liebes Weib und liebe Kinder zu besitzen, wird so recht innerlich wahr empfunden — das echte und rechte Familienglück, das dem fühlenden Menschen erst die intimsten Freuden des Lebens öffnet. Ich rathe Dir, Ferdinand, heirathe auch Du und — heirathe bald, damit Du nicht den Anschluß versäumst. Denn es wird Zeit mit Dir, alter Junge!

Das war ein heiliger Abend! Entzückend — reizend! Wie sie alle so hereingesprungen kamen und mich umhüpsten, und wie sich in ihren Ge­sichtern die Seligkeit des Herzens widerspiegelte! Ich sage Dir, Junge, Pfeife rauchen, Bowle trinken, Schnurren erzählen, Skat spielen — das kann man alle Tage. Aber ganz was Besonderes ist es doch um den eigenen Herd, ein geliebtes Weib und muntere Kinder. Nie wird man sich dessen so klar bewußt als unter dem Christbaum. Ferdinand — heirathe!

Angestrengt haben sie sich übrigens, das muß ich sagen. Lieschen brachte mir eine Zeichnung — Schneelandschaft — die mich wirklich überraschte. Donnerwetter, das Mädel hat Fortschritte ge­macht! Alfred hat eine allerliebste Cigarrenkiste geliefert, innen roth ausgefüttert — sehr wirksam und zierlich. Und das Sammetkäppchen, das Amalie stickte, ist das allernettste - es hat mich riesig gefreut. Und nun erst meine Frau — die gute Seele ...

Alles in allem: es war ein Jubel und em Freudenrummel, von dem man sich unwillkürlich hingerissen fühlte. Was Lieschen, das kleine Ding, für eine Freude an ihrer Puppe hat! Nein, wenn man das sieht — und der Bengel, der Alfred, mit seiner ganzen Marine — auf Rollen. „Nicht wahr, Papa", sagte er mir, „jetzt bin ich Kaiseft und Du bist der Reichstag. Jetzt brauche ich Dich nicht aufzulösen, weil Du mir meine Schiffe bewilligt hast . . ." Wo der Racker nur diese vorlauten Altklugheiten her hat!

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