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Donnerstag den 25. November 1897

2L Jahrgang

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mit Untrrhaltnngs-Krilagc „Sterne und Klnmen".

X Die Missionarmorde in China.

Mit anerkennenswerther Entschiedenheit tritt die deutsche Regierung für die kathol. Missionen in China ein. Bekanntlich hat das ostasiatische Ge­schwader die Kiau-tschau-Bucht in der Provinz Schan- tong besetzt. Nach den Meldungen, die darüber vor­liegen, haben die Chinesen sich bei dieser Gelegenheit wieder so schneidig benommen wie im Kriege mit Japan. Die deutschen Schiffe landeten 100 Mann (nach anderer Angabe 600) und Kontreadmiral Die- derichs forderte die Chinesen, die 1500 Mann (nach anderen 3000 oder 5000) stark waren, auf, binnen drei Stunden Kiau-tschau zu räumen. Die chinesischen Forts sollen so liegen, daß sie die Flotte beherrschten, dieser also, wenn sie von ihren Geschützen Gebrauch gemacht hätten, sehr hätten schaden können. Nach anderer Angabe sind sie jedoch noch nicht fertig. Wie dem im Einzelnen nun auch sei, jedenfalls nahmen die chinesischen Truppen, sobald unsere Landungs­mannschaften mit ihren 6 Kanonen anrückten, R e i ß - aus, und die Deutschen besetzten einfach die Stadt und die (fertigen oder unfertigen) Forts und hißten die deutsche Flagge. Der Platz wird auch so bald nicht wieder aufgegeben werden, vielleicht halten wir ihn dauernd besetzt, um ein Pfand gegen die Wieder­holung der Metzeleien und einen Stützpunkt für unsere Flotte zu haben, den wir schon lange brauchen.

Am Montag hatte der Kaiser eine Unterredung mit dem Reichskanzler, dem Staatssekretär Tir- pitz, dem Admiral v. Knorr und dem Chef des Marinekabinets v. Senden-Bibran über die Vor­kommnisse in China und Haiti. Am Mittwoch hatte er ferner eine lange Unterredung mit dem Bischof Anz er von Südfchantung, der ihm über die Zustände in China aus eigener Kenntniß Auskunft geben konnte. Wenn auch noch nicht alle Entschließungen feststehen, so viel scheint doch schon gewiß zu sein, daß unsere Flotte keineswegs aus Kiau-tschau abzuziehen gedenkt, so bald die chinesische Regierung die verlangte Genug- thuung für die Ermordung der Missionare geleistet hat. Unsere Landungsmannschaft richtet sich vielmehr häuslich ein. Es werden Baracken für sie gebaut und sie richten sich ganz für den Winter ein. Die Engländer und Amerikaner werden bereits eifersüchtig; sie haben Kriegsschiffe nach Kiau-tschau beordert, um die dortigen Vorgänge zu überwachen. Die deutsche Regierung wird sich wohl durch sie nicht stören lassen, sondern den Herren Chinesen zeigen, was eine Harke ist. Es ist bei ihnen bekanntlich üblich, diplomatische Ver­handlungen auf das Unglaublichste zu verschleppen und wenn sie schließlich nicht mehr aus noch ein wissen, alles zu versprechen, um nichts zu halten. Wenn die Bestrafung der betheiligten Be­amten verlangt wird, so lieben sie es, einen der vielen Verbrecher, die sie immer vorräthig haben, zu köpfen unter dem Vorgeben, dies sei der Schuldige, während dieser in Wahrheit frei ausgeht. Nachdem aber Deutsch-

Schein und Kern.

Erzählung aus der Gegenwart von A. E.

4 ------ (Nachdruck verboten.)

Im Saale des Kasino's wogte es bereits bunt und fröhlich durcheinander. Hier führte ein lang be­zopfter Sohn des himmlischen Reiches eine allerliebst kokette Rokokodame, dort bot ein Schwarzer seiner weißen Schönen mit ausgesuchter europäischerHöflich- keit den Arm. Sonne, Mond und Sterne feierten ein wundersames Stelldichein; der eisig kalte Mond freute sich an der sonnigen Pracht des Südens; alle Jahr­hunderte, Alter und Zonen fanden sich hier im bunte­sten Gemisch zu munteren Scherzen und Neckereien zusammen.

Ella am Arme Onkel Preiders, der im Domino erschien, war niedlich kostümirt. Ihrer Kousine zu liebe, die zwei Jahre in der Schweiz zugebracht, hatte sie sich als Prinzessin Edelweiß gekleidet. In langen Wellen floß das blonde Haar auf das weiße, schlichte Batistkleid, ein Edelweiß-Bouquet zierte Schulter und Gürtel; einzelne dieser herrlichen Blüthen zogen sich, unsichtbar befestigt, gleich einer Krone durch die Locken, der Grund des Kleides und die Aermel waren eben­falls mit kleinen Streu-Bouquets von Edelweiß ge- fchmückt.

land kühn zugegriffen hat, wird es sich kaum mehr an der Nafe herumführen und täuschen lassen, sondern den Herren Mongolen einen tüchtigen Denkzettel geben, der ihnen die Wiederholung der Unthaten wenigstens in den Gegenden verleidet, die für uns erreichbar sind.

Die Ermordung der Missionare hat in dem Dorfe Tschang-kio-tfchaang stattgefunden. Nach chinesischen Angaben sollen Räuber die That begangen haben. Das ist aber die übliche Flunkerei. Das Verbrechen ist geschehen unter Mitwissen, ja Mitwirken der Be­hörden. Der chinesische Pöbel wurde systematisch durch die Beamten und Gelehrten gegen die Christen aufgehetzt, über die die ärgsten Verleumdungen ver­breitet wurden. Insbesondere geschah das durch Bilderbogen, die zu Hunderttausenden verkauft, ver- theilt und selbst neben den Regierungsverordnungen an den öffentlichen Anschlagtafeln angeheftet wurden. Darin wurden die Christen der niederträchtigsten Ver­brechen beschuldigt, die wir hier nicht nennen können, die christliche Religion beschimpft, Christus und seine Anhänger als Schweine uud Vampyre dargestellt und die Chinesen aufgefordert, die „fremden Teufel" in der scheußlichsten Weise zu foltern und umzubringen. Die Mandarinen leisteten Beiträge zur Herstellung solcher Bilderbogen und sorgten für die Verbreitung. Den Mitgliedern des Tsung-li-Iamen, der obersten Regierungsbehörde in Peking, war diese verhetzende Literatur keineswegs unbekannt, sie erhielten vielmehr regelmäßig Exemplare davon zugestellt. In Peking sollen sich in der Staatsbibliothek nicht weniger als 120 Bücher befinden, die in den kraffesten Aus­drücken alle die niederträchtigen Anklagen gegen die Ausländer enthalten^ Es kann danach gar kein Zweifel bestehen, daß die Regierung in Peking selbst an denMorden schuld ist. Auf die Bitte der europäischen Konsuln, doch die Verbreitung der Bilderbogen zu hindern, sind die Mandarine nie ein­gegangen. Auch jetzt, nach dem Ueberfall auf die Mission, haben sie nur schöne Worte, haben bisher aber noch nichts gethcn, um die Uebelthäter auch nur gefangen zu nehmen.

Es muß also, wie gesagt, mit den bezopften Herren einmal ordentlich deutsch gesprochen werden, und mit Befriedigung sehen wir, daß die deutsche Regierung nicht zu spassen gedenkt. Freilich Eins berührt doch wieder eigen: im Auslande schützen wir die deutschen Priester, und wie behan­deln wir im Inlands die Jesuiten?

Deutsches Deich.

Berlin, 24. November.

* Der Kaiser hat heute einen Abstecher von Kiel nach Altona gemacht und hat dort den General- Obersten Grasen v. Waldersee besucht. Der Kaiser .wurde von diesem am Bahnhofe empfangen und hat

„O, du Sehnsucht meiner Träume, mein einsam stolzes Lieb, mir so nah und doch so fern! Endlich, endlich finde ich dich," ertönte es in diesem Augen­blicke neben der anmuthsvollen Gestalt Ella's.

Ein wenig erschrocken, aber nur für den Augen­blick, schaute sie seitwärts und blickte in das dunkele Auge eines Italieners, der jedoch nicht in den melo­dischen Lauten seiner improvisirten Heimath, sondern auf gut Deutsch Onkel Preider um gütige Erlaubniß bat, seiner Herzensblüthe Edelweiß ein wenig von der sonnig klaren, herrlichen Heimath erzählen zu dürfen.

„Aber bitte sehr, königliche Hoheit vor Abgründen und Gletschern gütigst sorgfältig behüten zu wollen," mahnte lachend Onkel Preider die jungen Leutchen. „Sobald der Glanz Ew. Hoheit wieder zurückstrahlt auf mich, stehe zu Diensten, nicht wahr, Nichtchen."

„Bis über ein Kleines, lieber Onkel." Herr Preider ging.

„Gnädigste Prinzessin erlauben doch?" Mit diesen Worten bot der Italiener seiner Blume den Arm und flüsterte ihr zu:

„Den ganzen Abend war ich an Ihrer Seite, habe nur immer Sie vor Augen gehabt. Seit einigen Tagen bin ich hier auf Geschäftstour, habe Sie verschiedent­lich gesehen, obschon Sie sich meiner wahrscheinlich nicht erinnern, oder —"

bei dem Grafen ein Gabelfrühstück eingenommen, zu dem etwa 30 Herren eingeladen waren.

* Durch Kabinets - Befehl vom 23. November ist der Kontreadmiral v. Diederictjs unter Beförderung zum überzähligen Vizeadmiral zum Chef des Kreuzer­geschwaders in Ostasien, der Kontreadmiral Prinz Heinrich von Preußen zum Chef der 2. Division des Kreuzergeschwaders ernannt worden. Wenn auch die neu nach Ostasien beorderten Fahrzeuge dort an­gekommen sein werden, wird die deutsche Streitmacht daselbst mehr als 3000 Mann betragen.

h Der Landrath v. ^uttkamer in Stolp war von dem Redakteur des ,Deutschen Reichsblattes' und des ,Deutschen Bauernfreundes' wegen Beleidigung verklagt worden, weil er in einer Verfügung, worin er den Lehrern verbot, die genannten Blätter durch Schulkinder vertheilen zu lasten, gesagt hatte: dies sei ein Mißbrauch der Kinder zu gemeingefährlichen Zwecken, da die Schriften Aufreizungen der verschiedenen Klassen gegen einander und Verdächtigungen gegen königliche Behörden enthielten. Das Schöffengericht in Stolp sprach den Landrath gestern frei, weil es ihm den Schutz des § 193 St.-G.-B. zuerkannte. Der Herr Landrath hatte aber doch nur die „Interessen" des „Bundes der Landwirthe" gegen den Bauernbund „Nordost" „wahrgenommen". Die Anwendung des § 193 war also sehr großmüthig von dem Gerichts­höfe. — Hoffentlich können wir demnächst melden, daß man auch einmal gegen einen Redakteur dieselbe Großmuth walten läßt.

* Im holsteinischen Wahlkreise Slön-Gkdenöurg hat gestern die Ersatzwahl zum Reichstage stattgefunden. Nach den bisher eingelaufenen Meld- ungen scheint der Kandidat der Konservativen und des Bundes der Landwirthe von Tungeln gleich beim ersten Wahlgange als Sieger aus der Wahl hervorgegangen zu sein. Der Kandidat der National­sozialen, Redakteur Damaschke, hat etwas über 1500 Stimmen erhalten.

8 Die Katholiken in den Vororten Berlins, in Schöneberg und Moabit, haben sich in diesem Jahre zum ersten Male zur Theilnahme an den Stadtverordneten-Wahlen organisirt. In Schöneberg, wo bereits i. I. 1890 die Zahl der katholischen Schulkinder 80 betrug, hat der bisherige Gemeinderath es abgelehnt, auf Kosten der Gemeinde eine katholische Schule zu errichten; die katholischen Kinder könnten, so antwortete er, in die evangelische Schule gehen. Auch der Herr Minister unterließ es, gegen die Gemeinde vorzugehen. Als im Jahre 1896 bereits 400 schulpflichtige katholische Kinder vorhanden waren, entschloß sich der Gemeinderath nur -dazu, für den untersten Jahrgang eine katholische Klasse einzu­richten; mehr war nicht zu erreichen. Die „Märk. Volksztg." schlug nun vor, das den Katholiken vor­enthaltene Recht durch den Wahlkampf zu er­obern; die Katholiken boten ihre Unterstützung den Gegnern der bisherigen Mehrheit im Stadtrath,

Wie Gluthauch des Südens erschienen diese Worte dem erstaunten Mädchen. Sollte sich Jemand hier um sie bekümmert, sich für das vermögenslose Mädchen interessirt haben? Der Herr an ihrer Seite schien doch so gebildet, besaß so ungezwungene, feine Manieren, benahm sich als Fremder in diesem hauptsächlich kauf­männischen Cirkel so sicher und selbstbewußt, daß man ihn sofort als gewiegten Geschäftsmann erkennen mußte. Wenn der Kaufmann wüßte, daß sie kein Vermögen besaß! Vielleicht kannte er den Onkel und meinte, nach dieser Familie urtheilen zu können. Sollte sie sofort diese Täuschung vorwegnehmen? Und war es denn ausgeschlossen, daß dieser Herr von ihren Ver­hältnissen wußte? Als Kaufmann mußte er doch längst die Bilanz gezogen, den Maßstab angelegt haben.

Ella hatte niemals ein Geheimniß daraus gemacht; Jedem, der es wissen wollte, sagte sie frei und frank: „Ich bin aus sehr guter Familie; meine Eltern haben Unglück gehabt, jetzt muß ich mir selbst durch's Leben helfen, ich besitze Fähigkeiten und Muth genug, dennoch froh zu fein." Warum wollte das Bekenntniß denn gerade jetzt nicht über ihre Lippen? War sie in Ver­suchung, Alles zu verschweigen? Blitzschnell hatte ein Gedanke den andern gejagt. Der Italiener harrte noch immer einer Antwort; er glaubte aus ihrem Betragen annehmen zu dürfen, daß auch sie ihn gesehen habe.