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Dienstag, den 16 November 1897. 24. IahrgMg
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mit UnterhaLtungs-Keitage „Sterne und Slumen".
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? Der kriechende Angriff der Infanterie.
Vor einigen Wochen hatte das,Militär-Wochenbl." unter der Ueberschrift: „Zur Lösung der Angriffsfrage" einen Aufsatz veröffentlicht, in dem Folgendes empfohlen wurde: Zur Vermeidung von großen Verlusten soll die Infanterie zur Durchführung des An- ariffs von etwa 800 Meter vom Feinde ab bis zu 300—400 Meter von demselben auf dem Bauch herankriechen, in der Annahme, daß in der zuletzt bezeichneten Entfernung das endgiltig entscheidende Feuergefecht stattfinden, und daß von hier aus der Ver- theidiger aus seiner Stellung herausgeschossen werden wird.
Nicht ohne Verwunderung konnte man wahr- nehmen, daß ein Theil unserer Tagespresse diesen eigenartigen Vorschlag ganz ohne Widerspruch und theilweise sogar beifällig hinnahm. Richtiger beur- theilte den Vorschlag der Kladderadatsch', der ihm eine gehörige Tracht von Spöttelei zu Theil werden ließ! Es ist nicht daran zu zweifeln, daß das Militärwochenblatt' demnächst selbst in Darlegungen von anderer Seite die geeigneten Entgegnungen auf seinen Kriechartikel bringen wird. Zunächst: Wie wird eine Infanterie beschaffen sein, die 400 bis 500 Meter weit gekrochen ist? Todtmüde wird sie davon geworden sein, müde am Körper von der lange ausgedehnten ganz ungewohnten Bewegung, und wahrscheinlich auch in einer seelischen Verfassung, die mit irgend welcher Angriffsstimmung nicht das Geringste zu thun hat. Sie wird sich in einer Art „psychischer Depression", in einem Zustande seelischen Bedrücktseins befinden, wie er bei Kriegs- lruppen die richtige Einleitung dazu ist, tüchtige Niederlagen zu erleiden. Und dann denke man sich einmal den kriechenden Offizier: der Offizier, wenn er kriecht, verliert ja jede Uebersicht, — um ganz zu schweigen von vielen anderen Bedenken.
Wie steht es dann weiter mit dem Herausschießen des Feindes nach Beendigung des Kriechens? Bei der Erwägung von kriegstakitschen Maßregeln muß man sich unbedingt auf den Standpunkt stellen, daß man es mit einem ebenbürtigen Feinde zu thun har. Sonst taugt alle Kriegstaktik von vorn herein nichts. Ein tüchtiger Feind aber verharrt doch nicht so ohne Weiteres ohne Regung und Thaten, bis er „herausgeschossen" ist aus seiner Stellung. Und in der so viel längeren Zeit, die der kriechende Angreifer braucht, nls wenn er in gewohnter, allein kriegermäßig aufrechten Haltung daherstürmt, würde der Theck, der sich zu vertheidigen hat, auch ungleich mehr Mittel sinden und anwenden können, dem kriechenden Angriffe wirksam zu begegnen.
Die Beweggründe, die den Erfinder bei seiner Lehre vom Kriech-Angriffe geleitet haben, sind ohne Zweifel gut und edel. Denn die Erfahrung lehrt ja leider, daß die aufrechte Vorwärtsbewegung im Schritt, im fprungweisen Vorgehen, und schließlich im ununterbrochenen Anstürmen viele Opfer, manchmal furchtbar viele Opfer an Menschenleben kostet. Deswegen zerbricht man sich nicht nur vom menschenfreundlichen, sondern auch vom kriegs-taktischen Gesichtspunkte aus schon lange den Kopf darüber, wie es wohl einzurichten wäre, um diese Opfer auf einen möglichst geringen Grad einzuschränken. Und schon im Anschlüsse an den Krieg von 1870 und 1871 ist von mancher Seite der deutschen Heeresleitung der Vorwurf gemacht worden, daß sie zu viel geopfert habe an Menschenleben !
Der Krieg ist eine fürchterliche Geißel! ^zeder gute Mensch muß also wünschen, und wenn es sein Beruf und seine Stellung mit sich bringen, auch danach streben, daß die Opfer, die die Kriege fordern, so viel wie nur irgend möglich eingeschränkt werden. Noch mehr: der wahre Menschenfreund muß es als das Ziel menschlichen Kulturbestrebens be- trachten, daß wir endlich und endlich dahin gelangen, die Kriege überhaupt verschwindend zu machen. Und wenn man sich ganz allein auf den
Gesichtspunkt stellt, eine Verminderung von Menschm- opfern beim kriegerischen Angriff erreichen zu wollen, so kann man dem Erfinder des Vorschlages vom Kriechangriffe die Anerkennung nicht versagen, daß er bei seinem Vorschläge von guten, menschenfreundlichen Regungen sich hat leiten lassen. Aber so lange wir uns von der Geißel des Krieges überhaupt nicht befreien können, müssen wir danach trachten, daß die Kriegstaktik eine gute und eine solche ist, die den Erfolg des Sieges uns so nahe wie möglich rückt. Und dieses Ziel werden wir nicht erreichen können durch das Bauchkriechen der Fußtruppen auf weite Entfernungen hin.
Anders steht es mit dem Kriechen über kurze Strecken. Das ist vielfach geboten und wird dementsprechend angewandt. Zur Vermeidung von Menschenverlusten kann daher eine kluge Ausnützung der Verhältnisse des gegebenen Geländes nicht genug empfohlen und gepflegt werden. Das letzte und größte Ziel aber ist beim Kriege, solange diese blutige und grausame Entscheidungsart von Völkerzwisten uns auferlegt ist, doch immer nur der Erfolg, der Sieg. Und nicht nur vom kriegstaktischen, sondern auch vom allgemein menschlichen Standpunkte aus muß beim Kriege der siegreiche Erfolg der vornehmste Gesichtspunkt bleiben. Denn der Besiegte hat auch im allgemeinen menschlichen Sinne die furchtbarsten Folgen des Krieges zu tragen, der Angriff im Bauchkriegen kann aber auf weite Entfernung hin unmöglich den Sieg näher bringen. Denn unvermeidlich müßte der Körper und Geist des Soldaten in unleidlicher Weise ermüden und erschlaffen, und dadurch nicht den Sieg uns näher bringen, sondern die Niederlage wahrscheinlicher machen. „Initiative um jeden Preis!" — in diesem Wort des österreichischen Militärschriftstellers von Binder-Krieglstein ist viel ausgedrückt von den Geheimnissen des Sieges-Rezeptes im Kriege, so hart es auch dem ersten Anscheine nach klingt. Und somit wird leider auch der Vorschlag des Bauchkriechens auf weite Entfernungen zur Verringerung der Menschenopfer beim Angriffe im Kriege als verfehlt „unbenützt" zu den übrigen gelegt werden müssen.
Deutsches Deich.
Berlin, 15. November.
* Der Kaiser ist heute früh aus Oberschlesien wieder im Neuen Palais bei Potsdam eingetroffen, ebenso die Kaiserin, aus Plön kommend.
Es ist, wie berichtet, die Frage aufgetaucht, ob die Konservativen und Nationalliberalen bei der JkeuwaHs des Jieichstags - Präsidiums diesmal mit Ansprüchen auf Vertretung ihrer Parteien in dem Präsidium auf den Plan treten werden. Im konservativen Lager sind vorläufig die Ansichten darüber getheilt. Für die Nationalliberalen versichert die ,Nationallib. Korresp.', daß sie bisher noch keinen Anlaß gehabt haben, sich mit der Frage zu beschäftigen ; und die ,Nationalztg." ist der Ansicht, daß jetzt nichts mehr darauf ankäme. Erst „im neugewählten Reichstage könne es sich im Ernst wieder um die Frage des Präsidiums handeln".
. X Die Audienz des Staatssekretärs v. ZSükow Leim Sapsie beschäftigt verschiedene Blätter. Es wäre ja auch zu verwundern, wenn findige Leute nicht gleich zu berichten gewußt hätten, um was es sich bei der Audienz gehandelt hat. Und da in letzter Zeit wieder in Frankreich versucht worden ist, den Papst für den Dreibund in Beschlag zu nehmen und die Redaktion des ,Osservatore Romano" zuweilen dreibundfeindliche Anfälle hat, so war es auch gar nicht schwer, dahinter zu kommen. Es muß eine „Aussprache" oder auch „Beschwerde" des Staatssekretärs über die Sympathie des Vatikans für den Dreibund und über die Haltung der vatikanischen Presse stattgefunden haben. Die Londoner ,Daily Chronicle" weiß sogar zu berichten, Herr v. Bülow habe im Namen des Kaisers erklärt, wenn der Vatikan dabei beharre, den Dreibund zu opponiren und den Zweibund zu begünstigen, würde die deutsche Regierung Repressalien gegen die Katholiken üben. Schon die Vorstellung, die der Berichterstatter von der deutschen Regierung hat, bezeugen, daß er flunkert. Hat nicht am Ende die Gemahlin des Herrn v. Bülow, die ebenfalls eine Audienz beim Papste hatte, die Be
schwerde kräftig unterstützt? Das hätte man doch auch gleich zufügen können. In Frankreich segelt ja manches unter katholischer Flagge, was nichts ist als Revanchepolitik, aber welche Anzeichen hat man dafür, daß der Papst damit übereinstimmt? Die vatikanische Presse hat allerdings verschiedenes geschrieben, was die deutsche katholische Presse zurückweisen muß; man weiß aber auch, daß es sich da nicht um „vatikanischoffiziöse" Auslassungen handelt. Das hat die ,Osservatore Romano" selbst ja wiederholt erklärt. Jetzt wird weiter gemeldet, daß die ,Perseveranza" in Mailand aus angeblich zuverlässiger Quelle erfahren haben will, in der Audienz sei die Wiederzulassung der Jesuiten in Deutschland erörtert worden. Diese Meldung dürfte indessen genau ebensowenig Glaubwürdigkeit beanspruchen können, wie jene Meldung des genannten Londoner Blattes, daß in der Audienz von dem Zweibunde und dem Dreibunde die Rede gewesen sei. Das letztere wird nunmehr auch in Meldungen aus Rom bestimmt bestritten.
* Die Meralhung des Ktals steht für die nächsten Wochen auf der Tagesordnung des Bundes- rathes. Es werden für die schnellere Erledigung des Etats voraussichtlich je 2 Berathungen in jeder Woche stattfinden. Indessen sind noch nicht alle Etats beim Bundesrathe eingegangen. Namentlich fehlen noch die Etats der Marine-Verwaltung und der Reichspost.
* Der wirtHschaftkiche Ausschuß zur Vorbereitung der neuen Handelsverträge ist heute Morgen 10 Uhr im Reichsamte des Innern zusammengetreten und vom Staatssekretär Grafen v. Posadowsky mit einer Ansprache eröffnet worden. Heute Abend sieht der Staatssekretär die Mitglieder des Ausschusses zur Tafel bei sich, zu der, wie schon bekannt, auch der Kaiser sein Erscheinen zugesagt hat. Die Verhandlungen des wirthschaftlichen Ausschusses sollen streng vertraulich geführt werden.
st Im Dortmunder Revier ist den russische« und galizische« Arbeitern, die dort in Industriebetrieben beschäftigt sind, der Aufenthalt sogar bis zum 1. Januar gestattet worden, statt nur bis zum 15. November, und Aehnliches wird berichtet aus Ostpreußen und Westpreußen von den ausländischen Arbeitern, die dort von der Landwirthschaft beschäftigt werden. Es scheint, als habe sich der Herr Minister v. d. Recke mit seinem schneidigen Runderlasse gegen die „nationale Gefahr" der russischen und galizischen Arbeiter wieder einmal ein klein wenig blamirt. Wozu erst die Erlasse, wenn sie nachher nirgends durchze- führt werden können?
Ilreiöurg, 15. Nov. „Bestätigung bleibt abzuwarten," bemerkte die ,Fuldaer Zeitung" zu der Meldung des ,Oberschw. Anz.", daß schon eine bestimmte Person zum Erzbischöfe von Freiburg ausersehen sei. Dieser Zweisel war vollberechtigt; an der ganzen Meldung ist kein wahres Wort. Der heilige Vater hat überhaupt weder direkt noch indirekt an das Domkapitel das Ansinnen gestellt, es solle auf sein Wahlrecht verzichten und die Ernennung eines neuen Erzbischofs Rom anheimstellen. Das Domkapitel läßt sich durch derartige, offenbar tendenziöse Nachrichten in seinem Vertrauen nicht erschüttern, daß der hl. Stuhl, welcher sich bisher in obiger Frage als ein Hort des Rechtes erwiesen hat, auch künftig das unfechtbare Wahlrecht des einigen Domkapitels schützen wird. Von den früher hier und da aufgetauchten Gerüchten, der Kaiser (!) bemühe sich persönlich um die Auswahl eines geeigneten Kirchenfürsten für die Erzdiözese Freiburg, hört man nichts mehr. Man sollte es kaum glauben, daß von sonst verständigen Menschen solche Dinge geglaubt wurden. Aber man sagt sich eben: Im Musterlande Baden ist alles möglich. Auch die Meldung der Münchener ,Allg. Ztg.", daß das „erzbischöfliche Kapitels-Vikariat" Freiburg von der badischen Regierung genau darüber unterrichtet sei, welche Gründe der Erledigung der „Vorschlagsliste" des Domkapitels zur Zeit entgegen^ stehen, ist durchaus falsch.
Ausland.
* Wie«, 15. Nov. Gestirn hat sich hier unter Betheiügung von über 100 Industriellen aus allen