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M 248 Donnerstag, den 28. Oktober 1897. 24. Jahrgang

FiildaerMZeitiiiig

_____ mit Untechaltirngs-Keilage „Sterne niu» Klumeu".

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Die Nothlage und der Personal- Kredit im Mittelstände.

Heber dieses Thema hat Herr Senator Dr. G la cke- meyer in Kassel am Montag Abend den Mitgliedern des Detaillisten - Verbandes und des kaufmännischen Vereins im Saale des Palais - Restaurants einen P/sftünbigen Vertrag gehalten. Aus einem längeren Referate, welches uns vom Vorstande des Detaillisten- Verbandes für Hessen und Waldeck zur Verfügung gestellt wird, entnehmen wir folgende Ausführungen:

Nachdem Redner das thatsächliche Vorhandensein eines Nothstandes im Mittelstände dargelegt und dessen Ursachen r-läutert hatte, ging er zu der Beantwor­tung der Frage über: „Wie ist nun eine bessere Lage der Handwerker und Kaufleute herbeizuführen?" Da­mit kam er zum Genossenschaftswesen, ins­besondere den Darlehnskassen nach Raiffeisen und Schultze-Delitzsch. Heber das Wesen und die Ent­wickelung derselben gab Redner einen interessanten Heberblick. Es zeigte sich, daß sich Darlehnskassen und Kreditvereine besonders nach dem Tode der beiden Gründer schnell vermehrten. Heute bestehen im Gan­zen 14,800 Genossenschaften, von denen ca. 3000 nach Schultze-Delitzsch sind, die übrigen sind Raiffeisen'sche Darlehnskassen. Daß auf dem Lande sich die Kassen schneller vermehrten, als in den Städten, erklärte Redner dadurch, daß die Regierung die Landwirthe mehr unterstütze und begünstige. Den Städtebewoh- nern gegenüber thue die Regierung nichts; wahrschein­lich weil sie von der Annahme ausgehe, in den Städten fei die Intelligenz zu Hause, da werde man sich selbst helfen. Während für die Raiffeisen'schen Kassen die Propaganda noch heute sehr lebhaft sei, und bald hier, bald dort Darlehnskassen entstehen, während Ortsangehörige und Wanderlehrer den Vortheil dieser Kassen predigen, fei für die Kreditvereine nichts, oder so gut wie nichts geschehen. Hnd so gibt es in Deutschland 1200, in Preußen allein 600 Städte, die noch keinen Kreditverein besitzen.

Wie viel Segen ein gut geleiteter Kreditverein indessen zu verbreiten vermag, wird nur der gewahr, der Mitglied eines solchen ist, und der wird die Stadt beklagen, die kein solches Institut besitzt. In Han­nover sind mehrere Kreditoereine; die beiden ersten haben einen jährlichen Hmsatz von je ca. 70 Millio­nen Mark, der dritte vielleicht 30, der letzte etwa 20 Millionen Mark. Alle diese Millionen kommen dem kleinen Kaufmann, dem Handwerker und auch dem Landwirthe zu gute. Deshalb bleiben die Städte zu bedauern, denen ein solches Institut noch fehlt, und es bleibt zu wünschen, daß sich Männer zusammen- thun, welche das Entstehen von Kreditvereinen fördern und unterstützen. Den höchsten Grad der Entwicke­lung haben die Kreditvereine durch Begründung von Verbänden erreicht, in denen eine Anzahl von Ver­einen ihre Interessen solidarisch mit einander verknüpft haben. In Offenbach a. M. hat ein Herr Haas einen solchen Verband fürLandwirthe gegründet. Lange Zeit hindurch stand derselbe und sein System mit Schultze-Delitzsch auf gespanntem Fuße, bis es endlich auf einem gemeinsam beschickten Delegirtentage zur Versöhnung kam. Dem Haas'schen Verbände gehören heute 1500 Vereine an. Hannover zählt verschiedene solcher Verbände, Württemberg besitzt einen großen Landesverband.

Fragen wir nun, woher beziehen diese Vereine ihr Betriebs-Kapital? Von den 1500 Vereinen haben 1055 Ziffern ein gesandt, nach denen sich das Betriebs-Kapital derselben auf 685,278,485 Mark stellt. 169,500,000 Mark betragen die Mitglieder- Guthaben und 515,700,000 Mark die ausgeliehenen Kapitalien. Der Refervefond aber beläuft sich auf 39,732,000 Mark. Die erlittenen Verluste sind der ungeheuren Kapitalien gegenüber verschwindend gering; sie betrugen 919,000 Mark, die sich ans 317 Vereine vertheilen. Der Reingewinn, den der Verband im letzten Jahre erzielte, betrug 9,800,000 Mark. Aus diesen Ziffern läßt sich sowohl das ganze Arbeitsfeld

als auch der Segen ersehen, welchen die Kreditvereine über das ganze Land verbreiten.

Sodann sprach Redner sich entschieden gegen die Verth eilung hoher Dividenden ans. Nichr darin sei der Zweck der Kreditvereine zu suchen, sondern in dem Bestreben, dem kleinen Manne Geld gegen mäßigen Zinsfuß zu verschaffen. Von Hannover aus wurde auch die Trennung der Kreditvereine von den Konsumvereinen verlangt; beide mit ihren so verschiedenen Interessen können nich" Hand in Hand gehen. Leider hat man sich in Hessen und speziell in Kassel, wo man sonst doch stets an der Spitze zu marschiren pflegte, wenn es sich um derartige Errungenschaften handelte, an diesem Streite nicht betheiligt. Ebenso hat man von Hannover aus die Schaffung einer Centralkasse erstrebt. Die Bauern seien hierin auch wieder einmal klüger ge­wesen, sie besitzen bereits 30 solcher Centralkaffen.

Der ebenfalls von Hannover ausgehende leitende Grundgedanke für die weitere Entwickelung der Kredit­vereine ist der, daß 6—7 Genossenschaften zusammen­treten und eine Centralgenossenschaft bilden sollen, damit, wenn es einem der Vereine an Geld fehlt, die anderen mit einspringen können und der theure Lombardzins gespart wird.

Redner fragte, wie steht die Angelegenheit in Hessen ober richtiger in der Provinz Hessen-Nassau? Eine Resolution irgend welcher Art wolle er nicht aufstellen. In Hessen-Nassau bestehen 645 Vereine mit unbeschränkter, 13 Vereine mit beschränkter Haft­pflicht. Von diesen Kaffen sind nur 91 Schultze- Delitzschschen Systems, die übrigen alle nach Raiff­eisen. In 37 Städten der Provinz gibt es noch keinen Kreditverein. Redner empfahl, nach diesen Städten Wanderlehrer zu entsenden, welche die Be­wohner derselben mit der Art und Einrichtung der Kreditvereine bekannt machen. 65 Millionen Mark haben im letzten Jahre die in Hessen-Nassau bestehenden Vereine an Kredit gewährt, 12 Millionen Mark be­tragen die Geschäftsguthaben und 4 Millionen sind als Reserven angesammelt. Redner bedauerte, daß Kassel sich bis jetzt nicht an der allgemeinen Bewegung des Kreditvereinswesens betheiligt habe, hoffte jedoch, binnen Kurzem auch dieses in den Reihen der Kämpfer stehen zu sehen. Auch der Detaillistenverband sollte es sich zur Aufgabe machen, aufklärend und werbend zu wirken, auch er solle Wanderlehrer entsenden, denn vor allem trifft den Kaufmann die Pflicht der Ver­breitung der segensreichen Wirksamkeit der Kredit­vereine. Auch durch Vorträge soll man die Be­völkerung zu belehren suchen.

Die Kreditvereine besitzen 2 Geldquellen in den Großbanken und in der Reichsbank. In welchem Verhältnisse aber stehen sie zu der letzteren, ober viel­mehr „welche Stellung nimmt die Reichsbank gegen­über ben Kreditvereinen ein?" Es besteht da kein gesundes Verhältniß. Die Reichsbank erklärt heute: „Die Solidarhaft besteht für mich nicht. Ich bemesse den Kredit, den ich an Kreditoereine gewähre, nach ihren vorhandenen Reserven und nach der Höhe des Mitgliederguthabens. Ein Herr aus Frankfurt hat dem Redner mitgetheilt, die Reichsbank mache jjetzt ihren, den Kreditvereinen zu gewährenden Kredit davon abhängig, daß der Verein mindestens 3/< Million Mitgliederguthaben und Reserveguthaben besitzt. Wenn das der Fall sei, so gewähre sie bis zu 75 Prozent dieser Guthaben Kredit. Das ist ein sehr eng be­grenzter Zustand. Wie viele Kreditvereine verfügen über diese 3/< Millionen? Gewiß nur sehr wenige. Sollen darum die übrigen von dem Kredit der Reichs­bank ausgeschlossen bleiben? Redner ist überzeugt, daß in nicht zu ferner Zeit die Reichsbank gezwungen sein wird, Ausnahmebestimmungen einzuführen. Vor­läufig aber sollte man ruhig das billige Geld der Centralkasse nehmen; eine Wohlthctt des Staates ei das nicht, vielmehr madje. derselbe noch ein gutes Geschäft dabei. An den Kaufleuten aber sei es, die Kreditvereine durch ihren Beitritt zu unterstützen.

„Also, meine Herren," so schloß Redner seinen mit lebhaftem Beifall aufgenommenen Vortrag, „forgen Sie dafür, daß Kaufleute und Handwerker sich immer inniger aneinander schließen, denn nur mit vereinten Kräften läßt Großes sich erringen und „Hilf dir elbst, so hilft dir Gott!"

Gme arme Mittme.

Es war Samstag Abend, und eine arme Wittwe faß mit ihren fünf in Lumpen gehüllten Kindern im Zimmer vor dem Herde. Sie hörte dem unschuldigen Geplauder der Kinder zu, in der Hoffnung, sie da­durch von dem ängstlichen Gefühle zu befreien, welches schwer auf ihrer Seele ruhte.

Schon feit einem Jahre hatte sie mit ihren schwachen Händen den Hnterhalt für ihre hilflose Fa­milie beschaffen müssen, denn sonst hatte sie keinen Ernährer; sie konnte sich keines einzigen Freundes in der weiten, unfreundlichen Welt entsinnen. Jene ge- heimnißvolle Vorsehung, deren Weisheit und Absichten dem menschlichen Verstände unergründlich sind, hatte sie mit einer schweren Krankheit heimgesucht, und ihre geringen Ersparnisse waren fast gänzlich aufgezehrt. Dazu war es auch noch Winter und tiefer Schnee bedeckte rings umher die Erde, während draußen der Sturm heulte und die kleine ärmliche Hütte fast umwehte.

Der letzte Fisch lag vor ihr auf den Kohlen; es war dies das einzige Nahrungsmittel, das sie noch hatten, und es ist daher kein Wunder, daß sich der armen, unglücklichen Mutter bange Gefühle bemächtigten, wenn sie ihre Kinder betrachtete. Auch wäre es ihr fast nicht zu verargen gewesen, wenn sie sich der Ver­zweiflung anheim gegeben hätte, obwohl sie wußte, daß Er, der versprochen, sich der Wittwen und Waisen annehmen zu wollen, auch Sein Wort nicht brechen kann.

Die Vorsehung hatte ihr vor vielen Jahren ihren ältesten Sohn genommen, welcher seine Heimath ver­lassen hatte, um sein Glück als Matrose zu versuchen, und von dem sie seitdem nichts vernommen hatte. Und später hatte ihr die Hand des Todes ihren Ge­fährten und Beschützer aus der irdischen Pilgerfahrt in der Person ihres Mannes geraubt. Doch bis zu dieser Stunde hatte die so schwer Geprüfte Alles er­tragen; sie war nicht nur imstande gewesen, für die Ihrigen zu sorgen, sondern auch nach Kräften den Armen und Verlassenen beizuspringen.

Der Sorglose mag wohl leicht Armuth ertragen, so lange ihm noch Aussicht auf Erwerb bleibt. Eine Person, die allein steht, mag wohl die Strenge und Roth eines Winters ertragen: denn sie hat ja nur für sich zu sorgen und braucht sich nicht mit der Roth anderer zu quälen. Die Allerärmsten in einer großen Stadt können noch hoffen, denn es finden sich dort doch immer mildreiche Menschen, die sich ihrer annehmen.

Aber eine fleißige Mutter von hilflofen, un­mündigen Kindern, welche allein wohnt auf dem Lande, hat niemand, auf den sie sich verlassen kann. Eine solche war die Wittwe, von welcher hier die Rede ist; aber als sie den letzten Bissen vom Feuer nahm, um ihn unter die Kinder zu vertheilen, schien sich ihr Geist plötzlich aufzuheitern, und sie gab sich der Hoffnung hin, daß es bald besser gehen werde.

Kaum war der Fisch auf den Tisch gebracht worden, als ein leises Klopfen an der Thüre und das laute Bellen eines Hundes die Aufmerksamkeit der Familie auf sich lenkte. Die Kinder beeilten sich, die Thüre zu öffnen, und ein müder Wanderer in ärin- icher Kleidung und anscheinend schlechter Gesundheit trat in das Zimmer. Er flehte um eine Nachtherberge und etwas Nahrung.

„Es sind schon volle vierundzwanzig Stunden ver­lassen, seitdem ich Brod gekostet habe," sagte er.

Das Herz der armen Wittwe blutete von Neuem. Sie zögerte nicht, sondern bot dem Fremden ein Unter« btnmen für die Nacht an, und lud ihn darauf freund­lich ein, an ihrer kargen Mahlzeit theilzunehmen.

„Gott wird uns nicht oertaffen, und wir werden nicht mehr darben müffen, weil wir freigebig sind," bemerkte sie dabei.

Der Fremde näherte sich dem Tische; als er aber die ärmliche Mahlzeit sah, erhob er mit Bewunderung feine Augen zum Himmel und sagte: „Und ist das all' Euer Vorrath? Und von diesem wollt Ihr noch einem Unbekannten mittheilen? Ja wirklich, dann habe ich noch nie Nächstenliebe gesehen! — Ader gute Frau," fuhr er fort, „thut Ihr Euern Kindern nicht Unrecht, wenn Ihr einem fremden Menschen noch den letzten Bissen reichet?"

„Ach," sagte die arme Frau und die Thränen