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Jg 249

Freitag, den 29. Oktober 1897 21. Jahrgang

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£ „Tante Gwrrry".

Der Name „Taute Emmy" hat in der lite­rarischen Welt einen guten Klang — ist sie doch die Freundin unserer kleinen Lieblinge, die wohl erfreut sein werden, über ihre liebe „Tante" Näheres zu er­fahren, die ihnen fo niedliche, bald größere, bald kleinere Geschichten zu erzählen weiß, welche eine kerngesunde Phantasie durchleuchtet, gleich den goldenen Sonnenstrahlen, die das graue Gewölk durchbrechen.

Nicht selten veranlaßt die Bezeichnung „Schrift­stellerin" theils direkten Widerwillen, theils mit­leidiges Achselzucken, denn man denkt dabei unwill­kürlich an die sogenannten .Blaustrümpfe".

Anders ist es mit der „Tante Emmy".

Sie schreibt keine bändereichen Romane, irrlichtert nicht auf den Gebieten der Wissenschaften oder zwischen sozialen Problemen umher, sondern schreibt, selbst im Besitze eines goldreinen Kindergemüthes, für Kinder aller Art, groß und klein, von jenem Alter an, da die künftigen Genies gerade hinter die Geheimnisse des ABC gekommen sind, bis zu jenem, da der gereifte Mann schon den Ernst des Lebens hinter sich hat und im Kreise munterer Enkel eine zweite Jugend erlebt.

Gar mancher wird sich die „Tante Emmy" vor­stellen, wie sie an ihrem Schreibtische sitzt, emsig das vor ihr liegende Blatt mit den so tief durchdachten, innig gefühlten Zeilen bedeckend---weit ge­

fehlt !

In ein Krankenzimmer, an eine Lager­stätte des Schmerzes muß ich dich führen, willst du „Taute Emmy" sehen, welche seit dem Jahre 1864, d. i. seit einem Menschenalter, sich von dem­selben nicht mehr erheben kann.

Gar manchen oder manche hätte in solcher Lage schon längst die Helle Verzweiflung ergriffen — „Tante Emmy" betrachtet ihr, vom rein menschlichen Standpunkt aus angesehen, bedaueruswerthes Geschick als eine Fügung Gottes, welche dazu dient, ihr den Weg ins Jenseits, zur bereinigen Anschauung Gottes zu bereiten.

Nicht immer aber war „Tante Emmy" eine arme Kranke — auch ihr leuchtete einst Jugend-. freude, bis die Hand Gottes ihr die Heimsuchung schickte.

„Tante Emmy" ist der Schriftstellername für Emmy Giehrl, Bezirksamts-Asfesforswittwe. Sie ist geboren am 1. November 1837 zn Regensburg — sie vollendet also in diesen Tagen ihr sech­zigstes Lebensjahr.

Im Jahre 1849 wurde ihr Vater, Dr. Joseph Aschenbrenner, Staatsminister der Finanzen, im Jahre 1854 übernahm er noch vorübergehend das Mini­sterium der Justiz, und wurde in Anerkennung seiner Verdienste mit verschiedenen Orden, darunter auch dem, den persönlichen Adel gewährenden Verdienst­orden der bayerischen Krone ausgezeichnet. Seine Gemahlin Anna, gebotene Aschenbrier, fchenkte ihm in glücklicher Ehe sieben Kinder, von denen jedoch drei nach nur kurzem Erdenwallen in das Grab ge­bettet wurden.

Wie es bei der hohen Stellung des Vaters er­klärlich war, genossen die Kinder eine äußerst sorg­fältige Erziehung und Ausbildung, wobei namentlich auf religiöse Unterweisung und gute Herzensbildung großes Gewicht gelegt wurde.

Emmy Aschenbrenner war schon von Geburt an schwächlich und seit ihrem dreizehnten Lebensjahre mehr oder minder leidend, was ihr manche Ent­sagung auferlegte, sie von geräuschvollen Freuden zurückhielt und ihr Einsamkeit und Zurückgezogenheit lieb und thener erscheinen ließen, so daß sie selbst noch im Elternhaufe, obwohl frei von jeder Sorge, nur von Liebe umgeben, nicht selten in Schwermut versank und mit sechzehn Jahren am liebsten lebens­müde Lieder fang.

Aber auch hier blühte des Lebens wonniger Mai: im Jahre 1858 vermählte sie sich mit dem Asseffor Rudolf Giehrl---aber kaum war der Hoch­

zeitsjubel vertönt, so stand sie an der Bahre ihres Vaters, der, erst sechzig Jahre alt, am 18. Dezember 1858 einer tückischen Krankheit erlag.

Auch an der jungen Frau nagte jener böse Wurm fort und fort und im Jahre 1864 kam ein Rücken­marks- und Nervenleiden zum Ausbruche, das sie seitdem ans Bett fesselt. — Gar bald erkannte sie, daß für sie keine Hoffnung auf Genesung vorhanden sei; sie bereitete sich nicht bloß zum Tode vor — — sie „bat auch Gott Tag um Tag, er wolle sie von dieser Welt abrufen"*)

Aber priesterlicher Zuspruch einerseits, der ihr Leiden als eine Fügung Gottes, ihre Bitte aber als Eingriff in die unerforschlichen Rathschlüsse Gottes bezeichnete, andererseits der Umstand, daß auch der Gesundheitszustand ihres Gatten sich stetig ver­schlimmerte, bis man ihn eines Tages, dem Tode nahe, vom fernen Süden, wo er vergeblich Genesung, zum wenigsten Linderung gesucht hatte, heimbrachte und an ihrer Seite niederlegte, weckte in ihr die Er- kenntniß von der liebenden Hand des Herrn: „da erkannte ich, wozu ich leben mußte; mein Mann be­durfte meiner! Zu jeder Arbeit unfähig, ganz auf meine Liebe und Hilfe angewiesen, mochte er Nie­mand um sich sehen, als nur mich, keine Stimme hören, als die meinige, und nun wußte ich, warum mein Beten unerhört, warum mein scheinbar werth- loses Leben erhalten geblieben war. Jetzt war ich meinem armen, kranken Gatten, dem ich nichts fein zu können glaubte, alles geworden und schätzte mich deshalb überglücklich."

„Auch meine Bestimmung für die letzten Jahre meines Lebens ließ Gott mich von den Lippen meines sterbenden (Satten vernehmen: Ich bin gewiß, der Unvergeßliche hatte sich zahllose Stunden und Nächte gequält in dem Bewußtsein, daß ich nun bald ver­laßen, seines Umganges und seiner Stütze beraubt sein würde . ... Da sprach er noch kurze Zeit vor seinem Tode (1874), als er, durch die Gnade der heiligen Sakramente gestärkt, völlig hingegeben an seines Heilandes Willen, losgelöst von allen irdischen Gedanken und Wünschen war, ich möge wirken für die christliche Bildung und Erziehung der Kinder."**)

Und das hat die Kranke getreulich erfüllt.

Schon damals hatte Emmy Giehrl, die während ihres damals zehnjährigen Siechthums es gelernt hatte, sich iw Krankenbette mit verschiedenen Dingen zu be= fchästigen, begonnen, ah einer christlichen Kinderzeitung mitzuarbeiten, und allmählich trat sie dann mit selbst­

*) Emmy Giehrl, „Kreuzesblüthen", S. 189 ff.

**) .Kreuzesblüthen', S. 221.

ständigen Arbeiten auf, von denen das bereits 1886 in 3. Auflage erschienene „Kinderbüchlein" und die „Neuen Märchen" (3. Auflage 1896) die ersten waren. Diesen folgten verschiedene kleine Erzählungen, dann die „Erinnerungen aus meiner Kindheit" und die herrlichen „Kreuzesblüthen".

Von nun ab entwickelte Emmy Giehrl, ober wie sie sich selbst am liebsten nennt, „Tante Emmy", eine reiche schriftstellerische Thätigkeit; abgesehen von ihrer Mitarbeiterschaft an den.Jugendblättern', der,Monika' und ähnlichen Zeitschriften, schrieb sie eine Reihe größerer und kleinerer Erzählungen und Märchen. Das ist vor Allem das Dankenswerthe an „Tante Emmy", daß sie nicht, wie das unter der Firma ,Jugendschristen' so häufig vorkommt, kindische Ge­schichten schreibt, sondern größere und kleinere Er^äh- lungen, welche Jedermann lesen kann: Wirken sie auf die Jugend und den minder Gebildeten traft ihres nicht bloß moralischen, sondern auch ausgefprochen katholischen Inhaltes erzieherisch, so wird auch der höher Gebildete insofern Nutzen daraus schöpfen, als ihm im Strudel und Gewoge des Lebens hier ge­wissermaßen ein Ruhepunkt geboten und er selbst zum Himmel, zu Gott, dem Schöpfer und Helfer alles Guten, dem Bestrafer alles Bösen, gewiesen wird.

Einzelne Stücke sind von geradezu klassischer Vollendung und verdienten Aufnahme in die Lese­bücher höherer Schulen. Manche dieser kleinen Er­zählungen bahnen sich bei oder vielleicht in Folge ihrer schlichten Sprache, ihrem einfachen und doch packenden Aufbau in geradezu wunderbarer Weise den Weg zum Herzen. Es ist das bei den Schicksalen, welche „Tante Emmy" erfuhr, eigentlich selbstoerständ- lich; häufig finden wir ein glückliches Familienleben geschildert, das durch die Krankheit ober gar ben Tod des Vaters ober der Mutter eine traurige Störung erleidet; aber die davon Betroffenen versinken nicht in die Apathie der Neuheiden, sondern arbeiten in hoffnungsvollem Gottvertrauen weiter, das dann auch früher oder später den wohlverdienten Lohn findet.

In „Allerlei Geschichten" wechseln mit anmutigen Erzählungen auch historische Skizzen ab, wie uns denn „Die verunglückten Pasteten" berichten, wie aus dem tölpelhaften Konditorlehrling Claude Gel6e der kunstreiche Maler Claude Lorrain ward; in „Meinen Lieblingen" ist „Stußöhrlein, die ungeratene Eselin" eine lehrreiche Parabel für manches ungebärdige Kind. Jugend- und Volks-Bibliotheken werden der „Tante Emmy" besondern Dank dafür wissen, daß sie die in den verschiedensten Zeitschriften zerstreut erschienenen Erzählungen nunmehr gefummelt und in einer Reihe von Bänden unter dem Kollektiv- Titel „Gesammelte Jugend- und Volksfchriften" heraus­gibt, von welchen bis jetzt 8 Bände in fehr hübscher Ausstattung vorliegen. „'Die Sternsänger" und „Meister Fridolin" (I. Band) sind prächtige Er­zählungen; „Des Bruders Schutzgeist" und „Eine Lüge und ihre Folgen" (-1. Band) haben einen tiefen moralischen Kern; „In harten Zeiten" (HI. Band) ist eine köstliche Bauern - Ge­schichte; die „Weihnachtsgrüße (iV. Band) ent­halten vier sehr schöne Erzählungen, von denen nament­lich „Die Marienkinder" in Folge ihrer verwickelten Handlung sehr spannend wirken; im V. Bändchen „Für Mußestunden " wird Niemand ohne Rüh­rung die Episode „Zwei Fürstensöhne" lesen, in welcher uns die Könige Ludwig II. und Otto von Bayern als Prinzen von 11 bezw. 8 Jahren vorgeführt werden, wie sie in kindlichem Spiele eine bei einer Hoftafel als Dekoration verwendete kostbare Vase zerbrechen, der Verdacht hierüber auf einen Gärtnergehilfen fällt, dessen Lebensglück dadurch bei­nahe zerstört wird, bis endlich K r o n p r i n z L u d w i z seinem edlen Vater ein Geständniß seiner Schuld ab­legt. In „Rosen und Dornen" (VI. Band) ist es besonders „Hans Pechvogel", welcher trotz seines humorvollen Hintergrundes eine beherzigenswerte Moral in sich birgt. Der VII. und VIII. Band, die soeben die Presse verlassen, bringen eine Reihe ganz kurzer Erzählungen für das jüngere Alter.

Fasten wir unser Urtheil über die Schriften „Tante Emmy's" zusammen, so können wir mit gutem Rechte sagen, daß seit Christoph v. Schmid auf dem Gebiete der Jugend-Literatur nichts erzeugt worden ist, was denselben gleichwertig an die Seite gestellt werden