2L Jahrgang
Freitag, den 19. November 1897
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mit Untechaltungs-Keilage „Sterne und Slnmrn".
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Deutsches $Utdp
Berlin, 18. November.
* Der Hochivürdigste Dischof A«zer von Süd- Schantong wurde gestern Mittag 1'/« Uhr vom Kaiser in besonderer Audienz im Neuen Palais empfangen und zur kaiserlichen Frühstückstasel befohlen, an welcher außer den kaiserlichen Majestäten auch dre Prmzespn Friedrich Leopold theilnahm. Nach der Tafel hatte der Kaiser eine nahezu dreiviertelstündige Unterredung mit dem Bischof über die Verhältnisse der Mission in China, über die Ermordung der Steyler Missionare und über die bereits eingeleiteten Schritte, von China Genugthuung zu verlangen. Der Kaiser zeigte, sich über alle Dinge sehr genau unterrichtet. Bevor Bljchos Anzer sich von der kaiserlichen Familie — auch die kleinen Prinzen und die Prinzessin wurden demselben vorgestellt — verabschiedete, überreichte der Kaiser ihm in huldvollster Weise feine Photographie in Admirals-Uniform mit eigenhändiger Widmung.
si Der Aundesralh hat heute eine Plenarsitzung abgehalten. Er hat in derselben dem Gesetzentwürfe über die Entschädigung unschuldig Verurtheüter seine Zustimmung ertheilr, oder, wie der Gesetzentwurf amtlich genannt worden ist, dem Gesetzentwürfe über die Entschädigung der im Wiederaufnahme-Verfahren frei- gesprochenen Personen.
si In der Audienz des Staatssekretärs v. ZLurow beim Papste bemerkt die diplomatisch-offiziöse.Politische Korrespondenz': „Der Papst hat im Verlaufe der Audienz . . .die (in Deutschland über die Cani- sius-Encyklika) ausgetauchten Mißverständnisse zerstreut und den lebhaften "Wunsch nach der Pflege freundschaftlicher Beziehungen zwischen dem päpstl. Stuhle und der deutschen Regierung ausgesprochen." Diese letzteren würden namentlich sehr im Interesse der deutschen Regierung liegen!
si Heute Vormittag ist der Koconiatrath zu seiner Herbsttagung zusammengetreten. Wie aus halbamtlicher Quelle berichtet wird, soll der Kolomal-Etat „nur unwesentlich von dem vorjährigen abweichen" und „nur verschiedene Punkte haben, die unter Umständen auch in Spezial-Vorlagen erledigt werden können." Solche Spezial - Vorlagen aber können „unter Umständen" recht kostspielig werden, wie z.B. die angekündigte Forderung für ein Dock in Ostafrika.
X Vor der Insek Kaiti werden demnächst, die Schulschiffe „Charlotte" und „Gneisenau" erscheinen. Dieselben sollen alsdann, der Berliner ,Post' zufolge, bald durch ein anderes deutsches Kriegsschiff abgelöst werden. Nach Kreta geht der Kreuzer „Kaiserin Augusta", um die in Kanea auf dem Lande zurück-
Das große Loos.
Von M. Leib old.
8 --(Nachdruck verboten)
(Scklutz.)
Grete hatte bereits einen großen Stoß Wäsche bewältigt, als die Uhr Mitternacht schlug. Die Lampe brannte dunkler; sie holte sich einen Strickstrumpf bei. Während ihre Finger Masche um Masche abhoben, sahen ihre Augen in das matte Licht.
Wie viele Nächte war sie so in den letzten Jahren gesessen, wartend und zagend. Ein trauriges Geschäft, mit kummervollen Augen in das Dämmerlicht zu starren! Wie viele heiße Thränen tropfen in den verschwiegenen Nächten, wenn die Männer die kärglichen Mittel des Unterhaltes im Wirthshause verprassen, während die Frauen, ihrer wartend, allein sitzen. Glücklich, wer sich ein gottvertrauendes Gemüth bewahrt hat, das in finsterer Nacht das Schriftwort: „Ehe vergäße eine Mutter deiner, als ich!". als Leuchte für den dunklen Pfad aufpflanzt und die Geduld nicht ermatten läßt und die Liebe nicht verlöschen. Grete hatte dieses Glück verscherzt; aber jetzt in der stillen Nacht, als Stunde um Stunde verrann, stieg das Bild ihrer mahnenden und warnenden Mutter vor ihr auf. Mit ihr einte sich das Bild
gelassene Abtheilung von Marinetruppen wieder ab- ^nholen.
Von dem angekündigten Ileichs-Derfichernngs- Hefetz ist es wieder still geworden. Das heißt, es ist zweifelhaft, ob der Entwurf, der jetzt dem Bundes- rathe vorliegt, zur Berathung an den Reichstag gelangt. Mehrere Bundesstaaten erblicken in einer rerchs- zesetzlichen Regelung der Angelegenheit einen Emgriff in ihre oberhoheitlichen Rechte, so daß man jetzt annimmt, es werde nunmehr aus dem reichsgefetzlichen Entwürfe ein ausschließlich preußischer werden und als solcher dem preußischen Abgeordnetenhause zugehen. .
X Eine eigenthümliche Kundgebung bringt die .Nationalliberale Korrespondenz', das Partei-Organ der nationalliberalen Partei. „Wir haben — so schreibt dieselbe — bereits vor mehreren Tagen aus guten Gründen gesagt, daß die preußische Regierung dem eigensüchtige« Dränge« gervisier AoMiker zuliebe diese mißliche Aktion nicht wieder erneuern wird (nämlich die Vorlage eines Knebelungs-Gesetzes wie im letzten Frühjahr die lex Recke, die Novelle des Ministers von der Recke zum preußischen Vereinsgesetze). Und das gilt, wie uns von maßgebender Seite versichert wird, nicht nur für die kommende Session (des preußischen Abgeordnetenhauses), sondern auch für die kommende Legislaturperiode." Das ist eine recht eigenthümliche Kundgebung. Denn zwischen ihren Zeilen könnte man etwa Folgendes lesen: Der Regierung liegt sehr viel daran, die Nationalliberalen wieder auf ihre Seite zu ziehen. Die Negierung hat in diesem Sinne in aller Stille Anknüpfungsversuche gemacht. Die Herren, an die die Regierung sich wandte, haben sich auch gar nicht abgeneigt gezeigt ; aber, haben sie gesagt, so etwas wie die lex Recke darf nicht wieder kommen, und daraufhin sind ihnen Aussichten in diesem Sinne gemacht worden. Das alles könnte man, wenn man wollte, ganz gut zwischen den Zeilen der ,Naticnalliberalen Korrespondenz' lesen, die gutmüthig genug zu sein scheint, das alles als baare Münze zu nehmen.' Man hüte sich doch ja vor solchen Versprechungen auf länger als fünf Jahre hinaus — wer weiß denn, wie oft in dieser langen Zeit die preußischen Minister wechseln werden? Kennzeichnend ist, daß auch die ,National-Zeitung' der Versicherung des gesinnungsverwandten Organs gar fein Zutrauen entgegenbringt. Sie bemerkt kurz, aber gut dazu: das „wird allerdings wohl viel von dem Ausfall der Neuwahlen abhängen." Bringen diese eine Mehrheit für die Regierung, dann kommt die lex Recke wieder. Schutz dagegen bietet nur eine Mehrheit gegen die Regierung in der Zusammensetzung des preußischen Abgeordnetenhauses nach den Wahlen. „ _ „
* Pas Schießeisen geht wieder um. Ein Duell ist auf dem Militärscheibenstande zu Stargard in Pommern ausgetragen worden, und zwar zwischen
ihres Mariechens, und diese beiden lieben und treuen Seelen pochten und rüttelten an ihrem trotzigen Herzen, bis es sich erweichte, und Grete in Thränen vor dem Bilde des Gekreuzigten niedersank in wortloser, tiefer Reue. Stumm hob sie die Hände empor und Vorsätze bildeten sich. Ein neues Leben wollte sie beginnen, neue Hoffnung, Liebe und Geduld aufpflanzen.
Wie lange sie gekniet, wußte sie selbst nicht. Die Lampe war "verloschen und ein schwacher Lichtstreifen stahl sich schon durch das Fenster, als sie mit einem« male Pferdegetrappel aufscheuchte. Sie eilte hinab und öffnete. Aber was war das? Wild stürmten die Pferde an ihr vorbei, dem Stalle zu, sie mit eisigen Tropfen übersprühend. Und kein Mann und kein Wagen folgte hinterdrein. Sie trat auf die Straße und spähte hinauf und hinab. Alles war leer und still. Kopfschüttelnd betrat sie den Stall. Da standen die Thiere mit ganzem Geschirre und durchschnittenen Strängen. Barmherziger Gott! da war ein Unglück geschehen! Ihr wankten die Knie, aber sie faßte sich, rieb vorerst die Thiere trocken und bedeckte sie. Dabei überlegte sie. Aber je mehr sie nachdachte, desto stärker drang die Angst auf sie ein. Ihr Mann war verunglückt und anscheinend am Wasser, aber was konnte sie zu seiner Rettung beginnen? Helfen mußte sie; es litt sie nicht länger
dem Hauptmann v. Haine vom dortigen Grenadierregiment und dem Brigadeadjutanten Hauptmann v. Ostrowski aus Hannover. Letzterer wurde durch einen Schuß in den Kopf schwer verletzt. Die Ursache des Duells sind „Familien-Angelegenheiten".
Ausland.
* Koudon, 18. Nov. Der englische Premierminister Lord Salisbury zollte am Dienstag Abend in einer Ansprache an eine große Versammlung in der Londoner Albert Hall dem glänzenden Beispiel von Patriotismus und Hingebung, welches die Eingeborenentruppen in Indien gegeben hätten, volle Anerkennung. Gegenüber den'scharfen Beurtheilungen der englischen Politik gegen Frankreich im Auslande vertheidigte Salisbury die Politik der gegenwärtigen Regierung in Bezug auf Siam und Madagaskar, indem er erklärte, daß es Gladstone war, welcher in diesen Ländern vor Frankreich zurückgewichen sei. Schließlich wiederholte Salisbury seine jüngst auf dem Lord-Mayors-Bankett geihane Aeußerung, daß das europäische Konzert überall erfolgreich war mit einziger Ausnahme bei der Bemühung, Griechenland vom Kriege zurückzuhalten, welches daher auch die ganze Verantwortung für den Krieg mit der Türkei trage.
* Konstantinopel, 18 Nov. Heute hat die 20.Sitzung der Bevollmächtigtenfür die Friedensverhandlungen stattgefunden zur Paraphirung des Artikels 7 des Friedensvertrages, betreffend die freie Auswanderung. — In Betreff der Bankanleihe fand heute eine Botschafterversammlung statt.
* Kanea, 16. Nov. Der hiesige griechische Bischof Nikif oco erhielt durch den rufstschen Konsul die Mittheilung, daß der Kaiser von Rußland das abgebrannte christliche Stadtviertel von Kanea auf feine Kosten wieder aufbauen und die Kirche vergrößern lassen werde und eine bedeutende Summe für die Armen von Kandia, Rethymo und Kanea zur Verfügung gestellt habe. ______
Bcrkehrsjchmerzcll.
Rimmels, 18. November.
„Wir stehen im Zeichen des Verkehrs. Das Dampfroß hebt die Entfernungen auf und bringt die Handelsprodukte der Völker in aller Kürze an die entferntesten Handelsplätze der Erde. Und wo dieses Dampfroß nicht hindringt, da vermittelt ein ebenes, gerades Straßennetz den Verkehr in die nächste größere Stadt."
Diese stolze Parole , am Ende den 19. Jahrhunderts ist auch zu uns gedrungen, aber noch nicht das Dampfroß und ein ebenes, gerades Straßennetz. Da rennt das Dampfroß Milfeburg-Tann, und welche Produkte es auf der Strecke absetzen oder holen will, ist mir bis heute noch nicht klar. „Viel Steine gab's und wenig Brod," das scheint mir die Signatur dieser int Hause. Sie konnte nicht warten, bis man ihn brachte, denn sie, das vernachlässigte, durch ihn ins Unglück gekommene Weib, hing ihm dennoch an. Eine echte Frauenliebe ist nicht zu ertödten! — Der Trunkenbold, der Tagedieb blieb stets der Vater ihrer Kinder, ihr angetrauter Mann! Wie stolz hatte sie in seiner guten Zeit auf ihn geblickt! Roth, Schuld und Schande hatten mit dichtem Schleier ihre Liebe bedeckt, aber unter dem Schutte glimmte sie weiter, und in dem Entsetzen dieser Stunde wachte sie wieder auf und drang siegreich ans Tageslicht.
Wer aber wird ihr beistehen? Verwandte und Freunde besaßen sie nicht, nur der Rath und die vielgeschmähte Frau Anna fielen ihr ein. Zu ihnen mußte sie und ihre Hilfe anrufen.
Sie eilte hinaus, weckte Mariechen und befahl ihr Buben, Haus und Pferde, dann lief sie, was sie konnte, nach dem alten Hause. Sie zog die Glocke und starrte hinauf und wartete, bis endlich ein Fenster sich öffnete. Als man erfuhr, wer sie fei und was sie wolle, kam der Rath selbst herunter, sie zu holen, und Frau Anna #üte auch herbei und drängte Grethe in's Zimmer. Gemeinsam beriethen sie. Der Rath ging zur Polizei, um Erkundigungen einzuziehen, und seine Frau bereitete rasch Thee und holte Wein, Grethe zu stärken. Wie eine Schwester