Montag, den 22. November 1897
21 Jahrgang
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Anonyme Kriefe.
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Am Fenster eines kleinen, aber recht wohnlich aussehenden Bürgerhauses saß ein junges Mädchen mit feiner Stickarbeit beschäftigt. Sie war wirklich schön zu nennen. Das feine, schmale Gesichtchen war von einem Kranze hellblonder Locken eingerahmt; die blauen ^ugen konnten jetzt so träumerisch und sehnsuchtsvoll hmausblicken, dann aber auch wieder so übermüthia und schelmisch aufblitzen, daß es schwer zu entscheiden war, welcher Ausdruck sie eigentlich am schönsten "!a“£e- Die kleinen Händchen handhabten so schnell die Nadel, daß es ganz unzweifelhaft war: die Ar-
sich a? diesem Zauber, dieser wunderbaren Pracht verschließen sollen? Mußte es nicht jauchzen und lubrliren und mit der Lerche den herrlichen Tag be- ll^ußen. Wer hätte sich nicht gesehnt, hinaufzusteigen zum blauen Aether, sich zu verlieren in dieser Unendlichkeit? Still und wehmüthig stimmte der Schlag der Nachtigall ; sanfte Klagen, süße Liebestöne erklangen aus der kleinen Kehle, das Menschenherz in seinem Sehnen, Hoffen und Fürchten fand beredten Ausdruck in der Natur.
Der Frühling mit all' seiner Pracht und Herrlichkeit war wieder emgezogen. Mit Blüthen überschneit standen die Bäume; von ihrem Ueberfluß zierten sie den grünen Teppich zu ihren Füßen mit tausend und abertausend duftenden Flocken. Unter den belebenden Strahlen der Maisonne keimten, blühten und jubilirten die Kinder der Natur. Und das Menschenherz hätte |
I «.^VbsJahr ist vergangen; man hat den am Schlagflusse dahmgeschiedenen Bruder Bergers zu Grabe getragen; sein Testament hatte einen nahen Verwandten zum Haupterben eingesetzt.
"ar hierauf nicht gefaßt gewesen; mit rastlosem Eifer, spat und früh, hatte er im Verein mi* o,f.ner Irelten die allein von seiner Fainilie um Alles wußte, sich ab gemüht, um wieder ein wenig emporzukommen, wobei aber auch das Bemühen, seinem harten Bruder gegenüber einigen Erfolg zu erringen somit dessen bessere Meinung zu gewinnen, ziem- uch stark niltgewirkt hatten. Seine letzte Hoffnung und fast seine einzige Hoffnung war dieser Bruder gewesen.; wenn auch nur ein kleiner Theil des beträchtlichen Vermögens ihm zufiel, so war doch wenigstens etwas geholfen.
Doch nein, mit dem Hinscheiden des Bruders war auch diese letzte Aussicht vernichtet. Gebrochenen Herzens, voll tiefer Trauer, , aber ohne Haß hatte er den Zug zum Fnedhofe begleitet; mit aufrichtigem Schmerze gedachte er des Verstorbenen, der dennoch etwas, zwar
Vom Schöffengericht zu Barmen wurde unlängst ein Schuhmacher zu einem Monat Gefängniß verur- theilt, weil er einen Spezereihändler — anonymerweise - sehr schwer beleidigt hatte. „Dieser Vorfall giebt," schreibt Herr P. S., „Veranlassung, einmal über die gemeine Unsitte des gemeinen Briefschreibens überhaupt zu sprechen. Es steht leider nicht vereinzelt & ^id und Haß sich des schänd
lichen Mittels der anonymen Briefschreiberei bedienen um Personen, denen sie sonst „nicht gut beikommen" können, entweder zu beleidigen und zu kränken, oder dieselben bei anderen anzuschwärzen, herabzuwürdiqen und zu verleumden. Nein, viel häufiger, als im allgemeinen angenommen wird, kommen solche niederträchtigen Schurkenstreiche vor; sie werden aber nur zum kleinsten Theil in der Oeffentlichkeit bekannt, o"d zwar einmal, weil diejenigen, welche durch anonyme Schmahbnefe direkt beleidigt werden, die Thäter entweder nicht ermitteln können, oder aus was immer für Gründen es unterlassen, die Schreiber bezw. Schreiberinnen vor das Strafgericht zu bringen; dann aber auch, weil solche, die durch anonyme Schreiben bei anderen, Vorgesetzten, Arbeitgebern rc. angeschwärzt b^w. verleumdet werden, in der Regel keine Kennt- nrß von diesem elenden Treiben erhalten. Und gerade das letztere ist im höchsten Grade bedauerlich! Ein ^der, der einen anonymen Brief mit Angaben zu Gesicht bekommt, die geeignet sind, einen Mitmenschen an seiner Ehre zu schädigen, seinen Ruf zu beeinträchtigen und die ihm bis dahin gezollte Achtung zu verringern oder gar ganz zu nehmen, sollte sofort st5?Enden Fußes daran gehen, dem Angegriffenen Anttherlung von dem betreffenden Schreiben zu machen und ihm so Gelegenheit geben, sich zu äußern über dre gegen ihn erhobenen Beschuldigungen und nach dem Verfasser fahnden zu können. Meistens wird aber leider, wie schon angeveutet, nicht in dieser Werse versahren; die ononymen Schreiben werden vielmehr gelesen, man grübelt über den Inhalt nach wird mißtrauisch gegen die betreffende Person, denkt' vielleicht ist doch etwas Wahres an dem Geschriebenen, und begegnet dem oder der Angeschwärzten nicht mehr so sreundlich als früher. In solchem Falle wirkt ein anonymer Brief wie schleichendes Gift und richtet ost sehr großes Unheil an.
Mit vollem Recht rief der Philosoph Arthur Schopenhauer den anonymen Briesschreibern zu: „Schufte, nennt euch!" Die Bezeichnung „Schuft" für einen Menschen, der in der bestimmten Absicht, einem anderen zu schaden, ein anonymes Schriftstück verfaßt und an irgend eine Adresse schickt, ist nicht Zu stark, denn in der Wirklichkeit ist ein solches Individuum kaum um ein Haar besser, als ein heimtückischer und dabei feiger Meuchelmörder, der jemandem auflauert und ihm aus einem Hinterhalt eine Kugel zusendet, oder ihn hinterrücks überfällt und mit einem Schlage oder einem Dolchstoß. zu Boden streckt, um ihn dann seiner Baarschaft und seines sonstigen Eigenthums zu berauben. Auch die anonymen Briefschreiber halten sich in einem Versteck, auch sie überfallen meuchlings Ahnungslose mit der Waffe der Ehrabschneidung, Verdächtigung und der Verleumdung und berauben den von ihnen Angegriffenen seines kostbarsten Gutes: seiner Ehre und der Achtung seiner Mitmenschen.
Nehme also Niemand das Schreiben anonymer -oriese leicht, sondern betrachte es stets als eine schwere Verletzung des Gebotes der Nächstetiliebe und des k'. ^/botes des Dekalogs, welches sqgt: „Du sollst m falsches Zeugniß geben wider deinen Nächsten." »nn emtna^ Dom christlichen Standpunkte au gestaltet ist, wahre Thatsachen, die geeignet sind, Andere tn der Achtung ihrer Mitmenschen herabzu- ' ^-,4 z" verbreiten, dann ist es doch erst recht nicht zu ussig, jemanden auf bloßes Hörensagen, auf bloße Vermuthungen hm bei irgend einem Andern zu verdächtigen. höchsten Grade frivol und niederträch- üg genannt werden aber muß es, menn ein Mensch
bewußte Unwahrheiten über einen andern in die Welt setzt, oder wenn er solche zu Papier bringt und sie an eme Stelle richtet, wo der Betreffende Achtung und Vertrauen bis dahin genossen hat. Eine charaktervolle und ehrenhafte Persönlichkeit wird niemals des Mittels der anonymen Briefschreiberei sich bedienen, sondern dort, wo sie als Warner re. aufzutreten sich für versuchtet hält, mit offenem Visir erscheinen; sie wird ihre Angaben, wenn sie von der Wahrheit derselben einmal überzeugt ist, mit ihrem Namen vertreten. Wer nicht so handelt, wer sich die Tarnkappe der Anonymität aufsetzt, seine Handschrift verstellt, wenn er Anderen am Zeuge flicken will, ist keine ehrenwerthe Persönlichkeit, selbst wenn er im öffentlichen Leben die höchsten Ehrenstellen bekleidete und wenn seine Brust mit Orden und Ehrenzeichen übersäet wäre. Das also gilt es, als Grundsatz zu befolgen: „Unter keinen Umständen anonyme Briefe schreiben!" Und anonyme Briefe beachten? Auch das sollte nicht geschehen. Ein Mensch, der zu feige ist, i
Namen zu nennen, verdient nicht, daß man UUh cy uUt« unzweireman war-
auf ferne Worte etwas gibt. Wir stehen auf dem beiterin war reckt aetoicfTT ------
StandpunUe, daß anonyme Zuschriften ungelesen dem Seele an ihrer Aufgabe $ Smtier
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1 Macht erlangt man nur durch eine strenge kurzweg als die reichen Beraers" bt-r-ifknol Selbstzucht und eine echt christliche Nächstenliebe. Die Trübe Tage waren gekommen Krankheiten batten die meisten Menschen sind aber sehr neugierig, wenn es Familie heimgesucht. Um sich besser zu stellen batte sich darum handelt, etwas über andere zu erfahren, Berger, im Gedanken anfeine Ä aeJaate ©S -
Jnntmt •e%ba$ ni^ nur ber sogenannte lationen unternommen, die nicht allem fern ganzes 5Ä- männlichen und weiblichen „Wasch- noch übriges Vermögen verschlangen sondern auck as. ä-ää.5 = e* sä-» e WWW ffS ="=£?=*=?£ •ässlsss» x ।» ss s "Ä WWWME »LLÄ-LM UAMWM -WWSL'MM- tommt Tu ?»'1md)t roteber 9Ut ""^en, die Reue „Ist Dir das wirklich Ernst?" ’ 9
MUMLLT -MWLS-M und Neigung haben, sich recht oft ins Gedächtniß 1 ~ - - - 559
rufen sollten. Es würde dies ihnen und ihren Mitmenschen sehr nützlich sein. Und im Uebrigeu erachten wir es für empfehlenswerth, sich stets daran zu erinnern . „Kehre jeder vor seinem Thor, er sände manchen Schmutz davor," und eingedenk zu bleiben der Mahnung: „Was du nicht willst, daß man dir's thu, das füg auch keinem andern zu!"
Schein und Sem.
Erzählung aus der Gegenwart von A. F.
- (Nachdruck verboten.)
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__mit Urrterhattrrngs-Keilagr „Sterne und Ktmne«^.