mit Uuterhattnngs-Kettagr „Sterne »ns Klumen".
24. JahrgllN«
iildaer
Samstag, den 30. Oktober 1897.
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Drittes Klatt.
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Allerheiligen.
Wohl magst du, Herz, in dieser Zeit Nach Kraft und Trost verlangen. Da in dem Kampf die Stärksten auch Beschleicht ein zages Bangen.
Dann schau empor zum Himmelszelt 8um Herrn und seinen Heeren, nd immer wird dich neuer Muth
Mit neuer Kraft bewehren.
Wo gibt es einen grimmen Feind, Den nicht auch ste bezwangen. Die Heiligen, die nun im Schmuck Der Siegespalme prangen?
Wo lodert eine Leidenschaft, Der sie nicht wurden Sieger? Gleich ist ja stets der große Streit, Es wechseln nur die Krieger.
Der alten Fahne folgen wir, Die neu mit Ruhm sich kränzte, Dem Kreuze, das den Märtyrern Voran im Kampfe glänzte.
Das Vorbild dieser Siegerschaar Soll unfern Kampfsmulh wecken. Dann wird uns nicht der Feinde Wuth, Ihr Drohen nicht erschrecken.
Ihr aber, die der Herr erwählt. Schaut auch auf uns hernieder. Und betet, daß in dieser Noth Gott stärke eure Brüder. E. Kley.
»k* Getrennt und doch vereint.
(Zu Allerheiligen und Allerseelen.)
Die Bitterkeit der Stunden, in welchen es gilt, von einer lieben Seele für diese Welt Abschied zu nehmen, bleibt Keinem von uns erspart, und dieser Trennungsschmerz, gleich hart für den Scheidende», wie für den Zurückbleibenden, trifft uns alle, ohne Unterschied von Reich und Arm, Hoch und Niedrig, Gläubig und Ungläubig. Ja; auch gläubig und ungläubig ! Und doch waltet hier, aber auch nur hier ein gewaltiger Unterschied ob: Während der Tod für den Ungläubigen ein Abschiednehmen für immer bedeutet, ist er dem Gläubigen nur ein Abschied für diese kleine Welt, ein Auseinandergehen für kurze Zeit; „noch am Grabe pflanzt er die Hoffnung auf", die Hoffnung auf ein Wiedersehen im Angesichte Gottes, und die scheidende Seele darf, wenn sie r e u- müthig die schwere Bilanz ihres Erdenwallens gezogen, und durch die Heilmittel der Kirche sich für den Weg in die Ewigkeit gestärkt hat, im Vertrauen aus Gottes Barmherzigkeit ebenfalls hoffen, ihre zurückbleibenden Lieben dereinst in einem besseren Jenseits wiederzusehen.
Gewiß auch für den Christen gilt das Wort: „Viele sind berufen, aber wenige nur auserwählt", und der Tod bleibt daher auch für ihn allemal eine tiefernste Frage, die sich ein Jeder nicht oft genug zur Erwägung und unerbittlichen Sclbstprüfung vorlegen kann, aber er weiß auch, daß er bei steter Uebung dieser Selbstprüfung und bei rechtem Gebrauche der ihm von Gott durch seine heilige Kirche dargebotenen Gnadenmittel hoffen darf, dereinst die Krone des ewigen Lebens zu empfangen. Anders der Skeptiker, der Zweifeler, und der Atheist, der Leugner Gottes und der Unsterblichkeit der Seele: lchaut entweder in einen dunklen, unergründlichen Abgrund, vor dessen Geheimnissen er erschrickt, oder m die gähnende Leere eines grauenvollen Nichts, und Diejenigen, welche er auf Erden zurückläßt, haben ferner keine Gemeinschaft mehr mit ihm, er wird zum erblassenden Schalten in ihrer Erinnerung, und ist, ist nur eine schaurige Beute der Würmer oder ein Häuflein Asche.
Der Christ aber bleibt in dauernder Gemeinschaft tnitfeinen ^tebeu, die ihm im Tode vorausgegangen find. »Credo eanctorum commnnionem“ — „Ich glaube on eine Gemeinschaft der Heiligen". Welche Fülle von Trost liegt in dieser Glaubenswahrheit! Die Gemeinschaft der Seelen in ihrem göttlichen Mittelpunkt, die innige, allerinnigste Vereinigung, die Liebe, die stärker fft, als der Tod, und uns stets diejenigen vor
Augen führt, welche wir geliebt haben, die uns liebten — welch ein gewaltiger Vorzug des Glaubens vor dem Unglauben! Nein, unsere Lieben haben uns nicht verlassen, und sei es, daß ste im Himmel den Preis für ihr Ringen erhalten haben, sei es, daß sie am Orte der Reinigung die letzten Reste menschlicher Schwachheit büßen: immer bleiben sie bei uns, entweder um uns mit ihrer mächtigen Fürsprache zu beschützen, oder um von uns die Hilfe des Gebetes zu erflehen, immer aber, um uns zu lieben, uns zu segnen, mit uns zu beten. Mögen sie vor unserem Geiste stehen als Vorbilder, als Tröster und Helfer, oder als leidende Brüder und Schwestern, die uns theuer sind, denen wir den Zoll unserer Liebe nicht versagen: stets sind wir mit ihnen vereint in lebendiger, herzerhebender Gemeinschaft. Freuen wir uns, daß wir am Grabe zu beten vermögen, daß wir der Heiligen mächtige Fürsprache erflehen und erhoffen dürfen, und danken wir Gott in Demuth, daß er uns des unverdienten Glückes würdigte, als Glieder seiner heiligen Kirche uns täglich aufrichten zu können an dem Glauben an die Gemeinschaft der Seligen und an ein Wiedersehen vor dem Throne seiner Herrlichkeit!
Gin Gegenüber.
Von §. v. Uridrgg.
1 ------ (Nachdruck verboten )
Mein Onkel Kühnemann ist ein wunderlicher Kauz ,— so wunderlich, daß ich mir öfter wiederhole: wie man nicht vorsichtig genug fein könne in der Wahl seines Schwiegervaters, und mir vornehme, sein Haus zu meiden; — ein Blick aber auf das allerliebste Schelmengesicht von Kousine Nette, und vorbei ist's mit aller Ueberlegung. Nur wenn er, wie heute, in einer seiner schlimmsten Laune ist, glaube ich eine warnende Stimme zu hören, die mir ins Ohr raunt: „Aufgepaßt, Georg, Friedrich Hartlieb! Nette ist nicht das einzige hübsche Mädchen auf der Welt, und Bewerber wie Du sind rar."
Das Leben ist wirklich zu kurz, um es sich durch Aufregungen über Lappalien zu verderben, wie Onkel es thut. Mit polterndem Schritt, polternder Stimme tritt er mir heute entgegen: „Freue mich. Dich zu sehen, Gorgsried, endlich ein Mensch, mit dem man ein vernünftiges Wort reden kann! Mit der Alten da ist nichts anzufangen, seit eben Militär mit klingendem Spiel durch die Gasse gezogen ist. Merkwürdig, welchen Reiz das zweierlei Tuch auch für sonst solide Frauenzimmßr hat!"
Tante Marianne gehört zu den Frauen, welche nie die Geduld verlieren; eine Arbeit in der Hand, sitzt sie halbe Tage im Zimmer des gestrengen Eheherrn, und lächelt freundlich, wenn er auch noch so übel gelaunt ist. Es gewährt eine gewisse Garantie für die Zukunft, die Tochter einer solchen Mutter zu heirathen. Ohne eine Spur von Gereiztheit erwidert sie dem scheltenden Manne heiter:
„Weshalb soll ich mich nicht freuen, wenn ein bischen Leben in die stille Gasse kommt, in der sonst nur Milchmann und Postbote sich zeigen? Ich leugne gar nicht, daß es mir Spaß macht, lustige Militärmusik zu hören, flotte Soldaten marschieren zu sehen."
Obwohl, oder vielleicht auch, weil einer von Onkels Söhnen beim Militär ist, hat er einen gesunden Abscheu vor all dem martialischen Schwindel — einen Abscheu, den ich redlich theile, wenn ich ihn auch weniger schroff äußerte, wie er. Ich freue mich beinahe, als er der Tante giftig antwortet:
„Ja, so feid Ihr Weiber alle! Den kleinen Mädchen einen Hampelmann, den großen Mädchen und alten Weibern einen Harlekin, und sie sind zufrieden."
„Nun, mein Alter," sagt Tante gutmüthig, „ich wenigstens habe mir keinen Harlekin ausgewählt, bin mit meinem unscheinbaren Civilisten ganz zufrieden gewesen."
„Unscheinbar!" brummt der beleidigte Onkel. „Als ob Regierungsräthe auf allen Hecken wüchsen!" Und noch manche andere mißliebige Bemerkung knurrte er halblaut vor sich hin, welche Tante Marianne gänzlich Überhört. Nach und nach legt sich sein Aerger — im Grunde ist er ja ein gutmütiger, wenn auch höchst unausstehlicher Mann, — und den Schluß seines Scheltens bildet die an mich gerichtete Aufforderung,
da es bald Mittagzeit sei, zu Tische da zu bleiben, damit er ein vernünftiges Wort reden und hören könne, was bei dem Weibervolk kaum möglich.
Es ist ja sehr begreiflich, daß Onkel in mir einen willkommenen Schwiegersohn sieht; klüger wäre es aber, er ließe mich dies mehr ahnen als fühlen. Ich zögerte, die Einladung anzunehmen; erstlich mag ich mich nicht in mein Glück drängen lassen, und dann weiß ich, wie frugal des überaus sparsamen Onkels Mittagtisch ist; von dem Weine schweige ich lieber ganz. Ich murmele etwas von der Table d'hote im Pfauen, an der ich erwartet werde, von Asfeffor Dier- ftein, mit dem ich einiges zu besprechen hätte . . .
Tante Marianne beeilt sich, mir beizuspringen: „Du solltest nicht in Gorgsried bringen, Rudolf," mahnt sie ab. „Diese jungen Herren vom Civil sind verwöhnt, genau so wie die Offiziere, obwohl Du das nicht zugeben willst."
Warum sie nur immer das Militär herausstreicht? Haben die bunten Flitter es ihr wirklich angethan? Hat Vetter Otto etwa mehr Geld als nöthig ausgegeben, und sie will ihm aus der Patsche helfen? Onkel sieht sie grimmig an, und ich beeile mich, meine verwandtschaftliche Gesinnung an den Tag zu legen, indem ich versichere: wenn auch der Pfau die anerkannt beste Table d'hote habe, so wisse ich ein einfaches Mahl mit lieben Verwandten doch sehr zu würdigen.
Ich fühle mich für meinen Heroismus belohnt, als in diesem Augenblicke die Thüre aufgeht und Kousine Nette erscheint, allerliebst anzusehen in ihrem knapp anliegenden dunkelblauen Hauskleide mit der großen, vorgesteckten weißen Latzschürze. Sie lacht über das ganze Gesicht, wie sie mich sieht. Was sie für reizende Grübchen in Kinn und Wangen dabei hat!
„O Friedel!" ruft sie freudig. „Wieder einmal hier!"
Ihr naives Entzücken ist mir eine angenehme Wahrnehmung, aber ihre Anrede will mir nicht ganz gefallen, und ich beschließe, das sogleich zu rügen; die künftige Frau darf man sich unter keinen Umständen über den Kopf wachsen lassen.
„Kannst Du mich denn nie bei meinem ehrlichen Namen nennen?" tadelte ich.
„Friedel ist der beste Name für den Alltagsgebrauch," erwidert sie heiter. „Gorgfried ist ein Ritter in Stahlhaube und Eisenpanzer. Gorgfried ist ein Hüne, der mit Lind- und Datzelwürmern kurzen Prozeß macht."
„Ich habe einen Abscheu vor Hünen," sage ich mit einem Blick in den Spiegel, der mir das Bild eines zierlich und geschmeidig gebauten jungen Mannes zurückwirft. „Hünen sind ungeschlacht und täppisch; welcher Hüne könnte es mit mir wohl aufnehmen in Behendigkeit beim Springen, in Geschicklichkeit beim Radfahren und Schlittschuhlaufen, ... in Ausdauer beim Tanzen . . . in . . ."
Ich habe sie überzeugt, ehe ich noch ausgeredet: „Halt! halt! Friedel!" unterbricht sie. „Schmettere mich nicht nieder durch Aufzählung Deiner Vorzüge!"
„Gorgfried ißt heut' bei uns zu Mittag," fällt die Mutter ein. „Gib Cilli einen Wink, und sieh' Du felber nach dem Rechten, damit er sein Opfer nicht allzusehr zu bereuen habe."
So schmeichelhaft es für mich ist, nach Gebühr berücksichtigt zu werden, fände ich es doch weit zweckmäßiger, die Tante sorgte selbst für mein materielles Wohl, statt ihre Hausfrauenpflicht auf Nettes Schultern abzuladen. Ich protestire eifrig gegen der Kousine Entfernung, und versichere: so schwer zu beftiedigen ich an der Wirthstafel auch sei, so genügsam zeige ich mich im Freundeskreise.
Nette lacht hell auf und macht einen tiefen Knix:
„Wie sehr müssen wir aber bestrebt sein, Deine Herablassung zu lohnen!" sagt sie und läuft zur Thüre hinaus.
Onkel zieht mich in ein Fenster und fängt mit mir ein Gespräch über die bevorstehende Bürgermeisterwahl an ; er ist streng konservativ, wie ich auch; wehe denen, die unsere Geldbeutel antasten wollen! Darin verstehen wir keinen Spaß. Wir harmoniren vollkommen miteinander, und Tante Marianne, deren Begriffe von Konservatismus andere sind, als die unseren, verhält sich schweigend und senkt den Kopf auf ihre Arbeit.
Das Kousinchen kehrt nicht wieder, und das