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M 261

Samstag, den 13 November 1897.

24. JahrgMg

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lich, nach vielen Bitten und Versprechungen, legte sich ihr Schmerz. Sie richtete sich auf und entließ ihn mit freundlichen Worten. Als er das Zimmer ver­lassen hatte, warf Grethe ihrem Spiegelbilde einen triumphirenden Blick zu. Der Sieg war errungen! Sie trällerte sogar ein Liedchen vor sich hin, was sie selten that. Mittags brachte Peter als Unterpfand der Versöhnung ihr ein schönes Tuch mit. Stolz nahm Grethe es in Empfang.

Die Großmutter bat Grethe, fleißig für ihren Mann zu beten: „Führe uns nicht in Versuchung!" Aber Grethe besah sich eben in ihrem neuen Staat und antwortete übermüthig: „Will ihm 's Trinken schon so vertreiben!"

Ein gar schönes, weiches Höllenpflaster geben gute Vorsätze und eitles Selbstvertrauen.

Ein paar Wochen später kam Peter nach Hause, noch betrunkener wie das erstemal. Grethe probirte ihr altes Mittel, aber sieh', es versagte.

Peter ließ sich durch keine Thränen rühren und verließ störrig die Stube. Grethe's Jammer schlug in Hellen Zorn um; sie lief ihrem Mann nach in den Stall und zankte ihn aus. Peter sagte nicht viel, verließ aber das Haus und fehlte Mittags beim Esten; erst in der Nacht kam er heim. Vielleicht hätte ein freundliches Wort Grethe's doch eine Versöhnung ge­bracht, aber jetzt war die Reihe des Trotzens an sie gekommen.

Schweigend ging seitdem Jedes seine eigenen Wege.

Nochmals versuchte die Großmutter, Grethe zur Geduld und Freundlichkeit zu mahnen, aber diese wehrte kurz ab. Immer fleißiger rührte sie die Hände, aber auch immer barscher ward ihr Wesen.

Dichter legten sich die Schatten um das Kutscher­haus. Das Geschäft ging sichtbar zurück; die Knechte wurden lässig, denn das Auge des Herrn fehlte. Peter kam nur noch in dunkler Nacht in sein Haus.

Eines Morgens lag eines der besten Pferde mit abgeschlagenem Fuße im Stalle. Die Wache hatte sich davon geschlichen gehabt. In der ersten Hitze agte Peter den schuldigen Knecht davon. Ein Kon­kurrent nahm ihn auf und weiterer Schaden war die Folge.

Jetzt lag Grethe manche Nacht schlaflos aus ihrem Lager. Sie grämte und härmte sich und die Arbeit ward ihr schwer. „Bergab!" schrie es, wohin sie nur schaute. Sie stöhnte laut und preßte die Hände, als könnte sie das flatternde Glück an sich reißen.

In dieser Zeit starb plötzlich die Großmutter. Mariechen fand sie tobt im Bette. Mit einem Auf­schrei sank Grethe vor sie hin. Ihr war, als ver­lösche jetzt jedes Licht, als stürzten Berge über sie zu­sammen. „Barmherzigkeit," schrie sie, „Verzeihung, Gnade!" Sie rang die Hände und wollte sich nicht trösten lassen. Weinend saß sie am Bett der Tobten und schrie zum Himmel um Verzeihung und Hilfe.

Aber unser Herrgott ist kein schwacher Vater, der beim ersten Weheruf der Kreatur die Zuchtruthe sinken läßt. Kein Ruf nach Oben geht verloren, aber die Hilfe will erkämpft sein. Nur ein unermüdliches Gebet dringt durch die Wolken und bringt die Er- hörung herab.

Schwerer senkte sich die Schmerzenslast noch aus die unglückliche Grethe. Peter ward immer stumpf­sinniger, er verrohte zusehends. Zu sagen wagte Grethe nichts mehr, denn Peter scheute nicht zurück, Hand an sie zu legen. Müde des Kampfes, ergab sie sich zuletzt in ihr Schicksal. Zu beten hatte sie wieder aufgehört; nun war doch Alles aus! Man schleppt sich eben, so lange es geht, und hofft aus den Tod, den einzigen Befreier, über den hinaus kein Gedanke sich mehr schwingt.

Immer mehr bürgerte sich die Armuth im Hause ein. Kein Trost wollte das Dunkel erhellen, das sich um Grethe gelagert hatte. Selbst die Kinder wurden ihr gleichgiltig und zur Last. Das waren aber auch die fröhlichen Blondköpfe von früher nicht mehr. Die Buben verwilderten und trieben sich am Liebsten auf der Straße herum. Mariechen aber war gar nicht mehr zu erkennen. Bitteres Heimweh nach der Groß­mutter quälte die Arme, dazu legte die Mutter so viel Arbeit als nur möglich auf ihre schwachen Schultern. | Seele und Leib waren bei ihr gleich am Verkümmern. . Zu den Schularbeiten fehlte die Zeit; da gab es in der Schule Tatzen und Schelte und zu Hause nicht minder, wenn die Arbeit nicht rasch genug beendet

schaffen werde. Aber kein Gedanke. Es bleibt im Grunde Alles beim Alten. „Ausnahmsweise" kann Gefangenen, die sich im Besitze der bürgerlichen Ehren­rechte befinden, mit Genehmigung der Aufsichts - Be­hörde Selbstbeschäftigung gestattet werden. Inwieweit die Selbstbeköstigung gestattet werden darf, bestimmt die oberste Aufsichts-Behörde. Mit anderen Worten: este Vorschriften gibt es nicht. Alles hängt von der Gnade des Staats an waltes ab wie bisher. Dieser tonn Leuten aus den „besseren" Ständen, die das Unglück gehabt haben, dem Richter in die Hände zu allen, große Vergünstigungen gestatten, wenn sie nur nicht die bürgerlichen Ehrenrechte verloren haben; es können schon recht nichtsnutzige Subjekte darunter sein. Er kann sie ebenso dem anständigen Preßsünder ver­weigern; zu fordern hat Niemand etwas. Warum man Alles dem diskretionären Ermessen der Gefäng- niß-Verwaltung und des Staatsanwaltes überläßt, ist eicht zu errathen. Man will den Sozialdemo­kraten keine Vergünstigungen gewähren, und darum verweigert man auch Anderen das Recht darauf. So gibt die Sozialdemokratie wieder einmal den Vor­wand ab zur Beschränkung der Rechte und Freiheiten Aller.

Mit der Kleidung ist es nicht anders; um sozialdemokratische Redakteure in Gefängnißkleidung stecken zu können, überläßt man es der Hausordnung, zu bestimmen, unter welchen Voraussetzungen Gefängniß- sträflingen im Besitze der bürgerlichen Ehrenrechte der Gebrauch eigener Kleidung, Wäsche- und Bett­stücke gestattet werden kann. Ünd so fort; nirgends feste Vorschriften, alles nach Diskretion. Vielfach ist Beschwerde geführt worden über die skandalöse Fesselung sozial demokratischer Redakteure beim Transport auf offener Straße, ihre Einsperrung mit allerlei gemeinem Gesindel in derselben Zelle u. s. ro.; wenn sie als Zeuge aus dem Gefängniß vor Gericht geführt wurden, und dergleichen. Da­rüber werden gar keine Vorschriften gegeben; es kann bleiben, wie es war und es w ird auch vielfach so bleiben. Eine kleine Besserung bringen die Grundsätze anscheinend den Sozialdemokraten. Ver­weigert man ihnen bisher die Selbstbeschäftigung, so konnte man ihnen jede beliebige schwere und schmutzige Arbeit zuweisen. Jetzt heißt es: Bei der Zuweisung von Arbeit ist bei Gefängnißsträflingen auch auf dem Bildungsgrad und die Berufsverhältniffe Rück­sicht zu nehmen. Das wird sie vor dem Schlimmsten bewahren. .,

Das Gefängniß ist für den anständigen Menschen aus besser gestellten Kreisen unter den bisherigen Verhältnissen eine barbarischeStrafart. Nicht allein, daß es ihm körperliche Leiden und Unbequemlich­keiten bringt, die ein anderer Gefangener oft gar nicht empfindet, es ist auch mit so viel Demüthigungen und Erniedrigungen verbunden, daß es wahrlich an der Zeit wäre, mit der Schablone ein Ende zu machen und namentlich für den politischen und Preß­sünder eine Art des Strafvollzugs einzusühren, die ihn nicht mit dem gemeinen Verbrecher im Wesent­lichen auf dieselbe Stufe stellt. Die Grundsätze be­deuten eine nennenswerthe Besserung nicht. Mit den Sozialdemokraten und wegen der Sozialdemokraten müssen politische Sträflinge und Redakteure auch in Zukunft Unwürdiges leiden.

# Der Vollzug von Freiheitsstrafen, n.

Die neuen Grundsätze über den Strafvollzug haben im Allgemeinen in der Preffe keine besonders günstige Aufnahme gefunden. Die Urheber der Grundsätze werden davon schwerlich überrascht sein, denn die Presse ist an dem Strafvollzüge Leiber nur zu sehr interessirt, unb für sie hat sich im Grunde nichts gebessert. Es ist ihr auch jegliche Hoff­nung auf baldige Besserung abgeschnitten; denn wenn feit mehr als einem Vierteljahrhundert eine reichsge­setzliche Regelung des Strafvollzuges gefordert wirb, eine solche schon im Jahre 1879 in Angriff genom­men worden ist und jetzt noch eine „einstwellige" Re­gelung von freier Hand für nothwenbig erachtet wor­den ist, so kann bas nichts bebeuten als bie Vertagung ber gesetzlichen Regelung ad calendas graecas. Der Grund, warum man sich über ein Gesetz nicht Hot einigen können, ist ber ewige alle: bie Reform kostet Gelb für neue Gefängniß-Einrichtungen :c„ unb in einer Zeit, wo Heer unb Marine so starke Anforbe- rungen an bie Kasse stellen, können verschiebens Bunbes- staaten bas Gelb nicht austreiben.

Wenn man im Reichstage einheitliche Re­gelung bes Strafvollzuges forberte, so dachte man in erster Linie immer an bie wegen politi­scher unb Preßvergehen Verurtheilten, bie man nicht behanbelt wiffen wolle wie Diebe, Betrüger, Kuppler unb Messerhelben. Es ist boch wahrlich fchon schlimm genug, baß wir im Grunde nur bie eine Strafschablone des Gefängnisses kennen. Wer gemeine unb von nieberträchtiger Gesinnung zeugenbe Strafthaten begangen hat, kommt, soweit nicht von vornherein Zuchthausstrafe barauf steht, bas erstemal leicht mit ein paar Monaten weg. Für Betrug, Ur­kundenfälschung, Sitilichkeitsvergehen gibt es sehr ost eine recht geringe Strafe; baß Eltern, welche ein Kinb monate- unb jahrelang in der gemeinsten bar­barischen Weise mißhandelt und schließlich zu Tode gequält haben, 4 oder 6 Monate Gefängniß erhalten, erleben wir namentlich in Berlin jeden Augenblick. Wenn aber so ein unglücklicher Zeitungs-Redakteur, dem im Eifer des Gefechtes ein unvorsichtiges Wort aus der Feder geflossen ist, oder' ein Mann aus dem Volke, der eine derbe Aeußerung über den Kaiser ge- lhan hat, so gibt es dasür nicht selten eine Gefäng- nißstrafe von einem Jahr unb mehr. Und doch stehen diese politischen und Preßoergehen an verbrecherischem Charakter doch weit hinter Eigenthums- und Rohbeitsvergehen zurück. Die Richter bebandeln Alles nach der Schablone: „so und so viele Monate Gefängniß; die folgende Sache." Dabei ist Gefängniß für den Einen ganz etwas Anderes als für den An­dern. Wer an gewiße Bequemlichkeiten des Lebens nicht gewöhnt ist, für den ist das Gefängniß gar keine so große Qual, oft geradezu eine Ferienkolonie. Dagegen ruinirt ein Anderer an der schweren und ungewohnten Kost, an dem Mangel an Freiheit und Bewegung in wenigen Monaten leicht dauernd seine Gesundheit; unb babei ist jener vielleicht ein gemeiner Schuft, dieser ein anständiger Mann. Die Richter könnten viel häufiger auf Haft erkennen, aber sie haben die so und so viele Monate Gefängniß einma im Handgelenke. Festungsstrafe erhalten ja fat nurDuellanten, unter besonderen Umständen auch mal ein Majestätsbeleidiger.

Nun könnte man ja beim Strafvollzüge nach­holen, was der Richter verfäumt hat, und einen Unterschied zwischen politischen und anderen Sündern machen, den ersteren insbesondere Selb st - beschäftigung und Selbstbeköstigung gewäh­ren. Die Selbstbeschäftigung läßt man ja bei Zeitungs­leuten auch häufig zu, die Selbstbeköstigung so gut wie nie, unb boch ist es wohl noch schlimmer, Gc- fängnißkost essen, als Gefängnißarbeit verrichten zu müssen. Man halte erwarten dürfen, daß, wenn nun einmal eine provisorische Neuregelung des Strafvoll­zuges beliebt werde, wenigstens hierin Wandel ge-

Das große Loos.

Von M. Lei bald.

------- (Nachdruck verboten)

Ihr Zorn legte sich noch nicht. „Willst Du leugnen, daß Du betrunken warst?" schrie sie wieder. Dann aber versagte die Stimme; sie sank schluchzend auf einen Stuhl. Der Anblik ihrer Tkränen tilgte Peters Zorn. Er lief ein paarmal auf und ab, trat zu Grethe, und sagte nach kurzem Kampfe leise, indem er ibr die Hand hinstreckte: „Vergiß es!"

Jetzt aber nahm Grethe ihren Vortheil wahr. Sie that, als höre sie nicht und weinte nur immer stärker. Peter legte den Arm um sie und flüsterte ihr in's Ohr: „Verzeihe mir!" Aber sie schob ihn weg unb weinte weiter; vor Jammer sank sie ganz vornüber. Peter ward immer weicher unb zärtlicher. Er stützte sie, zog sie an feine Brust, streichelte ihr Haar, küßte sie und stammelte Bitte auf Bitte. End-

FulblltrMZeitliiig

mit Nnterhaltimgs-Keitage „Sterne «ud Ktume«"._________________