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M 269

Mittwoch, den 24 November 1891.

Jahrgang

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M Der Fall Dreyfus.

Wochenlang dauert nun schon der Lärm über den Fall Dreyfus, aber im Grunde ist man noch so klug wie zuvor. Es wird ungemein viel geschrieben, telegraphirt, geschimpft und gedroht, aber aus all dem Wüste ist nicht zu entnehmen, welche Beweise man denn nun eigentlich für die Unschuld des Dreyfus hat. All dies Schwätzen, geheimnißvolle Andeuten, Ankündigen verwirrt die Sache nur, statt sie aufzu­klären. Warum legt man, wenn man Beweise für oder gegen die Unschuld des Dreyfus hat/ diese nicht einfach vor, statt-sich hinter alle möglichen Vorwände zu verkriechen? Es scheint wirklich, daß man auf beiden Seiten beabsichtige, möglichst,viel Ver­wirrung anzurichten, um eine ruhige, sachliche Prüfung zu Hintertreiben.

Dreyfus soll bekanntlich auf Grund eines gefälschten Aktenstückes verurtheilt worden sein, das der wirkliche Verräther und Spion anfertigte, um den Verdacht von sich auf Dreyfus zu lenken. Als dieser Fälscher ist ein Gras Esterhazy genannt worden. Dieser leugnet natürlich und erzählt eine wunderliche Geschichte über ein Komplott, das von den Freunden des Dreyfus angesponnen sei, um ihn zu verderben. Eine unbe­kannte Dame soll ihm in der Nacht auf einer Brücke ein Dokument in die Hand gedrückt haben, das seine Unschuld und das Bestehen des Komplotts beweist. Das klingt nun freilich verdächtig romanhaft. Auch steht es wohl fest, daß man bei der Verurtheilung von Dreyfus ziemlich leichtfertig zu Werke gegangen ist. Daß Sachverständige in dem verräterischen Schriftstücke die Handschrift des Dreyfus erkannt haben wollen, beweist sehr wenig. Gerade die Handschriften­kundigen haben sich nur zu oft gar gewaltig getäuscht. Das Schriftstück sollte bekanntlich im Papierkorb auf der deutschen Botschaft entdeckt worden sein. Das stellt sich jetzt als Lüge heraus. Es wird jetzt be­hauptet, dasselbe sei Nachts mit den ganzen Brief­schaften der Botschaft abgefangen und in der Polizei­präfektur photographirt worden. Da ließ sich leicht von den Feinden des Dreyfus eine Fälschung unter­schieben und dem Kriegsministerium in die Hände spielen.

Die Franzosen sind, wenn es sich um Spione und Verräther handelt nicht als zurechnungsfähig anzusehen. Sie glauben dann blindlings alles und sind einer ruhigen Prüfung gar nicht fähig. Das hat Dreyfus vielleicht erfahren müssen, das zeigt sich auch jetzt wieder. Der größte Theil der Presse nimmt Partei gegen Dreyfus, weil man um jeden Preis einen Verräther haben will, der in deutschem Solde gestanden hat. Kennzeichnend für die Zustände im französischen Heere ist auch, daß sich zwei französische OMere an den Hauptschimpfer in der Presse, Rochefort, wandten, um ihn für ihre Partei zu gewinnen. Der eine war der Kommandant des Ge- fängniffes, in das Dreyfus zuerst gebracht wurde, Forzinetti, er tritt für die Unschuld desMrurtheilten ein. Der andere, Kabinetschef des Generalstabschefs, Pauffin de Saint Morel, wirkte für Esterhazy gegen Dreyfus. Da Rochefort das Forzinetti ge­gebene Ehrenwort brach, nichts von feinem Besuche erzählen zu wollen, gab es noch einen kleinen Extra­skandal. Das Kriegsministerium aber entsetzte For­zinetti seines Postens und der Generalstabschef dik- tirte seinem Kabinetschef 30 Tage strengen Arrest. Wenn sogar Offiziere sich in der Weife in die Sache mischen, dann kann man sich vorstellen, daß von objektivem Urcheil bei dey Franzosen nicht die Rede sein kann, sondern alles in der politischen Leidenschaft handelt. Die Behörden haben sich gegenüber dem Verlangen, die Beweise für die Schuld des nicht unter strenger Beobachtung der gesetzlichen Formen verurtheil- ten Dreyfus vorzulegen, immer damit ausgeredet, daß damit ein schwerer Konflikt mit einem andern Staate und eine große Gefahr für Frankreich heraufbeschworen werde. Gemeint war Deutschland, aber das war Flunkerei. Die deutsche Botschaft hat stets die Ge­schichte von dem Päpierkorb, die so fabelhaft klang, rühl abgewiesen.

^Es wird auch berichtet, der deutsche Kaiser habe s. Z. einen eigenhändigen Brief an den Präsidenten Casimir Perier gerichtet, worin er sein Ehrenwort gab, daß Dreyfus niemals Deutschland an Frankreich verrathen habe. Das hat die närrischen Spionenjäger am Ende gar in ihrem Verdachte gegen Dreyfus ^he- stärkt. Die Vorlegung der Beweise hätte höchstens ergeben können, daß man sich blamirt habe, aber einen Krieg würde es darum doch nicht gegeben haben.

Man mag von der schönen Illusion nicht lassen, daß man einen Verräther erwischt habe; das ist die wahre Ursache des ganzen lächerlichen Lärmes, den man an den Fall Dreyfus macht. Deshalb erfindet man auch lieber allerlei Geschichten über eine Ver­schwörung zu Gunsten des Dreyfus, als daß man die Frage ruhig prüft.

Die Freunde des Dreyfus erleichtern seinen Gegnern das Geschäft allerdings auch bedeutend durch die seltsame Art ihres Vorgehens. Statt klipp und klar zu sagen: so und so liegt die Sache, machen sie ein Geseires und einen Dunst, daß man auf den Ver­dacht kommen kann, die ganze Judenschaft habe sich zur Rettung ihres Stammesgenossen Dreyfus zu einem großen Komplott vereinigt. Auch mehrere von jüdi­schen Korrespondenten in Paris bediente deutsche Blät­ter machen von der Sache in endlosen Briefen und Telegrammen ein Aufhebens, daß man wirklich miß­trauisch werden muß. Dieser jüdische Uebereifer be­denkt nicht einmal, daß es Dreyfus mehr schaden als nützen muß, wenn deutsche Blätter sich so eifrig für ihn in's Zeug legen.

Ob Dreyfus schuldig oder unschuldig ist, das ist für uns doch von sehr geringer Bedeutung. Es gibt bei uns Dinge genug, die eine viel ernstere Beachtung verdienten als die Posse, welche die Fran­zosen jetzt aufführen.

Schein Sein.

Erzählung aus der Gegenwart von A. G.

3 ------ (Nachdruck verboten.)

n.

Fastnacht war gekommen. Heiterer Jubel, buntes Treiben überall. Hier, auf stolzem Roffe sprengte ein Ritter in seinem goldgestickten Sammetkostüm, dort flogen Ordonnanzen, Offiziere; ein kurzer Gruß hinauf und hinab, die prächtigen Gestalten waren verschwunden: sie mußten alle zum Platze, von wo der Festzug seinen Anfang nehmen sollte. In der Ferne ertönten schon seit langer Zeit die munteren Weisen der H.'schen Kapelle; galt es doch, im Bilde den Einheimischen und den zahlreich herzugeströmten Fremden ihre Vergangenheit, oder besser, die Ver­gangenheit ihres großen, herrlichen Vaterlandes zu zeigen. Feierte man doch das 25jährige Jubelfest der Wiederaufrichtung des Deutschen Reiches.

Dichtgedrängt, Kopf an Kopf stand die Maffe; nach Taufenden zählte man auf jeder Straße, alle Fenster und Balkons waren besetzt. Nah und immer näher kamen i die Klänge der Musik, der Zug mußte bald erscheinen; die Menge drängte nach vorn, wurde zur Ordnung gerufen und nicht lange währte es, so erschienen die - Vorreiter, um dem Zug die Mitte der Straße freizuhalten.

Und nun folgte der Zug: Die Pracht des alt­römischen Reiches wetteiferte mit der Herrlichkeit des Mittelalters; das neue deutsche Reich ließ glorreich seine stolze Fahne in die Lüfte steigen; Barbarossa im Kyffhäuser, umgeben von seinen Getreuen; die Hünengestalt des Kaisers mit schlummernden Augen, ihm zur Seite standen Edelleute und Pagen, in seidenen und sammtnen Kleidern und glänzenden Rüstungen, mit breiten Schwertern an der Seite. Noch ist ja die Zeit der Auferstehung nicht gekommen, aber der Heldenkaiser darf nicht länger schlummern; es braust und tönt so übermächtig: Heil dir im Siegerkranz, fest steht und treu die Wacht am Rhein. Blut, unendlich viel Blut ist geflosfen, aber durch die Todesschrecken hinan zum Throne steigt die Helden­gestalt^ Kaiser Wilhelms des Siegreichen, der, um­geben von seinen Paladinen, seinem getreuen Moltke, dem großen, Schweiger, seinem eisernen Kanzler, den Generalen, Adjutanten, Fürstm und Herzogen den Schluß des großartigen Zuges bildet.

Ella Berger war entzückt von diesem bunten

Leben und Treiben; voller Freuden dankte sie ihrem Onkel und der Tante mit warmen Worten, von einer vielberedteren Augensprache begleitet. Daheim im Städtchen wars ja wohl auch munter, aber hier fühlte sie sich freier, leichter, nicht durch das ver­letzende, verächtliche Benehmen Bekannter gedrückt. Herr Preider war eine sehr geachtete und angesehene Persönlichkeit; in seiner Familie kannte man kein ängstliches Rechnen, nicht den Kummer und die Niedergeschlagenheit, die seit dem früheren Unglück, besonders seit Bergers Tod, in der Familie desselben eisern und tyrannisch herrschte.

„Hat Dir unser Fastnachtszug somit wirklich ge­fallen, liebes Nichtchen?"

„O ja, guter Onkel, wie dankbar bin ich Dir! Wenn doch auch Mutter und Gertha einmal wieder so froh sein könnten!"

„Dazu kannst Du viel beitragen, liebes Kind; arbeite darauf hin. Dich glücklich zu verheirathen. Ich weiß Jemand aus meinem Bekanntenkreise, der Dich und euch alle wohl glücklich machen könnte."

„Pfui, Onkel, wie magst Du so reden? Ich soll mich verhandeln, mit solchen Gedanken einem jungen Herrn entgegentreten? Nein und abermals nein!" rief Ella dunkelroth vor Entrüstung und Zorn bei einer solchen Zumuthung.

„Nur nicht gleich so hitzig, kleine Loreley; da wärest Du nicht die Erste und auch sicher nicht die Letzte. Du mußt schon nicht so wählerisch sein. Du hast ja kein Vermögen, da muß man nur zugreifen."

Wie ein Dolchstich trafen die letzteren Worte: Also da hinaus, Du haft ja kein Vermögen!

„Ja, ich habe kein Vermögen, baares Vermögen besitze ich nicht, nein. Das werde ich übrigens sofort immer dabei sagen, wenn Jemand sich um mich be­wirbt; doch habe ich ziemlich etwas gelernt und das gilt hoffentlich wohl ein wenig."

„O, Du liebe Einfalt! Sollen wir Dir nicht wohl gleich ein Schildchen umhängen mit: „Kein Ver­mögen, aber gute Ausbildung?" Weißt Du und merke Dir das: mit solcher Offenheit zu Werke gehen ist gerecht, aber äußerst unklug gehandelt. Andere thuens auch nicht, warum denn Du? Du kennst die sogenannte westfälische Bauernheirachsregel: Der Hof ist so und so groß, so viele Pferde und Kühe und Schweine, so viele Wesen und Wälder; ja und das Mädchen oder der Junge sind wohl auch ganz gut."

„Sieh' Onkel, jetzt machst Du wieder Scherz. Aber wie ist's, gehen wir heute Abend in's Kasino ober zu Alberti's zum Ball? Ich machte so gern den Maskenball mit, der kaufmännische Verein ist dort anwesend; dann will ich einmal sehen, ob mir einer gefällt."

„Gut parirt, liebes Nichtchen, das soll ein Wort fein; wer weiß wie viel Wahrheit unbewußt darin ausgesprochen liegt."

„Geh' doch, Onkel, mir ist's um solche Sachen wirklich nicht zu thun," und mit munterem Lachen verschwand das Schelmengesicht Ellas hinter der sich schließenden Thür.

Sonderbar im, Menschenleben, ein hingeworfenes, ohne rechten Gedanken gesprochenes Wort ist häufig in Erfüllung gegangen. Jahrelanges banges Schwanken, Zweifeln, — Freuden und Leiden waren vergebens: es kommt die Macht des Augenblicks und alles ist be­endet; ein jedes Werk, noch so riesengroß und noch so klein, findet seinen eigentlichen Abschluß in einem Augenblicke. Und dieser Augenblick ist so häufig ent­scheidend für große, überreiche Freude, aber ein einziger Augenblick ist wohl auch der Träger und Urheber solch bitterer Schmerzen und Leiden, daß der Tod als liebreicher Freund und Erlöser mit unendlich schmerzlichem Verlangen herbeigesehnt und gewünscht wird. * . * *

(Fortsetzung folgt.)

Vermischtes.

* Nicht «othmendig. Huber: „Sie sind ein Esel und ein Schafskopf!" — Mayer: „Mein Herr, ich werde Ihnen meine Zeugen schicken." — Huber: „Nicht nothwendig, man glaubt es Ihnen auch ohne Zeugen."

* Aus einem Noman. . Sie mußte mit einem Zuge gefahren sein, welcher die Station Verona berührte. Adolar sann einen. Augenblick nach. Sämmtliche Nachtzüge der Station fuhren ihm durch den Kopf.