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Mittwoch, den 8. Dezember 1897
24. Jahrgang
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mit Ztnterfiattungs-Aeitage „Sterne und Akumen"
Druck und Verla« der Fuldaer Rctteudrnckeret pe»er»«age Nr. i (Darulontef.
Dir heutige Ammer umfaßt 16 Satte.
Deutsches R^ich.
Berlin, 6. Dezember.
* Es gilt für ausgemacht, mag auch die Generaldebatte über das Itottengesetz verlaufen, wie sie will: daß die Borlage nicht an eine be- fondere Kommission, wie es die Regierung lieber fehen würde, sondern an die Budgetkommission gehen wird. In dieser wird sich dann wohl ein Streit entspinnen, ob sie zuerst den Etat oder das Flottengesetz becäth. Die Mehrheit wird sich, wie nach gewissen Vorbesprechungen anzunehmen ist, dafür entscheiden, daß der Etat vorgehe, und da dieser gewöhnlich zwei Monate in Anspruch nimmt, so würde ebenso lange das Flott ngesctz ruhen und die Entscheidung über diese Vorlage erst mit Beginn des Frühjahrs zu erwarten sein. Bis dahin sind übrigens noch mancherlei Aender- ungen in der Situation und politische Zwischen^ fälle möglich. Zu den mancherlei Kompromiß- Vorschlägen gehört einer in der agrarischen »Deutschen Tagesztg/, die mit den Flottenforderungen einverstanden ist, das Flottengesetz aber für einen ungeeigneten Weg hält und dafür vor- fchlägt: 1. Die Zahl der deutschen Kriegsschiffe wird — abgesehen von Kanonenbooten nnd Torpedos — festgesetzt auf: 19 Linienschiffe, 8 Küsten- panzerschiffe, 12 große und 30 kleine Kreuzer. 2. Eine Aenderung der vorstehenden Bestimmung kann nur durch Reichsgesetz erfolgen. 3. Die vor bezeichnete Stärke muß im Jahre 1904 erreicht sein. 4. Der Reichstag ermächtigt die verbündeten Regierungen, die zum Bau und zur Armirung der noch fehlenden Schiffe erforderlichen x Millionen in den nächsten sieben Jahren in möglichst gleichen Raten alljährlich, aber nicht über y Millionen aus den Ueberschüssen des Reichshaushaltes zu entnehmen. 5. Genügen die Ueberschüffe nicht, so ist dem Reichstage eine Vorlage wegen Aufbringung der Jahresrate zu machen. 6. Die Bewilligung der Ersatzbauten, Kanonenboote und .Torpedos bleibt dem Reichstage vorbehalten.
* Die soziale Wäligsteil der katholische« Kirche hat neuerdings von protestantischer Seite eine beachtenswerthe Beurtheilung gefunden. Ein Artikel der protestantischen Zeitschrift,D ie Gegenwart' spendet nämlich der katholischen Kirche und ihrem Klerus ein wohlverdientes Lob, indem sie schreibt: „Die katholische Kirche ist sozial gesinnt, um ihr Banner sammeln sich die kleineren Leute. Die katholische Kirche beugt sich nie vor den Machthabern der Welt, sondern sagt ihnen unerschrocken die Wahrheit." Von Papst Leo XIII. sagt die ,Gegenwart': «... dieser feinste Kopf unter den europäischen Großen . , . verräth in Allem, was er unternimmt, eine genaue Kenntniß der Wünsche, die aus dem Herzen des Volkes kommen ... der katholische Klerus empfindet und geht mit dem Volke ... Es gibt zu denken, daß non den 48 Mandaten, über welche die Sozialdemokraten im Reichstage verfügen, nur drei von katholischen Wah lkreisen ertheilt worden sind." — Den Artikel sollten die pro« testantischei Seelsorger vom Evangelischen Bunde beherzigen!
* Statistisches ans dem Kartellverband derkatljo- lischen deutschen Studenten-Berbinduugen. Im Sommersemester betrug die Zahl der Verbandsmilglieder insgesammt 1123, am Anfänge dieses Semesters 1108. Philistrirt wurden laut den Mittheilungen in der Akademie 96. Der Verband hat demnach einen erfreulichen Zuwachs von 81 Mitgliedern seit dem letzten Semester zu verzeichnen. Auch die Zahl der Verbindungen hat zugenommen. Es sind neugegründet die Vindelicia in München, Rheno-Guestfalia in Kiel und die Tuisconia in Königsberg. Die Ge- sammtzahl der Verbindungen an deutscheu Hochschule» beträgt demnach 25. Die stärffte Verbindung ist Markomannia mit 120 Mitgliedern, ihr folgen die Aenania-München mit 110, die Winfridia-Breslau mit 104, die Hercynia-Freiburg im Breisgau mit 95, die Austria-Innsbruck mit 80, die Saxonia-Münster mit 77, die Suevia-Berlin mit 66, die Norica-Wien mit 59, die Bavaria Bonn mit 56 Mitgliedern u. s. w. Am schwächsten sind die Silesia-Halle mit 13, die Tuisconia Königsberg mit 12 und die Teutonia-Freiburg (Schweiz) mit 9 Mitgliedern. Den größten Zuwachs (18 Mitglieder) hat Suevia, die stärfften Verluste Teutonia (25) und Hercynia (26) gehabt. Tie drei neuen Verbindungen zählen 17, 29 resp. 12 Mitglieder. Von denselben sind 579 Preußen, 308 sonstige Reichsdeutsche, 147 Oesterreicher unb 10 andere Deutsche. Die Provinz Westfalen stellte wieder das e Kontingent mit 160 Mitgliedern, es folgt n mit 145, die Rhein lande mit 136, Schlesien mit 113 Mitgliedern Von den 1108 Mitgliedern find 233 aktive Burschen, 196 inaktive Burschen, 200 Füchse, 428 Inaktive extra locum und 42 Con
kneipanten. Theologie studiren 231, Jura 368, Medizin 262, Philosophie 127, Techniker und Ingenieure zählt der Verband 29, Chemiker und Pharmazeuten 24, Veierinär-Mediziuer 11 u. s. w. Dem Kartellverband katholischer deutscher Studentenverbindungen ein vivat, crescat, floreat in aeternum.
□ Die Einheitsbestrebungen der deutschen Landwirthe auf wirthschastlichem Gebiete haben in der jüngsten Zeit den Erfolg gehabt, daß die großen mit dem Einkauf landwirthschaftlicher Bedarfsstoffe befaßten Körperschaften sich zur gemeinschaftlichen Wahrung ihrer Jntereffen auf Grund eines festen Vertrages zur „Mezugs- Vereinigung der deutschen Landwirthe" verbunden haben. Der nächste Zweck dieser Vereinigung ist, die Zersplitterung zu beseitigen, wie sie sich bisher, insbesondere auf dem Gebiete des Handels mit Thomasmehl, zum Schadender deutschen Landwirthe eingebürgert hatte, und im Einvernehmen mit den Thomas pH osphat- fabriken feste Grundlagen für dies Geschäft zu vereinbaren und durchzuführen. Die Verhandlungen mit den Organisationen der Fabrikanten sind bereits eingeleitet und berechtigen dank des auf dieser Seite gezeigten Entgegenkommens zu den besten Hoffnungen auf den Abschluß für das Jahr 1898. Die Körperschaften, welche sich dieser Bezugsvereinigung angeschlossen haben, sind folgende: Allgemeiner Verband der deutschen land- wirthschastlichen Genossenschaften, Offenvach a. M. Generalanwallschast ländlicher Genoffenschaften für Deutschland, Neuwied. Deutsche Landwirth- schafts-Gesellschaft, Berlin. Bund der Landwirthe, Berlin. Bayerischer Landesverband landwirtb- schaftlicher Darlehnskasfenoereine, München. Westfälischer Bauernverein, Münster i. W. Rheinischer Bauernverein, Kempen. Badischer Bauernverein, Faulenbach. Trierischer Bauernverein, Trier. Es liegt nunmehr im eigensten Interesse aller deutschen Landwirthe, diele hochwichtige Thatsache in ihrer Tragweite dadurch zu würdigen, daß sie sich einer dieser Körperschaften entweder direkt oder indirekt anschließen, vor allen Dingen sich aber jedes Einkaufes von Thomasmehl bis zum Abschluß der eingeleiteten Verhandlungen enthalten. Denn es ist uns von maßgebender Stelle bestätigt worden, daß bis jetzt die Preise für dos Jahr 1898 überhaupt noch nicht, also auch nicht für die Händler, festgesetzt und vor Mitte Dezember auch nicht zu erwarten sind. Daher ift auch kein Händler i" der Lage, Thomasmehl auf Grund der zu erwartenden Preisfeststellung schon jetzt anzubieten.
* Ao len, 7. Dez. Der frühere frei-konservative Landtags-Abgeordnete vonTiedemann, Rittergutsbesitzer auf Kranz bei Bombst, ist gestorben.
Aus dem Reichstage.
(Unser Orginalbericht über die Reichstags- sitzung ist heule ansgeblieben; wir sind daber heule auf den Bericht der.Germania' angewiesen. D. Red.)
5. Sitzung vom 7. Dezember, 1'/« Uhr.
Am Bundesrathstische Fürst Hohenlohe, Graf Posadowsky, Freiherr v. Thielmann, Tirpitz, d. Bülow, v. G oßler, Schönstedt.
Das Haus ist schwach besetzt.
Die erste Berathung der Marinevorlage wird fortgesetzt.
l'Ibg. Dichter bestritt zunächst unter Hinweis auf die großen Bewilligungen für Heer und Marine in den letzten Jahren und die dadurch'herbeigeführte erhebliche Vermehrung der Reichsschulden, daß der Reichstag Ehre und Ansehen des Reichs nach außen nicht genügend gewahrt habe. Noch niemals habe Deutschland zur See eine solche Macht entfaltet, als gerade im gegenwärtigen Augenblick. Wenn der Reichstag im Marineetat wiederholt Abstriche vorgenommen habe, so habe das an der Finanzlage, an Steuerprojekten, an der Unsicherheit der Marineverwaltung selbst und an der gesammten politischen Situation gelegen. Gegenüber den Kämpfen um die Ausgestaltung des Landheeres seien die Berathungen über das Flottenwesen stets eine Art beruhigender Erholung gewesen. Für den Schutz des überseeischen Handels trete auch er ein, aber sollten die Deutschen in Oesterreich und Rußland nicht auch Schutz verdienen? Für jeden Deutschen im Ausland könne man übrigens unmöglich immer ein Kriegsschiff bereit halten. Daß für Lüders von Haiti Entschädigung für unschuldige Haft verlangt werde, sei ganz gut, aber weshalb wolle man nicht auch in Deutschland unschuldig Verhaftete entschädigen? Durch unsere Zollschutzpolitik und Wirthschaftspolitik werde unser Handel mehr geschädigt, als durch die größte Flotte wieder gut gemacht werden könne. Ganz vergeblich suche man die Handelskreise in der Flottenfrage aufzuregen. Daß das Marineoffizierlorps die Vorlage für richtig halte, beweise nichts. Die Militärverwaltung habe früher auch die dreijährige Dienstzeit für unentbehrlich gehalten, und sie sei doch durch die zweijährige e setzt worden. Eine Festlegung auf sieben Jahre sei unthunlich wegen der raschen Entwickelung der Schiffsbautechnik und im Artilleriewesen und wegen der maritimen Fortschritte der anderen Staaten. Früher sei ja diese Unthun- lichkeitauch von der Maiineverwaltung anerkannt worden. Frühere Marineautontälen hätten ganz anders geurtheilt als jetzt Herr Tirpitz, und noch vor vierzehn Monaten habe selbst der Reichs!.nzler im ,Reicks-Anzeiger' sich anders ausgesprochen, als jetzt Herr Tirpitz. Auch die ,Noidd. Allg. Ztg.' habe noch im August ds. Js. sich gegen eine Festlegung der Schiffsbauten auf Jahre hinaus ausgesprochen. Ohne neue Steuern werde die Vorlage nickt durchgeführt werden können. (Während der Richter- scheu Rede machen die Staatssekretäre Graf Posadowsky, Tirpitz und Freiherr v. Thielmann eifrig Notizen. Dieselben scheinen sämmtlich Richter antwoiten zu wollen.) Eingehend verbreitete sich Richter über unsere Finanz
lage und deren voraussichtliche Entwickelung, um nochmals auszuführen, daß eine Erhöhung der indirekten Steuern die Folge der Annahme der Vorlage sein werde. Große Heiterkeit erregte es, als Redner dem Abg. Grafen Limburg-Stirum unter Bezugnahme auf dessen gestrigen Rede apostrophirte, und dieser, der auf seinem Platze eingenickt war, ruhig weiter schlief. Im Allgemeinen sprach Richter heute viel ruhiger und gemäßigter, als man es sonst von ihm bei derartigen Gelegenheiten gewohnt ist. Die Vorlage sei kein Gesetz zur Stärkung der Wehrkraft, sondern ein Gesetz gegen die Vertretung des deutschen Volkes, der man mißtraue.
Marine-Sekretär Girpitz betonte dem Abg. Richter gegenüber nochmals die Nothwendigkeit und Bedeutung der Vorlage, wobei er sich sichtlich bemühte, in der Polemik jede verletzende Wendung zu vermeiden. Da im deutschen Volke vielfach Unklarheit über die Bedürfnisse un- ferer Flotte bestehe, habe er für thunlichste Aufklärung durch die Presse gesorgt, ohne sich aber auf eine Polemik einzulassen. Auch der Freis. Ztg.' des Herrn Richter würde er informirende Artikel nicht vorenthalten haben.
Nach dem Marine-Sekretär erhielt der Sprecher der Reichspartei, GrafAruim, das Wort, der sich entschieden für die Vorlage erklärte. Würde Richter einen Flottenplan vorlegen, fo würde derselbe sicher unter allerKritik sein, und von den Sozialdemokraten sei überhaupt keine nationale Gesinnung zu erwarten. Er verstehe es, wenn unter den Landwirthen Bedenken gegen die Vorlage vorhanden seien, weil es dcr Landwirthschaft schlecht gehe; aber wenn es sich um das Wohl des Vaterlandes handele, seien die Landleute und die vielgeschmähten Junker auf dem Posten, selbst wenn sie auch keine direkten Vortheile davon hätten.
Unter allgemeiner Spannung bestieg hieraus Abg Dr. Kiever die Tribüne. Ein abschließendes Urtheil über die Vorlage lasse sich im gegenwärtigen Zeitpunkt unmöglich abgeben. Das Centrum, bei dem die Entscheidung liege, werde die Vorlage mit voller Objektivität in der Kommission prüfen und zu demselben Stellung nehmen nur aus in der Sache selbst liegenden Gründen. Verschweigen könne er nicht, daß die allgemeine politische L^ge für die Vorlage die denkbar ungünstigste sei. Er erinnere nur an das geringe Entgegenkommen des Bundesraths gegenüber Beschlüssen des Reichstags über die Auch.'bung d?s Verbots des Jnverbindungtretens der Vereine und über die Aufhebung des Jesuitengesetzes. Die Unthätigkeit des Bundesraths gegenüber dem Reichstagsbeschluß in der Jesuitenfrage habe int katholischen Volke den denkbar schlechtesten Eindruck gemacht, und in der Vereinsgesetzfrage Hube sich der Bundesiath sogar von Sachsen beschämen lassen. (Abg. Bebel ruft: Abwarten!) Nach langem Hängen und Würgen fei endlich die Vorlage über den Militärstrafprozeß gekommen, die seine Partei ebenfalls einer wohl- wouenden aber auch scharf prüfenden Kritik unter« ziehn werde. Eingehend verbreitete sich Redner über dir Vortage und über die gegen dieselbe voihandenen Bedenken. Das schwerste derselben, welches das politische Gewissen seiner Parteifreunde bedränge, sei die Bind.ng auf sieben Jahre., Zweifellos sei in der Marinefrage bisher eine bedauerliche Unsicherheit vorherrschend gewesen. Ein fester Flvttenplan erscheine daher gar nicht übel. Fraglich sei nur, ob der Zeitpunkt für eine gesetzliche Regelung der Frage schon gc- tommen fei. Er seinerseits würde es begrüßen, wenn es gelänge, ii^der Marinefrage gerade mit „diesem" Reichstage eine Verständigung mit den verbündeten Regierungen herbeizuführen. Vielleicht lasse sich eine Bindung gewisser (summen erreichen Bei aller Fürsorge für die Flotte müsse auch geprüft werden, ob unsere Finanzlage auf Die Dauer die Durchführung der Vortage gestatte Betreffs Vermehrung dec indirekten Steuern fei mit dem Gentium jedenfalls kein Geschäft mehr zu machen. Diskutabeler erscheine schon eine direkte Relchssteuer Abg. Rickert: hört, hört! . Ob das gerade die Rickert'fche Reichseinkommensteuer sein müsse, 6a: über lasse sich noch verhandeln. Jedenfalls mußien die Lasten ans die leistungsfähtgen Schultern tut Reich gelegt werden, nicht auf die untersten Klassen. Redner sprach schließlich die Hoffnung aus, daß aus den Berathungen eine streitbare Marine und ein sinnes- einiger Reichstag heivorgehen möge.
Aus die nahezu anderihalbstundigen Ausführungen Dr. Liebers erwiderte Marinestaatssekretär Firpitz, der die finanziellen Bedenken des Vorredners zu zerstreuen suchte und den Barsch ag einer Bindung der Regierung auf gewisse Summen für erwägensweith bezeichnete.
Nachdem noch der deulschhannoversche Abg. Graf Nernst.rsf seine Bedenken gegen die Vorlage, der er sonst freundlich gegenüberstehe, ausgesprochen, wurde die Debatte nach 5 Uhr auf Freitag 1 Uhr vertagt.
Auch bei der heutigen Sitzung waren die Tribünen wieder überfüllt, ebenso herrschte drückende Fülle am Tische des Bundesraths, dagegen sah man klaffende Lücken in den Sitzreihen der Reichsboten. In der gut besuchten Hofloge wohnten auch heute wieder die Chefs des Militär-, Marine- und Cioilkabinets, General von Hahnke, Senden-Blbran und Lucanus der Sitzung von Anfang an bei, ebenso am Bundesralhstische der Reichskanzler. Auf den übrigen Tribünen bemerkte man wieder viele Floltenoffiziere.
Im weiteren Verlaufe der Sitzung wurde der Andrang zu den Tribüneti immer stärker. In der Bundesrathsloge und auf der Tribüne für die Abgeordneten gab es geradezu Gedränge.
Die Entscheidung über den Flottengesetzentwurf ist in den beiden bisherigen Verhandlungstagen noch nicht gefallen und dieselbe läßt sich auch noch nicht vvraussehen. So viel aber steht heute schon fest, daß die Marinevorlage in der vorliegenden Form und Fassung keine Aussicht auf Annahme hat. Die Rede des Abg. Dr. Lieber, welche den Höhepunkt der heutigen Verhandlung bildete, hat das mit genügender Deutlichkeit erkennen lassen. Zwar ist das Centrum nicht gewillt, die Marinevorlage a iimii e abzuweisen, wie das der Abg. Richter für die freisinnige Volkspartei that und thun konnte, sondern bereit, eine recht gründliche Prüfung derselben in der Kommission eintreten
zu lassen, eine Prüfung aller in Betracht kommenden Momente. Die Bedenken, welche der Abg. Dr. Lieber heute gegen die Marinevorlage geltend machte, sind so zahlreich und so schwerwiegend, daß es ernste Arbeit und Ueberlegung erfordern wird, dieselben im weiteren Verlaufe der Verhandlungen zu überwinden, um ein befriedigendes Resultat zu erreichen.
Ausland.
* Mien, 7. Dezember. In Hernranmestec (Böhmen) fanden vorgestern Abend Ansammlungen auf dein Ringplatze statt. Die Menge zog von dort, nationale Lieder singend, durch die Straßen, wurde jedoch gegen 8 Uhr zerstreut. Am folgenden Morgen wurden die Fenster, meist diejenigen israelitischer Wohnungen, durch Steinwürfe zertrümmert. In Tabor wurden in der vergangenen Nacht verschiedene Fenster einge- worfen. Aus Kolm, Jicin und Gablonz wird gemeldet, daß dort Ruhe herrscht. — Aus Pri- bratn wird gemeldet, daß dort in mehreren israelitischen Häusern und der Synagoge die Fenster eingeworfen wurden.
* Konstantinopel, 7. Dez. Die beiden von den griechischen und türkischen Friedensunterhändlern unterzeichneten Protokolle lassen sich, wie folgt, fummiren: Das erste bezieht sich auf den Artikel 3 der Präliminarien, der die zu treffenden besonderen Abmachungen umfaßt, und zwar: 1) Feststellung des Rayons, innerhalb dessen Zollfreiheit herrscht; 2) die Desinirung der Konsularbefugnisse; 3) die bei Hausdurchsuchungen einzuhaltenden Bestimmungen; 4) Aberkennung der Kompetenz des türkischen Kassationshofes; 5) Erklärung der ottomanischen Gerichte als zuständig für die Fälle von Bankerott griechischer Unterthanen, sowie in Streitsachen, sei es, daß solche unter ihnen selbst ober mit Unterthanen anderer Mächte sich ergeben; 6) Sicherung der Durchführung von Urtheilen türkischer Gerichte in gemischten Prozessen durch die türkischen Behörden. In den vorstehenden Punkten sind die türkischen Forderungen wiedergegeben, die bei den Verhandlungen über die Konsularkonvention zur Erörterung gelangen werden und bezüglich deren die griechischen Delegirten Vorbehalte machten. Das zweite Protokoll betrifft die Frage der Handelsschifffahrt, und bestimmt, daß zwei Jahre hindurch die vor dem Kriege in Geltung gewesenen Normen betr. den Zolltarif und den Kabotage- Dienst und bezüglich der Schwammfischerei auf beiden Seiten beobachtet werden. Sollte nach zwei Jahren ein Handels- und Schifffahrtsvertrag nicht abgeschlossen werden, so werden beide Paciscenten auf das int Artikel VII des Präliminarvertrages Vorgesehene zurückgehen.
* Athen. 7. Dez. Gewissermaßen als Trost für die sch weren Friedensbedingungen hat jetzt der russische Gesandte zu Athen weitgehende Unterstützungen des Zaren für die Thessalier und Kreter angeboten. In Volo ist bereits ein russisches Schiff mit 5000 Centner Mehl für die Flüchtlinge eingetroffen, und zum Frühjahr sollen 20000 Centner Getreide zur Aussaat geliefert werden. Desgleichen wurden auf Kreta durch die russischen Konsuln 25 000 Rubel unter die Christen vertheilt und sollen weitere Geldsendungen in wenigen Wochen eintreffen.
Auszug ans dem Protokoll über die Plenarfihuug der Handetskammer
am 1. Dezember 1897.
Auf der Tagesordnung stand: 1. Genehmigung von Protokollen, darunter das Protokoll über eine Sitzung des Verkehrsausschuffes am 26. November ds. Js.
Der Ausschuß für Verkehrsangelegenheiten verhandelte über folgende Gegenstände:
a) Verlegung der Frankfurt-Bebraer BahnimKreifeSchlüchtern. — Die Städte Schlüchtern und Steinau haben an den Herrn Minister der öffentlichen Arbeiten eine Eingabe mit dem Anträge gerichtet: „Die Frankfurt-Bebraer Bahn möge baldmöglichst in der Weise verlegt werden, daß sie ihren Weg von Salmünster ab im Thale der Kinzig nabe bei den Städten Steinau und Schlüchtern vorüber nehme und alsdann mit einem Tunnel durch den Distelrasen direkt nach Flieden weiterführe; ferner möge, eventuell unter Beseitigung der Station Elm, die Elm- Gemündener Eisenbahn von Sterbfritz ab durch das Kmzig-Thal direkt nach Schlüchtern geführt werden." Die Handelskammer hält die Ausführbarkeit dieses Projektes für fraglich und zwar den ersten Theil wegen der dafür erforderlichen bedeutenden Kosten, den zweiten Theil wegen der technischen Schwierigkeiten bei Ueberwindung von 160 m Steigung von Schlüchtern nach Sterbfritz. Folgender Beschluß wurde daher gefaßt:
„Im Prinzip spricht sich der Ausschuß dahin aus, daß eine Verlegung der Frankfurt-