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M 262 Montag, den 15. November 1897. 24. Jahrgang

FilldaerWZkitillig

__________________mit Wterhaldkugs-Heilase „Sterne uns Klnmen".

Schhemt tiMH Somi- Hitb Seiertoge airigenommot. — Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld in Kulda und auSwLrtS 1 Mark 50 «e-mia Inserate kosten ine emspaltige Sarmondzeüe oder deren Raum 15 Pf., Reklamen di- Petitzeile 25 Pf., bei Wi^erholungen^ntspreche^RabE 8

Das große Koos.

Von M. Leib old.

o ------ (Nachdruck verboten.)

Betrübt und zagend machte sich Mariechen nach geschehener Arbeit auf den Schulweg. Ach, heute ging Alles verkehrt! Eine Rechenstunde ward ein­geschoben, stets ein Schrecken für das arme Kind. Heute in ihrer Angst wirbelten die Zahlen und Brüche noch toller um sie als gewöhnlich. Den Lehrer verließ die Geduld; er schrie sie an und diktirte: „Dableiben!" Dann ging er zum Ueber- hören der Aufgabe an sein Pult. Mariechen zitterte und betete unaufhörlich: „Hilf mir doch, lieber Jefus !" Und es schien, als werde ihr Erhörung.

Die erste Bank ward vorbefohlen und Mariechen saß in der letzten. Die Stunde verging; nur noch 5 Minuten galt es auszuharren. Sie seufzte auf. Ein Dankgebet wollte eben ihr gepreßtes Herz er­leichtern, da fiel der Blick des Lehrers auf sie. Er rief sie auf und das Gefürchtete geschah: Sie wußte nichts und bekam als weitere Strafe zum Dableiben 3 Tatzen.

Der Unterricht war zu Ende; Alle, außer Mariechen verließen das Zimmer. Sie stand noch am Pulte und schluchzte in ihre Schürze hinein. Es waren nicht nur die Finger, die sie schmerzten, ihr kleines Herz that ihr so weh! Sie hatte doch so innig gebetet, so froh geglaubt, was der Pfarrer ge­sprochen, und jetzt war Alles wie zuvor, sie hatte keine Hilfe, keinen Trost gefunden. In ihrem Leid warf sie sich zur Erde nieder und schluchzte zum Er­barmen.

Da öffnete sich leise die Thüre und ein greifet Kopf steckte sich lauschend herein. Es war der Pfarrer, der eben die Schule verlassen wollte. Was gab es denn da sür einen Jammer?

Er trat näher und hob sachte den Kopf der Kleinen in die Höhe. Mariechen schlug erschrocken die Augen auf, zog aber gleich wieder die rochen Händchen vor das Gesicht. Aber rasch hatte der alte Herr die heißen Händchen an sich gezogen und fragte sanft: „Warum weinst Du denn so, liebes Kind?"

Bei dieser Frage schossen die Thränen um so heißer hervor. Der Pfarrer kannte das schon. Er wartete geduldig ein Weilchen, schob sich einen Stuhl heran, richtete das Kind sanft auf und begann noch­mals: „Nun sage, was hast Du angestellt?"

Das Kind sagte leise: „Ich habe nichts gekonnt, darum mußte ich dableiben und bekam 3 Tatzen."

„Das ist ganz in der Ordnung!" nickte der Pfarrer. „Aber warum hast Du denn nichts gelernt? Hast Du zu lange gespielt?"

„O nein!" sagte Mariechen schnell. „Ich wollte nach dem Essen lernen, aber die Mutter hieß mich das Geschirr abwaschen!"

„Wer wartet denn auch bis zum letzten Augen­blicke? Warum hast Du nicht vor Tisch gelernt?"

„Da mußte ich Wasser und Holz holen und Stiefel putzen."

„So," brummte der Pfarrer und musterte das zarte Kind. „Hilfst Du denn der Mutter gern?"

„O ja," sagte das Kind zutraulich; „nur Wasser hol' ich nicht gern, es ist so arg schwer."

„Weiß das die Mutter und befiehlt Dir das Holen?" fragte der Pfarrer und runzelte die Stirne.

„Eigentlich sollen es die Buben holen," sagte Mariechen, „aber die sind nie da. Und heute Morgen hieß mich das Jesulein es tragen, und ich bin gleich gelaufen und habe mich gefreut, und jetzt ift”e§ mir ooct) so schlecht gegangen!" — und auf'sNeue stossen ihre Thränen.

„Wer hat es Dich geheißen?"' fragte der Pfarrer verwundert.

„Das Jesulein," beharrte das Kind, „ich habe es deutlich gehört. Es sprach laut in mir. Hochwürden sagten, wir sollten thun, was wir nicht möchten und Er uns geböte, und vertrauen und bitten, dann be­kämen wir Alles. Und jetzt habe ich gethau, wie Sie sagten und doch nur Zank und Schläge geerntet."

Der Pfarrer schaute erst noch einmal forschend in ihre unschuldigen blauen Augen, dann sagte er ernst und feierlich: „Glaubst Du, daß Jesus Christus als

eingeborener Sohn Gottes in Pracht und Macht im Himmelreiche wohnt?" — „Ja," sagte das Kind.

„Und daß er, um uns zu erlösen, den Himmel verließ, ein armer Mensch ward wie wir, und jeden Blutstropfen in den größten Schmerzen für uns da- hiugab?"

Wieder nickte sie.

„Siehe! Den vielen, schweren Leiden sah Gott Vater zu und linderte es nicht, um uns durch das Beispiel seines Sohnes zu lehren, daß nur durch Schmerz die Lust zur Sünde zu sühnen ist. Willst Du nicht Jesu Beispiel folgen und geduldig ein wenig leiden?"

„Gewiß," sagte das Kind, „aber ich begreife doch nicht, warum Jesus mir nicht geholfen hat, als ich betete und vertraute?"

„Kurzsichtiges Närrchen," entgegnete der Pfarrer lächelnd. „Du bist eben wie wir Menschen alle. Wenn wir einmal bitten, wollen wir gleich die Erhörung sehen und verlangen Wunder über Wunder. Gottes Gedanken sind aber höhet, als die der Menschen. Et hilft stets, aber zu seiner Zeit und oft anders, als wir meinen. Bete nur getrost weiter! Du wirst schon noch einsehen, daß seine Hilfe Dir beisteht. Und jetzt komm einmal mit mir!"

Er nahm sie bei der Hand und führte sie in den Pfarrhof zu feinet guten Schwester. Gleich darauf saß Mariechen vor prächtigen Aepfelu und einem dicken Butterbrode und sah glückselig in die freuud- kichen Augen, die so liebreich gaben. Nut vor dem Heimkommen bangte ihr. Aber als sie gegessen hatte, langte der Pfarrer wieder nach Hut und Stock und ging mit ihr zur Mutter.

Nun gab es aber ein hartes Stück Arbeit mit Grethe. Sie wollte nicht hören und verbat sich alles Einmischen, als ihr der Pfarrer auseinandersetzte, daß Mariechen nicht mit schwerer Arbeit überhäuft werden dürfe. Aber der Pfarrer sprach sanft und höflich weiter, und endlich überzeugte er Grethe und erlangte sogar von ihr die Erlaubnis, daß Mariechen nach der Schule ein Stündchen in den Pfarrhof kommen dürfe zur Gesellschaft seiner Schwester. Damit war viel erreicht, und der Pfarrer, als er Abends sein Tage­werk sich vorhielt, blickte mit Vergnügen auf diese Stunde zurück.

Nun begann ein neues Leben für Mariechen. Die Freundlichkeit und Sorge, welche sie im Pfarrhofe

genoß, und die bessere Kost, die man ihr zuschob waren gerade das, was dem verkümmerten Pflänzchen gefehlt hatte. Sie gedieh sichtbar an Seele und Leib. Nun sprang sie munter umher, und nicht lange dauerte es, so rückte sie auch in der Schule Bank um Bank vor. Und weil sie so voller Liebe und Freude steckte, mußte sie auch Anderen mittheilen. Sie ward wieder zutraulich und zärtlich mir der Mutter, und ein wenig von dem lichten Schein strahlte hinüber in Grethe's verdüsterten Sinn.

Eines Tages war Mariechen eben nach Hause ge­kommen, als ihr Vater wieder einmal betrunken die Treppe heraufstolperte. Er warf sich auf die Bank und stützte den Kopf mit den Händen. Nach einer Weile hob er die stieren Augen und lallte: „Hol' Bier, Grethe!" Die entgegnete kurz: „Hab' fein Geld! Hast auch genug!" Da drang er fluchend mit erhobener Faust auf sie ein. Die Buben flüchteten, aber Mariechen sprang blitzgeschwind vor die Mutter, faltete die Händchen und sagte stehend: „Schlag'nicht die Mutter, lieber Vater! Der liebe Gott mag das nicht!"

Der Mann schaute sein Kind betroffen an, wich zurück und sank wieder auf die Bank. Bald darauf hörte man ihn schnarchen. Die Mutter aber zog Mariechen an sich und weinte bittere, aber doch süße Thränen. Sie war nicht mehr allein und schutzlos in ihrem Jammer! Weich und lindernd legte sich die Kindesliebe auf ihr verarmtes, verwundetes Herz. Mariechen schlang beide Aermchen um sie und flüsterte ihr in's Ohr: „Vergib dem Vater, liebe Mutter, ver­gib ihm um Jesu willen!" und bat so lange und dringend, bis die Mutter endlich nickte.

Als Peters Trunkenheit gewichen war, überkam ihn nach langer Zeit wieder, was er verlernt hatte: Scham und Reue. Er erröthete vor dem Kinde, sah eifriger nach seinem Geschäfte und kam ein paar Tage nüchtern und zeitig nach Hause.

Mariechen, die auf den Rath des Pfarrers ihre Bitte dem Jefukinde beständig an's Herz legte, glaubte sich erhört und war fröhlich wie ein Vögelchen. Ostern rückte immer näher. Nur wenige Wochen fehlten bis zu dem Tage, der sie so innig ersehnte: den Tag ihrer ersten heil. Kommunion. Wie wollte sie erst dann bitten! Da konnte ihr der liebe Gott ja nichts ab- schlagen und es mußte schön und friedlich wie früher bei ihnen werden. (Fortsetzung folgt.)

20. Iiehlmg der 4. Klaffe 197. Kgl. prruß. Lotterie. Nur dle Gewinne über Liv Mk. sind den betreffenden Nummern in Klammern beigefügt. (Ohne Gewähr.!

13. November 1897, vormittags.

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Ziehung der 1. Klaffe 198. Kgl. Preuß. Lotterie beginnt am 11. Januar 1898.