M 266 Samstag, den 20. November 1897. 24. Jahrgang
FuldaerWZkitüiiz
mit Unterhaltnrrgs-Keilage „Ktrrne und Klnmrn".
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Berkchrsschmerzen.
«<y Rimmels, 18. November.
(Schluß.)
„Und ein ebenes, gerades Straßennetz vermittelt den Verkehr in die nächste größere Stadt," so heißt der andere Theil der Parole am Ende des 19. Jahrhunderts, und wir greifen verwundert an die Stirne und fragen: Sind wir vieleicht aus der Tertiärzeit? Fulda, die nächste größere Stadt, die von hier in zwei knappen Stunden auf ebenem, geraden Wege zu erreichen wäre, können wir nur auf buckligem, langem Wege erreichen, weil das ebene, gerade Straßennetz Rimmels - Treisbach nicht ausgebaut ist. „Wo willst Du hin, mein Freund?" fragte mich neulich ein Tourist, der von Dammersfeld und Teufelstein kam und mit mir im Morleser Walde zusammentraf. „Nach Fulda!" — „Aber," sagte der Tourist, „Du gehst ja gar nicht in der Richtung Fulda, sondern in der Richtung Teufelstein-Dammersfeld!" — „Alle Straßen der Welt führen nach Rom." Diese Antwort imponirte dem Manne nicht, und er drängte weiter: „Gewiß, mein Freund, aber dann wähle Dir doch nicht einen buckeligen, langen Umweg, sondern gehe gerade aufs Ziel los." — „Nun," sagte ich, „das geht nicht, bei uns geht man ums Ziel herum." — „So," sagte der Fremde, „das habe ich bis jetzt noch nicht gewußt," und schaute mich verwundert an, als ob er Don Quixote begegnet sei. Ich ließ dem Touristen keine Zeit, noch weitere Anzeichen an mir zu entdecken, die seinen Verdacht bestätigen könnten. Fritz sühlt die Sporen und „Hurrah, hurrah, hopp, hopp, hopp, geht's fort in sausendem Galopp!" auf buckeligem Wege in der Richtung Teufelstein und Dammersfeld, sieben Kilometer weit, bis nach Hofbieber. Jetzt stehe ich zwar auf ebener Straße und gehe von jetzt an in gerader Richtung nach Fulda, aber ich bin doch jetzt nach Zurücklegung dieser sieben Kilometer gerade so weit von Fulda entfernt, als in meinem Tuskulum zu Rimmels. Auf dem Rückwege muß ich diefe sieben Kilometer wieder machen, und habe also eine Strecke von vierzehn Kilometer zurücklegen müssen, ohne dem Ziel im geringsten näher zu kommen. Nun mag es ja für einen Philister, der nichts zu thun hat und an Verdauungsbeschwerden leidet, sehr nothwendig sein, vierzehn Kilometer weit sich zu bewegen, und es kann ihm so ziemlich einerlei sein, in welcher Richtung dieselben liegen; aber ein Bäuerlein aus der Rhön vierzehn Kilometer weit rein spazieren zu führen, das ist eine blutige Ironie und mehr als Thierquälerei. Zeit ist Geld, sagt der Amerikaner, und er baut die Pacificbahn und überbrückt den Niagara; im kleinen, engen Deutschland aber rückt man Dörfer und Städte durch krumme, buckelige Wege auseinander, fährt int Zickzack mit der Eifenbahn und schafft künstliche Entfernungen, nicht für Müßiggänger, sondern für den Bauernstand, wahrscheinlich, damit er die Zeit verschwende und dabei sein Geld verliere. Hat man Lauterbach angesungen wegen des verlorenen Strumpfes, singen wir jetzt diesen Umweg über Hofbieber an wegen verlorener Zeit und verlorenem Geld: „In Hofbieber hab' ich mein Geld verloren, und ohne Geld geh' ich nicht heim bei der Nacht!" und die stolze Parole am Ende des 19. Jahrhunderts müssen wir dahin ändern: „O ebenes, gerades Straßennetz, wie bist du doch so krumm und buckelig!" Aber sagt man uns: Fahrt doch nicht über Hofbieber, fahrt doch über Hünfeld nach Fulda! Nun wohlan, wir wollen sehen, was dabdi herauskommt! „Johann," — so heißt mein Knecht — „morgen fahren wir die Gerste in die Brauerei Tivoli nach Fulda." Johann muß deshalb sehr srüh aufstehen, füttert und putzt die Pferde und macht alles reisefertig. Beim Morgengebet — hier betet man das Morgengebet auch noch vielfach gemeinschaftlich — wurde noch extra ein Vaterunser für glückliche Fahrt eingeschoben, und nun geht die Fahrt los. Der Herr hinten bei der Wagenschraube sagt: „In Gottes Namen!", Johann vorn bei den Pferden
jagt: „Jüh!" und Fritz und Lotte setzen den Wagen in Bewegung.
Gleich hinter Aeschemich muß geschraubt werden, es kommt ein jäher Absturz. Aber siehe! da ist in aller Frühe auch schon ein Radler; er steht an sein Rad gelehnt, wischt sich den Schweiß vom Gesicht und schimpft und wettert über den buckeligen Weg. „Kaum ist man über einen Buckel hinweg, muß man schon wieder über einen zweiten, dritten und vierten. Diese Straße ist wohl gemacht, damit man den Hals brechen soll!" So und ähnlich lauteten seine Reflexionen, und dann wendet er sich an Johann und fragt: „Wo geht die Fahrt hin?" — „Nach Fulda." — „Nach Fulda!" wiederholt der Radler, aber Fulda liegt ja nicht in dieser Richtung. Hier kommt ihr ja geradewegs nach Ziegenhain." Kaum hört mein Johann „nach Ziegenhain", so fängt er an zu zittern, und läßt entsetzt die Peitsche fallen. — Vor dreißig Jahren hatte er Ziegenhain wegen eines Jugendstreiches, der schlimmer aussah, als er wirklich war, geschmeckt. — Ich springe herbei und erkläre zur Beruhigung Johanns: „Gewiß müssen wir ein Stück Weges nach Ziegenhain, und dieses Stück Weges ist ein Ziegenhain für Menschen, Vieh und Geschirr. Dieses Stück Weges nach Ziegenhain führt über alle möglichen Buckel 7—8 Kilometer weit, und nach dieser Strecke von 7—8 Kilometer sind wir gerade noch so weit von Fulda entfernt, als hier bei der Aeschemich." — „Aber warum baut ihr denn die Straße nach Fulda nicht gerade über Rimmels-Treisbach?" — „Nun, die Straßen bauen eben die Kreise. Der Kreis Hünfeld hat schon lange diese Straße ausbauen wollen, so weit sie in seinem Bereich liegt, hat aber bei dem Kreise Fulda bis dato kein Entgegenkommen gefunden."
Vor mehreren Jahren erklärte der Kreistag in Fulda den Ausbau dieser Straße für nothwendig, später wieder für nicht nothwendig, und so müssen wir denn über Hofbieber 14 Kilometer oder über Hünfeld 16 Kilometer mit schwer beladenem Wagen rein spazieren fahren. „Nun, das ist nicht sehr freundlich vom Kreistag Fulda gehandelt," sagte der Radler, „aber probirt es noch einmal; was die Väter unterlassen haben, können die Söhne nachholen." Gewiß, Herr Radler! Wenn ich heute nach Fulda komme, werde ich dieses Anliegen den maßgebenden Personen in Fulda vortragen. Es ist ja entsetzlich, was uns mit diesen Umwegen zugemuthet wird; und Fulda selbst hat das größte Interesse am Ausbau der Strecke Rimmels-Treisbach. Ist diese Strecke ausgebaut, so wird auf ihr kein Gras wachsen, wie auf manchen anderen, deren Ausbau der Kreistag durchgeführt hat. Diese Straße wird stark frequen- tirt sein. Nicht bloß die 6 Gemeinden der Pfarrei Hofaschenbach warten auf ihren Ausbau, sondern auch Karmes, Gotthards, Ketten, Spahl, Geismar, Wiesen- 'feld und Haselstein. Im Mittelalter zog auf dieser Straße der Kaufmann von Frankfurt nach Leipzig, und der Fürstabt überbrückte Nässe und Nuß bei Rimmels. Von Treisbach bis zum fiskalischen Wald, eine Strecke von etwa einer knappen halben Stunde, liegt diese Straße noch kenntlich. Ihre Chaussirung ist nicht kostspielig für den Kreis Fulda; sie ist eben, bedarf nicht des Ankaufs von Grundstücken und bedarf keiner Brücken. Ich glaube, es ist blos nothwendig, den Kreistag auf diese Unfftände aufmerksam zu machen, und er wird den Ausbau dieser Strecke beschleunigen. „Glückliche Fahrt"? wünschte hierauf der Radler und schwang sich auf sein Stahlroß. „Fahre wohl. Du hast mir nie geliebet", murmelte Johann. Ich fragte, wo er das Citat aufgegabelt hätte. „Auf der Universität," erwiderte der Schelm. Spät kamen wir nach Fulda und sehr spät Abends nach Haus. Es war Mitternacht, als Johann aus dem Pferdestalle kam und sein Lager neben meiner Kammer aufsuchte. Er schlief auch sogleich den Schlaf der Gerechten, aber es dauerte nicht lange, da hörte ich ihn unartikulirte Laute sprechen und unter heftiger Bewegung erwachen. „Was hast du denn, Johann?" fragte ich, und er erzählte: „Ich fuhr auf der neuen Straße Rimmels-Treisbach, um Euch in Fulda abzuholen. Fritze und Lotte trabten so leicht und prächtig, daß man in l1/* Stunden Fulda leicht erreichen kann. Und wo ich an die Stelle kam, wo die zwei Leipziger Fuhrmänner begraben liegen, da huschte eine Radlerin
aus der Erde heraus und radelte fortwährend neben dem Wagen. Fritz und Lotte spitzten die Ohren und weideten die Nüstern, als ob sie etwas witterten, was nicht in Ordnung sei. Da hielt ich still und ersuchte die unheimliche Radlerin vorbeizufahren, damit die Pferde ruhig würden. Sie aber hielt auch still, starrte mich an und gab keine Antwort. Es war mir nicht wohl zu Muthe, aber ich verbarg es und sagte beherzt: „Fahre wohl, Leonore, Du hast mir nie geliebt." Zugleich ließ ich Fritze und Lotte die Zügel etwas locker. Kaum fühlten die Pferde die Lockerung der Zügel, schossen sie wie ein Pfeil dahin, und selbst Fritz, der ein bischen täppisch geht, entwickelte eine Geschwindigkeit, daß er mit dieser Schnelligkeit wohl das Derbyrennen in London gewinnen würde. So ging es circa 10 Minuten, ehe ich den Muth hatte, wiederum nach der Radlerin zu schauen. Die Radlerin war verschwunden, aber ein Irrlicht fuhr regellos im Zickzack über die Wiesen und Aecker von Treisbach wie das Dampfroß Milseburg-Tann, jedoch habe ich mich nicht weiter darum gekümmert und die Pferde in langsameres Tempo gebracht. Das war mein Traum. Was sagt Ihr, Herr! zu diesem Traum?" Ich erklärte ihm: „Daß Du auf der neuen Straße im Traum gefahren bist, ist ein gutes Omen; daß Du Dir aber die Radlerin vom Hals geschafft und um das Irrlicht nicht bekümmert hast, darin hast Du Recht gethan, Johann! Und nun kannst Du in Gottes Namen wieder schlafen."
-u- Denkwürdige Tage der Woche vom 21. vis 27. Aooemver.
21.1840 wurde die Kaiserin Friedrich geboren. — 1856 wurde der Schmied Blößer aus Keulos wegen Ermordung des Forstlaufers Maul am Rabenstein bei Fulda (Lehnerz) enthauptet; seit dieser Zeit fand keine Hinrichtung in Fulda mehr statt. — 1894 wurde Port Arthur durch die Japaner eingenommen. — Am selben Tage starb der Komponist Anton Rubinstein. — 1896 begann der große H am b u rger Hafenarbeiterstreik, bei welchem 15,000 Arbeiter in den Ausstand traten.
22.1767 wurde Andreas Hofer, der Obevanführer der Tiroler, im Wirthshaus am Sand zu St. Leonard geboren, im Jahre 1810 wurde er auf Befehl Napoleons I. in der Festung Mantua erschossen. — 1822 starb auf der Reise der preußische Scaatskanzler F ü r st von Hardenberg. — 1886 starb der Kultur- und Literarhistoriker und Novellist Johannes Scherr.
23.1847 Sieg des schweizerischen Oberbefehlshabers Dufours über die Sonderbündler bei Gislikon. — 1853 starb zu Dessau der Komponist Friedrich Schneider, besonders bekannt durch sein Oratorium „Das Weltgericht." — 1864 starb zu Petersburg der ausgezeichnete Astronom W. v. Struve. — 1870 Beitritt Bayerns zum deutschen Reiche. — 1883 weilte Kronprinz Friedrich Wilhelm in Madrid; er war von der Bevölkerung festlich empfangen worden. — 1884 starb zu Berlin der Zoologe Heinrich Bodinus.
24.1632 wurde der bekannte jüdische Philosoph Baruch Spinoza zu Amsterdam geboren. — 1870' wurde die Festung Diedenhofen (Thionville) von den Deutschen eingenommen. — Siegreiche Gefechte des 10. Korps bei Ladon und Meziöres.
25.1795 nahm das polnische Reich durch die dritte Theilung ein Ende; Rußland erhielt 111,780 qkm mit fast 1,200,000 Einwohnern, Preußen 54,898 qkm mit fast 1 Million Einwohnern und Oesterreich 45,922 qkm mit über 1 Million Einwohnern. —1868 wurde der Großherzog Ernst Ludwig von Hessen geboren. — 1870 trat das Königleich Württemberg dem deutschen Bunde bei. — 1885 starb Alfonso XII., König von Spanien.
26.1840 starb zu Freiburg der liberale Geschichtsschreiber v. R o t t e ck. —1857 starb in Neisse der bekannte katholische Dichter Joseph Freiherr v. Eichendorff. — 1885 rückten die Bulgaren in Serbien ein. — 1894 Vermählung des russischen Kaisers Nikolaus II.mit der Prinzessin Alice von Hessen-Darmstadt.
27.1870 Sieg der Deutschen unter Manteuffel über die französische Nordarmee bei Amiens und Kapitulation von La Fe re. — 1878 starb zu Berlin der dramattsche Dichter und Romanschriftsteller Albert Brachvogel.
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