Einzelbild herunterladen
 

M 280

Dienstag, den 7. Dezember 1897

24. Jahrgang

KuldaerMZettung

Inserate: Die ein­spalt. Garmond­zeile oder deren Raum 15 Pf., Re­klamen die Petit­zeile 25 Pf.; bei Wiederholungen wird entsprechend Rabatt gewährt

krscheint täglich, m. Ausnahme der Sonn-uud Feier­tage. Bierteljührl.

«'«ug-prei, ohnevnngerlohn und Bestellgeld in «ulda und aus­wärts IM. 50 Pf.

»«raatwoEch: Sir He XeMtleu 3<f. Sei», fit 3uferate 3. Parzelle, t» Falta.

mit Zlnkerhaltungs -Meikage „Sterne und Akumm"

an» Verla« der Fuldaer Lctieadruckerei peler^age Nr. 8 lDarmsute).

LirchenKalender.

Mittwoch, 8. Dezember. Fest der unbe­fleckten Empfängnitz Mariä. Von jeher ist es Glaube der kath. Kirche und Lehre der christl- Jahrhunderte gewesen, daß bei der allgemeinen Be­fleckung des Menschengeschlechtes durch die Sünde Adams die allerseligste Jungfrau eine Ausnahme bilde. Verschiedene Päpste, sowie das Konzil zu Trient, bekräftigen diese allgemeine Annahme und Papst Pius IX. erhob es am 8. Dezember 1854 zum unfehlbaren Glaubenssatze, „daß die allerseligste Jungfrau im ersten Augenblicke ihrer Empfängniß vermöge einer besonderen Gnade und Bevorzugung von Seiten des allmächtigen Gottes, im Hinblicke auf die Verdienste Jesu Christi von jeglicher Makel der Erbschuld frei bewahrt worden sei." Das heutige Fest' gilt der Er­innerung an diese Wahrheit.

K Ausruhr, Plünderung und Standrecht in Böhmen.

So bedeutungsvoll und politisch inhaltsreich diese Tage für uns Deutsche sind durch die Er­öffnung des Reichstages und die hochwichtigen Vorlagen, die diesen beschäftigen, so wenig ist es möglich, die ungeheuerlichen Vorgänge zu über­sehen, die das Land unserer österreichischen Nach­barn durchtosen. Mit parlamentarischer Arbeits­verweigerung haben die Deutschnationalen und ihre Freunde begonnen, mit dem zwar höchst un­parlamentarischen, an sich aber recht harmlosen Aufschlagen der Pultdeckel im österreichischen Ab­geordnetenhause, aber grauenhaft ist das Ende, bis zu dem die politische Aufregung der Ge- müther in Oesterreich geführt hat — wenn näm­lich schon jetzt das Ende gekommen ist. Selten aber wird es in der Geschichte sein, daß ein neues Ministerium seine Amtshandlungen damit be­ginnen muß, daß es über eine der größten und angesehensten Städte des Reiches das Standrecht verhängt!

Aber auf politische Beweggründe allein kann die Revolution in der Stadt Prag nicht zurückgeführt werden. Hier müssen noch andere als nur nationalpolitische Elemente ihre Hände im Spiele gehabt haben. Denn dieser Aufruhr trägt allzu deutlich anarchistisches Gepräge. Das wüste Toben des in wilde Leidenschaft hinein­gehetzten Pöbels übertraf sogar die Kriegsgreuel; denn im Kriege werden Spitäler, Waisenhäuser, wissenschaftliche und mildthätige Häuser geschont. Bei der Prager Revolution aber, die auch schon in Pilsen ihre Fortsetzung gefunden hat, kannte die entfesselte Wuth für nichts und 9Hemanb Schonung. Brandlegung und Plünderung waren von vornherein Mittel und Endzwecke. Da kann man nicht mehr von einer politisch ausgeprägten Tendenz sprechen. Die Politik spielte bei den Vorgängen nur insofern eine Rolle, als von „Politikern" die Zündschnüre der seit langem in Bereitschaft stehenden Höllenmaschine der Wuth des Pöbels angezündet und die Meute losgelassen wurde. Das Stadtoberhaupt von Prag, eine Größe der jungtschechischen Partei, hatte überdies die Verwegenheit, die Masse durch eine wenig verhüllte aufreizende Kundgebung anzueifern. Soweit ist es gekommen — und der Befehl, das Standrecht über die alte böhmische Königsstadt zu verhängen, war die Antwort darauf. Vielleicht

Auf derselben Stnfe.

Eine Weihnachtsgeschichte aus London von Klara Lötschert.

4 ------ (Nachdruck verboten.)

Es schlug elf — Ben kam noch immer nicht; erst als die Wanduhr dreiviertel auf Zwölf schlug, hörte sie seinen schleppenden Schritt über die Straße kommen. Noch einige Minuten — für sie eine endlos lange Zeit! Nun stand er in der Thür des Schlafzimmers — nicht ver­stört, wie sie erwartet hatte, sondern eisig kalt und ruhig und sagte mit harter, lauter Stimme: „Paul Olten kommt nicht wieder!"

„O, Ben! — Du hast doch nicht--"

Sie wagte nicht zu vollenden; aber er las die Frage in den entsetzten Blicken, mit welchen sie ihn anstarrte.

„Ihn umgebracht, meinst Du? So lange hast Du mit mir gelebt und hältst mich dazu fähig? Ein Anderer an meiner Stelle hätte es vielleicht gethan! Glaube, was Du willst — ich habe ein Ende gemscht!"

Anna Gleendom fragte nicht weiter. Auch in den nächsten Tagen berührte keines von beiden den fraglichen Punkt. Stunim und kalt wichen sie einander aus — Ben scheinbar gleichgiltig, seine Frau mit einer furchtbaren Unruhe im Herzen. Anfangs hatte sie gehofft, Paul würde dennoch wiederkommen; als aber ein Abend nach dem andern verging und kein Tag irgend eine Nachricht von ibm brachte, da faßte der keimende Zweifel feste Wurzel. Wenn Ben redlich ge­handelt hatte, warum sprach er es dann nicht offen und ehrlich aus?

wollten die tschechischen Parteiführer auch wirklich nichts weiter, als eine Antwort auf die Kund­gebungen in Wien und Graz in der Form ebenso unblutiger Straßenkundgebungen — bis der Mob die Oberhand gewann und aus der politischen Kundgebung diesen Hexensabbath machte mit Mord und Brand, Plünderung und wüsten sitt­lichen Ausschreitungen.

Nun schießt die Flinte, haut der Säbel und Blut färbt das Prager Pflaster. Aber Die Re­gierung konnte nicht anders handeln. Sie mußte vor allen Dingen die Autorität des Staates retten, die unter den voraufgegangenen Vor­gängen in Wien innerhalb und außerhalb des Parlamentes in arger Weise Schiffbruch ge­litten hatte.

Daß hier die Ausrufung des Standrechtes das richtige Mittel war, beweist der Erfolg: in demselben Augenblick, wo die entschlossene That- kraft dem wüsten Haufen entgegentrat, verkroch er sich in seine Schlupfwinkel. Der Aufruhr in Prag war mit einem Schlage zu Ende, als der Pöbel sah, daß die Langmuth der Behörden er­schöpft sei; leise Zuckungen, die noch nach der Verkündigung des Standrechts hier und da be­merkbar waren, ändern nichts an der Thatsache, daß der Aufruhr sofort erstickt wurde. Wie viele Opfer an Todten und Verwundeten er gekostet hat, wird vielleicht nie genau bekannt werden, da wahrscheinlich die Prager Behörden bemüht sein werden, die bösen Dinge, die da geschahen, so viel wie möglich zu vertuschen. Kläglich war jedenfalls die Haltung des Prager Statthalters Grafen Coudenhove, der in seiner Ohnmacht voll­ständig abhängig erschien von der Prager Stadt­leitung. Muthete doch diese letztere dem Statt­halter sogar zu, er solle amtlich die Erklärung abgeben, daß die Greuelscenen nichts weiter seien als die entschuldbare Antwort von Tschechen auf die deutsch-nationalen Vorgänge in Eger und anderwärts — sonst würden sie sich nicht um die Wiederherstellung der Ruhe bemühen! Erst nachher, als die Greuelthaten gar zu scheußlich ausarteten, fand es die politische Leitung der Tschechenpartei angezeigt, zu erklären, daß sie nichts zu thun habe mit den Horden, die sengend und verwüstend die Stadt durchtobten.

Wird der Prager Aufruhr p olitischeFolgen haben? Wenn ja, dann können die Folgen nur ungünstig sich gestalten für die Tschechenpartei. Denn schon jetzt läßt sich aus verschiedenen Aeu- ßerungen polnischer Abgeordneten schließen, daß infolge des Eindrucks der Revolte in Prag die maßgebenden Elemente des Polenklubs von den Jungtschechen abzurücken beginnen. Die größten Schwierigkeiten liegen natürlich immer noch in der Sprach en frage. Die Negierung hat in dieser Richtung einen Vermittelungsvor­schlag gemacht, um den Forderungen der Deutschen entgegen zu kommen und die Haupteinwendungen gegen die Sprachenverordnung zu beseitigen. Das bezieht sich besonders auf die tschechische Sprache als innere Amtssprache und die Sprache in bürgerlichen Rechtsstreitigkeiten, deren Geltung für das deutsche Sprachgebiet eingeschränkt ober aufgehoben werben soll. Es hanbelt sich nun hauptsächlich barum, bie deutsch-böhmischen Ab- georbneten für einen solchen Vorschlag zu ge-

Eine Woche war vergangen — langsam, schleichenb, in fast erdrückender Einförmigkeit. Da endlich eines Abenbs nahm Anna all ihren Muth zusammen, um bie qualvolle Stille bes Zimmers zu brechen, unb fragte: „Willst Du nicht einmal Deine Schwester bitten, an ben langen Winterabenden zu uns zu kommen?" Sie erschrak fast vor ihrer eigenen Stimme, die in dem ung'müthlichen, todtenstillen Raume so seltsam klang.

Gleendom antwortete kurz und scharf, daß Margot dazu keine Zeit habe und jedenfalls viel zu müde sei. „Angestrengteste Arbeit den Tag über, ein sorgenschweres Herz und schlaflose Nächte machen früh müde und alt", sagte er.

Wie doppelsinnig Ben auf einmal geworden war! Er sprach von Margot — und meinte sich.

Anna wandte sich ärgerlich und enttäuscht ab. Sie brach das neu entstandene Schweigen nicht mehr; aber im nächsten Augenblick hätte sie auf­jubeln mögen — ihre eigene Frage hatte sie auf einen Gedanken gebracht, den sie schon morgen auszuführen gedachte; sie selbst wollte zu ihrer Schwägerin Margot gehen, die mußte ja Gewiß­heit über Paul's Aufenthalt haben.

Wie merkwürdig, daß sie nicht schon vorher darauf gekommen war.

III.

Der folgende Tag brach heiter an. Die Wintersonne beschien die weißen Flächen Hellund freundlich als ein erster, zögernder Gruß des noch fernen Frühlings. Da begann der Schnee langsam zu schmelzen; die dünnen Eisdecken über

winnen. Ob das gelingen wird, ist noch voll­kommen ungewiß.

Deutsche* Deich.

Berlin, 6. Dezember.

O Ueber die Ginvriugnng des Iesuiteu- aulrages im Reichstage ist der ,Reichsbote" wüthend. Er schimpft in seiner kräftigsten Luther­tonart über diese Frechheit und über den „Un­fehlbarkeitswahn", der auf die Gefühle Anders­gläubiger keine Rücksicht nehme. Das Blatt hat sich allen Ernstes eingebildet, die „Proteste" und „Zeugnisse" gegen die Canisius-Encyklika hätten das Centrum eingeschüchtert. Der Zorn bestätigt uns zugleich, daß alle diese ^Proteste im Grunde gar nicht der Entrüstung über die „Schmähungen", die angeblich in der Encyklika enthalten sein sollen, entsprungen sind, sondern nur Stimmung gegen die Aufhebung des Jesuitengesetzes machen sollten. Den ,Reichsl>oten" verdrießt es sogar, daß das Centrum mit dem Anträge so rasch bei der Hand war. Anscheinend sieht es darin eine besondere „Unverfrorenheit", daß man es gewagt, den Antrag einzubringen, während die Generalsynode noch versammelt ist. Das soll eine ungehörige Mißachtung und Verletzung der konfessionellen Gefühle Andersgläubiger sein. Wann wird der ,Reichsbote" sich einmal zu der Unbe­fangenheit aufschwingen, um zu erkennen, daß die zahllosen, wüsten Schimpfereien gegen alles, was uns heilig und ehrwürdig ist, auf protestantischen Versamm­lungen auch unser religiöses Gefühl verletzen muß? Die verblendeten Fanatiker der Pastorenblätter haben dafür ebenso wenig Verständniß, wie für Recht und Gerechtigkeit, sobald es sich um Katholiken handelt. Kümmern wir uns darum, was die Protestanten auf reli­giösem und kirchlichem Gebiete für sich verlangen, solange sie nur uns in Ruhe lassen? Schreien wir über Verletzung unserer Gefühle, wenn sie Rechte und Freiheiten für ihre Kirche verlangen, die sie für nothwendig halten? Wir verlangen nichts, als unser Recht und nichts, was in die Rechte der Protestanten eingreift. Deshalb be­stehen wir auf unserem Rechte auch unbekümmert um den wilden Spektakel aller Hofprediger und ,Reichsbote" bis zu Thümmel.

X Die Stellung, die die einzelnen Par­teien zu der Ikottenvorkage einnehmen werden, war bis heute Abend durchaus noch nicht geklärt. Auch innerhalb der konservativen Partei be­steht noch eine Minderheit, die nicht geneigt dazu ist, die Vorlage der Regierung in ihrem ganzen Umfange anzunehmen. Einstimmigkeit bei den Konservativen herrscht bisher nur darin, daß sie die im vorgelegten Etat für das nächste Jahr eingestellten Posten bewilligen wollen. Vom Centrum hat ein parlamentarischer Bericht­erstatter eine sonderbare Mär ersonnen. Danach hätte nämlich der Papst Interesse bekundet für die deutsche Weltmacht-Politik des Kaisers, und somit müsse die Centrumsfraktion sich sehr hüten davor, diese Pfade des Papstes zu kreuzen!! Wir vom Centrum brauchen für solche Phantasien nur ein kühles Lachen zu haben. Der Kaiser und die Regierung aber mögen sagen: Gott be­

wahre mich vor meinen Freunden! Die national-

liberate Fraktion hat in einer am letzten Sonnabend abgehaltenen Fraktions-Sitzung ein­stimmig beschlossen, die Vorlage der Regierung in ihrem ganzen Umfange anzunehmen. Die nationalliberalen Blätter, die vorher meistens sehr kritisch zu der Flottenoorlage sich verhalten hatten, sind darüber nicht wenig in Verlegenheit gerathen, und die nationalliberale Berliner,National-Ztg/ wirft nach wie vor sehr stark zweifelnd die Frage auf: ob es wohl der nationalliberalen Fraktion gelingen werde, auf der Grundlage der unver­änderten Annahme der Vorlage eine Verständi­gung im Reichstage zu erzielen? Die freisinnige Volkspartei lehnt die Vorlage rundweg ab. Ebenso thut das natürlich auch die sozialdemokratische Partei. Die,Deutsche Tageszeitg.", das Organ des Bundes der Landwirthe, hat ihre zu­erst scharf ablehnende Haltung der Vorlage gegen­über zwar erheblich gemildert. Aber noch immer verhält sie sich ablehnend gegen die Bindung des Reichstages auf 7 Jahre hinaus.

* Das Machslhnm der Aeichsschukd seit dem Jahre 1875 wird durch nachstehende Ziffern veranschaulicht. Dieselben stellen die verzinsliche Reichsschuld dar; daneben besteht insbesondere noch eine unverzinsliche Reichsschuld in Gestalt der Reichskassenscheine (120 Millionen).

1877: 16,300,000

1878: 72,203,600

1879: 138,860,700

1888: 721,000,000

1889: 883,755,900

1890: 1,117,981,800

1880: 218,057,600

1891: 1,317,797,700

1881 : 267,786,500

1882 : 319,239,000

1883: 348,351,500

1884: 373,125,200

1885 : 410,000,000

1892: 1,685,567,400

1893: 1,740,842,500

1894: 1,915,714,500

1895: 2,081,219,800

1896: 2,125,255,100

1886: 440,000,000 1897: 2,141,242,300

1887 : 486,201,000

Vom 1. April 1897 bis zum 1. November 1897 sind noch weiterhin 10,660,500 M. Schuld- Obligationen begeben worden, so daß sich am 1. November 1897 das Schuldkapital des Reichs auf 2,151,902,800 Wk. belief.

Qg Exzellenz Dr. Aarkhausen, Präsident des evangelischen Kirchenrathes, und der abessinische „Barbar", Menetik, Wegns von Schoa. Die evang. Synode ist wieder zusammen gewesen. Das Erste, was sie unternahm, war ein „lebhafter, lauter Protest" gegen die empörten „Schmähungen der Reformation" durch die päpstliche Canisius- Encyklika, die bekanntermaßen den „treuen Gottes­mann" Luther auf seinen wahren Werth zurück­geführt hat — genau nach den Ansichten vieler protestantischer Geschichtslehrer und unparteiischer Geschichtsforscher, wie die.Germania" in letzter Zeit eine ganze Reihe aufgeführt hat. Den Ent- rüstungssturm über angeblich zugefügte Insulten eröffnete Dr. Barkhausen und nach ihm eine ganze Schaar protestantischer Pastoren. Wir unserseits grollen nicht über die heißblütigen Ergüsse über Papst und kathol. Kirche von Seite des Eiferers, das liegt in ihrem Wesen, und, sagen wir es offen heraus, in ihrer geistigen Verfassung. Was wir festnageln wollen, ist die Art der Schmähung gegen das Oberhaupt der katholischen Kirche, die alles Maß der Bildung und des An­standes überschreitet. Diesen unqualifizirbaren

den Straßenrinnen krachten allmähtlg, und von den glitzernden, wie mit Krystall überzogenen Baumästen tropfte es leise nieder.

Der warme Sonnenblick traf auch Anna Gleendom's blasses Gesicht; aber er vermochte nicht die starre Eisrinde zu lösen, die in jener Nacht um ihr Herz sich gelegt hatte, Noch immer wohnten die sinsteren Zweifel in ihrer Seele; nur manchmal, wenn sie Ben's forschendes Auge auf sich ruhen fühlte, erfaßte sie eine leise Reue: es war ein Sehnen nach ihres Mannes alter Zärtlichkeit, nach seinen rauhen Liebkosungen und den einfachen, treuherzigen Worten. Sre hatte die frühere Liebe verwirkt, weil sie nun einmal Gefallen an einer andern Gesellschaft gefunden hatte! Ben mißgönnte und raubte ihr diese unschuldige Freude, die erste und einzige nach fünf endlosen, einförmigen Jahren! Und nun war sie doppelt einsam; sie waren beide zu stolz, um das drückende Schweigen zu brechen. Gleen- dom kam und ging so kurz und barsch, als ob es nie mehr zwischen ihnen werden könne wie früher. Sie wußte es und wünschte es auch nicht anders — das ftische, fröhliche Gesicht Paul Olten's trennte sie von ihrem Gatten. Sein Schatten stand zwischen ihnen, nicht finster und ernst — denn sie gedachten des heitern, lachenden Gastes; aber er schied sie unwiderruflich von einander. Ben hörte noch immer die schöne, klangvolle Stimme Pauls, sah noch seine strah­lenden Augen und glaubte selbst jetzt ihren Freudenschimmer auf Anna's Antlitz sich spiegeln zu sehen — wenn auch ihre Wangen längst wieder so bleich geworden waren, wie vorher. Es konnte nicht länger so fortgehen, es mußte

ein Ende kommen; sie fühlten es beide. Unb bas Ende kam.

Anna entwickelte an diesem Morgen eine fieberhafte Thätigkeit. Sie sehnte sich fort aus dem öden, stillen Hause und freute sich auf den Besuch bei Margot. Sie liebte ihre Schwägerin und war derselben innig dankbar, aber auch nur ihr, nicht Ben. Das war eigentlich sonderbar; aber dieser, sagte sich Anna, hatte den Lohn für seine That begehrt und erhalten, während Margot ganz aus selbstloser Liebe gehandelt hatte.

O, wie schnell sind wir bereit, die Thaten anderer nach muthmaßlicheu Beweggründen zu beurteilen! Wie oft fühlen wir uns Menschen gegenüber verpflichtet, die nur ein klug ver­borgenes Interesse geleitet hat, während die schlichte Gabe, aus uneigennütziger Hand geboten, kaum ein Dankgefühl in uns erweckt!

Es war, als ob sich alles vereinigt habe, um Anna Gleendom von ihrem Gange abzuhalten. Noch nie war die kleine ländliche Magd fo un­beholfen und langsam in ihren Verrichtungen ge­wesen wie heute. Nach unzähligen Verstößen hatte sie endlich das einfache Mahl, das außer ihr fast Niemand berührte, zu Stande gebracht. Manches kommt anders, als wir gefürchtet haben. Diese Wahrheit erfuhr auch Bethy, als sie in Erwartung der Schelte die Menge von Stücken zerbrochenen Geschirres zusammenlas und statt jener — die Erlaubniß erhielt, den ganzen Nach­mittag bis zum späten Abend bei einer entfernt wohnenden Verwandten zuzubringen. Ihre Herrin selbst hatte mit gedrücktem Herzen und vor Auf­regung zitternden Händen eine Art deutschen Gebäckes bereitet, das Margot besonders liebte.