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Dienstag, den 9. November 1897
21. Jahrgang
FuldllkrWZeilung
mit Untrrhaltnngs-Kettage „Sterne und KLumen".
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x* Katholiken, sammelt euch!
Ob die Nationalliberalen wirklich im preußischen Abgeordnetenhause ihren Antrag einbringen werden auf Beseitigung der preußischen Gesandtschaft beim Vatikan, läßt sich fürs Erste nicht beurtheilen. Und in der That kann ja darüber erst dann Entscheidung getroffen werden, wenn die nationalliberale Fraktion des Abgeordnetenhauses beisammen sein wird. Und dies kann erst bei der Eröffnung der neuen Tagung des Abgeordnetenhauses geschehen. Uns eilt es gar nicht damit, das zu erfahren; aber innerhalb der Nation alliberalen Partei wird die Angelegenheit fortgesetzt besprochen. Dies beweist von Neuem eine Auslassung der National- liberalen Korrespondenz", des nationalliberalen Parteiorgans, die sich neuerdings mit diesem Thema beschäftigt und eine Berechnung darüber anstellt, wie viel diese Gesandtschaft jährlich kostet. Die,Nationalliberale Korrespondenz" berechnet diese Kosten aus dem Etat für 1897/98 heraus auf jährlich etwa 100,000 Mark, und knüpft daran die ein wenig läppische Bemerkung, daß von dieser Summe „nach der Paritätsberechnung des Herrn Dr. Bachem etwa 70,000 Mark auf die Evangelischen Preußens entfallen würden". Die Zahl 100,000 Mark soll wahrscheinlich dem Zeitungsleser von der Sorte, wie sie niemals alle werden, einen mächtigen Eindruck machen. Aber thatsächlich ist ja der Betrag im Vergleich zu den Kosten anderer diplomatischer Vertretungen recht gering, und das gesammte Personal der Gesandtschaft beim Vatikan besteht aus dem Gesandten, einem Legationssekretär und einem Legationskanzlisten. Aber im Interesse des beabsichtigten Eindrucks unterläßt die /Nationalliberale Korrespondenz" solche Vergleiche.
Daß die Regierung geneigt sein sollte, auf den Antrag einzugehen, wenn die Nationalliberalen ihn stellen sollten, kann man vor der Hand nicht annehmen; aber daß von allen Seiten her daran gearbeitet wird, die leitenden Kreise gegen die Katholiken „scharf zu machen", wird nun nirgends mehr bezweifelt.
Die Abgeordneten Dr. Lieber und Dr. Porsch haben, jener in Aachen und dieser in Breslau, in Reden vor Centrumsversammlungen nunmehr dieser Anschauung ebenfalls lebhaften Ausdruck verliehen. Namentlich Herr Dr. Lieber hat das am letzten Mittwoch in Aachen in der Generalversammlung des katholischen Bürger- und Wahlvereins „Constantia" klar ausgesprochen. Die Spektakel-Komödie, die — so führte Herr Dr. Lieber nach dem .Aachener Volkssreund" aus — die Mannen des Evangelischen Bundes wieder einmal aufführen, ist ganz darnach angelegt und darauf berechnet, Stimmung an maßgebenden Stellen gegen die Katholiken und ihre Sache zu machen, insbesondere auch gegen die Jesuiten und gegen den hl. Vater, dessen Encyklika über die Canisiusfeier so dargestellt und mißdeutet wird, als sollte damit eine Kriegserklärung gegen den Protestantismus und die Bekämpfung des protestantischen Hauses der Hohenzollern in Szene gesetzt werden.
Diese Stimmungsmache scheint bis zu einem ge- wiffen Grade schon geglückt zu sein. Denn im Laufe dieses Sommers hatte sich bei einem großen Theil der Kreise des Bundesrathes augenscheinlich Neigung dazu herausgebildet, dem Beschlüsse des Reichstages beizutreten, der die Aufhebung des § 2 des Aus- vaHrnegesctzes gegen die Jesuiten wünscht. Aber neuerdings ist davon keine Rede mehr. Wie Herr Dr. Lieber bei derselben Gelegenheit mittheilte, besteht zur Zeit wenig und keine Hoffnung mehr darauf, daß der Bundesrath dem nun schon dreimal gefaßten Beschluffe des Reichstages beitritt. Diese Auffassung gewann Herr Dr. Lieber aus seinem jüngsten Besuche beim Reichskanzler, FürstenHohen- lohe, und somit ist kein Zweifel mehr daran zu hegen, daß es so ist.
Das Centrum wird den Antrag, das Ausnahmegesetz gegen die Jesuiten aufzuheben, auch in
der n ä ch st e n Sitzungsperiode des Reichstages wiederholen. Aller Voraussicht nach wird der Antrag zum vierten Male vom Reichstag angenommen werden. Aber vielleicht benützen die Kulturkämpfer schon diese Gelegenheit zu einer neuen Spektakel-Komödie gegen die katholische Kirche und katholische Einrichtungen, getreu dem neuen System, scharf zu machen gegen „Rom".
Mit oder ohne Scharfmacherei und Spektakel- Komödien gestaltet sich die politische Lage der Centrumspartei fortgesetzt ernster und schwieriger. Der Kulturkämpfer auf der einen, und die Kämpfer für die Politik einseitiger Geldinteressen auf der anderen Seite sind unablässig am Werke, die Grundlagen zu unterhöhlen, auf denen der feste Thurm des Centrums steht. Jene treiben den Kampf laut und lärmend. Diese suchen ihr Ziel auf anderem Wege zu erreichen: schöne Worte und absichtlich zur Schau getragene freundliche Mienen sollen schlimme Thaten und feindliche Gedanken verbergen. Darum sind diese letzteren auch die gefährlicheren Feinde und mehr als je gilt es jetzt für alle Katholiken, die es treu meinen mit der katholischen Sache und fest halten wollen zu der Fahne des starken Christenthums, einig und zielbewußt um diese Fahne sich zu scharen und mannhaften, unüberwindlichen Widerstand allen Versuchungen entgegenzusetzen, die darauf berechnet sind, sie abseits zu locken durch Versprechungen, die schön klingen, aber unerfüllbar sind.
Feinde ringsum! Dies Wort gilt jetzt mehr als je den deutschen Katholiken, bedroht heftiger als seit langer Zeit die deutsche Centrumspartei. Darum kann nicht oft genug der Ruf ergehen: Katholiken aller deutschen Länder, vereinigt euch zu starkemBunde unter dem siegreich en Banner der Centrumspartei. Denn diese ist die festeste Stütze der katholischen Kirche in Deutschland. Nehmt sie ihr, und bald wird sie wieder völlig so ohnmächtig sein, wie vor 50 Jahren. Die Zeit der Wahlen rückt heran. Darum bei Zeiten alle Mann auf Deck, bereit zum Kampf für Glaub en und Ideale!
Deutsches Deich.
Berlin, 8. November.
* Der Kaiser hat sich Sonntag Abend von Potsdam nach Schlesien begeben und ist Montag früh 8 Uhr in Hirschberg am Riesengebirge eingetroffen. Dort ist er von dem Oberpräsidenten der Provinz, dem Fürsten von Hatzfeldt, am Bahnhofe empfangen worden. Vom Bahnhofe aus wurden unmittelbar die bereit stehenden Extraposten bestiegen, um'in das Ueberschwemmungsgebret zu fahren.
* Kontreadmiral Tirpitz, Staatssekretär des Reichsmarineamts, ist von München aus nach Darmstadt gereist und dort am letzten Sonntag auch vom Großherzog von Hessen empfangen worden. Nachher erhielt dort Admiral Tirpitz den Besuch des Prinzen Heinrich, der in Gemeinschaft mit Admiral Tirpitz die Pläne und Modelle besichtigte, die die Firma Göhlig und Leuchs über einen neuen, von ihr angefertigten Schiffs kessel zur Ansicht vorgelegt hatte. Es sollen demnächst praktische Versuche mit einem solchen Keffel angestellt werden.
* Einer Zeitungsmeldung zufolge soll nunmehr die Ernennung des früheren Staatsministers von Aötticher zum Oberpräsidenten von Sachsen vollzogen sein. Die amtliche Bekanntmachung der Ernennung soll unmittelbar bevorstehen. Bereits vor längerer Zeit wurde diese Ernennung als bevorstehend angekündigt; aber von offiziöser Seite wurde dieser Ankündigung die Behauptung entgegengesetzt, es läge kein Grund dafür vor, diese Ernennung zu erwarten.
* In Görlitz ist der General der Infanterie z. D. von Werder im 64. Lebensjahre infolge eines Herzschlages gestorben. General von Werder war zuletzt kommandirender General des ersten Armeekorps. Er wird im Erbbegräbniß der Familie zu Gütergotz bei Potsdam beerdigt.
* Die Verhandlung gegen den früheren Reichskommissar Dr. Meters wird am 15. ds. Mts. vor dem Kaiser!. Disziplinargerichtshof für die Schutzgebiete in Berlin stattfinden. Dr. Peters hat zu
seiner Vertheidigung einen Berliner uud einen Hamburger Rechtsanwalt angenommen. Von dem letzteren wird berichtet, daß er „als ein besonderer Kenner der klimatischen Verhältnisse gilt" — also nach wie vor der thörichte Versuch, glauben zu machen, daß das Tropenklima unwiderstehlich zu Rohheiten und Ausschweifungen hinleite. Warum sehen wir derlei Abscheulichkeiten nicht bei unseren Ordenspriestern und Ordensbrüdern, die unter demselben Tropenklima dem Dienste der christlichen Mission sich widmen?
* Auch von halbamtlicher Seite ist die Meldung bestätigt worden, daß der Iieichstag seine Sitzungen am 3 0. ds. Mts. wieder aufnehmen soll. Nicht nur die Vorlage über die Reform des militärischen Strafprozesses, sondern auch die Flottenvorlage soll dem Reichstage unmittelbar bei seinem Zusammentritte vorgelegt werden. Zur Ergänzung der voraufgegangenen Meldungen erfahren jetzt noch die Mecklenburger Nachrichten", daß der Großherzog von Baden als Militärinspekteur in der Frage des militärischen Strafprozesses eine Denkschrift an den Kaiser gerichtet hatte, und daß dadurch ein Umschwung in den Anschauungen an maßgebender Stelle erzielt worden sei. Neuerdings wird bestätigt, daß der B u n d e s r a t h in seiner letzten Sitzung nm 4. d. M. den Entwurf der Militär-Strafprozeß-Ordnung end- giltig angenommen hat. Man kann nicht recht einsehen, warum der amtliche Bericht über diese Sitzung diesen Umstand vollkommen verschwiegen hat. Die ,Deutsche Tageszeitung" bemerkt: „Es macht doch eigentlich einen recht seltsamen Eindruck, wenn das Volk über Gesetze, die seine Vertreter in wenigen Wochen beschäftigen sollen, geflissentlich im Unklaren gelassen wird."
h Der saubere „KokoniakHekd" Schroeder, ehedem Leiter der Plantage Buschirihof im Bezirke Pangani, ist unter Bedeckung von zwei Feldwebeln der Schutztruppe mit dem Dampfer „Bundesrath" nach Hamburg gebracht und von dort nach Berlin überführt worden. Schroeder ist, wie bekannt, in 2. Instanz zu 5 Jahren Gefängniß verurtheilt worden, nachdem das Urtheil in 1. Instanz auf 15 Jahre Zuchthaus gelautet hatte. Inzwischen betreibt Schroeder ein Wiederaufnahmeverfahren, wodurch seine Ueberführung nach Europa verzögert worden ist.
* Zur Aufhebung der Dienstattersüufen will die preußische Unterrichtsverwaltung anscheinend die Hand bieten. Die ,Berl. Wissensch. Korr." schreibt: Gegen das Prinzip der jetzigen Dienstalterszulagen haben sich, wie bekannt, stets namhafte Stimmen der verschiedensten Berufskreise ausgesprochen, und sicher nicht mit Unrecht. Denn genau genommen ist dieses System, welches jeden Betheiligten rein nach der Schablone in seinen Gehaltsbezügen, ohne jede Rücksicht auf seine Leistungen, steigen läßt, nichts weiter, als eine Prämiirungd er Mindern, er thigkeit. Was hat denn der fleißige und begabte Beamte vor dem unfähigen voraus? Höchstens, daß er die unsichere und ungewisse Hoffnung hegen darf, wenn ihm das Glück hold ist, einmal Direktor oder dergleichen zu werden. Sonst erwartet ihn kein besseres Gehalt, kein günstigeres Avancement. Auch der Untüchtigste erreicht im Laufe der Zeit, sobald er seine Anstellung in der Tasche hat, ebenso unwandelbar sicher das Höchstgehalt, wie derjenige, der sich in Pflichtgefühl und Berufsthätigkeit aufreibt. Wie sehr unter solchen Verhältnissen Freudigkeit und Eifer leiden müssen, leuchtet ohne Weiteres ein. Es ist sicher von großem, allgemeinem Interesse, zu erfahren, daß diese Erwägungen auch in maßgebenden Kreisen immer mehr die Oberhand gewinnen. Man verschließt sich auch in diesen Kreisen nicht mehr der Einsicht, daß das System der Dienstaltersstufen auf falscher Grundlage beruht und zu unhaltbaren Konsequenzen führt. Es hat daher auch das Gerücht, welches in unterrichteten Kreisen geht, daß die Unterrichtsverwaltung geneigt sein soll, zu einer Remedur dieser Einrichtung die Hand zu bieten, viel Wahrscheinlichkeit für sich. Namentlich aus den hierbei hauptsächlich interessirten Lehrerkreisen sind die Anregungen um Aufhebung des jetzigen Systems der Dienstaltersstufen immer dringender geworden. Gerade von unserer Unterrichtsverwaltung wird am wenigsten verkannt, daß es im Interesse des Dienstes unbedingtes Erforderniß ist, dafür zu sorgen, daß jeder Lehrer mit Freudigkeit voll und