M 272 Samstag, den 27. November 1897 2L Jahrgang
FuldaerMZeitiuig
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Wochen-Rundschau.
lNachdtuck verboten.)
X Fulda, 27. November.
Europa am W en depunkt — ein ganz neues Thema, das uns die letzte Woche gebracht hat! Graf Golu- chowski, der österreichische Minister des Auswärtigen, hat dieses Thema aufgebracht in der Darlegung, die er am 20. November in dem auswärtigen Ausschüsse der ungarischen Delegation über die auswärtige Politik gab. „Allem Anscheine nach — so führte Graf Goluchowski aus — ist Europa in seinem Entwickelungsprozeß an einen Wendepunkt gelangt, der unsere nachhaltige Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen muß. Die großen, immer gebietender sich aufdrängenden Probleme der materiellen Wohlfahrt liegen nicht mehr in utopischer Ferne, sie sind thatsächlich vorhanden und dürfen nicht übersetzen werden. Der vernichtende Konkurrenz-Kampf, den wir auf Schritt und Tritt auf allen Gebieten mit überseeischen Ländern theils schon bestehen, theils nächstens gewärtigen müssen, erheischt rasche, durchgreifende Gegenwehr, sollen nicht die Völker Europas in ihren vitalsten Interessen die empfindlichste Schädigung erfahren und dem allmählichen Siechthume entgegen gehen. Schulter an Schulter müssen sie kämpfen gegen die gemeinschaftliche Gefahr, und zu diesem Kampfe müssen sie sich rüsten, mit dem Aufgebote aller verfügbaren Hilfsquellen. Groß und schwer ist die Aufgabe, die ihr charakteristisches Merkmal, wenn nicht alle Anzeichen trügen, der nächsten Zeitepoche aufdrücken dürfte......Das 20. Jahrhundert sagt sich
für Europa als ein Jahrhundert des Ringens ums Dasein auf handelspolitischem Gebiete an, und vereint sollten sich deffen Völker zusammenfinden, um in der Vertheidigung ihrer Existenzbedingungen erfolgreich wirken zu können ..." So sprach Graf Goluchowski am Ende feiner Darlegung, die mit großem Beifall ausgenommen wurde. Was meinte Graf Goluchowski? Man kann nicht zweifeln: im Sinne lag ihm vornehmlich der wirthschaflliche Wettbewerb zwischen Europa und den Vereinigten Staaten von Nordamerika. Den Vereinigten Staaten von Nordamerika will Graf Goluchowski handelspolitisch Vereinigte Staaten von Europa entgegensetzen, und damit hat er dem alten Gedanken eines europäischen Zollvereins neues Leben zu geben versucht. Anders lasten sich seine Worte nicht deuten. Und da drängt sich uns nun ein Heer von Fragen auf! Soll Europa sich wirthschaftlich absperren, sich gleichsam mit einer handelspolitischen chinesischen Mauer umgeben? Ist der Gedanke gemeinsamer europäischer Maßnahmen gegen den drohenden amerikanischen Wettbewerb schon heimisch geworden bei der Mehrzahl der europäischen Regierungen? Öder wollte etwa Graf Goluchowski nur einen Schreckschuß abfeuern gegen die Amerikaner? Wir verzichten auf die Fortsetzung der Fragenreihe, die wir unendlich lang gestalten könnten, um so lieber, als wir heute alle diese Fragen gar nicht beantworten können. Die Folgezeit erst kann uns biefe Antworten bringen. Nur eine Frage sei noch aufgeworfen: Sind denn wenigstens in den einzelnen Ländern die größten Erwerbszweige einig über die wichtigsten Grundsätze für die Handelspolitik der Zukunft? Zum Beispiel bei uns in Deutschland?
Diese Frage können wir beantworten. Und die Antwort lautet kurz und bündig: nein! Die ,Nordd. Allgem. Ztg.' wußte zwar nicht genug zu rühmen die außerordentliche Einmüthigkeit der Anschauungen, die bei den ersten Be- rathungen des Wirthschaftlichen Ausschusses am 15 und 16. November hervorgetreten wäre. Großagrarier und Kaufmann, Industrieller und Landwirth, Ostelbier und Westelbier — alle wären sie eiu Herz und eine Seele gewesen. Aber kauni eine Woche ist danach verflosten und wir haben schon gesehen, daß an dieser Einmüthigkeit der handelspolitischen Anschauungen zum Beispiel bei der Industrie und Landwirthschast noch außerordentlich viel fehlt, so viel, daß sogar die Grundanschauungen noch weit auseinander gehen. Gras Kanitz und die Leiter des Bundes der Landwirthe haben jüngst die Parole ausgegeben: keine Tarifverträge, sondern selbstständige deutsche Maximal- und Minimaltarife und Meistvergünstigungsverträge. Da kam die,Post' des Freiherrn von Stumm und schrieb das Gegentheil. Nach ihrer Ansicht „wird man vielmehr gut thun, sich jetzt noch nicht bindend zu entscheiden. Für jetzt genügt die feste Absicht, den Weg wirksamen und gleichmäßigen Schutzes der nationalen Arbeit zu gehen. Die Wahl desselben bleibt besser der Zeit Vorbehalten, in der die Frage der Neuordnung unserer Zollverhältnisse praktisch wird." Daraus entgegnet nun wieder die „Deutsche Tageszeitung", das Organ des Bundes der Landwirthe: „Wir sind anderer Meinung. Bei der unmittelbar bevorstehenden
Neuordnung unserer Handelsbeziehungen zu England müssen wir uns über die Grundsätze der neuen Handelspolitik klar sein."
Man sieht, es hat noch weite Wege bis zu dem Ziele, das Graf Goluchowski sich gesteckt hat: handelspolitische Einigung der Völker Europas.
Inzwischen bemühen sich unsere Flottenschwärmer, den Beweis zu führen, daß die Wahrung unserer Handels- interessen nothwendig eine starke Vermehrung unserer Kriegsflotte erfordert. Daß das, was wirklich nothwendig ist, geleistet werden muß, ist klar. Darüber ist Niemand im Zweifel, selbst Herr Eugen Richter nicht. Aber daß es mit unserer Kriegsflotte noch gar nicht so sehr schlecht bestellt ist, wie manche es darstellen möchten, beweisen die neuesten Vorgänge in China, auf der Insel Haiti und im Mittelmeer; eine Flottendivision befindet sich ständig in den ostasiatischen Gewässern und diese hat die Stadt Kiau- tschau an der Schantongküste und deren nächste Umgebung besetzt. Am letzten Sonntag ist der Kaiser nach Kiel gereist, um bei der Vereidigung der Marinerekruten anwesend zu sein, und unmittelbar nachher wurde gemeldet, daß eine zweite ostasiatische Flotten-Division in der Bildung begriffen ist, die unter dem Kommando des Prinzen Heinrich die Schiffe „Deutschland", „Kaiserin Augusta", „Gefion" und „Irene" umfassen würde. Die erste Division unter Kontreadmiral von Diedrichs werde aus" „Kaiser", „Prinzeß Wilhelm", „Arcona" und „Comoran" bestehen. Diese Verstärkung wird namentlich durch die Angabe begründet, daß die verlängerte Anwesenheit der Kreuzer- Division in der Kiautschau-Bucht zu einer Vernachlässigung der anderen sehr bedeutenden Interessen in Ostasien führen müßte. Theilweise bringt man aber mit der Entsendung so starker Flottenmacht nach Ostasien die Vermuthung in Verbindung, daß Deutschland sich dauernd in Ostasien festsetzen möchte. Die frühere Meldung, daß der Panzer- Kreuzer „Deutschland" nach Haiti abgehen sollte, trifft also nicht, oder vielleicht nicht mehr zu. Es scheint beinahe, als sei von der Entsendung eines Kriegsschiffes dorthin überhaupt Abstand genommen. So wird dem ,Hamb. Korr.' offiziös aus Berlin gemeldet: „In den Mittheilungen aus Haiti wird behauptet, der deutsche Geschäftsträger habe nach der Freilassung des Herrn Lüders auf alle weitergehenden Forderungen außer der Geldentschädigung für Lüders verzichtet. Nach der bekannten Publikakion im „Moniteur von Haiti" hat Graf Schwerin von Anfang an nur die Freilassung des Lüders und eine Entschädigung für ihn gefordert. Es ist auch unrichtig, daß nachträglich deutscherseits eine Entschädigung von 50000 Dollars für das Reich gefordert werde." Daß es uns aber an Schiffen nicht fehlt, beweist weiter die andere Meldung aus Kiel, daß die dortige Staatswerft den Befehl erhalten habe, die Indienststellung des Stations-Kreuzers „Geyer" vorzubereiten, der nach dem Mittelmeer in See gehen soll, um in den griechisch-türkischen Gewässern den Dienst für die bis dahin dort stattonirt gewesene „Kaiserin Augusta" wahrzunehmen. Wenn wir Schiffe für den Dienst im Mittelmeer haben, wo man von einer Gefährdung Deutscher seit langer Zeit nichts gehört hat, so kann man doch nicht im Ernste behaupten, daß unsere Kriegsflotte gar nichts niehr zu leisten vermöge. Ganz thöricht sind solche Versuche, tote z. B. der des Professors Dr. Dietrich Schaefer in Heidelberg, um Stimmung für riesige Flottenvergrößerungen zu machen. Dieser Herr behauptet, ein „Krieg" mit England sei leicht möglich, und deslvegen müßten wir unsere Flotte ganz bedeutend vermehren! Zum Glück sieht diese Möglichkeit wohl nur Herr Professor Schaefer allein in ganz Deutschland. Und somit können wir ihn und ähnliche Lärmgeister getrost sich selbst und ihren geistigen Truppengebilden überlassen.
Auch die Regierungsblätter arbeiten vielfach mit solchen ganz ungeeigneten — um nicht eine ganz andere Bezeichnung anzuwenden — Mitteln für die Flottenpläne, ohne zu bedenken, daß sie dadurch nur das Gegentheil befördern werden von dem, was sie wollen. Denn sie befördern durch ihre brutale Agitation nur die unerquickliche Stimmung, die wir neuerdings mit dem Namen „Reichsvcrdroffrnheit" zu bezeichnen pflegen. Bei den deutschen Katholiken wird diese Reichsverdrossenheit besonders auch gefördert durch Kulturkampfs-Gelüste, die neuerdings wieder recht scharf hervorzutreten beginnen. Einen neuen Beweis dafür hat die vierte preußische evangelische Generalsynode geliefert.
Begeben wir uns auf das Gebiet der auswärtigen Politik, so drängt sich uns zunächst als das wichtigste Ereignis nochmals die Rede des Grafen Goluchowski auf. Die Ausführungen des Grafen Goluchowski beschäftigten sich besonders eingehend mit der orientalischen Frage und sind in dieser Beziehung außerordentlich beachtens- werth. Graf Goluchowski kündet an, daß zwischen Oeste- reich Ungarn und Rußland eine völlige Verständigung stattgefunden hat, und zwar dahin, daß beide Mächte auf jede Eroberung auf der Balkanhalbinsel verzichten, und den Balkanstaaten in ihre innere Politik völlig freie Hand zu laffen. Gegenüber der Auswärtigen Politik dieser
Staaten aber sind Rußland und Oesterreich-Ungarn ent» schloffen, jede Aktion zu verhindern, die darauf ausgehen sollte, Unruhen zu bringen und zu eigenen Vortheil eine der beiden Mächte gegen die andere auszuspielen. Graf Goluchowski fuhr dann wörtlich fort: „Unter der Bedingung der strikten Aufrechterhaltung dieser Grundsätze sind wir stets freiwillig bereit, das engste Einver- ständniß mit Rußland aufrecht zu erhalten." An der vollen Genauigkeit der Worte des Grafen Goluchowski braucht man keinen Augenblick zu zweifeln; sie sind eine weitere Bestätigung der Thatsache, daß die russische Politik sich vom europäischem Orient dem asiatischen zuwendet. Mit dieser Thatsache kann vorläufig gerechnet werden, was ja nicht ausschließt, daß der russische Einfluß in Konstantinopel -seine frühere Stellung zu behaupten bemüht sein wird. Die jüngste Erinnerung Rußlands an die alten Kriegsschulden der Türkei und das fast gleichzeitige scharfe Auftreten Oesterreich-Ungarns in Konstantinopel zeigen, daß beide Mächte keine Neigung haben, neue Kriegsrüstungen der Türkei zu fördern.
Vergnügten Sinnes können die norwegischen Radikalen auf den Wahlkampf zurückblicken, der ihnen einen Siegbrachte, wie sie ihn seit der Vereinigung Norwegens mit Schweden nicht oft erlebt haben. Ihre Partei zählte im letzten Storthing (norwegische Kammer) 59 Mann gegen 55 von der Rechten, während aus den vorhergehenden Wahlen (1891) 74 Radikale und 50 Konservative und Gemäßigte hervorgingen. Nun tritt die radikale Partei im nächsten Storthing mit 79 Mann gegen 35 Konservative und Gemäßigte auf, und das ist eine Mehrheit die genügend ist, einscheidende Aenderungen der Verfassung vorzunehmen und überhaupt ganz nach Belieben zu schalten.
Unser Nachbarland Belgien geht bewegten Zeiten ent« gegen. Dort hat die Wahlbewegung soeben begonnen, denn die Hälfte der Mitglieder der beiden gesetzgebenden Körperschaften muß neu gewählt werden. Zum zweiten Male wird das allgemeine durch das Mehrstimmen-System her- abgeminderteStimmrecht zur Anwendung kommen. Diesmal sind die stimmberechtigten Bürger der Provinzen Lüttich, Hennegau, Ostflandern und Limburg zur Wahl berufen. Was dieser Wahlbewegung ihre ganz besondere Bddeutung giebt, ist der Umstand, daß fast sämmtliche Liberalen und alle so zialistisch en Volksvertreter sich der Neuwahl zu unterziehen haben. Die belgische Repräsentantenkammer zählt gegenwärtig 111 Abgeordnete der katholischen Rechten und 41 liberale und sozialistische Abgeordnete. Davon scheiden jetzt aus 39 Klerikale und 36 Liberale und Sozialisten, sodaß nur 5 Linkenmitglieder sich nicht der Wahl zu unterziehen haben. Der Senat besteht aus 67 Klerikalen, 33 Liberalen und 2 Sozialisten. Davon scheiden jetzt 23 Klerikale 24Liberale und 2 Sozialisten aus. Nur 7 Liberale unterliegen nicht der Neuwahl. Es steht ein erbitterter Wahlkampf bevor.
In Frankreich beherrscht d-e Dreyfuß-Augelegeu- heit das ganze öffenlliche Interesse. Es ist möglich, daß man in Frankreich eine e.uste Lehre aus der Angelegenheit wird entnehmen müssen, wohin die blinde Spionen- furcht am letzten Ende führt, eine Lehre, die vielleicht eindringlich genug wird, um wenigstens dem besseren Theile der französischen Nation die Augen zu öffnen. Es könnte sich möglicherweise nicht nur um die Befreiung eines Unglücklichen, schuldlos Leidenden handeln, sondern auch um die Befreiung des Landes von einem Alp, der für Frankreich schädlich und für deffen Nachbarn unangenehm ist und unter Umständen sogar gefährlich werden kann.
In Cuba sieht es trübe aus. Die Unabhängigkeits- Partei hat die Brücken hinter sich abgebrochen und das niederträchtige System der Vertvüstung des Landes wieder ausgenommen. Die Vereinigten Staaten aber setzen ihr doppeltes Spiel fort. Sie drücken nach wie vor die Augen zu, wenn den Aufständischen Waffen und Kriegsmaterial zugeführt werden, den Spaniern aber werden glatte Redensarten zugeworfen. Man möchte die Frucht reifen lassen, bis sie von selbst zu Boden fällt. Eine völlige Vereinigung Cubas mit den Vereinigten Staaten wünscht man wohl übrigens in Washington eben so wenig als etwa die Erwerbung von Haiti.
Gehobene Stimmung herrscht dagegen in Madrid über neuerdings aufgetauchte Aussichten auf Beendigung des Aufstandes auf den Philippinen-Inseln. Es scheint richtig zu sein, daß der Aufstandsführer Agninalda Unterhandlungen mit dem Generalgouverneur Primo de Rivera angeknüpft hat, die einen Erfolg verheißen, aber noch nicht zum Abschlüsse gediehen sind. Primo de Rivera ist schon vor Wochen mit Weisungen versehen worden, den Forderungen der Aufftändischen so weit entgegen zu kommen, toie dies im Rahmen des Reformplanes des Kabinets Sagasta für die Plilippinen möglich sei. Das Ende davon bleibt abzuwarten. ______________________________
Vermischtes.
LekbstverratH. Diener: „. . Ich hatte keinen Brennspiritus mehr da, gnädiger Herr, und ba hab' ich etwas von Ihrem Cognac genommen!" — Herr: „Doch nicht viel, hoffentlich?" — Diener: ,,J' bewahre. . • einen Schluck!"