JV1 287
Mittwoch, den 15. Dezember 1897
24. Jahrgang
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mit Anterhaltungs Beilage „Sterne und Mlumm"
Ina nnb Verlag der Inldaer Nette,drnckeret peterrgaffe Nr. 2 (Darmontet.
LWKiMms Erbirtslllz.
Lin Weihnachtsmärchen.
Heilig Abend war wieder einmal vorüber und das Christkind, das heute so viele Menschen froh und glücklich gemacht hatte, wanderte unerkannt durch die stillen Straßen einer Stabt 3n leinen Armen trug es ein letztes Bäumchen, das ihm übrig geblieben war, für das es noch ein kindlich Herz suchen mußte. Aber so sehr es sich auch besann, es fiel ihm kein einziges ein, das ganz Von ihm vergcffen worden wäre. Schon dachte ,es daran, das Bäumchen wieder in den Wald zu tragen und für das nächste Jahr einzupflanzen, uls ihm ein Hüttchen in die Augen fiel, in welchem nur ein düsteres Öllämpchen brannte.
Ach, keine jubelnden Ainderstimmen tönten ihm daraus entgegen. «Eine arme Mutter mit zwei Knaben und einem Mädchen wohnten dorten.
Lhristkindchen eilte hin, öffnete sachte die Stuben- thür und ft Ute den brennenden Baum auf den Tisch, legte Aepfel und Hüffe daneben, Jacken und Hemden für die zwei Knaben und ein Märchenbuch für Mariechen, das sich verwundert die Thränen von den Wangen wischte und allein Von allen Christkinblein willkommen hieß. Er- sreut blickie dieses dem Kiilde in die Augen, streichelte sein blondes Köpfchen und sprach so Herzliche Worte, daß sich die kleine Seele, die nicht an solche Liebe gewöhnt war, wundersam öffnete und ihr so lind und weich wie nie zuvor im Leben zu Muthe wurde.
' Mariechen ahnte, daß es der heilige Christ selber sei, der zu ihnen gtfontmen, und den weder die Mutter noch die Brüder zu erkennen vermochten. * "Äi
Als der heilige Christ die Stube verlasse» hatte, da trieb es auch Mariechen hinaus. Doch weit und breit tönte fein Laut. Kein Sternlein glänzte am Himmel und die Bäume ließen den Walösaum, dem es sich näherte, so dunkel erscheinen, daß es sich schier zu fürchten begann.
Doch siehe, da blitzte plötzlich ein Stern vor ihm auf. Christkind hatte fein Mäntelein von sich geworfen und schwebte in lichtumflossener himmlischer Gestalt vor ihm her.
„Der heilige Christ",jauchzte Mariechen,streckte sehnsüchtig die Arme aus und lief, so schnell seine flehten Füße es nur zu tragen vermochten, Christ, ckindchen naä>. Ach, der Athem versagte ihm nur zu bald, ein Schwindel erfaßte das schwache Ge- schöpfchen; es fiel zur Erbe unb blieb im bunfeln Walde liegen, wie tobt.
* * *
Im Himmel wartete man sehnsüchtig auf -Christkinds Wieberkehr von bet Erbe. Die Engel, befonbers die kleinen, wollten es sich nicht nehmen lassen, seinen Geburstsag zu feiern. War bet heilige Christ heute boch kletn wie sie. Seine hl. Mutter mußte ihnen den Willen thun unb bie golbene Wiege herbeiholen, in der sie Christkind in der geweihten Nacht zu wiegen pflegten.
And Maria freute sich mit ihnen. Sie duldete es, daß die Engelein rhr die Königskrone vom Haupte nahmen und ihr ein M^rthenkränzlein aufs blonde Haupt fitzten, das sie wie der Frühling erscheinen ließ. Oer hl. Joseph aber hatte den größten Tannenbaum aus dem Garten des Paradieses geholt und ihn fröhlich neben die Wiege gestellt.
„Nun schnell Kinder, holt mir die Sterne herbei," gebot er den himmlischen Heerscharen, „denn Christkind wird sogleich kommen und die Sterne warten wie immer darauf, uns den Christbaum zu schmücken."
„Ach ja die Sterne," hieß es von allen Seiten und alles, was Fügel hatte, flog durch den him- meisraum, die schossten auszuwählen. Es war «in Singen und Klingen in der Luft wie von abertausend Glocken; gute und fromme Sonntagskinder vernehmen es wohl in der heiligen Nacht, -aber nur wenige wissen, was es bedeutet. Aber wenn so ein Sternchen von seinem Stuhle geholt wird, wenn es mit seinem Glanze Oen himmlischen Weihnachtsbaum darf zieren helfen, so ist das ein Lichtpunkt in dessen Leben, wovon es noch lange träumt. Als der Baurn köstlich geschmückt im himmel-raume stand, wollten die Engel zum letztenmale bas neue Weihnachtslieb einüben, mit welchem sie bas liebe Jesulein zu Überraschen gedachten. Die Apostel, die stets den Baß dabei fangen, stellten sich in Reih unb Glied und schauten fröhlich und erwartungsvoll drein. Petrus meinte verdrießlich:
„Immer der alte Spaß, habe doch keinen Augenblick Zeit für solche Geschichten. Während ich hier stehe und singe, huscht mir gewiß eine Seele, die nicht hereingehört, durch die Himmelsthür und Gott Pater wird zürnen, daß ich meine Pflicht versäumt habe.
„Ei, es ist Christtag heute," erwiderte Paulus, „unb Gott Pater sieht es gern, wenn auch wir alsdann fröhlich mit den Fröhlichen, feinem Sohne unsere Liebe erweisen."
„Wenn ihr nicht werdet wie die Kindlein," fügte Johannes hinzu, „bann werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen, und wer schon so lange darin ist wie wir, soll anderen nicht die Freude an Christkindleins Festtag verderben."
„Das ist richtig", meinte Petrus besänftigt und drängte sich neben Johannes, damit Lhrist- kindchen, das jenen immer zuerst ansah, auch feiner dabei nicht vergäße. Und feine kräftige Stimme durchklang bald den himmlischen Chor. Und die Quelle des Lebens bie bisher nur leise gemurmelt, begann auf einmal mächtig zu rauschen, die Rosen dufteten in den Büschen und Bäumen des Gartens, und die kleinen Engel hielten sich an den Händen und flogen dem Christkind entgegen, das auf einer Wolfe dahergeschwebt kam, das schlafende Kind in seinen Armen.
„Da bin ichl" jubelte Christkind und sprang von der Wolke herab, „habe a ich ein Seelchen mitgebracht, ein lebend Kinderseelchen, das mir nachlief, als ich eben zum Himmel auffliegen wollte."
Manschen erwachte unb wußte nicht wie ihm geschah. Es war so wunderhell überall. Es sah den Baum mit den vielen Sternen, die wie Sonnen glänzten, es sah die schönen Engel und die Apostel mit den langen Bärten und den würdevollen Gesichtern und wagte sich nicht von der Stelle. Als es dem Gesänge lauschte, fielen Thränen aus feinen Augen.
„Das mußt du nicht thun," mahnte Maria und legte tröstend die Hand auf die Schulter. „Du mußt mit den Englein fingen und jubeln nnd dich des Christkindleins freuen."
Eifrig wischte Mariechen die Thränen von den Wangen und schaute beschämt auf feine dunkle Gestalt, die so wenig zu der lichten Umgebung stimmte. Doch siehe, schon waren Lilien aus seinen Thränen gewachsen, die es umgaben wie das duftigste Gewand, baß sein bürftiges Röck- lein alsbald darunter verschwand.
„Du hast so viele beschenkt", sagten die Engel
zum Christkinde, nachdem der Gesang verstummt war, nun sollst du auch deine Freude haben. Und glücklich brachten sie ihm einen neuen Mantel, den es bei feiner nächsten weihnachtlichen Erben« fahrt tragen sollte. Er war aus der Wolle verlorener und wiedergefundener himmelssckiäflein gar kunstvoll gearbeitet, und alle Englein hatten an dem schönen Werke geholfen. Christkindlein dankte den freundlichen Gebern. Als aber Maria ihm ihre Krone, die von Diamanten und Perlen glänzte, auf's Haupt fitzte, trat es zu den Aposteln, die ein Buch in feine Hand legten, darin alle guten Gaben verzeichnet waren, die fromme Kinder um seinetwillen heute andern geschenkt hatten.
Piele Blätter in dem Buche waren beschrieben. Aber so sehr das Christkind auch suchte, es fand sich fein einziges Kind, das fein Bestes und Liebstes aus reiner Liebe zu ihm hergegeben hätte. Traurig schlug es das Buch wieder zu, und sich nach Mariechen umdrehend, winfte es ihm.näherjzu treten.
„Sie haben mich alle befchenft," fagte es und feine Stimme flang fo mild und doch so ernst, daß alles schwieg; „was hast du mir gegeben, du kleine Seele, um mir eine Freude zu machen?"
„Ich bin arm und ungeschickt," verfitzte Mariechen betrübt, „und habe nichts, was ich dir geben könnte, als mein Herz, das dich so lieb hat, du guter heiliger Christ, bas nimm und lasse mich immer bei dir bleiben!"
Und eifrig griff Mariechen bei diesen Worten in fein Kleidchen; war ihm doch, als ob fein Herz dem Lhristkindchen zuflöge, fo wonnig schlug es ihm in der Brust. Und Christkind frohlockte vor Freude.
„Du hast mich am reichsten heute von allen Erdenkindern beschenkt," jubelte es, „denn ein Menschenherz, bas mich also liebt, daß es sich mir hingibt, das ist mir das köstlichste Geschenk I"
„Das sind fiöhliche Weihnachten," jauchzten die Engel unb begannen von neuem zu singen, heiter trank Mariechen mit ihnen von bem Wasser bes Lebens, und als Maria darauf ihr Söhnlein in die goldene Wiege legte, sang es mit den Engeln im Chor.
Als bie Engel gesungen, schliefen sie ein und
auch Mariechen schlief und wußte, als es auf« wachte, nicht, ob es nur geträumt, ober ob es wirklich Weihnachten im Himmel gefeiert habe.
Zagend griff es nach seinem Herzchen, das dem heiligen Christ zugcflogen war und wundert« sich, daß es gar nicht mehr so bange pochte als sonst an trüben Wintertagen.
Christkindlein mußte ihm ein neues Herz für das alte geschenkt haben, ein Herz voll Sonnenschein unb unschuldigem Frieden, ein Herz, das einen Blick in den Himmel gethan, und das von da ab gar nicht mehr anders konnte, als gut bleiben.
Die Mutter meinte, das Kind habe sich das Fieber geholt, als es in der kalten Nacht dem Christkindlein nachgegangen und sie es nach langem Suchen endlich im Walde gefunden und in sein Bettchen getragen. Aber Mariechen blieb frisch und gesund; doch von jetzt ab hatte das gute Kind das liebe Jesulein noch viel lieber und war bestrebt, ihm durch treue Hingabe und pünktliche Erfüllung aller feiner kleinen Pflichten Freude zu machen.
SpielMg für Kinder.
Die Zeit der Geschenke naht heran und mancher wird schon jetzt sorgend überlegen, was er für seine großen und kleinen Kindern diesmal wählen soll; denn trotz der anscheinenden Fülle von Dingen weiß man sich oft nicht zu entschließen und sinnt und wägt bis zur letzten Stunde. Die Bewohner der Großstadt haben in den Schaufenstern eine Ausstellung, die ihnen, was die Quantität betrifft, genug zur Auswahl bietet; ob sie es aber darum besser treffen als die nicht, durch all' den Flitter bethörten Landbewohner, ob diese nicht vielfach mit weniger Geld größere Freude bereiten, ist eine andere Frage. Nun mag sich für Erwachsene immer noch leicht etwas finden lassen, die meiste Sorge bereiten die Kinder. Sie haben bereits alles, die schönsten Puppen, sogar solche, welche die Augen schließen und Mama rufen, die wunderbarsten Instrumente, und langweilen sich doch und rufen: „Mama, was soll ich thun?" „So spiele doch mit deiner Eisenbahn, Karl," ruft die Mutter. „Else, hole dir den singenden Kanarienvogel," und: „Ich mag nicht," kommt es zurück.
„Ja, was soll man euch denn noch geben?" sagte die Mutter verzweifelnd. Die Antwort soll ein großer Pädagoge geben. Kellner sagt in seinen Aphorismen: „Kinder wissen beim Spiele aus allem alles zu machen; ein Stab wird zur Flinte, ein Stückchen Holz zum Degen, jedes Bündelchen zur Puppe und jeder Winkel zur Hütte. — Als ich diese Worte Göthe's las, fiel mir jener Knabe ein, welcher kurz nach Weihnachten mitten zwischen einer Armee Bleisoldaten, einerHeerdevonThieren,zwischenHäusern, Bäumen, Kanonen und der Himmel weiß welchen anderen Spielsachen saß und mit einem Seufzer zu mir sagte: Ach, ich wollte nur, ich hätte ein Cigarrenkistchen ! — Als dieser Wunsch befriedigt wurde, ließ der Kleine alles andere liegen und stehen, uw sich aus den dünnen Brettchen kleine Tische, einen Karren und andere Geräthe anzufertigen."
So weit Kellner. Seine Worte geben uns den Schlüssel zur Lösung der Aufgabe. Unsere Industrie verdirbt nämlich den Kindern mehr uni» mehr das Spiel. Indem sie danach strebt, immer Vollkommeneres zu schaffen, läßt sie der Phantasie des Kindes keinen Raum mehr zur Thätigkeit und gibt höchstens seinem Verstände Räthsel auf. Und es muß kein echter Junge sein, der nicht die Spieldose aufbricht, um zu sehen, woher die Musik kommt, nicht dem Pferde den Bauch eindrückt, um zu erfahren, warum es läuft. Das Kind will noch nicht denken und grübeln, aber es will seine Einbildungskraft bethätigen, gerade wie ein Volk in feinem Jugendalter nicht nach den Gründen der Natur-Erscheinungen forscht, aber sie mit sinnigen Mythen und Märchen umkleidet. — Der zweite Punkt ist der Thätigkeits- trieb der Kinder, der vor diesen kunstvollendeten Spielsachen keine Nahrung findet, und der sich, wie eben gezeigt, höchstens im Zerstören ausdrückt. Welche Fluth von Vorwürfen wird nicht über fo einen zerstörungslustigen Burschen ergossen! Und doch thut man ihm Unrecht. Was soll er denn mit diesen Wunderdingen sonst machen? Sie vor sich zu stellen und besehen? Das kann von einem gesunden Kinde nicht verlangt werden.
Also, ihr Eltern, kauft euern Kindern einfache Spielsachen, Dinge, die ihr Phantasie beschäftigen, Dinge, die ihrem Thätigkeitstrieb engegenkommen. Kaust dem Mädchen eine einfache Puppe, dem Knaben einen Baukasten, kauft einfache Bilderbücher und Unterhalturgsspiele, verbannt den Ball und die Kegel nicht aus der Kinderstube, und euere Kinder werden wieder spielen und sich des Spieles erfreuen.
Daß mit der Fülle von Spielzeug auch die Begehrlichkeit der Kinder groß gezogen wird, daß ihnen zuletzt nichts mehr gut genug ist, fei daneben auch nicht vergessen. Es ist das ein sehr M wichtiger Punkt in der Erziehung.
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