M 267 Montag, den 22. November 1897. 24. JahrgMg
FuldaerWZeiHiug
mit W«terhalt»«gs-Krilagr „Sterne uns Kinmen«.
Erscheint ttglich, Smm- aitb Feiertage an-genommen. — vierteljährlicher AbonuementSpreiS ohne Bringerlohn mtb Bestellgeld in AnSa nnd auswärts 1 Statt 50 «ennia. Inserate kosten die einspaltige Sarmondzeile oder deren Raum 15 Pf., Reklamen die Petitzeile 25 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.
18
Erstes Klatt.
__________________A
rh Das Wahlrecht der Beamten.
„Neben den allgemeinen Dienstpflichten haben die Beamten in den Provinzen nationaler Kämpfe noch die besondere Aufgabe, die nationale Politik der Regierung nach Kräften zu unterstützen, selbstverständlich ohne den Anforderungen gleicher Gerechtigkeit und Billigkeit gegen beide Nationalitäten Abbruch zu thun. Die Staatsregierung muß verlangen, daß jeder preußische Beamte und Lehrer sich dieser besonderen Pflicht jederzeit bewußt ist. Diese Pflicht ist für alle Deutschen eine moralische Pflicht, bei Angestellten des Staates obendrein eine offenbare Dienstpflicht —" so leitartikelt die,Nordd. Allg. Ztg.' über den Fall Fricke.
Der Gymnasiallehrer Fricke in Dirschau (Reg.- Bez. Danzig) hatte sich bei der Wahl eines Abgeordneten als Wahlmann der Abstimmung enthalten, und dadurch die Wahl eines Polen statt eines deutschen Kompromißkandidaten entschieden. Ostdeutsche Hakatistenblätter und nach ihnen Zeitungen von dem Schlage der Stumm'schen Berliner ,Post' erhoben die Anklage gegen Herrn Fricke wegen „un- deutscher Gesinnung" und darauf wurde Herr Fricke gemaßregelt. Er wurde von Dirschau nach Paderborn versetzt. Das soll nun nach der Ansicht von Blättern, die das Nationalbewußtsein in Erbpacht für sich allein haben, „keine Maßregelung" sein. Auch nicht die Thatsache, daß Herr Fricke der Stimmabgabe sich enthalten hat, soll der Grund für seine Versetzung nach Paderborn gewesen sein. „Nicht die Stimmenthaltung des Herrn Fricke, so meint die ,Nationalzeilung', sondern die unhaltbare Stellung, in welche er infolge derselben zu dem größten Theil der deutschen Bevölkerung in Dirschau und in Westpreußen gerathen ist, hat die Versetzung, und zwar in Folge der aus Westpreußen eingegangenen Berichte, veranlaßt. Herr Fricke selbst hat den entstandenen Gegensatz auf die Spitze getrieben, indem er sich weigerte, aus dem Gesammtvorstand des Vereins für den Schutz des Deutschthums in den Ostmarken auszutreten, obgleich er wußte, welche Stimmung gegen ihn in dem Vereine herrschte, und indem er so die Ausschließung herbeiführte."
Nun freilich, recht viele Menschen würden, wenn sie vor die Wahl zwischen Dirschau und Paderborn gestellt werden, der letztgenannten Stadt entschieden den Vorzug geben. Aber wenn Jemand an einem Orte heimisch geworden ist, so ist ihm dieser in den meisten Fällen doch lieber, als ein anderer, schönerer, in dem er nicht heimisch, sondern ein Fremder ist. Und somit bleibt die Versetzung des Herrn Fricke trotz alledem und alledem eine Maßregelung. Wir haben gar keine Veranlassung, uns für Herrn Fricke selbst zu begeistern. Aber wir müssen uns doch recht deutlich die Thatsache vergegenwärtigen, daß nach der neuesten Auffassung der Berliner Regierung die Beamten und Lehrer, um ihrer Pflicht zu genügen, nicht nur der Wahl eines Oppositionskandidaten sich enthalten, sondern auch mit allen Kräften die Wahl eines Regierungsmannes unterstützen müssen. Schon Fernbleiben vom Wahlkampfe für den Regierungskandidaten kann dazu führen, daß sie gemaßregelt werden. Und was heute dem freisinnigen Herrn Fricke in Dirschau geschieht, das kann, wenn diese Methode allgemein bei uns eingeführt wird, morgen Dutzenden von kathosischen Gymnasiallehrern in anderen Städten geschehen.
Läßt sich ein solches Verfahren in Einklang bringen mit der verfassungsgemäß gewährleisteten Wahlfreiheit der Beamten? Sicherlich nicht. Und außerdem scheinen sich die Anschauungen der preußischen Regierung über solche Dinge seit der Zeit des Fürsten Bismarck noch sehr verschärft zu haben. Als am 5. März 1881 im Reichstage über Wahlbeeinflussung verhandelt wurde, sagte Fürst Bismarck wörtlich: „So viel an der Reichsregierung und an mir als Kanzler liegt, bin ich den Einwirkungen von Beamten stets entgegen getreten — nicht immer mit Erfolg.
Ich theile die Meinung des Herrn Vorredners, „daß esderWürde desBeamten nicht entspricht, sich in die Wahlkämpfe zu mischen . . . ." Und später mußte Herr von Puttkammer wegen seines Systems der Wahlbeeinflussungen sogar aus dem Ministerium weichen.
Herr Fricke in Dirschau hat nicht gegen den Regierungskandidaten agitirt. Er hat auch nicht gegen ihn gewählt. Er hat sich, da er nach seiner politischen Ansicht den Regierungsmann nicht wählen konnte, der Stimmabgabe enthalten. Und nun wird er nach einer weit entfernten anderen Stadt versetzt, damit er nicht durch sein Beispiel die Dirschauer deutsche Jugend verderbe ..........ein wenig trostreiches
Kennzeichen für den Sinn, von dem die preußische Regierung bei der Behandlung ihrer Beamten sich leiten läßt, und für das Zutrauen, das sie zu der Festigkeit ihres eigenen Systems hat. Aber das Verfahren ist ein nur zu deutliches Merkmal für die Leidenschaft, mit der die preußische Regierung alles das auffaßt und betreibt, was mit Polen und Polenthum zusammenhängt. Und daraus, daß Gymnasiallehrer nur deswegen gemaßregelt werden, weil sie in den Ostprovinzen nicht in den Hakatistenvereinen mitthun, kann man allerlei Schlüsse ziehen auf die Tonart, in der die schon mehr als einmal angekündigten Polen-Debatten in der nächsten Tagung des preußischen Abgeordnetenhauses sich bewegen werden.
Aber hat denn die Regierung wirklich keine Einsicht dafür, daß niemals Segen daraus entstehen kann, wenn sie selbst mit Leidenschaftlichkeit theilnimmt an den Parteikämpfen der Bürgerdes vonihrverwalteten Staatswesens?
Deutsches Deich.
Berlin, 20. November.
* Der Kaiser, der im Jagdschlösse Letzlingen weilt, hat dort eine Berathung mit dem Fürsten Hohenlohe gehabt.
* Der neue deutsche Botschafter in Kcnstantinopel, Freiherr HAarschalk vo« Mieöerfteiu, ist gestern vom Sultan empfangen worden. Nächsten Donnerstag wird der Freiherr von Konstantinopel wieder abreisen, um dann im Dezember dorthin zurückzukehren. Vor seiner Abreise und nach seiner Rückkehr soll ihm zu Ehren ein Festessin im kaiserlichen Palaste gegeben werden.
* In der Ansprache a« die Aekruten sagte der Kaiser am Donnerstag u. A.: „Wer kein braver Christ ist, der ist kein braver Mann und kein braver preußischer Soldat und kann unter keinen Umständen das erfüllen, was in der preußischen Armee von einem Soldaten verlangt wird." Es war vorauszusehen, daß in einem Theile der Presse mit diesen Worten wieder Unfug getrieben würde. Freunde und Feinde der Juden thun, als habe der Kaiser damit etwas gegen die Juden sagen wollen oder diese sich gekränkt fühlen können. Ohne Zweifel hat der Kaiser aber an die Juden nicht entfernt gedacht, sondern nur gemeint, daß ein Christ sein Christen- thum auch praktisch bethätigen müsse, und Soldaten, die dem Christenthum feindlich oder gleich- giltig gegenüberstehen, nicht viel taugen. Und da hat er so unrecht nicht.
* Der Kreuzer „Kaiserin Augusta", der die deutsche Truppenabtheilung, die auf der Insel Kreta stationirt war, ausgenommen hat, geht nunmehr durch den Suezkanal nach China, um das Kreuzergeschwader in der Kiautschau-Bucht zu verstärken. Das Schiff hat eine Besatzung von 418 Mann und steht unter dem Befehle des Kapitäns Köllner.
X Gegen die Aufhebung des Iesuitengesetzes spricht sich die,Post' aus, weil ein Jesuit aufgehört habe, ein Deutscher zu sein (deutsche Jesuiten gebe es nicht, der Jesuitenorden sei international und erkenne prinzipiell kein Vaterland an), und weil der Jesuitenorden die Selbstständigkeit der Staatsgewalt leugne. Derartige abgestorbene kulturkämpferische Redensarten heute noch vorzubringen zeugt von einem bedenklich tiefen Niveau, auf dem die ,Post' nachgerade angelangt sein muß. Die Mehrheit des Reichstags theilt bekanntlich solche albernen Anschauungen nicht, und der Antrag, den § 2 des Gesetzes aufzuheben.
ist sogar vom Grafen Limburg-Stirum ausgegangen, der doch auch eine Vergangenheit als Kulturkämpfer hat. Nach der ,Post' soll Graf Hompesch vor etwa einem Jahre im Reichstage erklärt haben, „weil das Bildniß des Jesuiten Friedrich von Spee am Kronleuchter der großen Wandelhalle des Reichstagsgebäudes angebracht fei, deshalb müsse das Jesuitengesetz aufgehoben werden". Eine solche Abgeschmacktheit ist dem Herrn Grasen gar nicht eingefallen. Uebrigens ist es schon länger her, daß er auf das Bildniß hin- wi-s, das sich indeß nicht am Kronleuchter in der Wandelhalle befindet.
X Der berüchtigte Ilormarm-Sttzirmarm macht bekanntlich wieder von sich reden. Nachdem man ihn erst hat entwischen lassen, möchte man ihn jetzt wegen Majestätsbeleidigungen belangen, die er in seinen Zeitungsartikeln verübt hat. Er will sich aber den Gerichten nur stellen gegen „freies Geleit". Der Biedermann hat auch die Stirn gehabt, den Frhrn. v. Marschall wegen Meineids zu denunziren. Früher hat er schon Bebel ebenfalls wegen Meineids denunzirt. Die Staatsanwaltschaft hat ein Ermittlungsverfahren eingeleitet und die von Bebel vorgeschlagenen Zeugen vernommen, zuletzt in voriger Woche den „Genoffen" Motteler in London. Es scheint ihr um den Beweis zu thun zu sein, daß der von Bebel erwähnte Mac Hunns und Schumann ein und dieselbe Person ist. Mac Hunns hat im Memorial Diplomatique' Artikel veröffentlicht, die die schwersten Beleidigungen gegen den Kaiser, Caprivi und Marschall enthielten. Die Staatsanwaltschaft fall ein erdrückendes Material zum Beweise dafür haben, daß die Artikel von Schumann sind. Auch Bebel soll dem ,Vorwärts' zufolge in Kürze ein erdrückendes Beweismaterial dafür beibringen können. Einstweilen macht der ,Vorwärts' darauf aufmerksam, daß der Name Mac Hunns aus genau denselben Buchstaben besteht wie Schumann. Was nützen indeß alle Beweise, wenn man den Gauner nicht hat!
h Zu den „Sostreformen" des Herrn v. Pod- bielski gehört nach Andeutungen der Deutschen Ver- kehrsztg.' auch die, Zeitungen und viele andere Drucksachen nicht mehr so rasch und mit den ersten abgehenden Zügen zu befördern Es sei gerade kein Unglück, wenn die Zeitung statt zum ersten erst zum zweiten Frühstück gelesen werde. Auch bei Beförderung der anderen Drucksachen müsse ein Sieb mit engeren Maschen genommen werden. Briefe und Postkarten verdienten im Allgemeinen einen Vorzug vor den Drucksachen schon des Portos wegen. Bei den Drucksachen müsse eine Unterscheidung eintreten. Unseren einsichtigen Beamten werde es ohne Zweifel gelingen, hier mit der richtigen Unterscheidung zu verfahren. Das kann ja herrlich werden, nicht nur für die Zeitungsleser, sondern noch mehr für die Zeitungsredaktionen, wenn „unsere einsichtigen Beamten" darüber zu entscheiden haben sollen, welche Drucksachen sie befördern, welche sie bis zum nächsten Zuge liegen lassen wollen.
* ^aderöoru, 20. November. Die Versetzung des Oberlehrers Dr. Wilh. Fricke vom konigl. Realproygmnasium in Dirschau an das hiesige königl. Gymnasium Theodorianum zum 1. Januar 1898 ist eine Thatsache. Daß diese „Strafversetzung" von der russischen Grenze in das uralte Kulturland-Westfalen thatsächlich als eine. solche nicht zu betrachten ist, davon ist wohl jeder überzeugt. Weit auffallender aber ist eine zweite Thatsache nämlich die Versetzung des Oberlehrers B. Uppenkamp(Mathematiker) vom hiesigen Gymnasium an die Stelle des Herrn Dr. Fricke nach Dirschau, gleichfalls „im Jnte- resfe des Dienstes". Hr. Uppenkamp erfreut sich allgemeiner Achtung und hat sich dienstlich nicht das Geringste zu Schulden kommen lassen. Da wird wohl ein jeder mit uns fragen: Wen trifft nun thatsächlich die Strafversetzung? Herr Dr. Fricke ist in Dirschau der einzige katholische Lehrer, Hr. Uppenkamp wird das ebenfalls sein. Die Anstalt wird als „paritätisch" bezeichnet.
Anstand.
* Aern, 20. Nov. Nachdem die Einführung des Zündhölzchen-Monopols durch die Volksabstimmung abgelehnt worden ist, hat der Bundes-