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M 269 Mittwoch, den 24. November 1897 LI. Iahraana

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Deutsches Deich.

Berlin, 23. November.

* Der Aundesrath ist jetzt in den Kommissionen mit der Durchberathung des Spezialetats beschäftigt. Am Donnerstag wird das Plenum des Bundesraths sich mit dem Etat beschäftigen, ihn aber vorläufig noch nicht erledigen. Am Montag dürfte eine be­sondere Plenarsitzung des Bundesrathes nothwendig werden.

ft Die ostasiatische Flottenabtheilung wird dem­nächst eine weitere Verstärkung erfahren. Es ist die Bildung einer zweiten Division daselbst in Aussicht genommen. Zunächst ist ja bekannt, daß unser schnellster Kreuzer „Kaiserin Augusta" nach Ostasien unterwegs ist. Auch der Panzerkreuzer (Kreuzer 1. Klasse) „Deutschland" wird nach Ost­asien abdampfen. Bei der Indienststellung derselben war eine derartige Ordre sogleich abgegangen. Die gegenseitigen Nachrichten, daß der Kreuzer nach Haiti gehen solle, waren irrthümlich. Ein Kommandeur der neu zu bildenden ostasiatischen Division ist noch nicht ernannt. Jedoch wird angenommen, daß Prinz Heinrich das Kommando erhalten wird.

□ Die,Nationalliberale Korrespondenz', das Partei­organ der Nationalliberalen, pfeift ein Lied nach, das ihr konservative Blätter vorgepfiffen haben: die Melodie von der geistigen Abhängigkeit der Gentrnmspreste von Kerrn Eugen Aichter. „Obwohl — so schreibt die ,Natl. Korrespondenz' — das Centrum vermöge der Organisation des Augusti­nus-Vereins über eine Preßorganisation verfügt, wie sie keine andere Partei, selbst die Sozialdemokratie nicht aufzuweisen vermag, ist durch die Gewohnheit, den Auftakt politischen Denkens von dem Abg. Richter zu beziehen, allgemach die Centrumspresse, namentlich die kleineren Blätter im Lande, in eine solche Ab­hängigkeit von dem Abg. Richter gerathen, daß wochen­lang vorher, ehe die Partei-Organisation sich auch nur in Bewegung setzen läßt, durch die willige Auf­nahme der Richtcrschen Preßpräparate die ganze Centrumspolitik bereits festgelegt wird. Genau das­selbe hat sich jetzt mit der Marine-Politik des Centrums wiederholt .... Obwohl feststand — die Centrums­führung weiß es, — daß die Flottenforderungen sich in mäßigen Grenzen halten, daß von einer Be­einträchtigung des Budgetrechtes gar keine Rede sein wird, daß die Regierung keinen größeren Wunsch hat, als in Frieden, schon um des Eindruckes nach außen hin, sich mit der Vertretung des deutschen Volkes über vitale Anforderungen der Wehrkraft des Reiches zu einigen, — gleichviel, die Richterschen uferlosen Flottenstoßgebete werden so lange nach­gemurmelt, bis man selbst daran zu glauben begann. So allein ist die jetzige merkwürdige Haltung der Centrumspresse zur Flottenfrage und zu den aus­wärtigen Zwischenfällen verständlich usw. usw." — Der blasse Neid! Als dieselben Behauptungen vor einigen Wochen von der ,Kreuz-Zeitung' aufgestellt wurden, haben wir entgegnet: Ja, wenn die Re­gierung solche Politik macht, daß allemög- lichen Parteien in der Opposition gegen die Regierung sich zusammenfinden, dann darf sich auch niemand wundern darüber, daß hier und da eine gemeinsame Art und Weise der politischen Anschauung sich einfindet. Dasselbe sei nun auch der.National­liberalen Korrespondenz' entgegnet, die mit ihrer Be­hauptung in eine starke „geistige Abhängigkeit" von der ,Kreuz-Zeitung' gerathen zu sein scheint. Im übrigen ist der Versuch, einen Gegensatz zwischen Centrums presse und Centrumsführung heraus­drechseln zu wollen, gerade bei dem nationallibe­ral en Partei-Organ so über die Maßen albern, daß wir nicht weiter darauf einzugehen brauchen.

X Die Presse, die den Interessen der Derkiuer chelreidefpekutanle« ergeben ist, bricht natürlich in Helle Jubelrufe aus über die Thatsache, daß der Bezirksausschuß der Stadt Berlin das Verbotder freien Getreidebörse im Feenpalast zu Ber­lin durch den Polizeipräsidenten aufgehoben hat.

Wunderlich — noch vor wenigen Tagen versicherten dieselben Blätter, daß ihnen der Spruch des Bezirks- ausschuffes vollkommen gleichgiltig sei! Man hat nicht vermuthet, daß die Entscheidung so kurz und so bündig ausfallen würde, und wahrscheinlich ist auch die Deutsche Tageszeitung, das Organ des Bundes der Landwirthe, davon überrascht worden; obwohl sie versichert, daß sie diese Entscheidung vermuthet habe. „Daß — so bemerkt das genannte Blatt — der Bezirksausschuß so entscheiden würde, haben wir schon vermuthet, daß aber die höhere Instanz anders entscheiden werde, glauben wir ^ziemlich sicher." Die Anrufung der höheren Instanz war im Voraus schon außerordentlich wahrscheinlich.

X Erhebungen über den Kleinhandel zu veranstalten, wurde von den Handelskammern in Han­nover und Osnabrück angeregt. Aber die meisten andern Handelskammern sind auf diese vor­treffliche Anregung nicht eingegangen. Ent­weder sie haben sie stillschweigend unter den Tisch fallen lassen, oder sie haben rund heraus es abge­lehnt, auf die Anregung einzugehen. Ueber die Gründe, warum die meisten Handelskammern so verfuhren, giebt eine Zuschrift, die „von wohl unterrichteter Seite" der Frankfurter Zeitung zugeht, einen wenig erfreulichen Aufschluß. Da wird unter anderem Fol­gendes ausgeführt: „Die unter Leitung der Handels­kammern zu Hannover und Osnabrück veranstaltete Kleinhandels-Enquete macht glänzendes Fiasko. Schon der Umstand, daß gerade diese Kammern, die wegen ihrer kaufmännisch-zünftlerischen Anschau­ungen bekannt sind, schreckte eine Reihe von Handels­kammern ab, sich zu betheiligen. Neuerdings haben die genannten Kammern anscheinend versucht, einen Druck auf andere Kammern zur Betheiligung auszu­üben, indem von verschiedenen Ministern den Handels­kammern eine Betheiligung an der Enquete empfohlen wurde.....Es ist nicht anzunehmen, daß das

ministerielle Rundschreiben die Handelskammern von ihrer ablehnenden Haltung abbringt. So wurde auch in Sachsen in der am 3. Nov. abgehaltenen Präsidialkonferenz der sächsischen Handels- und Ge­werbekammern beschlossen, sich an der Kleinhandels­enquete nicht zu betheiligen. Mit Recht wurde her­vorgehoben, daß die statistischen Bureaus, die Seminare der Universitäten, der Verein für Sozialpolitik" u. f. w. berufenere Organe für diese Erhebungen seien als die Handels- und Gewerbekammern,die auf p r a k t i s ch e m Gebiete weiter zu arbeiten haben. Von preußischen Handelskammern hat eine Reihe schon von vornherein sich ablehnend verhalten, andere, z. B. die Handelskammer zu Halber­stadt, haben ihre bedingte Zusage wieder zurückge­zogen. Es ist daher so gut wie gewiß daß aus der Kleinhandels-Enquete durch die Handelskammern nichts wird." . . . Das soll keine praktische Thätigkeit sein, wenn die Handelskammern behilf­lich sind dazu, über dieLage des Kleinhandels Klarheit zu schaffen? Die Handelskammern also weisen es geradezu von sich ab, Interesse an dem Wohle des kleinen Kaufmannsstandes zu nehmen. Man sollte sich das recht genau einprägen. Die Handelskammern in Hannover und Osnabrück aber sollten auf keinen Fall erlahmen in ihrem verdienst­vollen Streben, und sollten bemüht sein, ihr Vor­haben doch noch durchzuführen, gegen die Gesammt- heit aller übrigen Handelskammern, wenn es nicht anders sein sollte.

* In der letzten Sitzung des preußischen Staats- ministeriums standen die von Herrn v. Podbielski in Aussicht genommenen Aeforme« der Sostver- waklang zur Berathung. An der Sitzung, die fast 6 Stunden, von 2 bis gegen 8 Uhr dauerte, nahmen außer den Ministern auch die Staatssekretäre des Reichspostamts und des Reichsschatzamts, v. Podbielski und Freiherr v. Thielmann theil.

h. Das internationale Bureau des ISettpost- vereins in Bern veröffentlicht soeben eine Statistik der Einnahmen und Ausgaben aus dem Post- und Telegraphenverkehr in den verschiedenen Ländern der Erde. Danach hat Deutschland die größten Einnahmen erzielt. Es Hal im vorigen Jahre ein­genommen (einschließlich der Einnahmen Bayerns und Württembergs) 486 732 301 Franks und verausgabt 469 505 243 Fr. An zweiter Stelle stehen die Ver­

einigten Staaten von Nordamerika, sie nahmen näm­lich 398876 312 Fr. ein, während sich die Ausgaben auf 449 732 301 Fr. beliefen. Es folgt England mit 286 634250 Fr. Einnahmen und 202 021825 Fr. Ausgaben. Daß Deutschland an erster Stelle steht, rührt zum Theil auch von der Beförderung von Packeten, Zeitungen und vom Fernsprechdienst her, womit andere Länder sich nur in beschränktem Maße befassen.

X In Kreisen der ^ostuulerveamte« wird eine Masseneingabe an den neuen Leiter des Reichs­postamtes vorbereitet, worin eine Aufbesserung ihrer Lage nach mehrfachen Richtungen befürwortet wird. So regen sie eine Verminderung ihrer Dienststunden von 70 und mehr auf 60 Stunden in der Woche unter gleichzeitiger Beschränkung des Sonntagsdienstes auf das thunlichst geringste Maß, die Gewährung eines alljährlichen Urlaubes von 7—10 Tagen, die Anrechnung der Militärdienstzeit auf das Besoldungs- Dienstalter, die unbedingte unkündbare Anstellung nach Ablauf bestimmter Dienstjahre (etwa 12), die Erhöhung des Anfangs- und Höchstgehaltes auf 1000 bezüglich 1800 Mark, eine Reform des Bestrafungswesens, die Einsetzung eines unparteiischen Disziplinar-Gerichtes, bestehend aus Beamten und Unterbeamten in gleicher Anzahl, die Einführung einer leichten Sommerkleidung, und endlich die Bezeichnung „Herr" in der Anrede seitens der Vorgesetzten.

* Karlsruhe, 23. Nov. Der badische Land­tag wurde heute eröffnet. Nach der vom Präsidenten des Staatsministeriums, Dr. N o k k, verlesenen Thron­rede hat sich die Finanzlage in den letzten Jahren merklich gebessert. Das Budget schließt im ordent­lichen Etat mit einem nicht sehr erheblichen Ueberschuß. Die Thronrede stellt für Landwirthschaft und Gewerbe die Beihilfe der Regierung in Aussicht. Außerdem wird anläßlich des bevorstehenden Inkrafttretens des Bürgerlichen Gesetzbuches eine Reihe landesgesetzlicher Ausführungs-Bestimmungen dem Landtage vorgelegt werden. Nach der Vereidigung der neu ein getretenen Mitglieder wurde die Versammlung geschlossen.

Ausland.

* Konstantinopel, 23. Nov. Heute fand eine Versammlung der Botschafter statt, worin über die kretische Frage berathen wurde. Morgen findet zu gleichem Zwecke eine Versammlung der Botschafter statt. Weitere folgen.

* Athen, 23. Nov. Die beiden europäischen Kommissionen, welche die Aufgabe haben, die neue griechisch-türkische Grenze festzusetzen und die Rückkehr der griechischen Flüchtlinge nach Thessalien zu überwachen, hatten Gelegenheit, die türkischen Be­satzungstruppen in Thessalien genau kennen zu lernen, und geben darüber recht bedenkliche Berichte. Nach den Berechnungen des türkischen Generalstabes bezif­fert sich die Zahl der in den Kämpfen gefal­lenen Mannschaften, einschließlich des Feldzuges in Epirus, auf 6400 Tobte und Verwundete. Auf dem Schlachtfelde selbst sind kaum 1800 Mann ge­fallen ; aber von den Verwundeten ist mehr als die Hälfte in Folge der mangelnden Pflege und Fürsorge gestorben. Fast den doppelten Verlust erlitt die tür­kische Armee durch Krankheiten, von denen besonders Typhus und Sumpf-Fieber viele Tausende dahinraffte. Der allgemeine Gesundheitszustand in Thessalien hat sich keineswegs gehoben, zumal inzwischen der Winter mit seltener Strenge hereingebrochen ist. Wenn daher die türkische Regierung für die Truppen nicht bald Winterkleidung, Lebensmittel und Brennmaterial be­schafft, so werden die Truppen während der Winter­monate in eine furchtbare Lage kommen. Denn in Thessalien selbst ist buchstäblich nichts mehr für die Verpflegung der Truppen vorhanden, selbst nach der geringsten Menge Brennholz für die türkischen Offi­ziere müffen oft ganze Kompagnien tagelange Streif­züge unternehmen.

* Mexico, 23. Nov. Wegen Theilnahme an der am 19. September d. I. im hiesigen Polizeigefängniß erfolgten Ermordung des Joaquin Arrayo, der Tags zuvor ein Attentat gegen den Präsidenten Diaz verübt hat, waren 13 Polizeibeamten verhaftet worden. Zehn von diesen sind nunmehr zum Tode, einer zu 11 Monaten Gefängniß verurtheilt worden; zwei wurden freigesprochen.