253 Donnerstag, den 4. November 1897 24. Jahrgang
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X Die katholische Kirche unserer Zeit und ihre Diener in Wort und Bild<
Schon vielfach wurde es bedauert, daß unsere katholische Literatur bisher kein Werk aufweist, welches die großartige, weltumspannende Organisation unserer Kirche in einer für die weitesten katholischen Kreise berechneten, im Text verläßlichen, dazu korrekt und glänzend illustrirten Darstellung zur Anschauung brächte, daß sonach die Katholiken eines Mittels der Bildung, Erhebung und religiösen Förderung entbehren, dessen Bedeutung sehr hoch zu veranschlagen ist in einer Zeit, die dem Bürger jedes Staatswesens sein Vaterland in Wort und Bild glänzend dargestellt auf dem Familientisch zu sehen verstattet.
Die Leo-Gesellschaft in Wien, welche als Förderin der katholischen Kunst und Wissenschaft bekannt ist, hat sich der dankenswerthen Aufgabe unterzogen, diese seit längerer Zeit schmerzlich empfundene Lücke in der katholischen Literatur auszufüllen, indem sie in Verbindung mit einer Anzahl hervorragender Künstler, Schriftsteller und Würdenträger der katholischen Welt das Werk: „Rom. Das Oberhaupt, die Einrichtung und die Verwaltung der Gesammtkirche" als ersten Theil des Unternehmens: „Die Katholische Kirche unserer Zeit und ihre Diener in Wort und Bild" hrrausgibt.
Schon aus dem uns soeben zugegangenen ersten Hefte geht hervor, daß das Werk vollste Garantie für eine absolut zuverlässige und wahrhaft kirchliche Darstellung, sowie für eine überaus glänzende Ausstattung bietet. Die Herstellung des Textes steht unter der Leitung der als hervorragend tüchtig bekannten Mgr. Baumgarten und de Waal in Rom, welche die besten schriftstellerischen und künstlerischen Kräfte um sich gefchaart und die Unterstützung der maßgebenden kirchlichen Kreise zu gewinnen verstanden haben.
Das Verdienst, welches sich die Leo-Gesellschaft durch die Herausgabe eines solchen Werkes um die ganze katholische Welt erwirbt, hat nicht verfehlt, die Anerkennung des heiligen Vaters zu erwecken, indem derselbe allergnädigst Veranlassung nahm, seinem Hofmaler Cav. Ugolini zu einem für das Werk bestimmten Porträt eine Sitzung zu gewähren. Auch haben, wie wir hören, die höchsten Würdenträger unserer Kirche in eigenhändigen Schreiben auf die Bedeutung dieses Unternehmens aufmerksam gemacht und zum größten Theil bereits selbst subskribirt.
Der Plan dieses Werkes ist, wie wir den Mittheilungen an die Mitglieder der Leogesellschaft - ein Gegenstück zur reichsdeutschen Görres-Gesellschaft — entnehmen, dem heilige n Vater unterbreitet; und nach Ausweis dessen, was geboten werden soll, äußerte sich der hl. Vater sehr erfreut über das Unternehmen und wünschte dem Ganzen Fortschritt und Gedeihen, damit die Größe und Erhabenheit der heiligen Kirche in immer weitere Kreise dringe. Die Druckerlaubniß ist von dem hochwürdigsten Kardinal- Fürstbischof von Breslau für das vorliegende erste Heft ercheilt worden.
Der Zweck des ganzen Prachtwerkes ist, die Schönheit und Herrlichkeit, die Größe und Bedeutung der Kirche auch in unserer Zeit und sür unsere Zeit monumental darzustellen. Durch ausschließliche Verwendung des Besten, was die hochentwickelte Papier- und Druckindustrie und die Jllustrationskunst unserer Zeit zu bieten vermögen, soll das Werk auf das Vorzüglichste ausgestattet werden.
Das Gesammtwerk ist auf drei Bände berechnet. Der erste Band trägt den Titel: „Rom. Das Oberhaupt, die Einrichtung und Verwaltung der Gesammt- kirche", welch letztere sich in Rom konzentrirt. Der zweite Band — ein Spezialband — soll sich mit dem heutigen Leben des Klerus und den Verhält
nissen der katholischen Kirche speziell jener Länder be- ässen, in deren Sprache die betreffende Ausgabe des Werkes erscheint. Dasselbe wird nämlich in mehreren Sprachen zugleich ausgegeben. Die deutsche Ausgabe des Werkes würde also insbesondere die Verhältnisse der Kirche in Deutschland, Oesterreich, der deutschen Schweiz und Luxemburg enthalten. Der dritteBand soll den ersten und zweiten dahin ergänzen, daß er in kürzerer Darstellung die Verhältnisse des Klerus und der Kirche der im zweiten Bande nicht enthaltenen Länder der Welt in kürzerer Darstellung zur Kenntniß und Anschauung bringt.
Auf diese Weise werden wir wirklich ein Ge- sammtbild der Weltkirche erhalten, wie es bisher auch nicht in annähernder Vollständigkeit und Schönheit geboten wurde. Die Redaktion liegt in den Händen erster Gelehrter. Das Redaktionskomitee für den ersten Band besteht aus den Herren: Msgr. Paul Maria Baumgarten, P. Salvatore Brandi, 8. J., Msgr. James A. Campbell, Msgr. Charles Daniel, P. Pie de Langogne, O. Min. Capp. Dr. John Prior, Dechant Ruschek Antal, Msgr. Franz M. Schindler, Msgr. Charles de T'Serc- laes, Msgr. Anton de Waal. Den Redaktionsausschuß bilden die Herren: P. M. Baumgarten, Ch. Daniel A. de Waal. Die Namen dieser Herren, von denen mehrere auch in Deutschland rühmlichst bekannt sind, bürgen für die Korrektheit und Gediegenheit des Werkes.
Die Subskription verpflichtet nur zur Abnahme des ersten Bandes „Rom". Jedes Heft kostet eine Mark, der erste Band ist auf 30 Hefte berechnet. Bei der Vortrefflichkeit des Werkes in Wort und Bild — es liegt uns jetzt das erste Heft desselben vor — kann der Preis als angemessen bezeichnet werden. Die Subskription ermöglicht auch minder wohlhabenden Kreisen die Anschaffung des Werkes, das bereits am österreichischen Kaiserhofe und an mehreren deutschen Höfen, sowie in hohen kirchlichen Kreisen großes Interesse gefunden hat.
Möge das Werk nicht nur ein Denkmal für katholische Wissenschaft und Kunst, sondern auch ein Denkmal für die katholische Kirche werden!
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Gin Gegenüber.
Von $. o. Uridrgg.
4 ------ (Nachdruck verboten.)
Der Theaterabend hat meinen Erwartungen nicht entsprochen. Tante Marianne, die sich überhaupt selten von zu Hause rührt, die vielleicht ein paarmal im Jahre das Theater besucht, erweist sich als eine unbequeme und unpraktische Schutzbefohlene. Erst hat sie Angst, von den Equipagen überfahren zu werden, dann fürchtet sie, ich könne im Theatergebäude irre gehen, hierauf zittert sie für das Schicksal der in der Garderobe abgegebenen Umhüllungen, endlich kann sie mit der Sitzeintheilung nicht fertig werden. Am liebsten möchte sie sich verdoppeln und zugleich rechts und links von Nette sitzen. Nachdem sie meinen vernünftigen Vorschlag zurückgewiesen, Nette zwischen sich und mir sitzen zu lassen (als ob ich mich überhaupt in das Theater bemüht haben würde, um des Glückes willen, neben Tante Marianne den Abend zuzubringen!), greift sie doch darauf zurück, als sie gesehen, daß die Tochter sonst eine andere männliche, durchaus nicht vertrauenerweckende Nachbarschaft erhalten würde. Endlich sitzen wir, und der Genuß des Abends fängt an.
Es ist eine wahre Freude, Nettes ausdrucksvolles Gesichtchen zu beobachten und zu sehen, mit welcher kindlichen Frische sie all die neuen Eindrücke in sich aufnimmt. Sehen und gesehen werden kommt für sie gar nicht in Betracht, sie geht ganz auf im Genusfe des musikalischen Dramas. Achtzehn Jahre alt, streng und einfach erzogen, hat sie nur äußerst selten das Theater besucht, noch nie eine Wagnersche Oper gehört ; begreiflicherweise wirkt ihr diese wie eine Offenbarung des Schönen. Ich erquicke mich wahrhaft an ihrer Empfänglichkeit für das Schöne, an der Frische ihrer Begeisterung, und nehme mir vor, sie öfter ins Theater zu führen und mich an chrer Ursprünglichkeit zu erfreuen. Sie merkt es nicht in ihrer kindlichen Demuth, ich aber sehe, daß bewundernde Blicke sich auf sie heften; ich werde sie schmücken und modisch
kleiden und mich an den Triumphen meiner schönen Frau erfreuen.
Die Möglichkeit, ihr von meiner Liebe zu sprechen, ist mir aber benommen, denn auch in den Zwischenpausen ist Nette ganz unter dem Eindruck des Wagner- schen Kunstwerkes und lebt das Drama noch einmal durch. Für unsereins, das kräftiger Reizmittel bedarf, um es zu einer Erregung zu bringen, liegt etwas Rührendes in der Theilnahme des Kindes an künstlichem Theaterschmerz. Nette hatte die kleinen Fäuste geballt und ist förmlich zusammengezuckt, als Ortrud ihren Verrath vollführte; und als der Schwan kam, den Ritter zu entführen, haben Thränen in ihren Augen geglänzt. Erschüttert verläßt sie das Theater und nimmt keinen Theil an den prosaischen Sorgen, in denen Tante Marianne sich verzehrt. Abermals wird diese von möglichen und unmöglichen Aengsten gequält, wir winden uns mühsam dem Eingänge zu, da taucht Henninger neben uns aus. Er scheint mit den Damen bekannt, denn er begrüßt sie und fragt, ob er ihnen beim Hinausgehen nicht behilflich fein kann? Mit seinen breiten Schultern erweist er sich auch tatsächlich als sehr bequemer Bahnbrecher.
Das ist aber auch das einzige Gute an dem Menschen, der doch überall sein muß, nur nicht zu Hause bei seiner Studierlampe. Nächstens soll er ja seinen Vortrag halten, ist mir heute gesagt worden; wird ein hübscher Vortrag werden aus diese Weise!
„Wir gehen einen Weg, meine Herrschaften," sagte er, draußen aus dem Theaterplatz angekommen. „Darf ich mich den Damen anschließen als etwaiger Beschützer ?"
„Die Damen sind nicht schutzlos," erwidere ich kalt. „Ich habe sie hergebracht und begleite sie heim."
Er thut, als habe er die Worte nicht gehört; zu Tante Marianne gewendet, wiederholt er seine Frage, und sie ist thöricht genug, dieselbe zu bejahen. Der Onkel hat ganz recht mit seinem Tadel: sie hat eine geradezu lächerliche Vorliebe fürs Militär.
Dagegen ist es mir eine freudige Genugthuung, daß Nette sich in meinen Arm hängt und resolut sagt: „Komm, Friedel, wir zwei bilden den Vortrab."
Innerlich srohlockend gehe ich mit ihr voraus, der Lieutenant mit der Tante marschirt mit langem Gesicht hinterher.
Jetzt, wo 9iette so vertraulich an meiner Seite geht, scheint mir der Augenblick gekommen, mit meinem Liebesgeständniß herauszurücken. Noch ganz unter dem Eindruck des Lohengrin hat sie vielleicht zum hundertstenmale: „herrlich! herrlich!" vor sich hin- gemurmelt — da frage ich mit einer Stimme, in welche ich alle Weichheit lege, deren ich nur fähig bin: „Bist Du also mit Deinem Abend zufrieden gewesen, Nettchen?"
„Er war entzückend!" antwortete sie mit lieber« zeugung.
„Dann möchtest Du wohl in der Lage sein, jeden Abend Dir so eine Unterhaltung zu gönnen?"
„Was fällt Dir ein?" widerspricht sie. „Wie ein Mühlrad würde es mir da im Kopfe herumgehen. Nein.... man muß hübsch langsam das Gehörte in sich verarbeiten, muß erst mit dem einen Eindruck fertig fein, ehe man einen neuen in sich aufnimmt."
Das wäre ja die ideale Frau, dies genügsame Geschöpf, das Vergnügen nicht gleich fcheffelweise, wie die Mehrzahl chrer Mitschwestern, sondern nur Tropfen für Tropfen in sich aufnehmen will! Entzückt fahre ich fort:
„Aber ganz nach Deinem Sinn und Ermessen Dir ähnliche Genüsse gönnen zu dürfen, wäre Dir doch erwünscht? . . . gelt? Den Mann, der Dir dazu verhilfe, würdest Du doch lieb haben?"
„Es käme ganz darauf an, wie er wäre." „Wenn es nun . . ."
Sehr zur Unzeit erhebt Tante Marianne ihre Stimme und ruft die Tochter zurück, die angeblich einen zu raschen Schritt eingeschlagen. Das gehorsame Kind macht sich flugs von meinem Arme los und eilt zur Mutter, welche herausgefunden hat, die Straße fei weit genug und zugleich leer, so daß wir alle vier nebeneinander gehen könnten. Zu meinem aufrichtigen Aerger setzen wir in dieser Frontaufstellung unseren Weg fort.
Der Lieutenant richtet immer wieder das Wort