M 262 Montag, den 15. November 1897 21. Jahrgang
FuldaerMZeitiing
mit Nnterhaltrrngs-Keilage „Sterne und Klume«^.
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Die Politik des Papstes.
Vor etwa vier Wochen veröffentlichte ein französischer Katholik, der jedenfalls mehr Liebe zu Frankreich und seinem neuen Alliirten als Kenntniß des Wesens der katholischen Kirche und der Aufgaben ihres Oberhauptes, sowie der politischen Verhältnisse besitzt, einen Aufsatz, der darauf hinausging, das französisch-russische Bündniß als einen Erfolg der päpstlichen Politik, den hl. Vater Leo XIII. geradezu als Urheber des als Gegensatz zum Dreibunde ins Leben getretenen Zweibundes hinzustellen. Mit Ausnahme derjenigen Blätter, die auch die größten Albernheiten ihren Lesern als unumstößliche Wahrheit auftischen, wenn sie damit ihren Zweck zu erreichen glauben, den Papst und die Kirche in ein schiefes Licht zu setzen und den deutschen Katholiken Schwierigkeiten zu bereiten, hätte wohl kein Vernünftiger der Schrulle des französischen Katholiken, die sich zu offenbar als Produkt einer chauvinistisch-schöpferischen Phantasie erwies, irgend welche Beachtung geschenkt, zumal es den katholischen Blättern ein Leichtes war, nachzuweisen, daß die Enthüllung des französischen „Politikers" jedes realen Untergrundes entbehrte, wenn nicht der vom hl. Stuhle zu amtlichen Mittheilungen benutzte ,Osservatore Romano' jenem Aufsätze Aufnahme gewährt und ihm damit zu einer Bedeutung verhalfen hätte, die er durchaus nicht besaß. Auf der einen Seite konnten uneingeweihte, wenn auch wohlmeinende Leser dadurch zu dem Schluffe verführt werden, es müsse an den Ausführungen des französischen Katholiken doch etwas sein. Andererseits lag die Gefahr nahe, daß man in der katholikenfeindlichen Presfe und vielleicht auch auf der Tribüne des Reichstages das angebliche offizielle Organ der Kurie noch öfter zitiren könnte, um eine deutschfeindliche Spitze der päpstlichen Politik damit zu beweisen. Demgegenüber stellte eine vom 2. November datirte Korrespondenz der ,Köln. Volksztg.' zweifellos und ein für alle Mal fest:
„daß der offizielle Charakter des ,Offervatore' sich ausschließlich auf diejenigen Mittheilungen bezieht, welche unter der Ueberschrift: Noatre infoimazioni zusammengefaßt sind. Für den ganzen übrigen Inhalt trägt die Redaktion die alleinige Verantwortung. Daß dieselbe bemüht ist, auch in diesem Theile den Anschauungen des Vatikans und der höchsten leitenden Stelle gerecht zu werden, soll nicht bezweifelt werden; aber dadurch ist nicht ausgeschlossen, daß ein einzelnes Redaktionsmitglied bei allem guten Willen und aller aufrichtigen Gesinnung gelegentlich falsche Akkorde greift. Was aber die Sache selbst betrifft, so kann hier auf Grund zuverlässigster Informationen und ohne daß irgend welches Dementi zu befürchten wäre, erklärt werden, daß jene Auslassungen schlechterdings ohne Begründung sind. Der hl. Vater hat es immer abgelehnt und wird es immer ablehnen, in poli- titische Kombinationen einzutreten. Er steht dem Zweibunde nicht näher wie dem Dreibunde, und seinem Herzen sind die deutschen Katholiken so nahe wie die französischen. Was ihn bewegt, ist einzig das religiöse Bedürsniß der Gläubigen und das Interesse der Kirche. Wenn Leo XIII. in letzter Zeit sich mit französischen Angelegenheiten befassen mußte, so liegt der Grund weder in einer besonderen Sympathie für die französische Nation, noch in einer Vorliebe für die demokratische Staatsform, sondern allein darin, daß einerseits die kirchlichen und religiösen Verhältnisse in Frankreich feine Hilfe besonders nöthig erscheinen ließen, und andererseits die französischen Katholiken nicht allzu eilig in der Befolgung der päpstlichen Mahnungen waren. Das ist die Wahrheit, wenn auch französische Exaltation auf der einen und antikatholischer Fanatismus in Deutschland auf der anderen Seite hundertmal das Gegentheil versichern und Leo XIII. nach wie vor als den intellektuellen Urheber des Zweibundes bezeichnen sollten. Damit
kann die Auffassung füglich bestehen, daß eine Befolgung der im religiösen Interesse ergangenen päpstlichen Mahnungen schließlich auch in politischer Beziehung Frankreich von Vortheil sein müßte, indem die Aussöhnung der bisher abseits stehenden Katholiken mit der Republik dieser neue konservative Elemente zuführen müßte, die von dem Radikalismus losgelöste Republik aber naturgemäß nach außen bündnißfähiger und namentlich auch für Rußland ein werthvollerer Bundesgenosse wäre. Aber abgesehen davon, daß diesen Zukunftsgedanken die Thatsachen wenig entsprechen, würde man aus einer derartigen Entwickelung der Dinge nicht auf eine deutschfeindliche Absicht des päpstlichen Rathgebers schließen können. Muß denn die franko- russische Allianz nothwendig eine Spitze gegen Deutschland haben, oder wenn eine solche heute vorhanden ist, wird sie es dauernd sein? Der Pariser , Figaro' vom 1. November trifft eben rechtzeitig hier ein, um darauf Hinweisen zu lassen, daß man auch in Frankreich anfängt, sich auf eine andere als die von den Chauvinisten vertretene Auslegung vorzubereiten. Der trotz allem Schiefen in mehr als einer Beziehung bemerkenswerthe Leitartikel sagt es mit dürren Worten: Die franko- russische Allianz hat die elsaß-lothringische Frage ihrer Lösung nicht näher gebracht, sondern im Gegentheil vertagt."
Auch der ,Osservatore Romano' korrigirte alsbald den Mißgriff seines Redakteurs. In einem in Nr. 250 vom 2. bis 3. November erschienenen Artikel, betitelt L’opera pacificatrice di Leone XIII., führt er aus, welches in der That „die Politik des Papstes" ist. Da die bezüglichen Auslassungen des römischen Blattes in Deutschland bisher noch wenig bekannt geworden sind — übrigens ein Beweis dafür, wie wenig Gewicht ehrliche und einsichtige Leute der Angelegenheit beimefsen, während die Gegner schwiegen, da sie den offenkundigen Thatsachen gegenüber verstummen müssen —, heben wir im Nachstehenden die wichtigsten Sätze heraus:
„Wir haben es tausend- und abertausendmale gesagt, daß der Papst als der gemeinsame Vater der Gläubigen keinerlei Unterschied zwischen dem einen und dem anderen Volke macht, daß er alle mit derselben Liebe liebt, und daß er nichts anderes wünscht und erstrebt als das größte Glück und Wohlergehen aller, auch in irdischer und sozialer Beziehung. Demgemäß bemüht er sich nach Kräften, damit der Friede bei allen herrsche und die Einigkeit alle wie Brüder umfasse, jenen Frieden in den Geistern und Herzen zu befestigen, aus dem der Friede der Staaten und das Wohlergehen der Nationen hervorgeht. Der regierende Hohepriester schärft mit unermüdlichem Eifer die religiöse Friedfertigkeit ein, damit jene Streitigkeiten auf dem Gebiete des Glaubens und der Moral beseitigt werden, welche dann die Zwietracht und das feindliche Ringen auf dem Gebiete der Politik und der Regierung erzeugen. Wenn man unseren Versicherungen kein Gehör schenken will, dann betrachte man als evidenten Beweis, was zahllose Thatsacken berichten, die schon der Geschichte angehören. Der hl. Vater Leo XIII. hat jenen erhabenen und königlichen Weg, der die Völker und Nationen zum Frieden, zur Eintracht, zur Ordnung und zum Wohlergehen führen kann, vielen Völkern der alten und neuen Welt genannt und vorgezeichnet. Er hat das für Spanien gethan, für England, für Deutschland, für Pölen, für Brasilien; jetzt ist er dabei, nicht mehr und nicht weniger für Frankreich zu thun. Welchen vernünftigen Grund gibt es daher oder kann es daher geben, zu sagen, wie es der Eine pflegt: der Papst liebe Frankreich mehr und zum Schaden meinetwegen Deutschlands, er ziehe, wie auch schon einmal gesagt worden ist, die Deutschen vor zum Nachtheil der Franzosen? Um auf irgend eine Act diesen ungerechten und unbegründeten Vorwurf glaubhaft zu machen, hebt man hervor, daß Dank jener Politik, die man nur einmal die Politik Leo XIII. nennen will, Frankreich nunmehr eine politische und internationale Sellung errungen hat, die es vordem nicht besaß, und die es vielleicht aus sich allein nicht hätte erreichen können. Aber wenn das Wohlwollen und der Eifer des Papstes vortheil- hafte Wirkung auch in der politischen Sphäre und
in den internationalen Beziehungen von Volk zu Volk, von Regierung zu Regierung äußern, so ist das der moralische und logische Erfolg der wohlthätigen Fruchtharkeit des religiösen Handelns und der weisen Rathschläge des obersten Würdenträgers der katholischen Kirche, aber es ist nicht etwa das Ergebniß politischer Jntriguen und diplomatischer Manöver, was beweist, daß die christlichen Prinzipien, wenn sie in der rechten Weise auf das politische Leben und die sozialen Bedürfnisse ,der Völker angewandt werden, diesen auch wegen der sozialen Beruhigung und hinsichtlich des irdischen Nutzens unendlich förderlich sind."
So zeigt sich in Wirklichkeit „die Politik des Papstes", da sie nichts anderes ist und sein will als die Ausübung des Lehr- und Hirtenamtes, zu der das Oberhaupt der Kirche als Nachfolger dessen berufen ist, der zuerst die Menschen wieder lehrte, sich als eine große und einträchtigte Familie zu betrachten. Wie könnte auch Leo XIII., der unermüdlich die Verheißung „Et fiet unus pastor et unum ovile“ ihrer Erfüllung entgegen zu führen sucht, dieses sein Lebenswerk selbst durchkreuzen wollen, indem er, von seiner hohen Warte in die Niederungen der wechselnden Tagesinteressen hinabsteigend, sich als Politiker im Sinne des französischen Katholiken in den Streit und Haß der Parteien mischte! Es ist wirklich über alle Maßen thöricht, das von einem Papste zu behaupten, dessen Weisheit sogar seine Gegner anzuerkennen gezwungen sind.
Deutsches Deich.
Berlin, 13. November.
* Der Kaiser hat dem Apostolischen Vikar in Schweden, Bischof von Doliche I)r. theol. Bitter zu Stockholm den Rothen Adler-Orden zweiter Klaffe verliehen.
* Staatssekretär v. Aiikmv, vordem deutscher Botschafter am Quirinal in Rom, ist am letzten Freitag vom Papste in dreiviertelstündiger Audienz empfangen worden. Danach empfing der Papst auch die Gemahlin des Staatssekretärs. Nach der Audienz statteten beide, der Staatssekretär und seine Gattin, dem Kardinalstaatssekretär Rampolla einen Besuch ab.
* Der außerordentliche deutsche Gesandte am portugiesischen Hofe, Geheimrath v. JerentHalk, ist behufs anderweiter dienstlicher Verwendung von diesem Posten ab'berufen worden.
h. Während der neu bevorstehenden Tagung des Reichstages werden die verschiedenen Kraülionen folgende Mitgliederzahlen aufweisen: Konservative 56 (früher 58), Freikonservative 25, Antisemiten 12, Centrum 101, Polen 20, Nationalliberale 50, freisinnige Vereinigung 13, freis. Volkspartei 28 (vorher 26), Volkspartei 12, Sozialdemokraten 47 (vorher 48), bei keiner Fraktion 31. Erledigt sind gegenwärtig 2 Mandate: Plön-Oldenburg und Nürnberg.
IMt Kürzlich trat Professor Lujo Brentano in München mit der Behauptung hervor, daß die meisten Ikekrule« für das Keer aus den Jn- dustriebezirken herstammen sollen, und nicht, wie man fonst doch allgemein angenommen hatte, aus denjenigen Gegenden, in denen die Landwirt hschaft überwiegt. Die Statistik des Herrn Professor Brentano hat sehr kurze Beine gehabt: sie beruht auf nichts Anderem als auf einem falschen Gesichtspunkte, den Herr Professor Brentano seiner Berechnung zugrunde gelegt hat. Herr Brentano hat nämlich bei seiner Aufstellung als Grundlage je 1000 Quadratkilometer Bodenfläche angenommen, obwohl es doch eigentlich auch für denjenigen, der kein gelehrter Professor ist, recht klar ist, daß man Bevölkerungs- Statistiken nach der Bevölkerungs-Zahl und nicht nach dem Quadratkilometer der Bodenfläche berechnen muß. In der ,Kreuz-Zeitung' finden wir eine Berechnung nach diesem richtigen Gesichtspunkte, von der wir im Augenblicke nicht wissen, ob sie eigne Arbeit der Redaktion des genannten Blattes oder aus einer andern Quelle geschöpft ist. Und diese Berechnung ergibt Ziffern, die den Schlußfolgerungen des Herrn Professor Lujo Brentano unmittelbar widersprechen, vielmehr eine neue Stütze sind für die alte und zweifellos auch richtige Anschauung, daß