M 260 Freitag, om 12. November 1897 2L Jahrgang
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Eine kunstgewerbliche Anstalt in Kastel- Mehlheiden.
Seit den ältesten Zeiten hat man immer die Blüthe einer Stadt nicht nach ihren großen Industrie-Anlagen, sondern in erster Linie nach den dort vorhanden seienden kunstgewerblichen Anstalten beurtheilt, weil letztere weit mehr die fortschreitende Bildung, den feinen Sinn und den geläuterten Geschmack ihrer Bewohner beweisen und zugleich mit dieser höher entwickelten Kultur auf eine gewisse Wohlhabenheit derselben Hinweisen. Wir wollen nicht auf Tyrus und Sidon im grauesten Alterthum zurückkehren, noch auf den Ruhm Athens hinweifen: schon vor Jahrhunderten war unfer deutsches Nürnberg weniger berühmt durch seine weit ausgedehnten Handelsbeziehungen, als durch seine vielfältigen und hoch vorgeschrittenen Kunstgewerbe.
Unter den edelsten Kunstgewerben nimmt wohl eine der ersten Stellen, wenn nicht die erste, die Glasmalerei ein, welche, obgleich sie schon früher bestand, erst im 10. Jahrhundert wieder auftritt und mit der Entwickelung der gothischen Baukunst, zu deren eigen« thümlichem Wesen sie gehörte, zu hohem Glanz erblühte, besonders im 14. und im 15. Jahrhundert. Mit der Reformation verfiel allmählich diese hauptsächlich kirchliche Kunst und war im Anfang des 17. Jahrhunders fast vollständig erloschen. Erst in unserem 19. Jahrhundert, nach dem Niedergange des Zops- und Kasernenstils, erstand sie von neuem, und zwar in dem schon genannten Nürnberg, das hiermit seinen alten Ruhm auffrischte, wurde aber außerordentlich verbessert in München, welches durch seine Glasmalerei sich einen Weltruf begründete, den in edlem Wettbewerb weder Berlin, Wien, Brüssel noch Paris haben schmälern können, so daß man wohl behaupten kann, daß die Glasmalerei eine urechte deutsche Kunst ist, wenn sie sich auch in andere Nationen angesiedelt hat und dort meistens durch deutsche Künstler eingeführt worden ist.
Seit ungefähr einem Vierteljahrhundert ist auch unser schönes Kassel in die Reihe jener Städte eingetreten, die sich rühmen dürfen, eine vortreffliche Glasmalerei zu besitzen, welche nicht nur im eigenen Vaterlande, sondern auch weit über dessen Grenzen hinaus sich eines hochangesehenen Namens erfreut und deren künstlerische Produkte sich einen Platz erobert haben neben anderen, die aus viel bedeutenderen und länger bestehenderen Glasmalereien hervorgegangen sind.
Kassel verdankt die Begründung dieser Kunstindustrie der Familie Ely, und als im Laufe dieses Jahres der unerbittliche Tod dies sehr geschätzte und allgemein beliebte Zwillingsbrüderpaar, die Herren Louis und Heinrich Ely, in einem Zeitraum von wenigen Monaten im besten Mannesalter und inmitten ihrer künstlerischen Thätigkeit abrief, da glaubten wohl Viele, daß diese Kunstgewerbe - Anstalt, die Kassel zur Ehre gereicht, eingehen würde; aber die thatkräftige, energische sehr begabte Wittwe des Herrn Ely hat die schon eines bewährten Rufes sich erfreuende Glasmalerei Heinrich Ely (Wilhelmshöher Allee, Wehlheiden) vor einem frühzeitigen Untergänge bewahrt, und inmitten der Trauer um den verstorbenen Gatten hat sie als sorgsame Mutter, rasch entschlossen, den Kopf oben behalten und sich aus München als Zeichner und Entwerfer der auszuführenden Arbeiten wie als Geschäftsführer einen tüchtigen Künstler und erfahrenen Geschäftsmann verschrieben, aus Düsseldorf einen erfahrenen Glasmaler berufen, und das zahlreiche Personal, wie Schüler chres Mannes und ihres Schwagers, tüchtige technisch gebildete Arbeiter, ist ihr treu zur Seite verblieben.
Im Atelier der Firma Heinrich Ely, welcher auch die Herstellung der Fenster für die Fuldaer Domkirche übertragen worden ist, konnten wir kürzlich die drei Doppelfenster bewundern, welche für die neuerbaute katholische Kirche in der Residenzstadt Arolsen bestimmt sind.
Das Mittelfenster stellt unfern Herrn Jesus Christus dar, wie er die Taufe vom hl. Johannes empfängt, und darüber Gott Vater mit segnender Hand. Das zweite Fenster enthält die Figuren der hl. Jungfrau Maria und des hl. Joseph; das dritte, welches sich wohl hauptsächlich auf das neben der Kirche errichtete Hospital bezieht, zeigt die hl. Landgräfin Elisabeth und den hl. Vincenz von Paula, als besondere Vorbilder der Barmherzigkeit und Mildthätigkeit. In den beiden oberen Theilen der Fenster befinden sich anbetende Engel. Die stilgerechte gothische Ornamentik der drei Doppelfenster ist außerordentlich geschmackvoll und farbenprächtig; dieselben werden eine der schönsten Zierden der neuerbauten Kirche in Arolsen bilden, und nicht nur der dortigen Gemeinde, sondern auch der Kunstanstalt, aus der sie hervorgegangen, zur Ehre gereichen.
Nicht weniger schön sind die Fenster für die Kirche in Bodenrode bei Westhausen, die das Herz Jesu und den hl. Augustinus darstellen und bald vollständig beendet sein werden. Ein kleineres Fenster, täuschende Nachahmung des altdeutschen Stils, welches das heilige Herz mit dem Kinde und zwei Propheten zur Anschauung bringt, hat ganz besonders unsere Aufmerksamkeit auf sich gezogen, da man mit demselben selbst einen genauen Kenner der altdeutschen Glasmalerei hinter das Licht führen könnte; dies Bildchen ist in seiner Art ein wahres Kunstwerk.
Die Firma Heinrich Ely arbeitet auch vielfach für Frankreich. So hatte sie unter andern schon zweiundvierzig Glasfenster für die Kirche von Beaupreau gemalt und abgeliefert. In diesem Moment wird nun ein weiteres Fenster für dieselbe Kirche in Ausführung genommen, welches den selig gesprochenen Kaiser Karl den Großen, begleitet von zwei seiner Paladine, darstellen wird, von denen wir den schon fertig gestellten Entwurf Rolands's gesehen haben, der dem Stifte eines jungen Akademikers, Herrn Fenel, zu verdanken ist, der mit großem Verständnisse sich dem Stile der französischen Glasmalerei angepaßt hat und den muthigsten und kraftvollsten Helden der Sage uns vor Augen führt.
Wenn gleich wir bei fothaner Gelegenheit gern die Aufzählung von Namen unterdrücken, wollen wir doch eine kleine Ausnahme zu Ehren des jugendlichen Herrn Satrupp machen, der einen sehr schönen Arftheil an der Anfertigung der Fenster für die Kirche in Arolsen genommen und sich als tüchtiger Schüler der Gebrüder Ely erweist, denen er seine künstlerische Erziehung verdankt und nun auch treu und fest in der schweren Zeit zu der Familie seiner Lehrmeister hielt und nun so beweist, daß er nicht nur dm Pinsel zu führen versteht, sondern auch das Herz auf dem rechten Flecke hat; überhaupt ist das treue Aushalten des alten Per- fonals der Glasmalerei Ely ein ehrendes Zeugmß nicht nur für die Eigmthümer, sondern auch für das Personal selbst.
Die schon fertig gestellten Arbeiten, welche wir in der Anführung begriffen sehen, sowie die zahlreichen Bestellungen, welche noch vorliegen und sich immer noch vermehren, berechtigen zu der begründeten Hoffnung, daß diese bewährte Kunstgewerbe-Anstalt nicht nur trotz der schweren Schläge, die durch den frühzeitigen Tod ihrer Inhaber sie getroffen hat, weiter fortbestehen, sondern zu immer größerer Blüthe sich entwickeln wird und durch ihre Kunsterzeugnisse auch Kassel noch manche Anerkennung in den weitesten Kreisen verschaffen wird. 0 E v. B.
Das große Koos.
Von M. Leib old.
3 ------ (Nachdruck Derberen)
Dem lauten Abend folgt ein trüber Morgen. Die Knechte batten sich verschlafen und Peter war nicht aufgestanden; da gab es Zank und Streit zum Beginne. Noch lagen Wolken auf Peters Stirne, als er sich zum Nachdenken im Sorgenstuhle zurücksetzte. Besitz macht Sorgen, so gut wie Borgen! Er runzelte die Stirne, warf die Haare zurück, verschränkte die Arme, sprang wieder auf, jagte die Kinder aus der Stube, fluchte über den Gassenlärm, kurz, man sah es ihm an, daß er ein schweres Stück Arbeit zu besorgen hatte.
Grethe hatte bereits ihren Plan. Sie trat zu
Peter und redete ihm zu, ein Haus zu kaufen. Unter eigenem Dache wollte sie schlasen, selbst eine Besitzerin sein wie die Frau Rath, und wie diese Bequemlichkeit, Licht und Platz haben. Wie Mücken ließ sie ihre Worte um Peter herumschwirren. Sie wußte auch ein Haus; draußen in der Vorstadt lag es, und ein Kutscher hatte es auch schon besessen und war ein reicher Mann darauf geworden, denn die Universität war ganz in der Nähe, und die Herren Studenten, das weiß man ja, streuen das Geld mit vollen Händen aus und verlassen sich lieber auf vier Füße, als auf die eigenen beiden.
So redete sie weiter, bis Peter den Hut ergriff und davon rannte. Zum Mittagessen kam er wieder, der Kauf war abgeschlossen. Das Geld reichte aus bis auf einen Th eil, der auf dem Hause ruhen konnte, und blieb noch ein Erkleckliches über, um weitere Pferde und Wagen einzustellen. Grethe und Peter schwammen im Glück und erstere hatte keine Ruhe, bis sie selbst zu Frau Anna eilen und Wohnung und Stall kündigen durfte.
Ihr bestes Kleid legte sie dazu an, kaufte sich noch rasch einen Hut mit einer großen, weißen Feder, die gravitätisch nickte, wenn sie den Kopf bewegte, und zwängte die Hände in Glacehandjchuhe. So schritt sie, hoch aufgerichtet, über den Hof und wehrte die Kinder ab, welche sich an sie hängen wollten.
Droben, als ihr Frau Anna so freundlich die Hand entgegenstreckte und sich mitfreute, schwand ein wenig Grethe's Würde. Aber die gute Frau Rath hatte zuvor mit Else selbst gespielt, weil Mariechen heute sich nicht sehen ließ, und die kleine, ungeschickte Dirn« hatte ihr, eben als es klingelte, einen großen Flecken auf das Kleid gemacht. Diesen rasch zu verbergen, hatte sie ein Spitzenfichu übergeworfen. Dieser Pracht hielt Grethe's Neid nicht Stand. Mit einem scheelen Blicke kündigte sie kurz und schnippisch die Wohnung und erhob sich schnell. Frau Anna war ein wenig betroffen, fand es aber dann auch angemessen, dieser hochmüthigen Kutschersfrau gegenüber ihre Stellung zu betonen. Mit einem leichten Kopf- neigen entließ sie kühl ihre Besucherin. Feuerroth langte Grethe unten an.
Abends beklagte sich Frau Anna bei ihrem Manne über Grethe. Der Rath • lachte feine Frau ein wenig aus, und nicht lange währte es, so überschlich sie selbst eine kleine Scham. Am nächsten Morgen ließ sie Mariechen in aller Frühe heraufholen und beschenkte sie und die Buben; damit war bei ihr jeder Aerger getilgt. Anders bei Grethe. Peter hörte ihr nicht zu, und auch die Großmutter ging aus der Stube, als sie in breiter Rede ihre Klagen über Frau Anna aus- strömen wollte. Das schloß ihr zwar den Mund, änderte aber nicht ihren Sinn. Die Flammen des Neides loderten grimmig in ihr, nur gebändigt durch die Arbeit des Umzuges. Man fing bald damit an, und endlich kam der Tag, an welchem Mariechen zum letzten Male bei Else erschien. Sie lachte über das ganze Gesichtchen und freute sich mit den Brüdern auf das neue Haus. Heute holte die Großmutter sie ab und bedankte sich bei Frau Anna in wohlgesetzter Rede für alle Freundlichkeit. Am Schluffe brach ihr die Stimme und weinend küßte sie die Hand der Dame. Der standen auch die Augen voll Thränen, und es war ihr, als ziehe ein Stück Poesie und Segens mit der Alten aus dem Hause. Sie versicherte sie des besten Andenkens und fernerer Theilnahme.
Unten in der leeren, düsteren Stube rief die Großmutter die Familie zu sich Sie kniete nieder und dankte mit zitternder Stimme dem lieben Gott für die Wohlthaten, welche er ihnen gespendet hatte. Peter bog das Knie ein wenig; auch ihm war gar weich und schwer um's Herz. Aber Grethe sah nur hinaus in's kommende Glück, in die lachende, reiche Zukunft. Verächtlich ließ sie ihre Blicke umherschweifen: „Düstere Zimmer, düsteres Leben, ade!" u nrmelte sie vor sich hin. Sie trieb zur Eile. Die Großmutter mußte schließen, der Vater spannte seinen Galawagen ein und in Pracht und Freude fuhren sie dem neuen Heim zu!
Das erworbene Haus war geräumig und bequem. Ein paar schöne Pferde wieherten mehr im Stalle und ein Landauer und Gefellschaftswagen vervollständigten das Inventar. Nun, Glück, fluthe herein!
Grethe hatte Recht gehabt. Die Universität und