24. Jahrgang
Montag, den 8. November 1897.
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mit Untrrhaltungs-Keilagr „Sterne ««o K>«mru"
eines Heeres von Gesindel und Beutejägern durch die nichtswürdigsten Umtriebe die Wahlen. Man lieft ja von Zeit zu Zeit die seltsamsten Dinge über die Manöver, die bei den Wahlen angestellt werden, um für einen Kandidaten Stimmung zu machen.
Man wird fragen, wie es denn zugehe, daß sich die anständigen Bürger die Mißwirthschaft und Beutepolitik gefallen lassen und nicht Ordnung schaffen. Es gibt aber in Amerika nur eine geringe Anzahl von Bürgern, auf welche die Berufung auf ihren Patriotismus und ihre Bürgerpflicht Eindruck macht. Der kleinen gebildeten und nohlhabenden Klaffe tft die Politik vielfach zuwider. Die große Menge steckt viel zu tief in dem Parteitreiben, um sich nicht offen an dem Beutesystem zu bekennen. Politik treiben ohne den Gedanken, daß dem Sieger die Beute gehört, er also die Stellen beseht und das Geld einsteckt, das für die Beschaffung einer Stelle bezahlt wird, ist der Menge ein kaum verständlicher Standpunkt. Politik ist ein Geschäft, bei dem man Geld macht wie bei andern. Alfo empsindet man die Korruption gar nicht als solche, sondern nur das Bestreben, die am Futtertrog befindliche Partei zu verdrängen, um es dann genau so wie diese zu machen. Infolgedessen ist nicht leicht, eine Mehrheit der anständigen Leute zu Stande zu bringen, die ernsthaft dem Unfug zu steuern beabsichtigt. _ , „ ,
Die deutsche Bevölkerung Amerikas gehört zu dem anständigeren Theile. Die 600000 Deutschen New-Zorks waren gegen Tammany Hall, als Besiegte werden sie nun natürlich von den Ae intern ausgeschlossen sein; dafür wird aber wohl die ihnen ungewohnte und unbequeme übertriebene Sonntagsruhe und Temperenzlerei strenger gehandhabt und zu Chikanen gegen sie benutzt werden. Die Deutschen werden überhaupt unter der Polizeiwillkür und Korruption in erster Reihe zu leiden haben.
* Der .Reichsanzeiger' meldet: Seine Majestät der König haben Allergnädigst zu genehmigen geruht, daß der Kommuual-Laudlag des Wegierungs- vezirks Kassel zum 18. November und der Vroviuzial-Kandkag der Provinz Kesse»- zlassar zum 23. November ds. Js. nach der Stadt Kasse berufen werden. . .
X Die Stumm'sche ZLerliuer , die neuerdings auch „nicht mehr mit dem Besten m Frieden leben" kann, alle Welt in gehäsiiger Weise verdächtigt und anrempelt und darum auch, wie be-
8 DieBürgermeisterwahl in New-York.
Eine Bürgermeisterwahl pflegt in der Regel nicht zu den politischen Ereignissen gerechnet zu werden. In Amerika und zumal in New-Uork ist das jedoch etwas anderes. Dort beherrscht, was man m Amerika Politik nennt, auch die Gemeindewahlen, und Politik nennt man meist das Beutemachen auf Kosten der Gesammtheit. Groß-New-Iork ist eine Stadt von 3,1 Millionen Einwohnern, nut einem gut bezahlten Beamtenheer von 30 000 Mann und einem städtischen Einkommen von 300 Millionen Dollars. „Dem Sieger die Beute," heißt es in Amerika, also vertheilt die siegende Partei die Beamtenstellen unter sich, und wenn sie die städtischen Gelder auch nicht gerade vertheilt, so bleibt an den Händen der Parteihäuptlinge doch genug kleben.
Bei der Bürgermeisterwahl in New-Dark siegte am letzten Dienstag der Richter Ban Wyck mit großer Mehrheit über seine Mitbewerber. Sem gefährlichster Gegner war Henry George, ein bekannter Sozialpolitiker, aber dieser starb plötzlich wenige Tage vor der Wahl. Ban Wyck war der Kandidat von Tammany Hall, mit welchem Namen man eine gewissenlose Clique von demokratischen Beutepolitikern bezeichnet. Es ist das sozusagen ein Bezirksverein, der mit seinem Klüngel eine ungemeine Macht hat. Bereits vor einigen Jahren erregte Tammany Hall in der ganzen civilisirten Welt ein nichts weniger als rühmliches Aussehen. Es beherrschte damals auch die Stadt und hatte eine geradezu haarsträubende Korruptionswirthschast ein- qeführt. Die Beamten z. B. staken mit Verbrechern und BesitzernberüchtigterHäuser unter einer Decke, sie ließen sich von diesen bezahlen, und wer regelmäßig seinen Tribut ablieferte, der konnte anstellen was er wollte, — die Polizei sah nichts. Wer irgendwie mit der Polizei zu thun hatte, aber nicht zahlen wollte, weil er ein gutes Gewissen hatte, der wurde so lange drangsalirt, bis er sich Ruhe vor der Polizei durch Geldzahlung erkaufte. Wer etwas bei den städtischen Behörden erreichen wollte, der mußte zahlen, sonst war alles Bemühen vergebens. Städtische Gelder wurden aufs Gewissenloseste vergeudet und flössen in die Tasche der Herren von Tammany Hall. Den anständigen Bürgern wurde die Sache endlich zu arg, sie warfen den Tammany Ring zum Tempel hinaus. Leider aber pflegen in Amerika alle Parteien Beutepolitik zu treiben; es wurde zwar etwas besser, doch nicht so, wie es für unsere Begriffe erträglich wäre.
Jetzt ist der Tammany Ring wieder ganz obenauf. Van Wyck soll persönlich ein verhältnißmäßig anständiger Mann fein; er hat auch dem Vertreter eines Londoner Blattes versichert, die neue Verwaltung werde der Stadt die beste Regierung geben, rbie sie jemals gehabt habe, jedes Amt werde nut fähigen Männern besetzt werden u. s. w. Aber darauf ist nichts zu geben. Van Wyck ist ein unbedeutender Herr und nur eine Puppe in der Hand von Tammany Hall, insbesondere ihres Häuptlings, des Irländers Croker; dieser wird die Stadt durch Van Wyck beherrschen, die Beute vertheilen und sich selbst Nicht vergessen. Kennzeichnend für den neuen .Bürgermeister ist, daß zu seiner Empfehlung von seinen Anhängern in den Zeitungen berichtet wurde, er sei so und so groß und schwer, sehe so und so aus, sei stets reich gekleidet und habe bei einem Gabelfrühstück im Home-Klub alle seine Tischgenossen bepezt, indem er 23 Stück Steaks verzehrte usw. Dieser Wett- effer ist ohne Zweifel der geeignete Bürgermeister für eine Stadt von der Einwohnerzahl, die fast der des
Deutsches Reich.
Berlin, 6. November.
* Dem Duudesralhe sind die Gesetzentwürfe, betr. Aenderuilgen des Gerichtsverfassungsgesetzes und der Strafprozeßordnung (Entschädigung unschuldig Verurtheilter), sowie betreffend Aenderungen der Civilprozeßordnung zuge- gaugen. . .
* Die Einweihung der evangelische» Kirche in Jerusalem, der voraussichtlich die kaiserlichen Majestäten beiwohnen werden, wird aller Wahrscheinlichkeit nach erst am 31. Oktober n. I., am 29. Gedenktage der Grundsteinlegung durch unseren damaligen Kronprinzen, stattfinden. Bis zum nächsten Frühjabre, wo die Feier stattfinden sollte, wird sich schwerlich das neue Pfarrhaus und die Schule fertig« stellen lassen. ,,, _ rs
* Während des Begräbnisses des Generals v. Bülow erhielt der zur Leichenparade gehörige Secondelieutenant Sri«; v. Schönaich Garolaty von einem Neubau aus, nachdem das Kaiserpaar soeben vorbei war und den schräg gegenüberliegenden Kirchhof betreten hatte, einen Steinwurf in den Rücken. Der Offizier hat keinen Schaden erlitten; er meldete den Vorfall sofort, worauf polizeiliche Verhöre auf dem Neubau stattfanden.
* lieber die Kiuöerusuug des Aeichslages werden alle Tage neue Meldungen verbreitet. Heute will die ,Nat.-Ztg.' wissen, er werde auf Ende November, wahrscheinlich auf Dienstag den 30., einberufen werden. Vor Weihnachten werde wahrscheinlich die erste Lesung der Militärstrafprozeßordnung statt-
dem Abg. Dr. Lieber zu reiben wegen dessen Rede in der Generalversammlung des Vereins Constantia in Aachen. Daß die ,Post' von „plumpen Wahl- manövem" und von „schlecht verhaltenem Mißmuthe" über angebliche Mißerfolge Dr. Lieber's in Berlin spricht, veranlaßt uns indessen nicht, die Schmähungen dieses Blattes niedriger zu hängen. Jedermann sucht ja gern andere hinter den Sträuchern, die er selbst mit Vorliebe als Verstecke benützt. Aber daß das Organ des Freiherrn v. Stumm sich nicht entblödet, von neuem die gehässige Verleumdung gegen das Centrum zu schleudern, daß dieses den Antrag auf Aufhebung des Jesuitengesetzes nur als „Parade-Rückzug" verwende, das dessen Träger „selbst nicht mehr in die ernste Schlacht mit- nehmen würden", ist eine allzu starke Herausforderung und eine allzu boshafte Entstellung der Thatsachen, als daß sie nicht mit allem Nachdrucke zurückgewiesen werden müßte. Wenig geistvoll ist die erneute Verdächtigung, daß „dem Centrum im eignen Interesse wenig damit (mit der Aushebung des Jesuitengesetzes) gedient sein würde, könnte es sich dieses,Zugmittels' bei den nächsten Wahlen nicht mehr dienen". Denn schon mehr, als einmal ist den Verleumdern im gleichen Sinne entgegnet worden: wenn die Regierung meint, es sei so, warum hebt sie das schmachvolle Ausnahmegesetz dann also nicht auf? Ja, warum nicht? Aber die ,Post' scheint das alles vergessen zu haben über ihrem blinden Verdächtiguns- ^^IrHr. v. Stumm ist in dem Beleidigungs- Prozesse, den Stöcker gegen ihn angestrengt hatte, vom Schöffengerichte in Neunkirchen freigesprochen worden. Das Gericht hatte ihm den Schutz des § 193 St.-G.-B. zuerkannt; er soll in Wahrnehmung berechtigter Interessen gehandelt haben, weil er ein Gegner der christlich-sozialen Partei ist. Gewöhnlichen Sterblichen begegnet es sonst nicht leicht, daß das Gericht ihnen den Schutz des § 193 zugesteht, bloß weil sie politische Gegner des Klägers sind. Insbesondere Zeitungs-Redakteuren gegenüber waltet nun solche großmüthige Auslegung nicht ob. Soeben ist dem Redakteur eines konservativen Augsburger Blattes, der einen politischen Gegner beleidigt hatte, von dem Schöffengerichte auch der Schutz des § 193 ver sagt worden.
* Nach einer Zusammenstellung des Kultusministeriums sind im Jahre 1896 an Schenkungen und letztwiMge« Zuwendungen vermacht worden: Für evangelische Kirchen und Pfarrgemeinden 1,249,420 Mk., für evangelisch-kirchliche Anstalten, Stiftungen, Gesellschaften und Vereine 2,611,807 Mk., für kathol. - Pfarrgemeinden und Kirchen 2,375,525 Mk., für katholisch-kirchliche Anstalten rc. 1,056,086 Mk., für Universitäten 356,748 Mk, für höhere Lehranstalten 101 900 Mk., für Volksschul-Gemeinden und Elementarschulen 14,500 Mk., für Taubstummen- und Blindenanstalten 26,600 Mk., für Waisenhäuser und andere Wohlthätigkeits-Anstalten 431,037 Mk., sur Kunst- und wissenschaftliche Institute, Anstalten ec. 403,000 Mk., für Heilanstalten 434,100 Mk.
X Mit großer bureaukratischer Umständlichkeit wird die Zulassung russischer und galizischer Arbeiter zur vorübergehenden Beschäftigung m inländischen Betrieben behandelt, säst als wäre Gefahr für den Staat Preußen und für das deutsche Reich im Verzüge, wenn ab und zu Züge von einigen Dutzenden polnischer Arbeiter nach den Gütern in Schlesien, Pofen und Ostpreußen kommen, um dort gemeinsam mit den anderen Arbeitern die Getreide- Ernte einzuheimsen und Kartoffeln und Ruben aus dem Erdreich zu nehmen! Beinahe geheimnißvoll wird diese Angelegenheit von der Regierung behandelt; erst heute erhalten wir Kenntniß von dem Wortlaute des Runderlasses des Ministers des Innern an die Oberpräsidenten der preußischen Provinzen, durch den diese Zulassung verfügt wird, obwohl dieser Erlaß vom 30. September d. I. stammt. Solche Arbeiter dürfen nur in landwirthschaftlichen, nicht auch in industriellen Betrieben beschäftigt, und m der Regel sollen nur einzelne Personen und nur ausnahmsweise ganze Familien zugelassen werden. Regelmäßig sollen die zugelaffenen Arbeiter bis zum 15. November in ihre Heimath zurückkehren, und sie sollen sofort avsgewiesen werden, wenn sie über diesen Zeitpunkt
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Königreichs Sachsen gleichkommt.
Croker ist ein Mann, der früher Wahlagent m>ar und sich durch die Politik ein Vermögen von mehreren Millionen Dollars zusammengerafft hat.
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