jti. 268 Dienstag, öen 23. November 1897 21. Jahrgang
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K> Die moderne Geschichtsbaumeisterei erfährt in den .Hamburger Nachrichten', dem Leibblatt des Fürsten Bismarck, eine Beurtheilung, die um so werthvoller ist, als der Charakter des Blattes jeden Zweifel an seiner echt preußischen Gesinnung ausschließt. Bei Gelegenheit einer Besprechung eines neuen Werkes von Hans Pruh über den „großen Kurfürsten" wird die preußische Legendenbildung, wie sie namentlich von Dropsen, Sybel, Hausier, Treitschke gepflegt worden ist, einer wahrhaft vernichtenden Kritik unterzogen. Es heißt dort u. A.:
„Aus Brandenburg ist Preußen geworden und aus und durch Preußen ist das neue deutsche Reich entstanden: — das ist eine geschichtliche Thatsache, die weder der bayerische Dr. Sigl noch die Welfen, weder die ultramontanen noch die sozialdemokratischen Reichsfeinde in Abrede stellen und mit noch so boshaften Deklamationen aus der Welt schaffen können. Aber andererseits läßt es sich auch nicht leugnen, daß es dem wirklichen Verlauf der Dinge nicht entspricht, wenn ein Theil unserer kleindeutschen, d. h. preußenfreundlichen Geschichtsschreiber in ihren retrospektiven Betrachtungen behauptet hat, dieser ganze Crystallisationsprozeß habe sich nicht von innen und unbewußt ans dem Geiste der deutschen Nation herausgebildet, sondern er sei von den leitenden Persönlichkeiten während der letzten zwei Jahrhunderte im Hinblick auf die nothwendige Errettung und das Wohlergehen des deutschen Volkes planvoll, mit Absicht und mit Bewußtsein vollzogen worden. Keiner der Hohenzollernfürsten, und sei er noch so sehr „von Gottes Gnaden" gewesen, hat in Voraussicht des heute erreichten Zieles für einen deutschen Nationalstaat gearbeitet; sie haben alle, und selhst die hervorragendsten unter ihnen, der „große" Kurfürst und Friedrich II., keinen Augenblick an die Interessen und Erfordernisse eines zukünftigen Ge- sammtstaates, an die politische Verkörperung der „nationalen Idee", sondern immer nur an die Vergrößerung, Förderung und Kräftigung des eigenen Staates gedacht. Mit anderen Worten: sie sind alle miteinander preußische Partikularisten gewesen. Das Höchste, wozu sich der Eine oder der Andere erhoben hat, ist der Plan gewesen, eine Anzahl von kleineren deutschen Staaten ins Schlepptau zu nehmen und deren Kräfte der preußischen Politik dienstbar zu machen. Daraus darf ihnen kein Vorwurf gemacht werden: sie machten es in dieser Hinsicht gerade wie ihre deutschen Mitpotentaten, der Kaiser, Bayern, Sachsen, Hannover-England und einige andere; nur daß die Hvhenzollern in der Regel bei ihren dynastischen Bestrebungen mit weit mehr Verstand und Thatkraft zu Werke gingen als ihre deutschen Mitfürsten.
So muß man denn, wie gesagt, im Namen der geschichtlichen Wahrheit Verwahrung dagegen einlegen, wenn es auch auf unseren höheren Schulen, soweit sie in der Machtsphäre des preußischen Unterrichtsministeriums liegen, zur Vorschrift und Regel geworden ist, die Reihe der elf brandenburgischen Kurfürsten und der sieben Könige aus dem hohen- zollern'schen Hause als eben so viele Förderer und Wohlthäter nicht nur ihrer eigenen Lande, sondern auch der deutschen Nation, wie sie sich schließlich unter brandenburgisch-preußischer Führung zum neu erstandenen deutschen Reich gestaltet hat, hinzustellen und zu verherrlichen. Was in den patriotischen Tendenzdramen eines Ernst v. Wildenbruch oder Joseph Lauff mit mehr oder weniger Reichthum an schönen Worten und effektvollen Dekorationen einem geduldigen und geblendeten Publikum auf der Bühne vorgeführt wird, ist noch lange keine beglaubigte Geschichte. Wir wiederholen es: Bis auf die letzten beiden Könige, den romantischen Friedrich Wilhelm IV. und den thatkräftigen, aber ebenso maßvollen wie gewissenhaften Wilhelm I. ist keinem einzigen ihrer Vorgänger der Gedanke an ein
deutsches Nationalreich, an dessen Spitze sie zu treten berufen wären, jemals in den Sinn gekommen. Alles, was in dieser Hinsicht von einigen neueren Geschichtsschreibern, in erster Linie Heinrich von Treitschke, ihnen unterlegt ist, beruht auf einer an sich ehrenvollen (?), aber geschichtlich unhaltbaren Fiktion. Je mehr wir in die Geschichte der größten hohenzollernschen Herrscher, des Kurfürsten Friedrich Wilhelm und Friedrichs IL eindringen, desto mehr erkennen wir, daß sie ihren Beruf ausschließlich in der Fürsorge für ihren Partikularstaat erblickt haben, daß sie, unbekümmert um die Lage ihrer deutschen Nachbarländer, von durchaus eigennützigen Gesichtspunkten beherrscht gewesen sind und von den ihnen angedichteten Visionen der heute erreichten Höhe ihrer Nachfolger auch nicht die leifeste Ahnung gehabt haben. Wir werden es daher nur mit Genugthuung begrüßen dürfen, wenn in neuester Zeit von anderer Seite Anstalt gemacht worden ist, den Ansätzen zu einer hoh e nzollern'schen Legende mit ähnlicher Kritik entgegenzutreten, wie sie von ehrenwerthen französischen Geschichtsschreibern, z. B. P. Lanfrey und H. Taine, den napoleonischen Legenden gegenüber (und Johannes Janssen der Reformations- Legende gegenüber. D. R.), mit unerbittlicher Wahrheit und mit Erfolg geübt worden ist. Zum Glück sind wir heute in Deutschland stark genug, um die Zerstörung solcher schwärmerischer oder byzantinischer Wahngebilde nicht nur ertragen, sondern auch mit voller Zustimmung genießen zu können."
Der Rationalismus (««gläubige Misieu- fchaft) auf dem Rückwege mr Tradttia« (Grblehrr).
Adolf Harnack, der bekannte Berliner Professor der altchristlichen Kirchengeschichte, veröffentlichte in diesem Jahre den ersten Band des zweiten Theiles seiner „Geschichte der altchristlichen Literatur bis Eusebius". Das Buch hat.überall berechtigtes Aufsehen erregt; denn es kündigt offen und klar an, daß die protestantisch-rationalistische Kritik der Quellen des ältesten Christenthums sich auf dem Rückwege der Tradition befindet. Die Ergebnisse der gelehrten Untersuchungen Harnack's nähern sich denn auch in einer sehr bemerkenswerthen Weise den Wahrheiten, welche die Kirche von jeher festgehalten hat.
Schon gleich in der Vorrede bricht der Herr Professor den. Stab so ziemlich über die gesammte bisherige Richtung der ungläubigen „wissenschaftlichen" Forschung. „Es hat eine Zeit gegeben — ja, das große Publikum befindet sich noch in ihr —, in der man die älteste christliche Literatur, einschließlich des Neuen Testaments als ein Gewebe von Täuschungen und Fälschungen beurtheilen zu müssen meinte. Diese Zeit ist vorüber. Für die Wissenschaft war sie eine Episode, in der sie viel gelernt hat, und nach der sie vieles vergessen muß." Speziell in Bezug auf einen der bedeutendsten Vorkämpfer der ungläubigen Forschung, dem vor wenigen Jahrzehnten alles zujauchzte, heißt es gleich darauf: „Die Voraussetzungen der Baur'schen Schule find, man kann fast sagen, allgemein aufgegeben." Ja, die rastlose Zerstörungsarbeit dieser ganzen Richtung wird einfach als „prinzipielle Tendenzkritik" verurtheilt. Aber auch die schon bedeutend gemäßigtere Richtung vieler neueren Forscher ist in den Augen des Berliner Professors „ein Verfahren, wie es ein böswilliger Staatsanwalt übt, oder wenigstens eine kleinmeisterliche Methode, die sich noch immer an allerlei Einzelheiten heftet und von ihnen aus wider die deutlichen und entscheidenden Beobachtungen zu argumentiren sucht."
Auch diese „kleinmeisterliche Methode" ist schon wieder überholt; die neueste Einleitung ins neue Testament von Jülicher ist nach der Meinung Harnack's schon „eine Arbeit, die bereits die Summe der rückläufigen Einsicht der letzten zwei Dezennien zu ziehen begonnen hat". Er fügt dabei mit Nachdruck hinzu: „Ich scheue mich nicht, das Wort ,rückläufig' zu gebrauchen; denn man soll die Dinge beim rechten Namen nennen, und wir sind in der Kritik der Quellen des ältesten Christenthums ohne Frage in
einer rückläufigen Bewegung zur Trajdition." — Doch selbst Jülicher hat erst „begonnen"; Harnack ist schon viel weiter auf dem Rückwege. „Die Ergebnisse der folgenden Untersuchungen," sagt er selbst, „gehen in reaktionärer' Richtung noch über das hinaus, was man etwa als den mittleren Stand der heutigen Kritik bezeichnen könnte." Zu diesen Ergebnissen gehört vor allem, daß „die älteste Literatur der Kirche in den Hauptpunkten und in den meisten Einzelheiten, literarhistorisch betrachtet, warhaftig und zuverlässig ist," daß insbesondere „der chronologische Rahmen, in welchem die Tradition die Urkunden angeordnet hat, in allen Hauptpunkten von den Paulus- briefen bis zu Irenäus richtig ist und den Historiker zwingt, von allen Hypothesen in Bezug auf den geschichtlichen Verlauf der Dinge abzufehen, die diesen Rahmen negiren."
Wenn man die Ergebnisse hinsichtlich des Neuen Testamentes im einzelnen durchgeht, so findet man für die Entstehung der meisten Theile desselben einen Zeitpunkt angegeben, der sich dem von der kirchlichen Ueberlieferung festgehaltenen erfreulich nähert oder ganz mit ihm übereinstimmt.
Immerhin bleibt es recht erfteulich, daß schon so mancher Schritt auf dem Rückwege zur Tradition geschehen ist. Auch sonst findet sich in dem Buche noch manch' erfreuliches Zugeständniß. So wird, um nur noch eines zu erwähnen, der Aufenthalt und Tod Petri in Rom als geschichtlich feststehendes, unantastbares Faktum erklärt. Der Herr Professor ist auch der Ansicht — und das ist nicht minder erfteulich —, daß diese seine theil- weise beinahe orthodoxen Anschauungen schon bald von den meisten Kritikern werden gebilligt werden. „Es wird eine Zeit kommen, und sie ist schon im Anzug," so prophetet der Professor, in der „das wesentliche Recht der Tradition, wenige bedeutende Ausnahmen abgerechnet, zu allgemeiner Anerkennung gelangt sein wird".
Aber dürfen wir nun vielleicht aus dem Gesagten den am meisten erfreulichen Schluß ziehen, daß der rationalistische Professor und sein Gefolge auf ihrem Rückwege zur Tradition sich auch auf dem Rückwege vom Unglauben zum Glauben befinden? Leider nein! Nach wie vor fehlt es dazu an der noth- wendigsten Vorbedingung, nämlich an der Bereitwilligkeit, nicht alle geschichtlich feststehenden That- sachen bloß auf natürliche Weise, mit Ausschluß jeder übernatürlichen Ordnung, begreifen und erklären zu wollen.
Wie' „unbefangen" diese Wissenschaft übrigens arbeitet, zeigen manche Stellen des Buches zur Genüge. Wunder und Prophezeihungen anzunehmen, wäre gläubige „Befangenheit". Um nur ein Beispiel anzuführen, bei dem Beweise, daß der Apostel Johannes nicht das vierte Evangelium geschrieben habe, geht Harnack zuerst die äußern Zeugnisse durch, muß aber zugeben, daß sie nichts Entscheidendes gegen den apostolischen Ursprung enthalten. Aber „das Hauptzeugniß ist ein durch innere Kritik zu gewinnendes", und mit Hilfe dieser wunderbaren Meisterin ist der evidente Beweis bald erbracht: „Der Abschnitt Joh. 21, 20—23 setzt den Tod des Jüngers, den der Herr lieb hatte, augenscheinlich voraus"— sonst wäre es nämlich eine wirkliche Prophe- zeihung —; „anderseits kann man ihn nicht aus dem 21. Kapitel herausbrechen. Dieses 21. Kapitel aber zeigt keine andere Feder als die, welche die Kap. 1—20 geschrieben hat. Damit ist wiederum erwiesen, daß der Schreiber von Kapitel 21 und somit auch der von Kap. 1—20 nicht der Zebedaide sein kann, dessen Tod eben vorausgesetzt ist. . . . Wie man diesen Thatbestand nicht zu sehen oder in Abrede zu stellen vermag, ist mir unverständlich" — allerdings, weil dem gelehrten HerrnProfessor der demüthige Glaube an die Gottheit Christi und sein göttliches Vorauserkennen der Zukunft abgeht.
Leider gilt also von einer solchen Wissenschaft, was der hl. Paulus sagt: „Semper discentes, et numquam ad scientiam veritatia pervenientes (2 Tim. 3, 7): Mit all ihrem Studiren und Arbeiten werden diese gelehrten Herren doch nie zur Erkenntniß der Wahrheit gelangen." Trotzdem müssen sie aber dieser Wahrheit gegenüber das Zeugniß ablegen von ihren eigenen, mühevollen und fruchtleeren Irrungen, bis