jK 273 Montag, den 29. November 1897. 24; Jahrgang
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mit Nnterhaitungs-Hriia-e „Sterne mW Kiumeu".
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Zweites Klatt. J
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Eine Prüfung.
Novelette von Sandor Barinkay.
Frau Maud Somersett machte Toilette zu ihrem Empfangsabend. Ungeduldig sucht sie in den Schränken hin und her und schiebt die Hellen, geputzten Gewänder bei Seite; sie sind nichts für ihren Zweck. Als Frau von Geschmack und Geist wählt sie stets ihren Anzug nach ihrer Stimmung; und so sehr sie auch sonst in ihrer lachenden Fröhlichkeit lichte Kleider, entzückende Potpourris aus Schleier, Spitzen, Bändern, Blumen liebt, heute nicht! Heute nicht, wie schön auch die Sonnenkugel im Blauen schwimmt, goldene Strahlen niedersendet, und die Meerfluth traulich und sanst- geschwätzig an's Ufer rollt!
Da endlich, in der Ecke ein Theekleid, das sie getragen, als sie noch Halbtrauer um ihren Gatten hatte: ein schwarzes Seidenkleid mit weißem Bobbinet- Ueberwurf und schwarzen Florschleifen.
Das paßt herrlich! Rasch schlüpft sie hinein und tritt vor den Spiegel. Sie ist mit dem Bild, das derselbe zurückgibt, überaus zufrieden; von dem duftenden Weiß hebt sich ihr rosenzarter Teint wunderbar ab, die schwarzen Bänder dämpfen geschickt den fast etwas bräutlichen Eindruck und das dunkle Unterkleid knistert wie in mystischer Trauer.
Nun noch eine schwarze Schleife in das goldblonde Haar, ihr Hauptstolz, denn es wallt, wenn es gelöst wird, bis zu den Knöcheln nieder — und sie ist fertig. Es ist auch höchste Zeit. Schon hört sie das Traben der falben Ponys vor Miß Mabel Middlons kleinem Korbwagen. Die Schwatzbase muß ja immer die Erste sein.
Nun, heute kam sie gerade recht! Mrs. Somersett lacht leise auf. Dann gibt sie ihrem Gesicht einen melancholischen Ausdruck und geht hinunter in den Theesalon.
Als Miß Mabel eintritt, erhebt sich die Hausfrau müde und langsam vom Sopha und kommt ihr mit einem schwermüthigen Lächeln entgegen.
„Was ist's mit Dir, liebe Freundin? Bist Du nicht wohl?" fragte die Angekommene.
Frau Somersett legt ihr hübsches Köpfchen auf die Schulter der kleinen, dicken Dame und seufzt:
„Liebe! körperlich bin ich wohl, aber seelisch leide ich, ach, leide ich sehr! Zum wahnsinnig werden, Mabel! Und um mich davor zu retten, muß ich mich aussprechen, klagen einem theilnehmenden Herzen und Trost empfangen! Einmal muß es ja doch gesagt werden!"
„Sage mir Alles, Theuerste! Was ist Dir widerfahren?"
Die schöne Frau sinkt erschöpft in einen Fauteuil nieder, und nach einer Pause, in der sie traurig die Augen mit ihren kleinen, hübschen Händen bedeckte, beginnt sie leise:
„Versetze Dich in die Situation, beste Freundin! Denke, Du hättest Gewißheit, daß dieses reizende Landhaus hier Dir gehörte! Wie würde Dir da zu Muthe sein, wenn Du dies nnb den eleganten Besitz in Colchester, das ganze Vermögen und all das Schöne, Gute und Herrliche, was daran haftet, verlieren wirst und Dich aus dem gewohnten Glanz und Wohlleben und Reichthum zurückziehen' mußt in irgend einen Winkel, wo keine Bewunderung, keine Freude, kein Genuß Dich mehr finden wird!"
„Entsetzlich wäre das!"
„Entsetzlich ist es schon! Ich bin in dieser Lage, gute Mabel!"
Mabel reißt die Augen weit auf und horcht gespannt.
„Du weißt, mein seliger Gatte war einer der reichsten Grubenbesitzer und hat mir ein immenses Vermögen hinterlassen; ich lebte schön wie eine Fürstin. Aber ich hatte von der Stunde an, da ich Herr über das viele Geld geworden war, die Sucht, mit demselben zu spielen, das heißt, ich fing an, damit zu spekuliren, ich wurde Theilhaber von diesem und jenem neuen Unternehmen, die zum größien Theile früher oder später Konkurs machten, zum anderen Theile jedenfalls meine Unkenntniß zu ihrem Vortheil ausnützten. Zu lange war ich blind, und von dem Ehrgeiz des Spekulanten gepackt, rechnete und grübelte ich immer zu und übersah so, daß der Goldstrom sich allmählich in eine sehr dürftige Quelle verwandelte! Der Spleen ist mir theuer zu stehen gekommen, denn nun bin ich am Ende aller Herrlichkeit! Aus dem Erlös meiner beiden Besitzungen kann ich hoffentlich noch so viel herausschlagen, um in einer natürlich sehr wenig fashionablen Sphäre ein einfaches Dasein zu führen! Noch einige Wochen, dann fahre wohl, schönes, lustiges Leben! Wenn sich nicht meine Freunde meiner annehmen! Meine Freunde . ."
Ohnmächtig sinkt sie zurück.
Miß Middlon ist sprachlos. Mechanisch hält sie ihr das Riechfläschchen hin, das sie im Gürtel trägt, und als die Erschöpfte die Augen aufschlägt, füllt sie ein Glas mit Sherry und reicht es ihr.
„Das ist sehr schlimm, sehr schlimm! Aber Du mußt Dich fassen! Lord Clayton und Sheriff Campbell reiten eben ein!"
„Ich will fein Geheimniß aus meinem Unglück machen!" sagte die junge Wittwe resignirt und erhebt sich.
Aus den Arm Mabels gestützt, die ein sehr spitziges Gesicht macht, empfängt sie die Herren. Es sind zwei ihrer feurigsten Bewerber. Sie bringen ihr Blumensträuße und wetteifern in Feuerblicken und Komplimenten. Dann folgen noch einige Damen und Herren der Umgegend, sowie der Nachbar der Frau Somersett, Walter Radzlyff.
Man plaudert und scherzt und ist im Stillen befremdet über das müde, traurige Aussehen und Gebühren der Gastgeberin. Aber ehe die erste Taffe Thee geleert ist, wissen so ziemlich alle die Ursache desselben.
Miß Mabel hat schleunigst und ausgiebigst von den Worten Mauds, „ich will kein Geheimniß aus meinem Unglück machen," entsprechend Gebrauch gemacht.
Maud merkt es an dem Geflüster der Herren, den neugierigen Blicken der jungen und den indig- nirten der älteren Damen. Man wird sie verdammen!
Natürlich! Der Leichtsinn war zu groß, und nun sollen die Freunde — die Freunde — ha — und eine solche Frau — —
Maud lieft ihnen die Gedanken von den langen Gesichtern ab; sie lacht spöttisch und bitter.
Mr. Radzlyff, mit dem sie sich eben unterhält, sieht sie erstaunt an. Er weiß das Neueste noch nicht. In seiner ruhigen, etwas melancholischen Weise erzählt er ihr von den Verbesserungen auf seinem Gute, und Maud hörte ihm gern zu. Er hat eine hübsche, dunkeltönige Stimme, die sich in's Ohr schmeichelt. Frau Somersett hegt überhaupt ein gut Theil Sympathie für ihn; es verkehrt sich mit ihm so leicht, so zwanglos und ehrlich. Wie sie so plaudern, da tritt Lord Clayton herein und verneigt sich vor ihr; er will sich verabschieden.
„So bald schon, Mylord?" sagt Maud erstaunt und steht ihn an. Und sie sieht in seinen Augen, daß die Flamme erloschen ist, die bis heute für sie in feiner Brust gelodert.
„Leider so bald!" antwortete er gedehnt. „Ich wollte nur für einen Moment vorsprechen und bin nun schon zu lange geblieben! Eine wichtige Sache ruft mich nach London!"
Maud blickt ihm mit einem wehrnüthigen Lächeln nach, als er geht. Sie fühlt es, er kommt nicht wieder.
lieber der ganzen Gesellschaft liegt es heute wie ein drückender Nebel. Die gewohnte ungezwungene Lustigkeit will nicht wach werden. Man bricht sehr bald auf, Einer nach dem Andern.
Der Sheriff ist einer der letzten und hält die Hand der Hausfrau lange in der seinen, als er gehen will.
„Ich habe von einem Unglück gehört, das Ihnen widerfahren fein soll, Frau Somersett! Ist's nur böses Gerücht oder wahr!" fragte er theilnahmsvoll.
„Es ist wahr!" sagt Maud fchwermüthig und senkt den Blick.
„O, ich bedauere es heiß! Aber Ihre Schönheit ist ein so großer Zauber, daß Sie gewiß mit dessen Hilft bald an der Hand eines reichen Gatten das Leben und seine Freuden noch mehr genießen werden, als es bis jetzt der Fall war!"
Frau Somersett erröthet ob des unzarten Kompliments und wendet sich Herrn Radzlyff zu, der ebenfalls Abschied nehmen will. Sie ertappt ihn gerade, wie er seine Blicke zärtlich auf ihr ruhen läßt.
Und er sieht fröhlich und animirt aus. „Sie haben sich gut unterhalten?" fragt sie mit traurigem Augenaufschlag.
„Ueberaus gut!"
„Und Sie haben wohl auch vernommen, welches Mißgeschick mich ereilt hat?"
„Freilich! Gewiß!"
„Und was sagen Sie dazu?"
„Ich empfinde sehr große Freude darüber!" antwortete er mit blitzenden Augen, verneigt sich und geht.
„Scheusal! Und ich hielt ihn für gut und weichherzig!" denkt sich ärgerlich Maud und tritt in's Haus zurück. —
Am nächsten Morgen bleibt der pompöse Rosenkorb aus, den ihr seit Wochen alltäglich der Lord zugeschickt.
Frau Somersett setzt sich gedankenvoll auf die Veranda und vergebens wartet sie hier auf den Sheriff, der jeden Tag in den Früh stund en vorüberritt und sehnsüchtig hereingrüßte. Heute kommt er nicht.
Sie sieht nur Herrn Radzlyff, der draußen int Havelock auf und ab geht. Er bemerkt sie und macht ihr ein tiefes Kompliment, für das sie sehr knapp dankt. Er ärgert sie am meisten 1 Die anderen zogen sich doch nur zurück, weil ihre egoistischen Wünsche hier keinerlei Aussicht mehr hatten! Manche gönnten ihr vielleicht auch das Mißgeschick von Herzen; aber sie sagten es ihr doch nicht so offen in's Gesicht! Welche Rohheit von Radzlyff.
In traurigen Gedanken verbringt Frau Somersett die nächste Zeit. Sonst war ihr Haus ein Tummelplatz der Fröhlichkeit gewesen, nun ist es still. Auch am nächsten Empfangsabend bleibt ihr Dheesalon lange teer. Endlich hört sie einen Schritt vor der Thür; man meldet Walter Radzlyff.