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Samstafl, den 20. November 1897

21. Iabrgang

mit Nnterhaltnngs-Keilage „Sterne und Sluwen"

krfchemt tigfid), Sena» aab Keiertagr aitf genommen. — vierteljährlicher Adoanementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld in AuSa m* an»»trt« 1 Mark 50 Vfatetg. Inserate kosten die einspaltige Garmondzeile oder deren Raum 15 Ps., ReNamen die Petitzeile 25 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

K Gegen die Reform des Militär- Strafprozcffes

kämpfen noch immer konservative preußische Blätter und besonders die altpreußische Militärpartei an. Und noch vor wenigen Tagen versicherte ein Berliner Offiziosus, daß innerhalb des Bundesrathes noch großer Widerstand bestehe gegen die Anerkennung des bayerischen Reservatrechtes auf einen eigenen obersten Gerichtshof. Mittlere und kleine Bundesstaaten sollen es vornehmlich sein, die dieses Reservatrecht nicht anerkennen wollen. Selbst wenn es so wäre, würden diese mittleren und kleinen Bundesstaaten nur das Lied nachpfeisen, das ihnen so lange Zeit hin­durch in allen Tonarten von Berlin aus vorgepfiffen worden ist. Wenn es so wäre, so hätte nunmehr die Reichsregierung nur die Saat wie! er auszurotten, die ihre Preßknappen vorher selbst mit großem Auf­wande von Mühe und Druckerschwärze ausgestreut haben. Es ist gar nicht daran zu zweifeln, daß dieser Widerstand bald überwunden fein wird.

Ganz ablehnend verhalten sich gegen die Reform nach wie vor einige konservative Blätter. So schrieb vor einigen Tagen der Berliner,Reichsbote': „Die Oeffentlichkeit der Militärgerichtsverhand­lungen darf nicht konzedirt werden, weil sie sich nicht mit der in der Armee so nothwendigen Disziplin ver­trägt." Aber auch das wird ein Kampf gegen Wind­mühlen fein; denn „bis zu einem gewissen Grade" sind ja, wie der Ab;. Dr. Lieber in seiner letzten Rede i" Aachen mittheilte, die Grundsätze der Münd- lichkei: und Oeffentlichkeit in dem Entw -rfe der Re­gierung durchgeführt. Freilich wissen wir noch nicht, bis zu welchem Grade. Aber wenn nicht alle An­zeichen trügen, muß dies doch schon in einem Maße der Fall sein, daß man wirklich von einer Reform sprechen kann. Das darf man schließen aus dem Umstande, daß die Militärpartei, von der man viel­fach annimmt, daß sie das kaiserliche Militärkabinet hinter sich habe, mit einem „Mahnwort in letzter Stunde" im Militärwochenblatt' hervortritt. Unter dieser Ueberschrift veröffentlicht ein ungenannter „älterer preußischer Offizier" eine bemerkenswerthe Arbeit, die sich namentlich beschäftigt mit der O e f f e n t - lichkeit des Verfahrens, mit der Gestaltung der Vertheidigung bei demselben, mit der Bestä­tigung der Urtheile, und — fast hätten wir gesagt: natürlich! — wiederum auch mit dem oberften bayerischen Militärgerichtshofes.

Der Verfasser — nach der Vermuthuug eines Berliner Blattes soll es Generalmajor z. D. v. Estorff sein — gibt zwar zu, daß es „viele Fälle geben wird, in denen die Oeffentlichkeit des Verfahrens nützlich ist, indem sie tendenziöser Ausbeutung der Vorkomm- niffe von vornherein den Boden entzieht", er sagt aber weiter: „Will man die Oeffentlichkeit im Prinzip einführen, dann gebe man unter allen Umständen im Gesetz gleichzeitig die Vollmachten, die Oeffentlichkeit allemal dann auszuschließen, wenn durch ihre Zulassung Disziplin oder militärdienstliche Interessen irgend welcher Art gefährdet er- fcheinen. Wir geben uns der bestimmten Hoffnung hin, daß die berufenen Stellen, in erster Linie das Preußische Kriegsministerium, an dieser Forderung fest­halten werden. Geschieht dies, dann wird die Armee die Oeffentlichkeit vertragen können." Das klingt ganz gut. Aber unter Reichen Bedingungen soll der Ausschluß der Oeffentlichkeit eintreten? Das festzustellen würde dabei die Hauptsache sein. Und darin wird wohl die Mehrheit des Reichstages nicht mit dem Verfasser übereinstimmen.

Eine Vertheidigung will der ältere, preußische Offizier nur in ganz bestimmten Fällen zulassen, und ausschließen will er solche Elemente des Rechtsanwalts­standes, von denen eine tendenziöse Ausnützung ihrer Stellung als Vertheidiger zu Ungunsten der Armee zu befürchten ist. Was soll das heißen? Sollen die Rechtsanwälte vorher ein Examen ab legen auf ihre konservative oder militärfromme Gesinnung?

lieber die Bestätigung der Urtheile schreibt der Verfasser unter Anderem: „In der Vollziehung ober Verweigerung der Bestätigung und in dem allerhöchst ausgeübten Rechte der Aufhebung liegt Ersatz für Rechtsmittel zu Gunsten oder Ungunsten des An­geklagten. Die Bestätigung in dieser Bedeutung oder die Aufhebung durch allerhöchste Ordre läßt sich in ein neues Verfahren nicht mit hinüber­nehmen; sie stehen mit dem mündlichen unmittel­baren Verfahren, wie mit anderen Grundsätzen des modernen Strafprozesses in nicht lösbarem Wider­spruch. Nicht anfechtbare Erkenntnisse werden nun ohne weitere Mitwirkung anderer Faktoren rechts­kräftig werden. Rechtsmittel werden besonders vor­gesehen, mit Grund angefochtene Erkenntnisse werden in höherer Instanz durch Richterspruch reprobirt. Dennoch möchten mir nicht ganz darauf verzichten, daß auch im neuen Strafverfahren der Grundsatz, daß über Angehörige der Armee nur vom allerhöchsten Kriegsherrn bezw. in dessen Auftrage verfügt wird, zum Ausdruck kommt. Ein Weg hierzu wäre der, daß die rechtskräftigen Urtheile von dem Kriegsherrn, bezw. von dem damit beauftragten Be­fehlshaber behufs Vollstreckung mit einer Bestätigung versehen wurden, und mit dieser Bestätigung wäre, wie in unserem jetzigen Verfahren, die Möglichkeit der Milderung, für die Befehlshaber in bestimmt be­grenztem Umfange, zu verbinden." Beim Lesen der Schrift gewinnt man den Eindruck, daß der Verfasser dies nicht ohne Kenntniß der Regierungsvorlage schrieb und man darf vielleicht annehmen, daß die Vorschläge des Verfassers in diesem Punkte denen entsprechen, die in der Vorlage selbst stehen; man muß das ab­warten. Jedenfalls wird dabei sehr viel ankommen auf die Fassung des Wortlautes.

Zum Ende greift der Verfasser des „Mahnwortes" heftig das bayerische Reservatrecht auf einen obersten militärischen Gerichtshof an. Er bringt dabei keine anderen Gründe vor als die, die wir schon kennen, und von diesen wissen wir zur Genüge, daß es Schein- qründe sind. Wir können sie deswegen auf sich be­ruhen lassen.

Anznerkennen ist der ruhige Ton, dessen der Ver­fasser sich bedient. Hoffentlich nehmen sich darin die Herren, die im Reichstage die guten Grundsätze in der Vorlage bekämpfen werden, an dem Verfasser des hier besprochenen „Mahnwortes" ein gutes Beispiel!

KlMge Ziffer«.

Der Statistiker ist nicht der größte, aber der beredteste Gelehrte. Er spricht die knappe, über­zeugende Sprache der Ziffern, und ihrem Eindrücke kann sich der Philosoph ebenso wenig entziehen, wie der Gemüthsmeusch oder der optimistische Träumer, dessen Lustschlösser zusammen stürzen, wenn das nüchterne, öde Zifferngebäude emporsteigt. Und doch ist sie so trocken nicht, die in Zahlen sprechende Ge­lehrsamkeit; sie hat ihre Pikanterien, ihre frappanten Wendungen, ihre packenden Effekte. Das empfanden wir wieder bei der Lektüre, oder — wie wir richtiger sagen — bei dem Studium eines sonderbaren Buches, das in Tabellen in wunderlichen Zahlenbildern und Gruppirungen einen werthvollen Beitrag zur Welt- und Kriegsgeschichte bietet. „Die Zahl im Kriege" ist sein Titel; der österreichische Generalstabshaupt­mann Otto Berndt hat es verfaßt, er hat diese „statistischen Daten aus der neueren Kriegsgeschichte in graphischer Darstellung" vereinigt und bei Frey- tag unb Berndt in origineller Ausstattung er­scheinen lassen. In Ziffern und Farben wirb hier die ganze Weltgeschichte vor uns lebendig; wir er­fahren genau, wie sich Krieg und Frieden zu ein­ander verhalten haben seit Jahrhunderten, wie viele Menschenopfer der völkermordende Krieg gefordert und in welchen Massen, nach welchen statistischen Verhältnissen sie ihm von Freund und Feind darge­bracht worben sinb. Siea und Niederlage, Wunden und Tod, Waffen und Menschen, Zeit und Raum in den Schlachten Europas werden sorgfältig ver­glichen ; und offen liegen die Lehren zu Tage, die sich aus diesen Ziffernbildern ergeben.

Nur einige davon, die markantesten, seien in flüch­tiger Skizze festgehalten; sie zeigen die sesselnde Diacht dieser Ziffernsprache. Betrachten wir Tafel 17 des

Berndt'schen Zahlengebäudes, so wissen wir unfehlbar, wer uns der beharrlichste Feind in der Weltgeschichte gewesen. In den 227 Kriegsjahren, welche Oester­reich in den letzten 400 Jahren seiner Geschichte zählte, hat es 63 Kriege gegen äußere Feinde geführt und die größte Zahl derselben, 22, wandte sich gegen Königreich, Kaiserreich und Republik Frankreich. In 85 Feldzugsjahren, 92 Schlachten, 103 Gefechten unb 3250 kleineren Kämpfen standen österreichische Sol­daten französischen gegenüber, in den 198 größeren Affairen waren wir llOmal, die Franzosen 88mal Sieger. Sonst haben wir uns, wie die Statistik lehrt, am schlechtesten mit Italien unb ben Türken ver­tragen. Selbe haben uns je 22 Schlachten geliefert und jedem dieser Feinde Haden wir 16mal den Sieg abgewonnen. Mit unseren türkischen Nachbarn sind wir überdies noch 228mal, mit den Italienern sogar 750mal in kleineren Affairen in Kamps gerathen unb in ben meisten gebührte uns ber Lorbeer. Minber gut meinte es Viktoria mit uns, wenn wir uns preu­ßischen Kriegern gegenübersahen. Von ben 27 Schlachten unb Treffen dieser Art haben österreichische Feldherren neun gewonnen. In den 647 kleineren Affären mit dem preußischen Nachbar vertheilten sich Sieg unb Nieberlage angenehmer. Daß uns bas bourbonische Spanien in 141 Kämpfen 97mal besiegt hat, hat die Weltgeschichte beinahe schon vergessen. Dagegen unterlagen die bayerischen Freunde unb Nachbarn in den 50 Kämpfen, die sie gegen uns wagten, 41mal, und auch den Schweden, mit denen wir heute nur friedliche Berührungspunkte haben, ist es in den 369 Kämpfen gegen Oesterreichs Adler 285mal übel ergangen. Rußland kann auf eine fast ununterbrochene Waffenbrüderschaft mit Oesterreich zurückblicken; nur in einem Feldzugsjahre (1812), als uns ber große Corse zur militärischen Gefolgschaft zwang, kreuzten wir mit den Moskowitern die Waffen unb blieben in zwei Schlachten unb 45 (unter 61) Gefechten siegreich. Mit ber Schweizer Eidgenossen­schaft leben wir seit 1497 im tiefen Frieden; damals ist sie uns sehr unangenehm geworden. Mit Tunis haben wir zweimal, mit Egypten einmal (1840), stets siegreich zu thun gehabt, dagegen hat uns Dänemark 41 Mal kriegerisch beschäftrgt und 29 Mal ist es von uns bezwungen worden.

Unb baß nicht immer ber Stärkere ben Schwächeren bezwingt, daß die Ueberlegenheit an Zahl nicht immer das entscheidende Moment für ben Erfolg ist, das lehren uns die sprechenden Ziffern der Statistik. Hauptmann Berndt zählt 73 große Schlachten feit den Tagen von Mollwitz und Roßbach auf: in 40 dieser wichtigen Affären war der Stärkere, in 33 der Schwächere der Sieger. Bei Roßbach ergriffen 43 000 Franzosen unb Reichstruppen vor 22 000 Preußen das Hasenpanier; bei Dresden fesselte Na­poleon mit 96 000 noch einmal ben Sieg an seine Fahnen, obwohl ihm 200 000 Verbündete gegenüber standen, bei Aspern dagegen bezwang der schwächere Erzherzog Carl mit 75 000 Oesterreichern 90 000 Franzosen. Der greife Radetzky warf bei Santa Lucia mit 19 000 Mann 41000 Piemontesen nieder; in ber ersten Schlacht von Custozza (1848) stauben 55 000 Oesterreicher gegen 75 000 Piemontesen, in zweiten Custozza-Schlacht war das Verhältniß 74000 zu 89 000 und dennoch gehörte uns der Sieg. Bei Novara errang Radetzky feinen höchsten Triumph gegen einen um 20000 Mann überlegenen Feind; aber auch 1866 gelang es ber österreichischen Tapfer­keit an dem blutigen Tage von Trautenau, mit 26 900 Soldaten 32 000 mit dem Zündnadel­gewehr bewaffneten Preußen Trotz zu bieten. Das größte Mißverhältnis brachte wohl die Schlacht an der Lisaine (Belfort) im Jahre 1870: dort be­zwang General Werder mit 45 000 Deutschen 140000 Franzosen! Daß alle größeren Seesiege der Neuzeit von der schwächeren Flotte errungen wurden, ist eine ganz merkwürdige Pikanterie der Geschichte. Bei Trafalgar focht Nelson mit 27 gegen 33, bei Navarin siegten die Engländer mit 26 über 85 türkisch- egyptische Schiffe, bei Lissa schlug Tegetthof mit 27 Schiffen 34 stärkere italienische Kriegsschiffe in die Flucht!

Mit echter Statistiker - Grausamkeit entwirft uns Hauptmann Berndt in farbigen Tabellen das Bild ber blutigsten unb ber verlustreichsten Feldzüge unb