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M 261 Samstag, den 13 November 1897. 24. Jahrgang

mit Unterhaltungs-Beilage „Sterne und Kluweu"

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Erscheint »glich, 6emt« und Feiertage aaSgenoima«. — Bierteljährkicher AbonnementSpreiS ohne Bringerlohn und Bestellgeld in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Piemrig. Inserate kosten die einspaltige Sarnumdzeile oder deren Raum 15 'Bf., Reklamen die Petitzeile 25 Ps., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

Gs wird doch nichts daraus!

Es geht doch nichts über deutsche Zähigkeit und Gründlichkeit. Nun sinnen und rathen die guten Deutschen, die nicht „ultramontan" sein wollen, schon seit mehr als einem Vierteljahrhundert, wie sie den andern, den „ultramontanen" Theil los werden könnten. Und obgleich bis jetzt alle Mittel fehlgeschlagen sind, tritt doch immer wieder ein Heilkünstler nach dem andern auf die Bühne, um ein neues „unfehlbar" wirkendes Gegenmittel gegen den ultramontanen Ba­zillus anzupreisen; und das geht so fort und scheint nicht mehr enden zu wollen, auch wenn das neue Reich das Schwabenalter längst überschritten haben wird. Was hat man seit 1870 nicht schon alles probirt! Zuerst wurde die katholische Abtheilung im Kultusministerium aufgehoben; nebenbei bemerkt, ein rechter Schwabenstreich des Fürsten Bismarck, der dmnit selbst allen Katholiken Preußens das Allarm­signal gab, daß man es auf sie abgesehen habe. Dann hieß es, wir machen den Ultramontanismus todt, indem wir ihn auf den Aussterbeetat setzen und dafür sorgen, daß die junge Generation anders wird; es kam also das Schulaufsichtsgesetz. Das genügt nicht, behauptete der Protestantenverein: Die Jesuiten müssen aus dem Lande; denn sie sind an allem Unheile schuld; und so wurde das Jesuitengesetz erlassen. Immer noch nicht genug, sprach Bismarck; wir müssen bei Zeiten für einen richtigen Papst sorgen, der dem ultramontanen Unwesen bei uns ein Ende mache, und so erließ er seine berühmte Papstwahldepesche. Ueber- dies wurden die Ordenspersonen von der Ertheilung des Unterrichtes an den öffentlichen Schulen ausge­schlossen, die Kongregationen und religiösen Vereine an den höheren Lehranstalten verboten; die Altkatho­liken wurden gehegt und gepflegt rc.; und als Fürst Bismarck Ende 1872 sich den Schaden besah, fand er, daß der „Ultramontanismus" stärker als je ins Kraut geschossen sei. Daran ist der katholische Klerus schuld, hieß es jetzt: dem müssen die Flügel beschnitten werden. Und so ging's nun gegen diesen los; das ganze Füllhorn der Maigesetze wurde über sein Haupt ausgeleert. Nationale Bildung und E^iehung, Lockerung der strammen Disziplin, staatliche Beauf­sichtigung von Sakristei und Kirche, Revision der Se- minarien, Staatsexamen der Theologen, Absetzungs­gerichtshof für renitente Kleriker, Austritt aus der Kirche gegen eine Stempelgebühr von fünf Silber- groschen, Vereidigung der Bischöfe auf die Staats- gesetze, Civilehegesetz, Vorgehen gegen die Herz-Jefu- Bruderschaften u. f. w. u. f. w.: Ultramontanismus, jetzt ist's um dich geschehen! Allein, es kam das Jahr 1875 und der Ultramontanismus lebte erst recht. Kopfschüttelnd standen Fürst Bismarck und sein General­stab vor diesem Räthsel der Natur. Da fand sich aber ein Graf Oerindur, der sagte: Fort mit allen Orden; hängt dem renitenten Klerus den Brodkorb höher; treibt die Bischöfe aus dem Lande, gebt den Altkatholiken größere Rechte, hebt die Artikel 15, 16 und 18 der Verfassung auf, laßt den Laien im Kirchen­vorstand und der Gemeindevertretung das Regiment, dann wird's gehen; und alles geschah nach Wunsch; als aber alles geschehen war, da stand der „Ultramon­tanismus" in höchster Blüthe und im Reichs- und Landtag ein „ultramontanes" Centrum als Nonplus­ultra des Verdrusses, und als Thurm, der nicht zu bezwingen war. Was machen? —

Fürst Bismarck rüttelte, was er'konnte, um den Thurm zum Einsturz zu bringen; allein er hatte nicht so viel Haare wie Samson auf dem Kopfe, und so blieb der Thurür, und der Ultramontanismus als sein Fundament ebenfalls. Einstweilen suchte sich nunmehr der Kanzler in die Situation hineinzufinden, so gut es ging, und betrachtete sich zugleich mit etwas nüchternerer Ruhe, was er angerichtet hatte. Was er gewollt, das hatte er nicht erreicht, und was er nicht gewollt, das stand fix und fertig vor seinen Augen: ein Volk in Waffen — allerdings nur geistigen — gegen ihn und seine Regierung. Das mußte anders werden und so versuchte er es einmal mit dem Handeln.

Er eröffnete ein Detailverkaufgeschäst in Maigesetzen und zugehörigen Ministerialerlassen. Er stand hinter der Theke und der alte Windthorst vor derselben; das Geschäft war ergötzlich. Der Kanzler forderte einen äußersten Preis, dann ließ er etwas ab, dann noch etwas; der kluge Meppener aber blieb ruhig lächelnd bei seinen Angeboten und Bismarck schlug los; häufig ärgerlich, zuweilen drohend, dann wieder mit Humor; und als er zuletzt die verschiedenen Scherben, die ihm von seinem Werke verblieben, besah, da schämte er sich, daß er ihr Urheber sein solle und betheuerte und ließ betheuern, daß er es eigentlich nicht so gemeint habe. Allein auch nach dem Ver­kaufe blieb der Ultramontanismus immer noch, wie vorher. Was nun?

Falk war gegangen, Puttkammer verduftet; Bis­marck ging; der Fortschritt zerstob; die Nationalliberalen schmolzen zusammen wie der Schnee vor der Sonne; die Konservativen fanden, daß Vorsicht der beste Theil der Tapferkeit sei und konzentrirten sich rückwärts; manche zogen sich grollend, wie Achilles, in ihr Zelt zurück und kehrten, nachdem es ihnen nicht gelungen war, die Zeit an der Stirnlocke zu fassen, zu den väterlichen Ochsen zurück — aber der Ultramontanis­mus blieb. Und doch sollte er absolut verschwinden. Man versuchte es daher mit Kartellen, Alliancen gegen das Centrum allerwärts, aber auch das half nichts; das ultramontane Centrum blieb, und die Alliancen — lösten sich auf. Hier und da machte man auch Versuche, es — wie die Juden die Mauern von Jericho — mit Trompetengeschmetter umzublasen; aber im neuen Testament wollten diese alttestament- lichen Mittel nicht verfangen.

Da nun nichts, aber auch nichts anschlagen wollte und selbst das Hinsterben der alten Mitglieder des Centrums-Generalstabs die Partei und den „Ultra­montanismus" nicht zur Auflösung brachte, so begann man die Frage, wie man ihn umbringen solle und könne, resignirt in Ruhe zu „studiren"; und in dieser neuesten Phase stehen wir noch. In den 70er Jahren hieß es: wir müssen dem Klerus mehr Bildung bei- -bringen; Bildung macht frei — von Rom meinte man natürlich. Jetzt sagt man, das sei grundverkehrt ge­wesen, die sind zu gescheidt; lassen wir sie auf eine inferiore Stufe zurückfinken; dann hört ihr Einfluß von felbst auf. Verweigert dem Papst die Ehren eines Souveräns, räth Graf Hoensbroech; Unsinn, entgegnet Professor Delbrück, dann bringen wir die Ultramontanen erst recht in Harnisch. Sammelt alle Evangelischen zum Streite gegen Rom, rufen die Brüder vom „Evang. Bund" (der Liebe natürlich). Wollt ihr denn wieder einen Religionskrieg in Deutsch­land heraufbeschwörcn? halten ihneff vorwurfsvoll andere entgegen. Ja, wie sollen wir denn mit den Ultramontanen fertig werden? rufen die ersten ver­zweifelt.'

Wie das geschehen soll? Lieber Himmel, das Mittel ist doch so einfach. Laßt uns nach unserer Fa^on selig werden! Weiter wollen wir nichts. Wir sind nun doch einmal da; todtschlagen könnt ihr uns nicht; aus dem Lande treiben auch nicht. Also fügt euch resignirt in das Unvermeindliche! Am klügsten ist, wer "das vergißt, was einmal nicht zu ändern ist. Es geht ja doch nicht ohne uns; das ist jetzt auf Grund langer Ersahrung historisch festgestellt. Laßt uns auf dem religiösen Gebiete in Ruhe, wie wir euch; dann vertragen wir uns ganz gemächlich. Wir sind doch durch soviele Bande aneinander gefeffelt, daß wir gar nicht auseinander können. Müssen wir uns denn immer in den Haaren liegen? Seht nicht überall Gespenster bei uns, und laßt euch nicht ver­hetzen. Probirt's einmal und Ihr werdet finden, wie schön es geht. Anno 1866 brachte der ,König!. Preußische Staatsanz/ einmal (Nr. 167 v. 14. Juli, Beilage) folgende Auslassung:

„Eines der glänzendsten Zeugnisse dafür, daß Preußen seiner kulturhistorischen Mission im Herzen Europa's mit Erfolg nachgekommen ist, erblicken mir jetzt insbesondere auch aus dem kirchlichen Gebiete. Der alte Grundsatz des Staates, der Freiheit des religiösen Bekenntnisses nicht nur, sondern auch dem Wallen der großen Kirchengemeinschaften in ihren Rechten und Eigenthümlichkeiten die größte Rücksicht zu tragen und ihnen keine unberechtigten Schranken zu setzen, hat sich sowohl in dem großen Entwicklungs­

kampfe Preußens für die nationalen Ziele Deutsch­lands, als auch in Bezug auf die inneren Zustände des Staates treu bewährt. Die Bekenner der ver­schiedenen Konfessionen stehen in seltner Eintracht in der Vaterlandsliebe wetteifernd neben einander. Wie die evangelische Geistlichkeit, so haben ganz ins­besondere auch die höchsten Würdenträger der katho­lischen Kirche in Preußen in der segensreichsten Weise eingewirkt und für den religiösen und politischen Frieden in der gegenwärtigen großen und verhängniß- vollen Zeit die sichtlichsten Erfolge erzielt. Nirgends sind die etwa vohandenen religiösen Gegensätze in den patriotischen Aufschwung störend eingetreten, über­all hat sich im preußischen Volke, namentlich unter den Bekennern der beiden großen Kirchengemeinschaften, die versöhnlichste Gesinnung, die gegenseitige Achtung des Bekenntnisses geltend gemacht. Und diese Ge­sinnung ist auch in Feindesland zur Beseitigung des absichtlich ausgestreuten Mißtrauens und des künstlich erregten Hasses der Bevölkerung von dem größten Werthe und von den günstigsten Folgen für unsere Söhne und Brüder in der Armee gewesen."

Was damals war, kann doch auch jetzt wieder sein. Laßt uns nach unserer Fa^on selig werden; wir gönnen euch das Gleiche, im Uebrigen werden wir uns schon vertragen. Aber hört auf, euch die Köpfe zu zerbrechen, wie ihr uns los werden könntet; es wird ja doch nichts daraus.

Deutsches Reich-

Berlin, 12. November.

h Im Reichstage hat zu Beginn der Tagung die WeuwaHk des Präsidiums stattzufinden. Die Blätter beginnen bereits sich mit dieser „Frage" zu beschäftigen. Im konservativen Lager sollen Stimmen laut geworden sein, die sich dafür aussprechen, daß die konservative Partei im Präsidium vertreten sein müsse. Die ,Deutsche Tageszeitung' meint, die Konser­vativen und Nationalliberalen sollten bei ihrer bis­herigen Stellung verharren und macht einige abge­schmackte Bemerkungen über ein Präsidium Lieber- Singer-Richter. Wenn die Kartellbrüder im Schmoll­winkel verharren wollen, auch gut; das Centrum kann's aushalten. Uebrigens scheint die .Deutsche Tageszeitung' vergessen zu haben, daß Frhr. v. Buol vor zwei Jahren bereits mit konservativer Unterstützung zum Präsidenten gewählt worden ist.

X Ein Gesetzentwurf wegen Auftzevung des Verbots der Meröinduug vor» Dereineu unter einander ist dem Landtage in Sachsen vorgelegt worden. Die Begründung verweist auf die Zusage des Reichskanzlers in der Reichstagssitzung vom 27. Juni v. Js. Von irgendwelchen „Kompensationen" für die Erfüllung dieser Zusage ist nicht die Rede; der Gesetzentwurf enthält nur einen einzigen Para­graphen, der die Aufhebung des Verbotes für in­ländische Vereine ausspricht und blos die Verbindung politischer Vereine mit außerdeutschen Vereinen von der Genehmigung des Ministers des Innern abhängig macht. Das ist eine ehrliche und loyale Ausführung eines gegebenen Versprechens, die die Kniffe und Deuteleien, mit denen man in Preußen das „kleine Sozialistengesetz" zu rechtfertigen gesucht hat, ver­schmäht. Sollte der Reichskanzler jetzt nicht die Empfindung haben, daß es ihm doch wohl anstehen würde, das sächsische Beispiel in Preußen oder im Reiche nachzuahmen? Sachsen hat die stärkste Sozial­demokratie in ganz Deutschland, aber kein Vereins­gesetz nach Art des „kleinen Sozialistengesetzes". In Sachsen springt man auch nichts weniger als gelinde mit der Sozialdemokratie um. Wenn man nun aber doch ohne „Kompensation" das Verbindungsverbot dort aushebt, so ist das nicht gerade eine angenehme Verbesserung der Lage, in der unsere Staatsmänner ä la Recke sich befinden.

X Der Bericht über die Bundesrathssitzung am Donnerstag schweigt sich über die Mililärstraf- prozehordnuug wieder aus; sagt auch nichts über das Einführungsgesetz dazu. Nach der ,Post' soll die Sitzung die Entscheidung über dieses noch nicht ge­bracht haben. Das Blatt orakelt, zwischen Bayern und Preußen scheine über den Theil des Gesetzes, der die Frage des bayerischen Reservatrechts erledigen solle, völlige Einigkeit zu herrschen, dagegen scheine