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i Mittwoch, den 27. Oktober 1897
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Je? Raubmörder Gönczi.
Die Ueberschrift könnte uns in den Verdacht bringen, als wollten wir nach der Art der Blätter, die man unter der Bezeichnung der „farblosen" kennt, der verschiedenen General-, Lokal- und Skandal-Anzeiger und dergleichen, der hochwohlwichtigen Person eines Raubmörders eine liebevolle Betrachtung widmen. Aber das wollen wir nicht. Wir meinen auch eigentlich gar nicht den Raubmörder Gönczi selbst, sondern vielmehr die Berliner Polizei, die wieder einmal einen nicht gekriegt hat, nämlich eben besagten Raubmörder Gönczi.
Auf die Art des Mordfalles kommt weniger an. Aber der Vollständigkeit wegen sei nochmals erwähnt, daß besagter Gönczi in der Königgrätzerstraße in Berlin einen Laden in einem Hause gemiethet hatte, in dem er angeblich ein Schuhwaarengeschäft betreiben wollte. Das Haus gehörte zwei allein lebenden Damen, Mutter und Tochter, und diese beiden Damen wurden als Leichen vorgefunden in dem Keller, der unter dem von Gönczi gemietheten Laden liegt.
In der schnelllebigen Hauptstadt hatte man die ganze Geschichte längst schon vergessen. Nur großstädtische Kinder spielten vor dem Hause noch immer Raubmörder Gönczi. Da ist — zwei Monate nach der That! — nun an den Berliner Anschlagssäulen eines der bekannten blutrothen Plakate erschienen: Tausend Mark Belohnung für die Ergreifung des Raubmörders Gönczi! Vielleicht, fragt der Leser, hatte man anfänglich eine kleinere Belohnung ausgeschrieben, und jetzt hat man dieselbe vergrößert, da die kleine als fruchtlos sich erwies? Nein, gewiß nicht! Das ist die erste Belohnung, die für die Ergreifung des Mörders ausgefetzt wird — zwei Monate nach der That! Und zwar ist es der Untersuchungsrichter, der die Belohnung ausschreibt, nicht die Polizei. Denn diese hat augenscheinlich wieder einmal geglaubt, der Verbrecher könne ihr nicht entgehen, und inzwischen ist dieser entflohen nach dem berühmten Aufenthaltsorte „Unbekannt", von wo sehr ost gar kein Wiederkommen mehr ist.
Woher kam das? — Der Raubmörder Gönczi hatte neben seiner Frau eine Geliebte. Und weil diese Geliebte aussagte, Gönczi sei mit seiner Frau und einem weißgelben Wolfsspitze drei oder vier Tage vor der Entdeckung des Mordes von dem Berliner Bahnhofe Friedrichstraße abgereist, glaubte dies die Berliner Kriminalpolizei. Die bewußte Lokal- und Skandal-Presse knüpfte an die Geschichte mit dem weißgelben Wolfsspitze noch ellenlange Betrachtungen an von geheuchelter ekelhafter Weichmüthig- keit, wie des hartgesottenen Raubmörders Herz mit so zärtlicher Liebe an dem weißgelben Thiere hänge, daß er sich um keinen Preis von ihm trennen könne und die Polizei meinte ihrer Sache und der Fahndung des Verbrechers nun sicher zu sein.
_ Aus vielen Orten Deutschlands und Oesterreichs liefen Meldungen ein, daß man das Ehepaar mit dem Wolfsspitze gesehen habe. Die Polizei verfolgte alle diese vermeintlichen Spuren. Ueberall soll der Mörder gewesen sein. Aber nirgends war er zu finden. Und nun stehen roir' vor der überraschenden Wahrscheinlichkeit, daß die Polizei niemals auf der rechten Fährte gewesen ist.
Als der Mord entdeckt wurde, glaubte die Polizei, der Mörder habe nichts Werthvolles mitgenommen. Warum dachte sie das? Weil der Verbrecher wollte, daß sie das glauben sollte. Er hatte kurz vor der Abreise von einem Bekannten 100 Mk. zu leihen gesucht, und dieses kleine Manöver reichte hin, um dem Wunsche des Verbrechers gemäß der Berliner Kriminalpolizei den Glauben beizubringen, er sei fast völlig mittellos mit Frau und Wolfsspitz von Bahnhof Friedrichsstraße abgedampft. Hinterher fand man dann zur allgemeinen Ueberraschung, daß Gönczi beträchtliche Summen in Werthpapieren und eine große Menge werthvoller Schmucksachen mitgenommen hatte.
Jetzt sind mehr als zwei Monate ins Land gegangen und jetzt erscheint der Anschlag, der 1000 M. Belohnung aussetzt sür die Entdeckung des Raubmörders Gönczi. Aller Wahrscheinlichkeit nach aber wird der Raubmörder nur dann der strasenden Gerechtigkeit anheimfallen, wenn eine ganz unvorhergesehene Zufälligkeit der Gerechtigkeit dazu verhilft oder wenn der listige Verbrecher doch einmal weniger schlau als gewöhnlich ist und sich verräth. Namentlich aber wird er es der Berliner Polizei zu verdanken haben, wenn er sein übriges Leben hindurch in ungestörter Ruhe behaglich von seinem Raube leben kann.
Das ist ein Fall, der eine Reihe von ähnlichen Vorgängern hat. Wird es denn niemals möglich sein, die Berliner Polizei so umzugestalten, daß sie ebenbürtig dasteht mit den entsprechenden Einrichtungen in Paris und London? Es scheint fast, als ob wir es niemals zu einer solchen Kriminalpolizei bringen sollten!
Der Herr Geratter.
Der wohlhabende Bäcker Bretzel in dem Landstädtchen F . . . hatte bei seinem werthen Mitbürger, dem Krämer Pfeffer, Gevatter gestanden. Im großen Taufkostüm, den Blumenstrauß noch vor der Brust, kam er jetzt nach Hause, um seine Ehehälfte zum „Kindertaufschmause" abzuholen.
Nachdem er für heute wegen Abwesenheit der Verkäuferin seinen Laden zugemacht und sorgfältig nachgesehen hatte, ob sein Geldschrank, in welchem mehrere hundert Thaler Lösung für verkauftes Mastvieh in Rollen gepackt gleich Semmelzeilen lagen, auch gut verschlossen wäre, gebot er der Magd, Alles im Hause gut in Obdach zu nehmen, und schritt mit seiner geputzten Lebens gefährtin über die Schwelle.
In diesem Augenblicke kam Meister Lux, der Fleischer aus W., ein solider Handelskunde vom Meister Bretzel, mit seinem riesigen Fanghunde „Packan" auf das Haus zugegangen.
„Ach, das thut mir leid, Meister Lux," sagte der Bretzel. „Ihr wollt Schweine haben, und ich bin bei Herrn Pfeffer zur Kindtaufe."
„Und wie lange kann das dauern?" fragte der Lux.
„Nun, ein paar Stündchen könnten wir wohl hingehen."
„Hm, das macht bei mir eben nichts aus. Wenn Ihr nicht denkt, daß ich Euch was einstecke, so will ich derweilen ein Pfeifchen bei Euch rauchen."
„Auch gut, Ihr könnt Euch indessen meine besten Schweine ansehen. — Rosine, zeige dem Meister Lux die Schweine und gib ihm was zu essen."
So war der kleine Aufenthalt glücklich bei Seite geschafft, und das Bretzel'sche Ehepaar erschien bei einem Kindtaufschmause, dergleichen es in F. . . lange nicht gegeben hatte. Zwar litt Herr Pfeffer, der Kindtaufvater, eben an heftigen Kopf- und Augenschmerzen, ging nur ab und zu bei und zog sich endlich, als der Abend anbrach, gänzlich zurück, weil seine Augen die Lichter nicht vertragen konnten.
Meister Lux hatte mittlerweile seine Musterung gehalten, Butterbrod, Schnaps und Bier sich schmecken lassen, und hierauf in Bretzels Sorgenstuhl Platz genommen, wo er sein Pfeifchen rauchte. Die Zeit schien ihm doch sehr lange zu werden; da er aber keinen Metzgergang gemacht haben wollte und überdies ein Paar von den Mastschweinen ihm außerordentlich gefallen hatten, so beschloß er, die Heimkehr des Bäckers abzuwarten.
Endlich schlummerte er vor Langeweile ein, wie der getreue Packan zu seinen Füßen schon längst ge-
than hatte. Als ihn nach Verlauf einiger Stunden sein eigenes Schnarchen wieder aufweckte, war es bereits ganz dunkel um ihn her, und er konnte nicht viel mehr erkennen als die auf die Straße gehenden Fenster, durch die noch eine schwache Dämmerung fiel, weil der Sichelmond am dicht bewölkten Himmel stand. Er rief zwar einmal nach Rosinen, die ihm doch Licht hätte bringen sollen; da sie aber nicht hörte, weil sie des Morgens um 1 Uhr den Backofen hatte heizen müssen, und daher nach Verriegeln der Hausthür und im Vertrauen auf die Anwesenheit und Wachsamkeit dieses Gastes in ihrer Kammer sich ein wenig aufs Bett gelegt hatte, Jo stopfte er seine Pfeife im Dunkeln wieder und schickte sich eben an, einen Feuerschwamm anzuschlagen, als er wahrnahm, daß Jemand auswendig am Fenster sich zu schaffen machte und ohne sonderliches Geräusch eine Scheibe zerdrückte.
„Kusch!" sagte er leise zu dem aufwachenden Hunde, und wenn er das einmal gesagt hatte, so konnte er auch darauf rechnen, daß der treue Fanghund sich nicht eher rührte, bis das Verbot wieder aufgehoben worden war.
Inzwischen hatte der Jemand den Fensterflügel geöffnet, den Kopf hereingesteckt und ebensowenig den dunkelbraunen Fleischer in dem dunkelbraunen Sorgenstuhle wahrgenommen, als den schwarzen Hund zu dessen Füßen; denn er stieg gar behend herein, ging nach der Smbenthür, schob den Nachtriegel vor, machte sich hierauf an den Geldschrank des Meisters Bretzel, dessen Platz er sehr gut zu kennen schien, öffnete ihn, wahrscheinlich mit einem Diebesschlüssel, langte die oben erwähnten Geldrollen heraus, steckte sie in seine Taschen, und wollte wieder hin, wo er hergekommen war.
„Hussa, Packan!" rief jetzt der Fleischer, und im Nu hatte der Hund auch den schon vor Angst halbtodten Dieb bei der Brust gefaßt und zu Boden geworfen.
„Laß ab!" sagte er nun zum Hunde, und zum Diebe sagt er: „Steh auf, Spitzbube, stelle Dich da in die Ecke und rühre Dich nicht. Wenn ich den Hund noch einmal an Dich hetze, so hast Du am längsten eine Gurgel gehabt." Hierauf rief er mit posaunenmäßiger Stimme: „Rosine, schnell auf!"
Die Schläferin fuhr auf und eilte fo geschwind, als es sich im Dunkel nur thun ließ, herbei.
„Was gibt es denn, Meister Lux? Ach, er hat noch kein Licht."
„Brauche auch keins," sagte der Fleischer. „Lauf zum Herrn Pfeffer und sage Deinem Herrn, er möchte gleich heimkommen, es sei ein Dieb im Hause."
„Ach, ein Dieb!" kreischt die Magd.
„Schweige, Du dummes Ding!" zürnte der Meister Lux, „wollte ich Lärm auf der Straße, so hält' ich ihn selber machen können. Den Kerl hab' ich fest, schaffe Du nur bald Meister Bretzel her."
Die Magd riegelte die Hausthüre auf und rannte wie toll davon.
Meister Lux fetzte sich gelassen wieder in den Lehnstuhl und that, was er hatte thun wollen, als der Dieb gekommen war: er schlug Feuer und zündete die Pfeife an.
Der Dieb fing an, zu kapituliren mit scheinbar verstellter Stimme. Er offerirte die Herausgabe des Gestohlenen nebst einem Lösegelde von 3 Dukaten, die er noch bei sich habe.
„Meister Bretzels Sache!" brummte der Fleischer. „Weiß ich denn, wie viel Du gestohlen hast?"
So oft auch der Antrag und die kläglichsten Bitten um Entlastung wiederholt wurden, Meister Lux antwortete entweder gar nicht oder sagte: „Meister Bretzels Sache!"
Endlich erhellte Laternenschein die Straße. Die athemlose Rosine hatte die ganze Gevatterschaft mobil gemacht, und Meister Bretzel rückte an der Spitze einer kleinen Armee heran. Aber nur der Feldherr allein hatte den Muth, in die Stube einzudringen.
„Wo ist denn der Dieb?" fragte er.
„Dort steht er in der Ecke."
Meister Bretzel wendete die Laterne.
„Potz tausend," schrie er, „das ist ja der Herr Gevatter."
Und er war es, der Kindtaufvater, der Herr Gevatter Pfeffer. Er stammelte etwas von „Gevatterspaß" daher, und wäre vielleicht damit durchgekommen,