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Samstag, den 4. Dezember 1897

24. Jahrgang

krschmrt »glich, m. Ausnahme der 6mm« and Feier« tage. «iertcllShrl.

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•~VSA'SXSsrt£n mit Zlnlerhattungs-Beilage „Sterne und Blumen!'

9nt nn» Verl«« in Jultun Xrtkutrxltrei ptlrref«<t Nr. 2 (tmnk).

Wochen-Rundschau.

(Nachdruck verboten.)

X Fulda, 4. November.

Am 30. November hat der Reichstag wieder seine Pforten geöffnet. Nach Anhörung der Thronrede im Prunksaale deS Berliner Königsschlosses fand eine ge­schäftsmäßige Sitzung statt, deren Tagesordnung nur aus einem einzigen Gegenstände bestand: Feststellung der Beschlußfähigkeit. Die Präsidentenwahl darf näm­lich nach der Geschäftsordnung nicht eher stattfinden, als bis die Beschlußfähigkeit festgestellt ist. Aber der Namensaufruf ergab, daß nur 174 Mitglieder des Hauses anwesend waren, und damit eine Zahl, die zur Beschlußfähigkeit nicht ausreicht. Einstweilen übernahm Freiherr v. Buol-Berenberg in vorläufiger Weise das Präsidium. Konnte doch von Anfang an kein Zweifel daran obwalten, daß es bei dem alten Präsidium bleiben werde: Abg. Freiherr von Buol, Präsident, Abg. Schmidt erster und Abg. Spahn 2. Vizepräsident. Die Marinevorlage und den Reichshaushalts-Etat fand der Reichs­tag gleich bei seinem Zusammentritt vor. Nicht so die Vorlage über die Reform des militärischen Strafprozesses. Diese erschien erst ein wenig später auf der Bildfläche. Veröffentlichungen durch anttliche uud Regierungs-Blätter hatten schon einige Tage vorher die Hauptsachen aus diesen Vorlagen mitgetheilt, so daß man deren Inhalt im allgemeinen bereits kannte. Vielleicht trug dieser Umstand auch dazu bei, daß weniger Reichsboten nach Berlin geeilt waren, als dies der Fall gewesen wäre, wenn man die Vorlage noch gar nicht gekannt hätte.

Die Marine-Vorlage des Herrn Staatssekretärs Tirpitz verlangt für die Jahre von 1898 bis 1904 im ganzen genommen für unsere Kriegsflotte eine Summe von tausend Millionen Mark. Aber obwohl die Summe ja riesengroß ist, erregt noch mehr Bedenken als diese Summe selbst die Forderung, daß der Reichs­tag gleich auf sieben Jahre hinaus die Beivilligungen für die Marine gesetzmäßig festlegen, also nicht nur dem nächsten, sondern auch noch dem übernächsten Reichstag die Hände binden soll. Diese Forderung begegnet bei allen Parteien den lebhaftesten Bedenken und sehr deutlich drückt sich die .Deutsche Tages­zeitung', das Hauptblatt des Bundes der Landwirthe, aus, indem sie schreibt: „Der Wortlaut des Gesetzent­wurfes begründet durchaus die Bedenken, die wir pflichtgemäß äußern mußten. Er stellt sich in seiner ganzen Form als eine Bindung für den Reichs­tag dar, während die Gegenseitigkeitsbindung der Regierung nicht zum Ausdruck kommt. Wird der Ent­wurf in dieser Fassung angenommen, dann ist die jährliche Festsetzung der Flottenbewilligungen durch den Reichshaushaltsetat nur eine Formsache. Wir glauben kaum, daß die Mehrheit des gegenwärtigen Reichstags bereit sein wird, sich, den nächsten und übernächsten Reichstag in dieser Weise zu binden." Wenn die Mehrzahl der übrigen Konservativen eben­so denken würde, wie dies hier in der .Deutschen Tageszeitung, zum Ausdruck gelangt, dann würde diese Forderung der Regierung mit einer übergroßen Mehr­heit vom Reichstage abgelehnt werden. Aber der Entwurf im ganzen genommen hat wenig Aussicht auf Annahme in der Form, wie die Regierung ihn borgelegt hat. In diesem Sinne schrieb auch schon die»Germania', der Gesetzentwurf über die Flotten­vorlage wird voraussichtlich nur ein E n t w u r f bleiben und in der vorliegenden Form nicht zum Gesetze werden. Niemand freilich empfindet Freude an Streit und Zwistigkeiten, und noch weniger will die Mehr-

Anf derselben Stufe.

Eine WeihnachtSgeschichte aus London von Klara Lötschert.

2 ------ (Nachdruck oerboten.)

«Man freut sich immer so, wenn man im fremden Lande Jemand aus der lieben Heimath wiedersieht," nahm Paul Olten das Wort. „Und sehen Sie, Mr. Gleendom, wir beide waren Nachbarkmder und spielten in der Kindheit mit einander!"

«Wmß schon; dar heißt, kann mir das Uebriqe ltlcht denken!"

„Nein, Ben! Das kannst Du nicht," sagte die junge Frau, indem sie ihre kleine Hand auf seinen Arm legte. „Siehe, zwischen meinem Vater­hause und Pauls Elternhaufe lag ein großer Garten nut einer hohen Hecke. Paul halte ein Loch darin angebracht, durch das er in den Frei­stunden herüberschlüpfte. Dann machten wir kleine Gärten aus Sand, auf deren Beeten die Blumen gar schnell erblühten und noch schneller wieder verwelkten. Auch kleine Häuser und Burgen aus Stein wurden erbaut, die dann der Morgen jedesmal zertrümmert fand. Sonderbar, daß Kinder nicht leicht etwas müde werden! Auch wir pflanzten und bauten und achteten nicht aus die fliehende Zeit, bis Paul zehn und ich zwölf Jahre alt waren. Da starb meine liebe Mutter. Ich wurde fort in eine ferne Anstalt geschickt, um viel, viel zu lernen. Ach, ich wußte damals noch nicht, wozu! Erst nach mehreren Jahren, kurz nach meines Vaters Tode, sah ich Paul wieder. Ich war in den Garten hinabgegangen, um Ab-

heit des Reichstages dem Reiche das vorenthalten, was chm durchaus nothwendig ist dazu, seine Kriegs- Flotte in dem Zustande zu erhalten, den des Reiches Sicherheit und die Wahrung der deutschen Jntereffen erfordern. Das aber ändert nichts an der Pflicht des Reichstages, die Forderungen der Regierung ruhig, und sachlich zu prüfen und genau zu erwägen. wieweit diese Forderungen Annahme finden können Es hieße die Rechte des Volkes verletzen, wollte der Reichstag nicht so handeln.

Viele von denjenigen, die die Regierung bei ihren Flottenbestrebungen unterstützen wollen, gehen dabei so zu Werke, wie jene Freunde, von denen das Sprüch- wort sagt, daß uns Gott vor ihnen bewahren möge. Wir meinen die Schwärmer für weltpolitische Abenteuer, die so nach der Art der alten nor­dischen Recken und yerfirtei mit den Schiffen hinaus in die Welt ziehen und mit dem Dreizack und Schwerte in der Faust Städte, Häfen und Länder erobern möchten. Denen find die Flottenforderungen noch viel zu niedrig, und hohnlächelnd rief eine Berliner Zeitung, die auch gern in dieser Sorte Politik macht, in diesen Tagen aus: „Also das ist der ganze Flotten­plan — schade um die viele Tinte und Druckerschwärze, die darum verbraucht worden ist!" Diese Leute hätten gar zu gern gesehen, daß unsere Regierung auch in China in solche Abenteuer sich gestürzt hätte und dort ein wenig auf Abenteuer ausgegangen wäre. Aber damit war es nichts, die Regierung ließ diesen Schwärmgeistern durch ihr Leibblatt, die .Norddeutsche Allgemeine Zeitung, eine Abkühlung zutheil werden. „Die Besetzung der Kiautschau-Bucht — so schreibt die »Norddeutsche Allgemeine Zeitung' — hat in der Presse Vermuthungen wachgerufen, welche irrig sind. Jene Maßregel ist erfolgt, um von der chinesischen Regierung Genugthuung für di «Ermordung der deutschen Missionäre und überdem eine Gewährleistung dafür zu erhalten, daß solche Vorgänge sich nicht wiederholen." Die chinesische Regierung, welche die Niederlassung der Ausländer innerhalb ihres Machtbereiches zuläßt, muß denselben auch den nöthigen staatlichen Schutz gewähren können. Wenn Deutschland aber diese Gelegenheit benützt, um in China dauernde Vortheile zu erlangen für seine Handelsverhältnisse, so würde Niemand ihm das verargen können.

Eine schmerzliche Lücke hat der Tod in die Reihen der deutschen Katholiken gerissen: in München starb in Folge eines Schlaganfalles Erzbischof Antonius v. Thoma. Dem Geschiedenen kann man keine schö­neren Worte zurufen, als dies Dompfarrer Dr. Lechner in München in der Münchener Metropolitankirche that: „Was unser guter, unvergeßlicher Oberhirt hier geleistet, was er uns, was er seinem Klerus, was er allen Gläubigen gewesen, es ist aller Welt offenkundig; und wie er immer geblieben der heilsbesorgte, rastlos thätige Priester der ihm anvertrauten Seelen, der wahre Seelsorger int idealsten Sinne des Wortes, das weiß die ganze Diözese, das athmen seine klaren, zum Herzen sprechenden Hirtenbriefe, das bezeugen seine immer wiederkehrenden Firmungs- und Visitationsreisen, das bestätigt seine Sorgfalt für Heranbildung seines Klerus, das bekundet sein Eifer besonders für die Erbauung neuer Kirchen und für Erweckung religiösen Sinnes und Lebens durch Abhaltung von Missionen, davon sprechen seine Liebe und Hochachtung gegen die klösterlichen Vereinigungen und Institute . . . Seine hohen Verdienste erwarben ihm allgemeine Anerkennung, und es kann nicht Wunder nehmen, wenn der hl. Vater selbst ihn mit besonderen Auszeichnungen bedachte und auch die Krone ihn vorzüglicher Ehrungen würdig er­achtete."

Auch die nationalliberale Partei verlor einen ihrer ältesten Führer und damit der Reichslag eines seiner ältesten Mitglieder durch den Tod des Professors Dr. v. Marquardscn, welcher in Erlangen einem Schlaganfall erlag. Heinrich Marquardsen war am

schied von ihm zu nehmen, ehe ich die Heimath für immer verließ. Wieder lag die hohe Hecke zwischen uns; das Loch darunter aber war längst zugewachsen, und so stiegen wir auf einen Stein und reichten uns die Hand hinüber. Seitdem haben wir uns nie wieder gesehen, nie, bis ich vorhin fein Gesicht hinter dem Fenster erblickte!"

„Und nun ist es an mir, zu erklären, durch welchen Zufall mein Gesicht gerade am Weih­nachtsabend durch die Scheiben dieses gastlichen kleinen Hauses in England schaute," nahm Paul Olten das Wort. „Die Sache ist übrigens ein­fach genug! Mein Vater wünschte, daß ich un­seres Geschäftes wegen eine Stelle im Auslande suchte. Die fand ich denn auch bald in Liverpool. Zuvor wollte ich jedoch London besuchen; ich muß gestehen, der Wunsch, meine schöne Gespielin aus dem Nachbarhause wiederzusehen, trug nicht wenig dazu bei. In den verschiedenen Familien, an welche ich Empfehlungsbriefe hatte, konnte man mir natürlich keine Auskunft geben. Da ging ich auf das Postamt. Als ich den Namen meiner Landsmännin nannte, wies mich einer der Brief­träger hierher. „Benjamin Gleendom kann Ihnen die beste Auskunft geben, Herr!" sagte er schmun­zelnd. Ich machte mich sofort auf den Weg. Das gastliche Licht, das den beschneiten Gartenpfad erleuchtete, verlockte mich zu dem Blicke durch das Fenster!"

„Bei meiner Seele," fiel hier Ben Gleendom ein, „das war gewiß Frank Morton, der brave Bursche, der Sie hierher wies! Morgen muß ich ihm danken! Aber haben Sie schon ein Unter­kommen für die Nacht, Herr Olten?"

25. Oktober 1826 in Schleswig geboren. Er wurde frühzeitig Mitglied der bayerischen Abgeordnetenkammer und dann des Zollparlaments, und gehörte dem Reichs­tag seit 1871 an, zuletzt als Vertreter des Wahlkreises Homburg-Kusel. Der Verstorbene spielte eine besonders hervorragende Rolle bei der liberalen Gesetzgebung der siebziger Jahre.

In Sachsen und in Bayern spielt gegenwärtig die Frage von der Aufhebung des Verbotes der Verbin­dung von Vereinen untereinander eine wichtige Rolle. In Sachsen hat die Regierung dem Landtage eine entsprechende Vorlage schon gemacht, aber die Konser­vativen wollen sie nur dann annehmen, wenn gleich­zeitig andere Einschränkungen verfügt werden. In Bayern hat die Regierung ihre Bereitwilligkeit erklärt, der Aufhebung des Verbotes zuzustimmen. Auch die Centrumspartei wird natürlich die Aufhebung des Ver­botes gutheißen. Die Aufhebung der Bestimmung da­gegen, daß die Behörden und Beamten verpflichtet sind, durch Aufsicht und Anzeige Uebertretungen der Strafgesetze zu verhüten, wird weder vom Centrum, noch von der Staatsregierung empfohlen. Gewünscht wird, daß Wallfahrten, Prozessionen usw. in Zukunft keine polizeiliche Erlaubnis bedürfen. Ueber die Theil- nahme der Frauen und Minderjährigen an politischen Versammlungen herrscht die Ansicht, daß die genannten Personen nicht dorthin gehören. Ihre Theilnahme an öffentlichen Versammlungen soll dagegen nicht ge­hindert werden, wenn öffentliche Angelegenheiten in weitem Sinne behandelt werden.

Im letzten Sommer war die Rede von einem Berficheruugsgesetz für das Reich, das in Vorberei­tung fein sollte. Es ist zunächst nichts daraus ge­worden. Nun muß die Gesetzgebung der einzelnen Länder eingreifen. In Preußen soll dies beab­sichtigt sein, in Württemberg hat die Aufsicht über das Versicherungswesen die zweite Kammer des Land­tages bereits beschäftigt. Bei Berathung einer Polizei« strafrechtsnovelle führte daselbst der Referent aus, daß die herrschenden Mißstände in einem Bericht als Landes- kalamität bezeichnet werden. Der Entwurf schlägt Anzeigepflicht und Staatsaufsicht vor. Die Kommission fügte als Mittel noch die BefuZniß hinzu, einer nicht foliden Versicherungsgesellschaft den Geschäftsbetrieb zu verbieten. Es wurde ausdrücklich betont, daß auch die Handels- und Gewerbekammern gesetzliche Regelung wünschen. Ueber die Aussichten der Reichsgesetzgebung im Versicherungswesen machte Staatsminister v. Pischek die Mitthellung, daß die Grundzüge für den Entwurf eines Reichsgesetzes über Privatversicherungsunter- nehmen bereits in 122 Paragraphen niedergelegt sind. Diese Grundzüge sollen in nächster Zeit einer Konferenz von Sachverständigen vorgelegt werden.

In Oesterreich sieht nun Vieles ganz anders ans, als vor einer Woche. Graf Badeni hat weichen müssen. Ihm ist als Ministerpräsident Gautsch v. Franken­thur n gefolgt, bisher Unterrichtsminister im Kabinet Badeni. Dieser hat nun ein Beamtenmiuisterium ge­bildet, in das aus dem Kabinet Badeni nur der Kriegs­minister Graf o. Welsersheimb hinübertritt. Die andern Minister sind fammt und sonders alte Beamten. Kein einziger ist darunter mit einem ausgesprochenen poli­tischen Programm, und man kann beinahe dasselbe von dem neuen Ministerpräsidenten selbst sagen. Dieser hat die schwierigsten Ausgaben zu lösen, die einem Minister zufallen können, und er wird zunächst fort­gesetzt zwischen zwei drohenden Ungeheuern schweben: entweder Obstruktion, also Verweigerung aller parla­mentarischen Mitarbeit bei den Deutschnationalen, wenn diese sich nicht befriedigt fühlen, oder umgekehrt bei den Tscheschen. Leider scheint es so, als sollte der polnische Abgeordnete Abrahamowitsch entgegen den boraufgegangenen Nachrichten Präsident des Abgeord­netenhauses bleiben — und das freilich würde gleich­bedeutend fein mit der Erneuerung der Skandale im Abgeordnetenhause.

„Offen gestanden, nein! Ich war vorhin zu müde, um danach zu sehen; doch das nlird sich in einer so großen Stadt leicht finden."

„Wollen Sie einen Freundschaftsdienst von mir annehmen, Herr? Wohl würde ich es als Hochmuth anfehen, wenn Sie es nicht thäten! Seht, da ist meine Schwester Margot Gleendom, die hat einen kleinen Laden in der Whitechapel- Straße und dahinter ein gar freundliches, sauberes Stübchen, das Sie Ihnen gern überläßt. Nach­her will ich Sie hinführen! Es ist dasselbe Stübchen, wo — na, sieh' mal an, wie merk­würdig, daß nun gerade Sie darin schlafen sol­len ! O, Ann'! Ich erzähle es ihm doch! Ich bin kein Freund vom langen Schweigen und habe nun Eure beiden Geschichten geduldig angehört; da ist es nur billig, daß ich auch eine zum Besten gebe!"

Die Farbe ging und schwand auf ihren Wan­gen. Seine Rede schien sie peinlich zu berühren; aber sie nickte schweigend und zog sich wie er­müdet nach ihrem Stuhle am Kamin zurück. Von diesem Platze aus konnte sie so gut das kleine Zimmer überschauen, wo die beiden Männer am Tische saßen, von der schwach brennenden Lampe beschienen: Paul Olten's Gesicht in feiner frischen, jugendlichen Schönheit, wie er leicht nach vorn gebeugt den Worten feines Wirthes mit großer Theilnahme zu lauschen schien. Und Ben Gleen­dom selber? — Nie hatte sich fein breites Ge­sicht unvortheilhafter ausgenommen, als eben jetzt. Der dicke Kopf mit dem röthlichen, krausen Haar steckte viel zu tief in den Schultern, und die niedrige Sürn nebst dem großen Munde gaben feinen Zügen

Parteien im österreichischen Ab- geordnetenhause.

Angesichts der Vorgänge, die sich int öster­reichischen Abgeordnetenhaute abgespielt haben, wird es von Jntereffe fein, die Parteigruppirung dortfelbst sich sich zu vergegenwärtigen. Die Wahlen für das Abgeordnetenhaus haben im März ds. Js. stattgefunden und, wie bekannt, ist dabei die Linke stark geschwächt worden. Die am weitesten nach links stehende Gruppe („Klub" lautet die österreichische Benennung) bilden die Deutschfortschrittler, knapp 50 Mann stark, die noch in zwei Unterabtheilungen zerfallen, die eigentliche „fortschrittliche Gruppe", 35 Mitglieder, und die „liberale Gruppe", stark ein Dutzend, bestehend aus den liberalen Wiener Abgeordneten und Vertretern der Handelskammern und anderen Interessengruppen. Zu den ge­mäßigten Liberalen zählen die 25 Vertreter der „liberalen deutschen Großgrundbesitzes" Liberal aber zugleich antisemitisch-agrarisch sind die „Deutschvolklichen" unter Führung Stein­wenders. Katholische Richtung vertreten die gleichfalls antisemitischen „Christlich-Sozialen" unter Führung Luegers, 35 Mann stark; sie ge­hören also zur Rechten, aber zugleich zu den Deutschen. Antisemitisch, aber für den Anschluß an das Deutsche Reich schwärmend, sind die „Deutsch-Nationalen" unter Führung Schönerers, die jedoch nur 6 Mann zählen. Die Deutsch-Tiroler bilden die katholisch-antisemitische Gruppe der „Deutsch-Klerikalen", 35 Ab­geordnete, unter Führung von Dipauli und Eben­hoch. Eine besondere katholische Gruppe bilden die 6 Mann um den Grafen Falkenhayn, die sich bekanntlich zur Badenischen Mehrheit schlug, während die Deutsch-Klerikalen in den letzten Streitigkeiten auf Seite der Minderheit standen. Der neue Ministerpräsident v. Gautsch wird zumeist den Deutsch-Klerikalen zugerechnet, er steht aber etwas weiter links und hat namentlich über das Verhältniß des Staates zur Kirche mehr liberale Anschauungen; auch in der Schulfrage ist er nicht konsequent und kommt den katholischen Ansprüchen kaum Halbwegs entgegen. Mit diesen Gruppen ist die deutsche Minderheit erschöpft.

Die flavifchen Abgeordneten gliedern sich nach den Volksstämmen. Die Czechen zählen 60 Vertreter, die der liberalen-jungczechischen Richtung angehören, die sogenannten Husiten, eingefleischte Feinde des Deutschthums und zugleich religiös auf freimaurerischen Grundsätzen fußend. Sie bilden das widerwärtigste Element im öster- reichifchen Abgeordnetenhaufe. Ihre Politik ist ein verwässerter, ichsüchtiger Liberalismus etwa von der Sorte unserer nationalliberalen Staats- retter. Ungefähr gleich stark sind die Polen, denen es gleichfalls an Egoismus nicht fehlt, wobei sie religiös und politisch mehr konservativ gerichtet find. Geringer an Zahl und aus politisch und kirchlich verschieden gearteten Elementen zu­sammengesetzt find die „Süd-Slaven", unter welchem Namen man die Ruthenen, Slovenen u. f. w. begreift. Ihr Zusammenhalt ist wesentlich vom materiellen, nicht vom Prinzipien-Interesse beeinflußt.

Außerhalb dieser Gruppen stehen als eigent­liche konservative Adelspartei die „feudalen

unzweifelhaft den Ausdruck des Gewöhnlichen. Nur eines war schön in diesem Gesichte, und dies waren die großen, blauen Augen, in denen so viel Seelengüte und Treuherzigkeit lagen, daß man bei ihrem Anblicke das Unschöne der ganzen Erscheinung vergessen konnte. Es war ein etwas in ihnen, das an Kindesaugen erinnerte; aber — Anna Gleendom hatte nie darauf geachtet. Was Ben jetzt erzählte, zog an ihrem Geiste vorüber wie ein böser, schwerer Traum.

Sie war nach England gekommen, arm und allein, aber mit der sicheren Aussicht auf eine paffende Stelle. Als ob man je dies Wort im voraus auf eine ungewisse Sage unter nie gesehenen Menschen anwenden könnte! Und Anna Belling- heim erfuhr und durchkostete denn auch alle Demüthigungen und Härten, denen ihre schutzlose Jugend nur ausgesetzt fein konnte.

Es war vor fünf Jahren gewesen, im Monat Dezember. Durch den Tod ihres Zöglings war ihr die letzte Stelle gekündigt worden. Man hatte ihr eilig das rückständige Gehalt ausgezahlt; aber in dem selbstsüchtigen Schmerze kümmerte sich Nie­mand um das nun obdachlose Mädchen aus der Fremde — ihr Anblick erinnerte ja in der pein­lichsten Weise an den tobten Liebling!

Die letz,te Dezemberwoche war gekommen, und noch immer saß Anna in dem eisigkalten Kämmer­lein und wartete auf eine neue Stelle. Ihre letz­ten Ersparniffe waren zum Vermittelungs-Bureau gewandert, und als sie am Morgen des heiligen Abends wiederum fragend von einem zum andern ging, erhielt sie überall dieselbe ausweichende Ant­wort. Manch' höhnischer Blick streifte ihr dün-