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Saulsiaq, den 11. Dezember 1897

24. Jahrgang

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LirchenkaLenLer.

Sonntag, 12. Dezember. 3. Adventssonn­tag. Epimachus, Märtyrer. In der grausamen Christenverfolgung unter Decius wurde er ein Opfer der Wuth des Tyrannen. Mit einem gewissen Ale­xander wurde er gefesselt in einen fürchterlichen Kerker geworfen, in dem er lange schmachten mußte. Dann wurde er in der verschiedensten Weise gepeinigt und fand schließlich in frisch gelöschtem Kalke seinen Tod, wahrscheinlich in Alexandrien um das Jahr 250.

Montag, 13. Dezember. Lucia, Jungfrau und Märtyrin. Sie stammte aus einem vornehmen Ge­schlechte der Stadt Syracus (geb. um 265). Ihre Mutter Eutychia litt längere Zeit an einer schweren Krankheit, von der sie auf einer Wallfahrt zum Grabe der hl. Agatha in Catana geheilt wurde. Bei dieser Gelegenheit entdeckte Lucia der Mutter ihr Gelübde, Jungfrau zu bleiben. Neber einen solchen Vorsatz er­zürnte der zuriickgewiesene Freier und klagte wuthcnt- brannt Lucia als Christin an. Standhaft bekannte sie ihren Glauben, und nun versuchte sie der heidnische Richter auf schändliche Weise ihre Festigkeit zu er­schüttern. Umsonst; man brachte sie nicht von der Stelle. Unversehrt blieb sie auch von dem Feuer, das hierauf rings um sie angelegt wurde. Hierdurch be­schämt, ließ ihr der Tyrann einen Dolch in den Hals stoßen. Ihr Grab ist in Venedig.

Wochen-Rmidschau.

(Nachdruck verboten.)

X Fulda, 11. Dezember.

Der Staatssekretär des Auswärtigen Anites hat am ersten Tage über die Berathung der Flotten-Vor- läge die Mittheilung gemacht, der heilige Vater in Rom interessire sich lebhaft für das deutsche Vor­gehen in China gegen die Ermordung der katholischen Missionäre. Wie könnte es anders sein? Und in ganz Deutschland wird bei allen Christen ein Gefühl aufrichtiger Genugthnung vorhanden sein, wenn das deutsche Vorgehen in China fortan zur Sicherung der deutschen Missionäre fichrt, die sich dort niedergelassen haben. Gegen Abenteuer in China haben viele Zei­tungen warnend die Stimme erhoben; namentlich hat das auch die Centrumspresse gethan. Und das mit vollem Rechte. Das hat aber gar nichts zu thun mit dem Gefühl der Genugthuung darüber, wenn Deutschland deutschen Missionären im Auslande Schutz und Sicherheit verschafft. Und daß die Warnungen vor Abenteuern auftauchen, hatte seinen sehr natürlichen Grund. Die Regierung hat Freunde von derjenigen Sorte, von der wir immer nach dem alten Spruche wünschen, daß uns Gott vor ihnen bewahren möge. Und so geartete Freunde der Regierung sind es auch gewesen, die den Argwohn gegen etwa mögliche Aben­teuer in China anfgebracht haben. „In China sind wir, in China bleiben wir!" so rief ein Berliner Blatt herausfordernd aus, und viele andere Blätter von der Scharsmacherei stellten sich so an, als sei die Regierung darauf und daran, mit dem Schwerte in der Hand den Chinesen ein ganzes Stück ihres himmlischen Reiches wegzunehmen, um eine deutsche Kolonie daraus zu machen. Hat doch sogar ein besonders feuriger, par- lamentatrischer Berichterstatter die Fabel erfunden, der Papst interessire sich lebhaft für die neue deutsche Weltmachtpolitik, und darum müsse sich nun das Centrum in acht nehmen davor, in diesem Sinne die Pfade der Kurie zu kreuzen . . . Drei Ausrufungs­zeichen hintereinander reichen noch nicht aus, um das Tolle in dieser gefälschten Schlußfolgerung genugsam zu kennzeichnen. Der Papst freut sich, daß eine Macht — sei es nun Deutschland oder eine andere — für den Schutz und für die Sicherung christlicher Missionen in fernen Ländern eintritt, und wir alle freuen uns mit ihm darüber. Aber wollte Deutschland diese Ge­legenheit benützen, um eine Weltmacht-Politik daran zu knüpfen, so müssen wir dagegen entschieden Widerspruch erheben, und niemals würde sich im Reichstage eine Mehrheit finden, die solche Weltaben­teuer billigen möchte. Das freilich ist ja wahr, was Staatssektetär von Bülow weiter sagte: „Der Reichs­kanzler ist nicht der Mann dazu, und seine Mit­arbeiter sind nicht geneigt, ihre Finger in jeden Topf zu stecken." Und wenn der Herr Reichskanzler hier ganz allein den Ausschlag gäbe, dann würde vermuth- lich der Argwohn gegen abenteuerliche Ausgestaltung unseres Waffenzuges nach China auch gar nicht erst § lebhaften und vielfältigen Ausdruck gefunden haben, der nicht der Reichskanzler allein bestimmt über solche Dinge. Und da wir in neuester Zeit mehr solche Bei­spiele dafür erlebt haben, daß der Reichskanzler gegen andere Gnflüffe nicht die Oberhand behält als für das Gegentheil, so sind diese Warnungen und Kund­gebungen wegen China nicht gerade wunderlich.

Mit China und Haiti und mit allen möglichen Ländern mag es nun sein, wie es will, das beseitigt nicht die Bedenken, die dagegen stehen, den Reichs­tag in seinem Bewilligungsrecht für die Flotte auf ganze sieben Jahre im voraus festzulegen. Daß solche Bedenken bei Abgeordneten aller möglichen Parteien bestehen, beweist die Mittheilung, die der Sprecher der konservativen Partei, Graf v. Limburg- Stirum, am Dienstag im Reichstage machte. Danach besteht sogar bei einem Theile der Konservativen Bedenken gegen eine solche Festlegung des Reichstages auf sieben Jahre hinaus. Den Standpunkt, den zu­nächst die Centrumspartei zu der Flottenvorlage einnimmt, hat der Abg. Dr. Lieber, dargelegt.

Das Centrum tritt der Vorlage zunächst nicht mit einem ganz bestimmten Feldzugsplane gegenüber. Viel­mehr hält das Centrum zunächst eine eingehende Prüfung der Flottenvorlage für nothwendig, ehe es bestimmte Stellung dazu einnimmt. Gleichzeitig er­innerte Abg. Dr. Lieber an eine ganze Reihe von berechtigten Wünschen, deren Er - füllung die Regierung dem Reichstage noch schuldig ist: Aufhebung des Verbindungsverbotes für politische Vereine unter einander, Aufhebung des Jesuitenge­setzes, und eine gesunde und durchgreifende Reform des militärischen Strafprozesses. Wohl ist an den Reichstag eine Vorlage darüber gelangt; aber auch sie hat eine Form, die nicht ohne weiteres annehmbar ist. Die von der Regierung selbst geschaffene politische Lage ist also der Flottenvorlage ungünstig. Nichts­destoweniger wird das Centrum die Flottenvorlage rein sachlich prüfen. Namentlich muß geprüft werden, ob gerade jetzt der richtige Augenblick gekommen ist, die Zahl und die Arten der Schiffe gesetzlich festzn- legen. Dagegen und gegen die Bindung der Flotten­bewilligungen auf sieben Jahre bestehen bei der Centrumspartei sehr gewichtige Bedenken. Nach Be­endigung der ersten Berathung der Flottenvorlage ist dieselbe zur weiteren Berathung der Budget- Kommission des Reichstages überwiesen worden.

Ein merkwürdiger Vorgang hat sich m der baye­rischen Abgeordnetenkammer abgespielt. Der Cent­rumsabgeordnete Dr. Heim hatte die Verhältnisse der Großindustrie in der Oberpfalz besprochen und hatte namentlich in sehr treffender Weise die Nacht heile besprochen, die für den Bauernstand aus dem Ring erwachsen, den die Fabrikanten von Thomasmehl zur künstlichen Hinaufschraubung der Preise desselben ge­bildet haben. Bei dieser Gelegenheit war es zu Aus­einandersetzungen über den Großkapitalismus über­haupt gekommen, und es fiel der Ausdruck „Protzen", von Dr. Heim zwar scharf, aber ganz richtig ange- lvandt. Von nationalliberaler Seite wurde der Präsi­dent v. Walter aufgefordert, den Ausdruck zu tadeln. Der Präsident weigerte sich dessen und forderte von der Kammer die Entscheidung darüber, ob der Aus­druck zu tadeln sei oder nicht. Da erhielt der Präsi­dent unerwarteter Weise nicht die Mehrheit, und er legte sofort das Präsidium nieder. Alle Abgeordneten, die nicht dem Centruin angehören, stimmten gegen den Präsidenten, voran die Bauernbündler, obwohl vor­her die Bauernbündler den Abg. Dr. Heim zu seiner Rede beglückwünscht hatten. Hinterher halfen sie den Präsidenten stürzen, weil dieser nicht duldete, daß der nationalliberale Abg. C a sse l m a n n den Abg.Dr.Heim wegen dieser von den Bündlern so wohlgefällig auf­genommenen Rede auf eine Stufe mit den Anarchisten stellte! Die Liberalen haben nun die erste Präsi­dentenstelle durch ihren Parteigenossen Dr. v. Clemm besetzt und damit ist das Centrum als stärkste Partei der Kammer aus dem Präsidium zurückgetreten. Aus den Kammerausschüffen wird das Centrum natürlich nicht zurücktreten, wie liberale und demo­kratische Blätter glauben zu machen suchten. Im übrigen ist das Centrum gar nicht unangenehm be­rührt davon, daß es von der nicht geringen Last der Geschäftsleitung befreit ist. Sollte aber von ueuem die Aufgabe an das Centrum herantreten, einen ersten Kammerpräsidenten aus seiner Mitte vorzu­schlagen, so wird dies wiederum nur Herr v.Walter sein, dessen ausgezeichnete und unparteiische Leitung der Verhandlungen sonst auch stets von den politischen Gegnern als vorzüglich anerkannt worden ist. Seit 1875 hat ein Liberaler nicht mehr den Präsidenten­stuhl der bayerischen Abgeordnetenkammer innegehabt.

Ganz wüste Vorgänge haben sich in Böhmen, namentlich in dessen Hauptstadt Prag abgespielt. Straßenaufruhr, Raub, Verwüstung und Plünderung haben zwei Tage lang in den Straßen von Prag ge- wüthet, und erst die Ausrufung des Standrechts, unter­stützt durch die Zusammenziehung einer großen Mili­tärmacht, hat der alten Königsstadt die Ruhe wieder gebracht. Der leidende Theil waren die Deutschen und die Juden, und die angestellten Untersuchungen haben das erstaunliche Ergebniß zu Tage gefördert, daß eine geheime Verschwörung bestanden hat, die diese wüsten Auftritte von langer Hand geplant hat. Man fand bald das Hauptquartier der Führer des Aufstandes heraus, von wo die planmäßig betriebenen Ausschreitungen geleitet und wo neue Angriffe er­sonnen wurden. Ganz sensationell klingen die Mel­dungen darüber, wer alles zu dieser Verschwörung gehört haben soll. Die Fäden derselben sollen sich bis in hohe Kreise hinauf erstrecken, und es ge­hörten ihr Leute an, die vorher durch ihre Stellung im Leben hohes Ansehen genossen. Auch tschechische Abgeordnete sollen sich unter den Leitern dieser Ver­schwörung befinden. Die Tschechen haben sich durch ihr zweifelhaftes Verhalten zu diesem Aufruhr sehr bei allen anderen politischen Parteien Oesterreichs ge­schadet, und selbst die Polen haben recht deutlich merken laffen, daß sie zunächst mit dem Tschechenklub des österreichischen Abgeordnetenhauses keine Fühlung unterhalten wollen. Im Uebrigen hat sich die parla- nientarische Lage in Wien auch unter dem neuen Mini­sterium des Herrn Gautsch von Frankenthurn noch nicht geklärt. Herr von Gautsch sucht auch mit den Deutschnationalen zu verhandeln darüber, in welcher Weise die Sprachenfrage zu einer gedeihlichen Lösung gebracht werden könnte. Aber bis jetzt hat er sich keiner Erfolge zu erfreuen.

Während der letzten Zeit entstand mehrfach die Hoffnung, daß der Ausstand der englischen Maschinen­bauer an seinem Ende angelangt sei. Leider hat sich diese Hoffnung bis jetzt noch nicht erfüllt. Und ein neuer, noch größerer Slrbeiterausstand droht, ehe dieser eine beseitigt ist: ein Ausstand in der Textil-Jn- d u st r i e. Die Fabrikanten wollen die Löhne herunter­setzen wegen der mißlichen Lage, in der diese Industrie in England sich befindet. Die Arbeiter wollen sich

das aber nicht gefallen lassen. Daß die englische Tex­tilindustrie in keiner besonders guten Lage sich befindet, ist Thatsache. Und daß das für ganz England von großer Bedeutung ist, kann nicht geleugnet werden. Die Textilindustrie, und namentlich die Baumwoll­industrie, ist eine der Hauptquellen des britischen Reich- thums gewesen. Seit dreißig Jahren aber ist ihr Ertrag verhältnitzmäßig immer geringer geworden, da der Preis der Waare infolge der Konkurrenz in Europa und in Amerika immer mehr sank; und heute mag wirklich ein Mißverhältniß bestehen zwischen der Menge der erzeugten Maaren und dem Verbrauche. Darunter leidet England am meisten, weil es am meisten auf die Ausfuhr nach dem Auslande angewiesen ist. Bei der englischen Textilindustrie handelt es sich um 400,000 Arbeiter.

Endlich find am 4. Dezember in Konstantinopel die Verhandlungen über den türkisch-griechischen Frieden geschloffen worden. Der Vertrag ist vor­läufig unterzeichnet. Nun hat die griechische Kammer den Vertrag noch zu genehmigen. Aber sie wird ihn genehmigen, denn sie muß es ja thun!

Das Kind der Garde-Grenadiere.

Eine Erzählung von Fr. Soulie.

Ich befand mich — so erzählt der Verfasser, der ein Franzose aus der Kaiserzeit Napoleons I. ist, — bei einem unserer berühmtesten Generale. Wir saßen am Feuer des Kamins und plauderten recht vertraulich, als man Herrn Louis Jacquot anmeldete und wir einen jungen Marineoffizier von ausgezeichneter Haltung hereintreten sahen. Die Bewillkommnung, welche der General und dessen Gemahlin ihm zu Theil werden ließen, war so wohlwollend, daß die Aufmerksamkeit Aller auf den zierlichen Soldaten sich richtete.

Diese Bewegung veranlaßte ein genaueres Betrachten seiner Person. Herr Louis Jacquot war wirklich ein schöner junger Mann von höchstens zweiundzwanzig Jahren. Er hatte eine braune Gesichtsfarbe, ein schwarzes und großes Auge, das anmuthige, entschieden lautere Aussehen eines gottesfürchtigen, sittenreinen Jünglings. Nicht minder merkwürdig als seine Person erschien auch sein Anzug; nicht aber, weil er in dem Pracht­aufwand einer Fähnrichsuniform bestand, sondern weil an einem Theil desselben ein Etwas hastete, das, als alt, mit ben) neuen Tuche der Kleidung nicht übereinstimmte. Denn an seinem Hute, den er in der Hand hielt, gewahrte man eine Ko­karde, die ganz verschossen und schmutzig war.

Dem General entging nicht die Verwunderung der Anwesenden beim Blick auf die alte Kokarde, und er äußerte sich leise darüber zu seiner Ge­mahlin, welche ihm durch ein sanftes Lächeln antwortete. Auch Louis Jacquots Angesicht flammte hochroth bei der Wahrnehmung dieses allgemeinen Staunens über seine alte Kokarde; aber eS war nicht die Röthe der Scham oder der Verwirrung, wie sie ein böses Gewissen sonst zu erzeugen pflegt, sondern die einer bescheidenen Verlegenheit.

Der General, der ihn ermuthigen wollte, reichte ihm die Hand, indem er freundlichst zu ihm sagte: „Du bist doch ein braver Junge, Louis!"

Die Generalin reichte ihm gleichfalls die Hand, die alsbald der junge Offizier mit dem lebhaften Ausdrucke der Hochachtung küßte. Dieses kleine Ereigniß interessirte Alle, und Niemand konnte sich das Räthsel lösen. Doch plötzlich stand ein alter Offizier, welcher bis jetzt schweigend dage­sessen, aus und sagte zu dem General: „Dies ist also Ihr Louis Jacquot, mein Herr, und das — die wahre Kokarde?" Und ohne eine Ant­wort abzuwarten, nahm er den Hut aus den Händen des jungen Mannes, betrachtete ihn so aufmerksam, daß man hätte sagen mögen, er habe Lust, ihm einen Kuß auf die Stirne zu drücken, und eine Thräne rollte aus seinem Auge über seinen Schnurrbart herab.

Dieser neue Auftritt spannte jetzt die Neugier eines Jeden aufs Höchste; man erhpb sich, unter» suchte die geheimnißvolle Kokarde und bat den General um Aufschluß über dieses militärische Zeichen.

„Ach!" sagte der General, „das ist eine sehr einfache Geschichte."

„Das ist eine prächtige Geschichte," versetzte der greise Offizier; „wenn die Frau Gemahlin sie den Damen und Herren erzählen wollte,» so bin ich überzeugt, daß sie Alle zu Thränen rühren würde."

Man bat dringender; die Frau Generalin willigte ein; der junge Offizier ergab sich dem unvermeidlichen Muß, auf diese Weise zum Gegen­stand der Unterhaltung gemacht zu werden. Und Folgendes wurde nun erzählt: Bei der Zusammen­kunft des Kaisers Napoleon mit dem russischen Kaiser Alexander fand eine große Heerschau statt. Napoleon ging mit Wohlgefallen durch die Reihen seiner Kaisergarde und blieb plötzlich vor einem Grenadier stehen, der eine Narbe im Gesicht hatte, welche von der Stirne bis zur Mitte der Wange reichte. Er sah mit Stolz einige Augenblicke den Grenadier an und sagte zu Alexander: „Was

denken Sie von Soldaten, die solchen Wunden widerstehen können?"

Kaiser Alexander erhob alsbald die Gegen­frage: „Und was denken Sie von den Soldaten, die solche Wunden ihren Gegnern beigebracht haben?"

„Die sind tobt!" sprach feierlich bet alte Grenabier.

Napoleon gab bem Grenadier, ber durch seine glückliche Geistesgegenwart ihn aus ber so großen Verlegenheit gezogen, seinen Dank burch eine hulbvolle Geberde zu erlernen unb ging weiter.

Einige Tage nach bieser Heerschau lustwan- belte Napoleon in dem Lager seiner Garbe unb bemerkte diesen alten Grenabier, ber auf einem Steine saß unb ein kleines Kind von höchstens zwei Jahren auf seinem Fuße tanzen ließ. Der Kaiser blieb vor ihm stehen. Der alte Soldat aber erhob sich nicht von seinem Sitze, sondern sagte ehrerbietigst: „Sire, verzeihen Sie, daß ich nicht ausstehe; denn wenn ich in diesem Augen­blick aufstände, würde der kleine Louis Jacquot schreien, und das würde für Eure Majestät nicht erfreulich sein!" —

Der Kaiser: „Schon gut! — Du heißest Jacques?"

Der Grenadier: „Ja, mein Kaiser! — Jac­ques heiße ich — Daher nennt man diesen Kleinen da — Jacquot."

Der Kaiser: „Ist dies Kind Dein Sohn?"

Der Grenadier: „Nein, mein Kaiser! — Seine Mutter war eine brave Marketenderin, welcher ein feindlicher Ulan vor zwei Monaten einen Säbelhieb ins Genick versetzte, während sie ihrem Manne, dem auf dem Schlachtfelds ein Bein abgeschossen war und der durch Verblutung im Sterben lag, die letzte Hilfe mit Gebet und Pflege leisten wollte. Und diese Missethat hatte zur Folge, daß auch sie dem Tod erlag und beider Kind jetzt eine Waise ist!"

Der Kaiser: „Und Du hast das Kind adop- tirt?"

Der Grenadier: „Ich — und die anderen Grenadiere! — Unb ba ich das Kinblein zuerst in meinem Tornister eingepackt habe, so hat man mich beauftragt, im Namen unb auf Kosten des Regiments die Sorge für das Fortkommen des Waisenkindes zu übernehmen."

Napoleon betrachtete einen Augenblick den Grenadier, der fortfuhr, auf seinem Fuße dem kleinen Louis Jacquot Reitunterricht zu geben, und sagte dann zu ihm: „Ich bin Dir etwas schuldig, Jacques!"

Der Grenadier: „Mir, mein Kaiser? — Eure Majestät haben mir ja das Ehrenkreuz für die Schramme verliehen! — Ich, im Gegentheil, bin Ihnen dafür eine Vergeltung schuldig!"

Der Kaiser: „Es ist für das, was Du dem Russenkaiser Alexander gesagt hast. Laß hören, was Du wünschest, damit ich Dir eine Freude gewähren kann, denn ich will Dich belohnen."

Der Grenadier: „Bei meiner Treu', ich habe nichts nöthig! Weil Sie mir aber einen Be­weis Ihrer kaiserlichen Huld geben wollen, so — geben Sie etwas diesem Kleinen da. Dies wird ihm Glück bringen!“

Der Kaiser: „Herzlich gern!"

Napoleon suchte in seinen Taschen, aber er fand nur einige Papiere, die er sehr schnell wieder einsteckte. Da er nun nicht wußte, was er bieten sollte, reichte er seine goldene, mit Bril­lanten besetzte Tabaksdose dem alten Soldaten hin.

Jacques fing an zu lachen und sagte: „Wunder­lich, einem Kinde, das ja nicht rauchen kann, eine Tabaksdose zu schenken!"

Der Kaiser war im Begriff, ihm zu erwidern, als er fühlte, daß man an seinem Hute zog, daß das Kind, welches der Grenadier indessen auf den Arm genommen hatte, mit der Kokarde — spielte.

Da rief der Grenadier: „Sire, bemerken Sie es? Der Kleine ist klüger als wir Beide; er macht's wie Ew. Majestät: er nimmt, was ihm beliebt!"

„Nun wohl," versetzte der Kaiser in heiterer Stimmung, „er behalte die Kokarde!" Und nach­dem er selbst die Kokarde von seinem Hute ab­genommen, überreichte ec sie huldvoll dem Kinde.

Jacques, der nun voll Jubel das Kind auf feinen Armen tanzen ließ, sagte zu ihm: „Nun zeige auch Seiner Majestät, daß Du sprechen kannst."

Und das Kind, lachend mit den Händen klatschend, stammelte sanft das Herzenswort der Grenadiere: ,Vive l’Empereurl* (Es lebe der Kaiser.)

Indessen war der Grenadier sehr verlegen über die Weise, wie er das Kind die Kokarde der Kaisers solle tragen lassen. Da kam ihm der Gedanke, sie in eine Kapsel einzuschließen, die er dann um den Hals des Kindes hängte, wobei er ihm sagte: „Höre, Louis Jacquot, meinen Auftrag: An jedem Morgen und Abend, wenn Du Deine Andacht verrichtet hast, drücke die ge«