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mit Urrterhaltrmgs-Kettage „Sterne und Kiumen"

Samsrap, den 30. Oktober 1897

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Wochen-Rundschau.

(Nachdruck verboten.)

X Fulda, 30. Oktober.

Drei Jahre gerade sind mit dieser Woche seit dem Tage verflossen, an dem Graf von Caprivi zu allgemeiner Ueberraschung und wohl auch zu seiner eigenen aus dem Amte als Reichskanzler schied und Iürst zu KoHenkoHe-ScHiMrrgsfürst in diese bürdevolle Würde einrückte. Und genau die Hälfte der Zeit, achtzehn Monate, ist ins Land gegangen seit dem Tage, an dem der neue Reichskanzler dem Reichstage das bekannte Versprechen gab, einen Ent­wurf vorzulegen über Reform des militärischen Straf­prozesses. Denn am 26. Oktober 1894 vollzog sich der Kanzlerwechsel, und am 18. Mai 1896 erfolgte die fragliche Erklärung im Reichstage. Damals, am 18. Mai 1897, waren mehrere Mitglieder des Bundesrathes im Reichstage anwesend. Die Erklärung gab Fürst Hohenlohe vom Bundesrathstische aus. Allem Anscheine nach beruhte die Erklärung auf einem vorausgegangenen allgemeinen Einverständnisse des Bundesrathes; und damals sprach Fürst Hohenlohe wörtlich „die bestimmte Erwartung" aus, den Ent­wurf einer neuen Militär-Strafgerichts-Ordnung noch „im Herbste desselben Jahres den gesetzgebenden Körperschaften des Reiches vorlegen zu können". Trotz aller Bestimmtheit des Versprechens haben wir bis heute ganz vergebens gewartet, ebenso vergebens wie auf die ebenso bestimmt in Aussicht gestellte Aufhebung des Verbotes der Verbindung politischer Vereine untereinander. Das Wollen des Fürsten Hohenlohe flößt uns die größte Achtung ein. Aber an dem Vollbringen fehlt es. Und was diese drei Jahre Hohenlohe'scher Kanzlerschaft uns an guten neuen Gesetzen und Einrichtungen gebracht haben, entstammt meistentheils früheren oder sonstwie anderen Anregungen. An Thaten sind diese drei Jahre also nicht reich. Desto reicher sind sie gewesen an Männern, die gingen, und an anderen Männern, die dafür kamen. Im Reiche waren es die Staatssekretäre Freiherr von Marschall, von Bötticher und Hollmann, die gingen; und es waren die Herren von Bülow, von Thielmann und Tirpitz, die dafür kamen. Auch der Leiter der Kolonialabtheilung, Dr. Kayser, mußte gehen und Herrn von Richthofen Platz machen, und an die Spitze des Reichsversicherungs­amtes trat für den scheidenden Dr. Bödiker Herr Gäbel. Nicht anders war es im Schooße derpreußischen Staatsregierung. Es mußten weichen von ihren Plätzen Justizminister von Schelling, Handels­minister von Berlepsch, Kriegsminister Bronsart von Schellendorf, Minister des Innern von Köller. Sie wurden ersetzt durch die Herren Schönstedt, Breseld, von Goßler und von der Recke. Kein Wechsel ist eingetreten in den Herren, die an der Spitze der kaiserlichen Kabinete stehen: des Civil-, Militär- und Marine-Kabinets. | Interessant ist der Umstand, daß man kaum je etwas vernommen hat von Meinungsverschiedenheiten zwischen dem Reichskanzler und den Männern, die gingen. Stets wurde in der Regierungspresse versichert, es bestehe innerhalb der Regierung b;e' größte Einigkeit, und die Männer gingen doch fort aus ihren Aemtern, einer nach dem andern. Ganz augenscheinlich also ist unter dem Fürsten zu Hohenlohe die Bedeutung des Kanzleramtes unter ihren verfassungs­gemäßen Grad herabgesunken, und dies ist ein Umstand, der unser entschiedenes Bedauern wachrust.

Die gegenwärtige Zeit ist arm an innerpolitischen Ereignissen von Bedeutung, so arm wie die Zeit des Hochsommers. Und daher kommt es, daß auch im Verlaufe dieser Woche noch immer die beiden alten Themata von der Umbildung des militärischen Strafprozesses und von der bevorstehenden Flottenvorlage im Vordergründe der politischen Auseinandersetzungen standen. Daß dem Reichstage auch während der bevorstehenden Sitzungsperiode eine

Vorlage über Reform der militärischen Gerichtsbarkeit nicht zugehen wird, ist noch wahrscheinlicher geworden als früher. Und über die Flottenvorlage erfahren wir vorläufig nichts; so hat eine Stelle bestimmt, die über dem Reichs-Marine-Amt steht — zum großen Bedauern dieses Reichsamtes, wie in einem Regierungs- blatte versichert wurde. Wir wissen aber nicht recht, ob das ganz voller Ernst sein sollte, oder ob dahinter nicht etwa ein kleiner Schalk lauerte.

Bei dieser Oede auf den Gefilden der inneren Politik kann es nicht überraschen, daß die Zeitungen ganze Spalten einem Kof-Kreigmfle widmeten und die eingehendsten Betrachrungen darüber anstellten, auf welche Gründe und Einflüsse dieses Hof-Ereigniß wohl zurückzusühren sei. Wir meinen die Thatsache, daß der Kaiser von Rußland, der ja bekanntlich zum Besuche am Hofe von Darmstadt weilt, sich ge­weigert hat, den Besuch des badischen großherzog­lichen Paares zu empfangen. Die Behauptung, die Reisepläne des Zaren würden durch den Empfang dieses Besuches allzu sehr Veränderungen erlitten haben, ist natürlich nur ein leerer Vorwand gewesen, und alle Welt zerbricht sich die Köpfe darüber, was wohl der eigentliche Grund gewesen sein mag. Im allgemeinen räth man auf Familien-Verstimmungen. Und etwas Aehnliches wird wohl auch wirklich vor­liegen. Denn an politische Verstimmungen kann man doch gerade bei diesen beiden Herrschern nicht denken. Am Ende trifft auch hier das kluge alte Wort zu: eherchez la komme — sucht die Frau — näm­lich die, die dahinter steckt! Grund zu irgendwelchen Besorgnissen kann uns der Vorgang nicht sein. Aber es wäre nichts desto weniger zu wünschen, daß derlei Vorkommnisse mehr in dem engem Kreise derjenigen Höfe gehalten werden, die es etwas angeht, anstatt sie vor allerbreitester Oeffentlichkeit zu behandeln, wie dies hier in diesem Falle zuerst in dem Hofberichte der ,Karlsruher Zeitung", des ausgesprochenen badischen Regierungsblattes geschehen ist.

liebet den Zeitpunkt, an dem der Weichslag seine Berathungen wieder aufnehmen wird, herrscht nach wie vor Ungewißheit. Es ist aber nichts ge­ändert worden an der Wahrscheinlichkeit, daß dies etwa im Laufe der letzten Novemberwoche geschehen wird. Für den preußischen Landtag werden angenehme Nachrichten wirthschaftlicher Natur ange­kündigt. Es heißt, die Einnahmen überstiegen so sehr die Ausgaben, daß man entweder einen Fonds für außerordentliche Bedürfnisse zurücklegen, oder aber eine außerordentliche Schuldentilgung vornehmen könne. Wären wir der Landtag, so würden wir ohne Zweifel das Letztere vorziehen; denn die Schulden, die bezahlt sind, sind aus der Welt und können nicht wiederkommen. Mit aufgespeicherten Geldmitteln aber kann am Ende einmal etwas gemacht werden, wovon die Mehrheit des Volkes gar nicht erbaut ist.

Ein sehr wichtiges Ereigniß der abgelau­fenen Woche liegt auf konfession ellem Gebiete. Der hochw. Herr WeiHöischof Dr. K. I. Schmitz von Köln hat in Crefeld, wo er ehedem Oberpfarrer war, eine hochbedeutsame Rede gehalten, die eine un­vergleichlich große Antwort ist aus die unsäglich kleinen und erbärmlichen Hetzereien, die ganz kurze Zeit vor­her in derselben Stadt der Evangelische Bund in einer Generalversammlung geleistet hatte. „Wie wir uns — so sagte u. A. Herr Weihbischof Schmitz — gegen solche Stürme zu verhalten haben, das hat uns der göttliche Heiland selbst in idealer, ja in gött­licher Weise nahegelegt, indem er von der großen Geduld sprach, die wir im Kampfe gegen widrige Elemente besitzen müssen. Und er hat es uns weiter verkündet durch den Mund des Apostels Paulus, der da gesagt hat: „Wirwerden gelästert, wir aber segnen! man flucht uns, und wir beten!" Das allein ist evangelisch, und gar nichts Anderes!" Die gesammte deutsche Presse hat sich mit dieser hochbedeutsamen, herrlichen Rede des Herrn Weihbischoss beschäftigt, und mehrere protestantisch­konservative Blätter, wie z. B. ,Kreuz-Zeitung" und ,Schlesische Zeitung", haben den ganzen Wortlaut der Rede abgedruckt, ohne eine einzige Bemerkung dazu zu machen. Daß es auch an hämischen Bemerkungen nicht gefehlt hat, liegt auf der Hand. Aber der Ge- sammteindruck war ohne allen Zweifel der: die Rede des Herrn Dr. Schmitz hat eingeschlagen und gezündet

an allen Orten. Aber die verstreuten hämischen Be­merkungen in der nationalliberalen und verwandten Presse nahmen sich dagegen aus wie das gewisse kleine Thier, wenn es den Mond anbellt. Die pro­testantischen Kundgebungen gegen die Cani- sius-Encyklika des hl. Vaters nahmen dabei ihren Fortgang. In der letzten Woche sind Württemberg und die Rheinpfalz hinzugekommen, und ein großes protestantisch-konservatives Blatt sagt, wir Katholiken sollten nun endlich einmal begreifen, daß die Pro­testanten sich derlei, wie in dieser Canisius-Encyklika steht, nicht mehr gefallen lassen."' Sogar eine Centrums- Korrespondenz meinte dieser Tage, wenn es nun schon nicht anders wäre, sollten wir Katholiken um des lieben Friedens willen auch den Protestanten ihren Luther unberührt lassen. Nun, da sind wir doch anderer Ansicht. In der Canisius-Encyklika sind einige geschichtliche Wahrheiten zusammengestellt, nichts weiter; Wahrheiten, die längst auch von protestantischen Geschichtsforschern anerkannt sind. Und die Fest­stellung solcher Wahrheiten muß der Pro­testantismus unbedingt vertragen lernen. Wollten wir „um des lieben Friedens willen" Wahr­heiten der Geschichte unterdrücken und entstellen, dann würden wir mit unserer katholischen Kirche in Deutsch­land bald wieder so weit sein, wie vor 50 Jahren, nämlich nichts mehr bedeuten!

Auf dem Gebiete der ansmärtige« Politik ist aus der vergangenen Woche wenig Interessantes zu verzeichnen. In Seröien hat es wieder einmal einen Kabinetswechsel gegeben. An die Stelle des Ministeriums des Herrn Simitsch ist ein Ministerium Georgiewitsch getreten, und zwar hat sich dieser Wechsel ganz augenscheinlich unter dem besonderen Einflüsse des Herrn Exkönigs Milan vollzogen. Herr Georgiewitsch ist nämlich niemand anders, als der ehemalige Leibarzt des „Helden Milan". Ob der Herr Leibarzt das kranke Serbien gut kuriren wird, müssen wir abwarten. Aller Wahrscheinlichkeit liegt für uns das Hauptinteresse bei diesem Ministerwechsel darin, daß die serbische Politik von nun an wieder mehr dem Westen sich anbequemen wird, als dem Norden. Herr Simitsch nämlich mit seinem Kabinete aus radikalen Parteimännern hatte bei allen seinen Maßnahmen nur den einen Gedanken: was wohl Väterchen Zar dazu sagen wird! Und von Herrn Georgiewitsch dürfen wir hoffen, daß er wieder ein wenig mehr an Oesterreich denken wird. Uns kann das im allgemeinen Interesse einer besseren Balkan­politik nur recht sein.

Die erneuten Verhandlungen über die In sek Enka haben noch keine Klärung gebracht; das aber wissen wir heute noch sicherer als vor drei und vier Wochen, daß auch Herr Sagasta nicht das Allheilmittel für die cubanische Krankheit mitgebracht hat, an der das bedauernswerthe Land Spanien so schwer leidet. Wohl aber bekunden die Deremigle« Staate« von Nordamerika fortgesetzt ein so äußerst lebhaftes Interesse an allem, was Cuba angeht, daß Herr Sagasta alle Hände voll zu thun hat, um sich dieses allzu aufrichtigen Jnteresfes zu erwehren. Die auf­ständischen Cubaner stehen unter nordamerikanischen Einflüssen und handeln nach Uankee-Rezepten. Und schon deswegen wird es mit den kubanischen Wirren so bald noch kein Ende nehmen.

Vermischtes.

* Ki« schreckliches Anglück trug sich unter eigen« thümlichen Umständen an der Küste der Bretagne zu. In dem malerischen Orte Bizeux fand eine kirchliche Feier statt. Unter ungeheuerem Zulauf ans der Umgegend weihte der Prälat Collet eine Muttergottesstatue ein, die hoch auf einem weit ins Meer ragenden Felsen errichtet ist. Hunderte von Barken und Booten, über die Toppen bunt beflaggt, kreuzten die blauen Fluthen, die Höhen von Corbieres waren von einer frohen Menge bedeckt Feierlich vollzog sich die Ein­weihung unter den Klängen der Kirchenmusik, und weithin über die Wogen tönte der fromme Gesang. Da — ein tausendstimmiger Entsetzensschrei! Die Vergnügungsyacht „Lorraine" war umgeschlagen. Der Besitzer Major Boucher, feine Frau, drei Kinder, die Magd und zwei Matrosen kämpften in den Fluthen. Obwohl Hilfe sofort zur Stelle war, versanken Frau Boucher, ihre zwei Kinder und ein Matrose vor den Augen der schreckensstarren Menge. Den Freudenklängen folgte das De profan dis, das Gebet für die Todten, und der letzte Segen galt den Opfern des Meeres.

Der Dampfer „Illinois" der „Red Star Linie" in Ant­werpen ist laut Telegramm am 26. Oktober wohlbehalten in Philadelphia angekommen.