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JK 272

Samstag, den 27. November 1897.

24. Jahrgang

illdlierWZkitiing

____ mit Unterhaitungs-Krilagr „Sterne «ns KLrrrnerr".

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Deutsches Deich.

Berlin, 26. November.

* Der Kaiser ist heute früh zur Jagd nach der Göhrde ab gereift. Gestern hörte der Kaiser die Vor­träge der Minister von Miquel und Dr. Bosse, des Staatssekretärs Grafen Posadowsky und des Geheirn- rathes Dr. v. Lucanus.

* In dem Disziplinarverfahren gegen den Kriminalkommissar von Tausch ist das Vorver­fahren zum Abschlüsse gelangt und die Anklage er­hoben worden. Die Haupt- und Schlußverhandlung soll im Dezember stattfinden.

X In der Rede, die der Abg. Dr. Lieber vor einigen Wochen gelegentlich der Generalversammlung des Männervereins Constantia in Aachen hielt, lheilte er über den bevorstehenden Enwurf der neuen Wiki- tär-Strasprozetz-Hrdnung mit, daß darin „bis zu einem gewissen Grade" die Grundsätze der Mündlichkeit und Oeffentlichkeit des Ver­fahrens gewahrt seien. Als dann einige Zeit später im Militär-Wochenblatt der „Mahnruf in letzter Stunde" von einem „altern preußischen Offizier er­schien, wurde darin die Forderung ausgestellt, daß die Oeffentlichkeit ausgeschlossen werden müßte in allen denjenigen Fällen, wo durch die Oeffentlichkeit des Verfahrens die Disciplin gefährdet werden könnte. Mit diesen beiden Kundgebungen stimmt sehr gut überein eine Andeutung, die über den Inhalt eines Theiles des Gesetzentwurfes gestern in einem rhei­nischen Blatte erschienen ist. Danach soll die Oeffent­lichkeit des Verfahrens nicht nur da ausgeschlossen werden, wo eine öffentliche Verhandlung geeignet er­scheint, die öffentliche Ordnung ober die Sittlichkeit zu gefährden, sondern „auch injFällen, in denen der Ausschluß der Oeffentlichkeit wegen der Gefährdung der militärischen Manneszucht erforderlich ist." Die Mittheilung fährt dann fort: .Hierzu dürften alle Vergehen und Verbrechen rein militä­rischer A rt gehören, ferner diejenigen Fälle, in denen die einfache Bestrafung von Offizieren in Frage steht." Die volle und unei ng eschränkte Oeffent- lichkeit soll nach der bezeichneten Mitthellung nur für alle nicht m i litär is chen Verbrechen vorgesehen werden, sofern nicht deren Ausschluß wegen Gefährdung der öffentlichen Ordnung und Sittlich­keit geboten erscheint. So weit die Mitthellung des rheinischen Blattes. Wenn das wahr fein füllte, was uns dieselbe berichtet, so würden nicht mehr viele Fälle übrig bleiben, in denen die Oefse nt lichkeit des Verfahrens statthaben würde. Da der Entwurf des Gesetzes morgen, durch

Schein und Sern.

Erzählung aus der Gegenwart von Ä. H.

$ ------ (Nachdruck verboten.)

Pfingsten, der Tag der Freude und des frühlings- srohen Jubels, war angekommen. An der Seite des glücklichen Bräutigams stand Ella Berger und nahm die Glückwünsche ihrer Familie anläßlich der soeben vollzogenen Verlobung mit Herrn Georg Ehrhardt entgegen. „Auf ein langes, glückliches Leben, auf das Wohl des lieben Paares!" schallte es durch- und untereinander. Glückstrahlend schauten die Verlobten auf alle Freuden- und Liebesbezeigungen, welche ihnen so warm und innig entgegengebracht wurden.

Wohl und wehe war es der schönen Braut um's Herz; jetzt war sie geborgen, an ihrer Seite stand derjenige, dem sie sich für die fernere Lebenszeit über­geben hatte, und der ihr und der Mutter heilig und theuer versprochen hatte, sein Kleinod, seine geliebte Braut, zu schützen, zu lieben und glücklich zu machen. Der alte Glanz des Hauses schien wieder erstehen zu wollen, das jüngste Glied der Familie machte eine in jeder Hinsicht so glänzende Partie.

Thränen der Freude schimmerten in den Augen Frau Bergers, noch einmal leuchtete die Sonne des Glückes, um die letzten Jahre der so schwer geprüften Frau und Mutter zu verschönen und zu vergolden.

den Reichsanzeiger veröffentlicht werden soll, werden wir ja sehr bald uns davon überzeugen können, ob das rheinische Blatt das Richtige gemeldet.

h Der sächsischen Regierung ist auch die bayerische Regierung gefolgt in der Bereitwilligkeit, das Aervot der Wervindnng von Wereine« unter einander aufzuheben. Der Staatsminister Frhr. von Feilitzsch hat auf eine an ihn ergangene Anfrage hin in einem Ausschüße der bayerischen Abgeordneten­kammer erklärt, die bayerische Regierung sei nicht ab­geneigt, das Verbindungsverbot deutscher Vereine fallen zu kaffen. Auch sollte die (Streitfrage über die Theilnahrne von Minderjährigen und Frauen an politischen Versammlungen zum Austrage gebracht werden. Wenn man mit einer theilweise Revision des Vereins-Gesetzes in den angegebenen Punkten sich begnügen wolle, könne er, der Minister, auf Vor­lage eines Gesetzentwurfes in diesem Sinne hinwirken. — Und Preußen?

X Wenn von Aeforme« im Mostwefe« die Rede ist, kommt in erster Linie nicht die finanzielle Seite der Sache, sondern die Aufgabe der Post in Betracht, der Allgemeinheit, dem gemeinen Wohle zu dienen — so belehrt uns eine offiziöse Feder, der diese Art der öffentlichen Belehrung aber ein wenig sonderbar steht. Die Gesamrntheit des Publikums wünscht ja feit Menschengedenken nichts anderes, als daß die Post ihre Maßnahmen nach diesen Ge­sichtspunkten einrichten möge. Aber noch mehr: der Offiziosus versichert sogar, auch das Verhältniß der Reichspost zu den Privatposten werde nicht in erster Linie unter dem finanziellen Gesichtspunkte betrachtet. Außerdem sei es „gar nicht wahr, daß es in der Absicht liege, die Privatposten gänzlich zu beseitigen oder doch ihr wirthschaftliches Gedeihen zu unter­graben." Daß gerade dies in der Absicht der Reichs­post liege, hat noch niemand behauptet. Im übrigen wird aber auch durch die neue Kundgebung die vor- aufgegangene Reibung bestätigt, daß die Reichspost „die ausschließliche Besörderung des verschloffenen, mit dem Attribut der Unverletzbarkeit ausgestatteten Briefes" anstrebt — wie schön bas klingt! Aber bie schönen Worte werben doch die Nothwendigkeit nicht beseitigen können, daß die Privatpostanstalten eine Entschädigung erhalten müssen für den Fall, daß das Postregal wirklich in der beabsichtigten Weise auf die Beförderung der verschlossenen Briefe ausgedehnt würde.

X Man ist in Preußen, wie der ,Kreuz-Ztg/ „von geschätzter Seite" mitgetheilt wird, „vorläufig nicht geneigt, auch Arbeiter und Frauen zum chsweröe - Anfsichts - Dienste heranzuziehen", und zwar angeblich „mit Rücksicht auf die Nothwendigkeit ausreichender gewerbetechnischer Vorbildung der Ge- werbe-Aufsichts-Beamten." Die .Kceuz-Ztg/ spricht dagegen den Wunsch aus, es möchten doch für diesen Dienst auch verabschiedete Offiziere Verwendung

Und nun folgten heitere Stunden, frohe Tage. Neues Leben, freudiges Hoffen und Erwarten erfüllte die Familie; es hieß jetzt, fchaffen und wirken: die duftenden Läden mußten gefüllt werden. Im reinlich geglätteten Schrein lag neben der schimmernden Wolle der schneeige Lein zur Benutzung und Verwendung ■bei den vielen Stücken, welche zur Brautausstattung nöthig waren. Ellas Cousine und Vertraute, Hulda Preider, war zum Ehrentage ihrer lieben Prinzessin Edelweiß herübergekommen und blieb noch längere Zeit, um bei den sich hausenden Handarbeiten hilf­reiche Hand zu leisten.

Fast alle zwei Tage kam ein Brief von Georg. Häufig erschien der Briefträger mit einer kleinen Schachtel, gewöhnlich mit herrlichen Bouquetts und Blumen, zuweilen mit anderen kleinen Geschenken, Schmucksachen, Nippes rc. geMltt.' Und welche Freude für Alle, wenn Ehrhardt an Tagen, wo ihn Geschäfts­touren in die Nähe der Heimath seiner Braut führten, durch geschickte Vertheiluyg seiner Geschäftsbesuche noch immer einige Stunden, ja bisweilen sogar Tage zum Besuche feiner lieben Ella und deren Angehörigen erübrigte! Dann gab es Ausflüge zu Wagen und zu Fuß, Kahnparthieen und kürzere Eisenbahnfahrten. Niemand war unterhaltender und allseits liebens­würdiger wie Georg; je näher man ihn kennen lernte, desto höher mußte man seinen Charakter und seine

finden. Dafür wird ja jetzt reichlich gesorgt, daß an verabschiedeten Offizieren kein Mangel ist. Aber wenn zu irgend einem Dienste Offiziere sich nicht eignen, so scheint dies uns der Dienst in der Gewerbe- Aufsicht zu sein. Weibliche Aufsichtsbeamte werden dagegen überall da als Bedürfniß empfunden, wo die Industrie weibliche Arbeitskräfte in reichlicher Zahl beschäftigt. Ein mitteldeutscher kleinerer Bundes­staat ist auch bereits mit der Anstellung weiblicher Fabrikinspektoren vorangegangen Warum ist das in Preußen n-cht möglich, was dort möglich ist?

Ausland.

* Wie«, 26. Nov. Heute (Freitag) ging es im Abgeordnetenhause toller als je zuvor. Ein Sozialdemokrat Becker wollte sich auf den Präsidenten stürzen; darüber entspann sich ein Kampf zwischen ihm und den Dienern. Ein anderer Sozialdemokrat sprang über die Ministerbank und zerriß die vor dem Präsidenten liegenden Papiere. Die übrigen „Genossen" eilten Becker zur Hilfe; der Präsident mußte fliehen. Während der allgemeinen Prügelei drangen 70 Polizisten in den Saal und führten die Sozialdemokraten, als diese die Präsidententribüne nicht freiwillig räumen wollten, mit Gewalt aus dem Saale und stellten sich dann um den Präsidenten auf. Wie lange noch soll der Unfug dauern!

* I»e«ersvurg, 26. Nov. Der kathol. Bischof Simon, der letzthin vom Papste zum Bischof von Plock in Aussicht genommen war, dessen Ernennung jedoch noch nicht veröffentlicht worden ist, ist nach Odessa beportirt worden. Den Anlaß hierzu soll sein Rundschreiben in der Angelegenheit der Nicht­zulassung der russischen Sprache beim Gottesdienste in der katholischen Kirche gegeben haben, wodurch im Gouvernement Minsk arge Ausschreitungen hervor­gerufen wurden. Zum Bischof von Plock soll jetzt der Bischof Rusziewlcz ernannt werden, welcher bereits hierher berufen wurde.

* Athen, 26. Nov. Dem Vernehmen nach haben die finanziellen Delegirten der Großmächte dem grieck^chen Finanzminister nunmehr einen von ihnen t nst rnnig angenommenen Entwurf eines Finanzgk etze unterbreitet, zu dem die baldige Zu­stimmung de griechischen Regierung erwartet wird, lieber die @ izelheiten erklären die Delegirten vor­läufig n ch keinerlei Mittheilung machen zu können.

VII. Provluzlilllanfitag für Hessen- Nassau.

? Kassel, 25. November.

Auf der Tagesordnung für die heutige zweite öffent­liche Sitzung standen nachfolgende Anträge:

1) Verwaltungs - Bericht der Hessen - nassauischen landwirthschaftlichen Berufsgenossenschaft für 1894/95,

Eigenschaften schätzen, seine weltmännische Gewandt­heit und Sicherheit bewundern.

Voller Freude umarmte Ella ihre Cousine. „Nicht wahr, Hulda, Georg ist doch ein edler Mensch! Sieh, wie zart und aufmerksam er immer und gegen Alle ist, er, ein Geschäftsmann, welcher doch so viel an­sehen und mitmachen muß. Und dabei ist er auch religiös; er erfüllt feine Pflichten und läßt den lieben Nächsten stets in Ruhe und Frieden leben, und bas ist nach meiner Ansicht das richtigste Christenthum."

Und so ging es dann eine ganze Zeit fort. Die kleinste Kleinigkeit war von unendlicher Wichtigkeit, gab immer neuen Unterhaltungsstoff. Hulda stimmte aus ganzem Herzen bei; denn wenn es möglich ge­wesen, hätte man behaupten können, sie schätze Ehr­hardt noch höher, als Ella dieses that. Dabei war zwischen den beiden Cousinen Neid und Eifersucht vollständig ausgeschlossen.

Schon als Kind war Hulda von einem ihrer Vetter, einem jungen Studirenden der Medizin, als seine Braut betrachtet worden. Als sie achtzehn Jahre alt war, starb der junge Doktor infolge einer Blutvergiftung, die er sich im Dienste seiner lieben Kranken zugezogen hatte. Vier Jahre waren darüber hingegangen. Noch immer lebte Hulda nur dem An­gedenken an den heißgeliebten Jugendfreund. Wenn auch noch so gefeiert und gesucht, machte doch Alles