M 256 Montag, den 8. November 1897 21. Jahrgang
FiildakrWZeitilng
• mit Unterhaltungs-Beilage „Sterne und KLurnen".
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Zweites fliutt ________
Die Seejungfrau.
(Eine amerikanische Geschichte.)
■ „Was ich brauche", sagte der Besitzer eines amerikanischen Museums eines Tages zu dem Schreiber dieser Zeilen, indem er mehr als sonst gedankenvoll aussah, „das ist irgend eine niederschmetternde, neue Attraktion. Diese althergebrachte Art, jedes Jahr dasselbe Museum zu zeigen, mit demselben^Riesen und Zwerg, derselben schwersten Dame und dergleichen, ist eines unternehmenden Christenmenschen nicht würdig."
„Ich dächte, Sie hätten häufig genug neues Anziehendes geboten," entgegnete ich.
„Das habe ich allerdings," lautete die Antwort, „aber es hat nicht den richtigen Erfolg gehabt. Ich habe Ihnen verschiedenes darüber erzählt, und Sie konnten sich selbst das Urtheil bilden, daß alle diese Unternehmungen eigentlich fehl geschlagen haben. Man muß ehrlich gegen 'das Publikum sein, wenn man sich einen Erfolg versprechen will. Wenn ich sage ehrlich, so meine ich damit eine vernünftige Art von Ehrlichkeit. Sie muß mit ein wenig Schlauheit gepaart sein, um das Richtige zu treffen."
„Eine der besten Sachen, welche ich als Attraktion eingeführt habe," fuhr der Museenbesitzer nach einer Pause, in welcher er den Rauch seiner Cigarre von sich blies, fort, „war die Marquesas - Seejungfrau. Sie hat mir während der sechs Wochen, als ich sie zeigte. Tag und Nacht volle Häuser gemacht. Ein Fremder brachte sie zu mir. Ich kannte ihn bloß dem Renommee nach, und dieses Renommee war schlecht genug. Ich hatte damals ein Museum in New-Iork, und da gerade zu jener Zeit die Präsidentenwahl war, kümmerten sich die Leute leider mehr um Politik, als um alle Mißgeburten und Monstrositäten der Welt, sodaß es mir ziemlich schlecht ging. Eines Tages nun kommt dieser Agent zu mir und sagte: „Kolonel, wenn Sie eine Attraktion brauchen, welche alle Konkurrenz vernichtet, eingeschlossen die italienische Oper und die Frauen-Mäßigkeitsgesellschaft, ich kann Ihnen eine solche schaffen."
„Was haben Sie?" fragte ich und fetzte bei: „Nicht daß ich gerade sv nothwendig eine Attraktion brauchte, da ich ohnedies täglich einige Tausend Menschen wegschicken muß, welche nicht Einlaß finden können; doch das thut nichts, für ein gutes Angebot bin ich immer zu haben, vorausgesetzt, daß es'sich nicht um ein zweiköpfiges Mädchen handelt, denn'es^ist bei mir Prinzip, daß keine meiner Sehenswürdigkeiten mehr als einen Kopf haben darf." Ich muß hier bemerken, daß ich einst durch ein zweiköpfiges Mädchen großen Schaden hatte, und bin nicht willens, dieß ein zweites Mal zu erleben.
„Es ist eine wirkliche Südsee-Meerjungfrau," sagte der Agent, „und von kolossaler Schönheit."
„Damit lassen Sie mich aus," entgegnete ich, „derlei zieht heutzutage ebenso wenig wie eine ausgestopfte Katze."
„Aber," sagte der Mann, „ich meine ja keine jener altmodischen Seejungfrauen, die man aus einem Affen und einem Fischschwanze fabrizirt. Ich sage Ihnen ja, es ist eine wirkliche Seejungfrau, welche singt und schwimmt, ihr Haar kämmt und spricht. Und höchst intelligent ist sie auch. Sie spricht französisch gerade so gut, als Sie oder ich „amerikanisch", aber vor dem Publikum spricht sie natürlich gar nicht. Wenn Sie mir erlauben, .sie herzubringen und Ihnen eine^Privatvorstellung zu geben, so werden Sie einsehen, daß sie etwas ganz Neuartiges im Seejungfraufache ist."
Am nächsten Morgen, da noch niemand im Cirkus war als ich, wurde ein großes Gehäuse auf Rädern herein geschoben. In demselben befand sich ein kolossaler gläserner Bottich und in dem Bottich die Seejungfrau. Es war ein ganz außerordentlich hübsches Mädchen, dessen untere Hälfte in einem Fischschwanze aus Gummi steckte, während die obere Hälfte mit schuppigem Trikot begleitet war. Langes
goldiges Haar wallte offen die Schulter herab. Sie konnte schwimmen und tauchen und einige Zeit unter Wasser bleiben, dann setzte sie sich wieder auf ein in dem Bottich angebrachtes Felsstück, kämmte ihr Haar und sang Lieder ä ia Loreley.
„Was sagen Sie dazu?" fragte mich der Agent, als die Probevorstellung zu Ende und die Seejungfrau in ein Nebengemach gegangen war, um sich zu trocknen und wieder in eine menschliche Hülle zu schlüpfen.
Natürlich sagte ich, daß ich gar nicht viel davon hielte, daß ich aber nichtsdestoweniger geneigt sei, das Mädchen zu engagiren, selbstverständlich aber nur gegen ein festgesetztes Salair. Heber die Höhe desselben entspann sich nun ein lebhaftes Feilschen zwischen mir und dem Agenten, wobei ich bemüht war, mir diese Attraktion, die ich mir nicht entschlüpfen lassen wollte, möglich billig zu stellen, während er das Salair auf einen Betrag hinauftreiben wollte, für welchen wohl selbst die Primadonna der italienischen Oper in meinem Bottich herumgeschwommen wäre. Endlich wurden wir aber doch Handeleins, und nun gingen wir alle Drei zum Diner. Ich muß sagen, daß diese Seejungfrau ein ganz feines Benehmen hatte, abgesehen davon, daß sie etwas mehr Bier und Whisky trank, als Damen sonst zu trinken pflegen, was sie damit rechtfertigte, daß sie ihr Blut in Cirkulation erhalten müsse, um bei ihrem wässerigen Geschäfte gelenkig zu bleiben. Hm es gleich zu sagen, diese Seejungfrau brachte mir den größten Erfolg, den ich während meiner siebenunddreißigjährigen Dienstzeit hatte. Zwei Drittel des Publikums, welches kam, um sie zu sehen, glaubte an den Firlefanz, den sie ihnen vormachte, und das dritte Drittel bewunderte sie wegen ihrer Schönheit und der Eleganz, ii.it der sie ihr Metier betrieb.
Nun gab es aber eine Person, welche die Seejungfrau haßte, und das war das wundervolle Circaffennmdchen. Abgesehen davon, daß die Circassierin durch die Seejungfrau in den Hintergrund gedrängt wurde, machte sie auch die Bemerkung, daß der Riese des Museums, der ihr bisher Aufmerksamkeit gespendet hatte, nun nur noch Augen für die Seejungfrau hatte. Die Circassierin war eigentlich eine Spanierin aus Cuba und ein sehr bösartiges Frauenzimmer; sie verband sich mit dem Zwerge der Truppe, der stets zu allerlei Streichen aufgelegt war, und schmiedete mit ihm einen teuflischen Plan gegen die Rivalin. Das Wasser in dem Bottich mußte stets etwas erwärmt werden, da es die Seejungfrau sonst in demselben, namentlich bei kühlerer Temperatur, nicht so lange ausgehalten hätte. In einem Neben- raume stand ein Ofen, der einen Kessel heizte, aus welchem mäßig erwärmtes Wasser durch ein verborgenes Rohr in den Bottich geleitet wurde, dessen IMerfließen dadurch verhindert wurde, daß das Wassex durch ein anderes Rohr seinen Abzug fand. Die Seejungfrau sah selbst vor jeder Vorstellung nach, ob das Feuer im Ofen, durch welches das Wasser erwärmt, aber nicht überhitzt werden sollte, sich in Ordnung befand.
Eines Abends erklärt der Zwerg, er leide stark an Rheumatismus, daß er nicht auftreten könnte, weßhalb ich ihm den Abend freigab. Was thut er nun? Er versteckt sich in dem Raume, wo sich der Wasserkessel befand, und nachdem das Mädchen nachgesehen hatte, ob Alles in Ordnung sei und sich in ihr Zimmer begeben hatte, um das Wasserkostüm anzulegen, schürte er heftig das Feuer an, schüttete Petroleum auf die Kohlen und füllte den Ofen dann mit Heizmaterial bis zum Rande an. Dann huschte er hinaus und legte sich zu Bette, um glauben zu machen, daß er sein Zimmer gar nicht verlassen habe. Die Seejungfrau aber begab sich in das Wasser, und da ich sie dabei beobachtete, machte ich die Bemerkung, daß etwas wie eine unangenehme Heberraschung sich in ihren Mienen ausdrückte; offenbar fand sie, daß das Waffer zu warm sei, um sich in demselben behaglich fühlen zu können. Nichstdeftoweniger ab- solvirte sie den ersten Theil des Programms ohne Störung, sie kämmte ihr Haar ä la Loreley, fang Lieder in einer unverständlichen Nixensprache und schwamm in dem Bottich umher, wobei sich Kopf und Schultern außerhalb des Wasfers befanden und ihre Miene stets mehr und mehr Verdrossenheit zeigte.
Nun kam der zweite Theil des Programms an die Reihe, in welchem die Seejungfrau ihre Taucherkünste absolviren sollte. Kaum aber war sie graziös zum Boden des Behältnisses hinabgesunken, als sie wieder an die Oberfläche heraufschnellte mit dem verzweifeltsten Gesichtsausdrucke, den ich je an einem Frauenzimmer wahrgenommen habe. Sie stützte sich auf die Brüstung des Schwimmbassins und sah mich mit einem Blicke an, aus dem deutlich zu lesen war, daß sie mir etwas zu sagen hatte. Da aber ein Gespräch zwischen uns das Publikum erfahren hätte, daß die Nixe sich auch in einer menschlichen Sprache auszudrücken in der Lage sei, so hatte ich nur ein Lächeln für sie, das sie ermuthigen sollte, auszuharren; wußte ich ja doch nicht, was eigentlich los war. Der verteufelte Zwerg hatte das Wasser fast auf den Siedepunkt gebracht und es kochte und brodelte nahezu. Die Seejungfrau hatte trotzdem wie eine Heldin ausgehalten, obwohl ihr der Schweiß von der Stirne herabrann. Schließlich blieb ihr aber nichts Anderes übrig, wenn sie nicht verbrüht werden wollte, als daß sie der heißen Fluth zu entrinnen suchte. Sie schwang sich auf den Rand des Wasserbehälters; dadurch erhielt dieser aber das Hebergewicht und kippte mit höllischem Spektakel um, während sein Inhalt sich über das Publikum ergoß. Die Seejungfrau aber klaubte sich mühselig vom Erdboden auf; ihre Fischhaut mar dabei gerissen und ihre Füße drangen durch den Riß. Da sie nun auf ihren eigenen Füßen stand und sah, daß das Spiel verloren sei, glaubte sie auch mit der Sprache nicht länger zurückhalten zu müssen und erklärte in einer mit den derbsten Matrosenflüchen gespickten Rede, daß irgend ein erbärmlicher Schurke sie habe sieden wollen, und daß sie ihm, sobald sie seiner ansichtig würde, die Haut abziehen wolle.
Ich begreife, daß Leute, und besonders Frauen viel sagen, wenn sie erzürnt sind; aber was die Seejungfrau sagte, war wirklich zu viel, als daß es das Publikum aushalten sollte! Sobald es sich von seiner ersten Heberraschung erholt hatte, gewann es die Heberzeugung, daß die ganze Seejungfrauen - Produktion ein Schwindel fei, und es gab dieser Heberzeugung rückhaltlos Ausdruck. Natürlich mußte ich den Leuten ihr Geld zurückgeben, aber dessenungeachtet äußerten sie sich in einer Weise über mich, welcher sehr eutmuthigend für einen Mann fein mußte, dessen Verdienst von dem Vertrauen des Publikums in seine Ehrlichkeit abhängig ist. Ich war gezwungen, in New-York zu schließen, denn ich durfte es nicht wagen, wieder vor das Publikum zu treten. Den Zwerg aber habe ich von seinem Rheumatismus kurirt. Als er wieder einen Anfall hatte und einen Abend frei haben wollte, sagte ich zu ihm: „Ich werde Dich in siedendes Wasser stecken, das ist gut für den Rheumatismus." Seither hat er nie wieder von seinem Leiden gesprochen.
Vermischtes.
* Kiew, 6. Nov. Hier ist das Gerücht verbreitet, daß in der Nähe der Stadt ein Personenzug mit einem Güterzuge zusammengestoßen sei,wobei mehr als 100 Personen umgekommen und eine noch größere Anzahl verletzt worden sein sollen.
* Iür zwanzig Pfennige hundert nützliche Gegenwände. „Jedem, der uns zwanzig Pfennige in Briefmarken einschickt, dem senden wir sofort hundert nützliche Gegenstände", so lautet ein zur Zeit in illustrirten Zeitschriften erscheinendes Inserat einer Berliner Firma. Natürlich findet sich gar Mancher, der die 20 Pfennig einschickt; „es ist ja nicht viel", denkt man! Wer aber etwa glauben sollte, daß die Einsender des kleinen Betrages mit ihrem Geld hereinfielen, der irrt sehr. Sie erhalten alle ganz prompt, wie im Inserat versprochen, „hundert nützliche Gegenstände", aber wohl selten werden sie erwartet haben, was die Sendung hübsch verpackt enthält, nämlich — hundert Stecknadeln!
* Damen mit KpazierstöLen. Man schreibt aus Paris: Frau Mode hat einen neuen Einfall, die Industrie einen neuen Zweig, und zwar einen gedrechselten und polirten Zweig, die Schaufenster eine neue Attraktion und die — Ehemänner eine neue Ausgabe: das schöne Geschlecht hat sich Spa zier stocke zugelegt. In der weißbehandschuhten Hand ein schwarzpolirtes Stöckchen mit einem zierlichen Griff, so macht die Modedame jetzt ihre Einkäufe. Was die Damen gut kleidet, ist immer motivirt, und so findet man auch Gründe für den Spazierstock. Es macht fich eben nett! Wenn die Sonne nicht scheint und es auch nicht regnen will, sind Sonnen- und Regenschirm deplazirt, da ist der Spazierstock das ausgleichende Element. Auf der Geschenkliste des Mannes giebt es jetzt einen Artikel mehr.