Einzelbild herunterladen
 

M 247 Mittwoch, den 27. Oktober 1897. 24. Jahrgang

FiildaerMZeituiig

mit Unterhaltungs-KeUage „Sterne uns Klnmeu".

Erschemt »„»ck Sonn, mtb Feiertag« ausgenommen. — Vierteljährlicher AbonnementSpreiS ohne Bringerlohn und Bestelkgeld in Knkda und auswärts 1 Mark 50 Psemrig. Inserate kosten dir einspaltige Garmondzeile oder deren Raum 15 Pf., Reklamen die Petitzeile 25 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

Tie Rede des hochw. Herrn Weih­

bischofs Dr. Schmitz, deren wesentlichen Inhalt wir gestern mittheilten, hat -in ganz Deutschland, bei den Katholiken sowohl wie bei den Andersgläubigen, Beachtung gefunden. Die protestantisch-orthodoxe,Kreuzzeitung' druckt den ganzen Wortlaut ab ohne jeden Zusatz. Die Rede muß ihr also wohl gefallen haben und wir müsfen annehmen, baß sie mit dem Abdruck den Herren Dr. Barkhausen, .Thümmel und anderen „evangelischen Zeugen" eine Lehre hat geben wollen. Gut wäre es gewesen, wenn -sie als Gegenstück das „Flugblatt des Vereins für christliche Volksbildung in Rheinland und Westfalen" abgedruckt hätte, worin die evangelischen Arbeiter verhetzt und zum Eintritt in den Evangelischen Bund aufgefordert werden.

Die Rede des Weihbischofs Dr. Schmitz in Cre- ffeld findet auch den Beifall des bekannten Bismarck- blattes, der „Hamb. Nachr.", die allerdings auch behaupten, daß von katholischer Seite der konfessionelle Friede gestört worden sei. Die Behauptung, wenn alle deutschen Kleriker so vernünftig dächten, wie der Weihbischof Dr. Schmitz, so wäre niemals ein Kultur­kampf nöthig gewesen, muß man auf Rechnung des bekannten Bestrebens schreiben, dem Fürsten Bismarck die Verantwortung für jede mißglückte Aktion, also auch den Kulturkampf, abzunehmen. Das Blatt hofft, daß die verständigen Mahnungen des Weihbischofs auch die Beachtung der protestantischen Heißsporne fänden. Die Hoffnung wird leider wohl nicht in Er­füllung gehen. Das Blatt thut jedenfalls das Seine dazu, daß es nicht geschehe, indem es an seine Mah­nung sogleich die Bemerkung knüpft, feit der Existenz des Centrums litten wir unter einem ungesunden Zustande; das Verschwinden desselben müsse nächst der Bekämpfung der Sozialdemokratie die wichtigste Aufgabe aller Patrioten sein.

Von der freikonservativen Host', dem Organ des Herrn Stumm, wird die Rede des Hochw. Herrn Weihbischofs benutzt zu Mahnungen an die Cen­trumspartei, an die Katholikenversamm­lungen und die katholische Presse, die es an - christlicher Toleranz gegenüber den Protestanten mangeln lassen sollen. Dem Centrum wird vor allem die Be­handlung der Paritätsfragen vorgeworfen. Das fehlte allerdings gerade noch, daß wir uns die imparitätische Behandlung ruhig gefallen lassen sollten, um den Vor­wurf zu vermeiden, daß wir den Frieden störten. Der katholischen Geistlichkeit hält die ,Post' vor allem ihre Haltung gegenüber den Polen vor, während sie in dieser Beziehung den Kardinal Fürstbischof Kopp lobt. Wenn ihr in den polnischen Landestheilen so viel an dem Frieden gelegen ist, sollte die Host' doch auch einmal die Hakatisten etwas zurückhallen, statt sich zu deren Hauptorgan zu machen. Endlich glaubt die ,Post', „der ganze Ultramontanismus" sollte die Worte des Weihbischofs Dr. Schmitz zu Herzen nehmen, denn feine ganze Taktik in den meisten Fällen, wo die einzelnen Parteien um den großen Sieg bei den Wahl­kämpfen ringen, sei auf Begünstigung der Elemente der nationalen Zersetzung gerichtet; vor allem die Rufer im Streite handelten der Staatswohlfahrt zuwider. Das Einfachste, um die Host' zufrieden zu stellen, ist wohl, daß alle Katholiken Freikonservative wählen, t>ann dienen sie dem konfessionellen Frieden und dem Wohle des Vaterlandes. Die Host' wird aber darauf wohl noch etwas warten müssen.

Aus protestantischen Kreisen Sachsens wird der ,Germania' über die Rede geschrieben: „Die Rede des Herrn Weihbischofs Schmitz von Köln in Crefeld hat auch hier einen tidfen Eindruck gemacht. Sie ist die beste Antwort auf die in der­selben Stadt letzthin geschehenen, zum Theil scham­lose Angriffe der Bündler gegen die katho­lischen Kirche. Die prächtige, durchaus vor­nehme und würdige Art, in der hier alle jene Gehässigkeiten und Hetzereien taktvoll zurückgewiesen werden, muß überall imponiren. Worte, wie: „Schulter

an Schulter haben wir im Kriege 1870 neben ein« andergekämpft für die Freiheit und die Ehre des Vaterlandes; durch das Blut, das in den Schlacht­feldern vergossen ward, sind wir zusammengekittet. Und wer heute kommt und diesen Kitt lösen will durch konfessionelle Entzweigung, der begeht ein Ver­brechen am Vaterland," müßten in Erz gegraben werden! Die herrliche Rede des Bischofs sollte im Druck den Thümmeleien gegenüber gestellt und so in Millionen Exemplaren als Flugblatt — zur Lehr und Wehr — durch Deutschland, auch besonders in protestantischen Kreisen, verbreitet werden. Sie ist geeignet, der katholischen Kirche und ihren so echt christlich denkenden vornehmen Vertretern warme Freunde zu gewinnen und diejenigen, welche sich dem Hetzbunde noch nicht völlig abgewandt haben, dazu zu veranlassen. Dem Hochw. Herrn Weihbischof Dr. Schmitz aber innigsten Dank für feine wahr­haft erquickenden Worte voll echter Toleranz und christlicher Milde!"

In S o e st fand am Sonntag eine Provinzialver­sammlung des westfälischen Havptoereins des Evan­gelischen Bundes statt. Auch hier kam die Rede des Weihbischoss zur Sprache und natürlich zog man es vor, statt sie ein wenig zu beherzigen, sie den „Ultramontanen" zur Beachtung zu empfehlen. Das ist ja nun einmal die übliche Heuchelei. Immer wird ungeheurer Lärm gemacht, daß von „römischer" Seite der Friede zuerst gebrochen sei, die Thatsache aber, daß auf allen Bundesversammlungen stets gehetzt worden ist, auch ohne alle „römische" Herausforderung, wird hartnäckig ignorirt.

Die eigenartigste Anwendung aber hat die Rede des Herrn Weihbifchofes in Baden gefunden. An der Spitze der erzkulturkämpferischen ,Bad. Landesztg.' findet sich nämlich in Fettdruck folgender Wahl­aufruf: „An die Wähler! „Wer die konfessionelle Entzweiung schürt, begeht ein Verbrechen am Vater­land", hat der Weihbischof Dr. Schmitz von Köln in Crefeld dieser Tage gesagt. Das Cent rum unter Wacker's Führung schürt bei uns die konfessionelle Entzweiung; wer es daher mit dem Vaterlande gut meint, gibt nirgends einem Manne die Stimme, der der Wacker'schen Fahne folgt! Dagegen wird am Mittwoch, dem 27. Oktober, niemand an der Wahl­urne fehlen, der im Interesse des Vaterlandes das friedliche Zusammenleben der Konfessionen fördern will!"

Deutsches

Berlin, 26. Oktober.

Der Koföericht meldet: Der Kaiser empfing Dienstag den 26. Oktober Vormittags den ehemaligen Staatssekretär, Freiherrn Mar­schall von Biederstein. Dieser weilt, wie be­richtet, in diesen Tagen in Berlin, um sich endgiltig von seinem bisherigen Posten zu verabschieden, den er nun mit dem Botschafterposten in Konstantinopel vertauscht. — Der Reichskanzler Fürst zu Hohen­lohe hat seine Rückkehr nach Berlin abermals um einen Tag verschoben. Seine Ankunft ist nunmehr für Mittwoch angesagt. — Am Viktoriasee ist der frühere Bezirkshauptmann von Pangani, C. von Rode, an Dysenterie gestorben. Herr von Rode war seit 1887 im deutschen Kolonialdienst thätig. — Staatssekretär Freiherr von Thielmann ist am Dienstag von Stuttgart nach München weitergereist. — Der Präsident des Evangelischen Oberkirchen- rathes, Geheimrath Dr. Barkhausen, ist durch einen Fall in dem Städtchen Erkner bei Berlin, wo eine evangelische Kirche eingeweiht wurde, verletzt worden, so daß er genöthigt ist, einige Tage in Erkner zu bleiben. — Für den Bau einer neuen evangelischen Kirche in Wilhelmshaven hat der Kaiser die Summe von 200 000 Mark beigesteuert.

X Noch unaufgeklärt sind die Gründe, die den Iaren veranlaßten, den Besuch des Großherzog­lichen Paares von Baden in Darmstadt abzu­lehnen. Denn die Begründung, daß dadurch die Reise- Anordnungen des Zaren umgeworfen worden wären, wird natürlich niemand für ausreichend ansehen können. Aber in der That scheint die Tonart, in der die Mel­dung der ,Karlsruher Zeitung' über die Thatst che der Ablehnung des Besuches abgefaßt war, ein w nig zu scharf gewesen zu sein. Politische Gründe, die oen

Zaren zu dieser Schroffheit veranlaßt haben könnten, liegen ja gewiß nicht vor. Wenigstens sucht man nach solchen völlig vergebens. Alle Zeitungen be­schäftigen sich mit der Angelegenheit.

Den Merkirrer Offiziösen ist die Erkenntniß dafür gekommen, daß die bisher beliebte Agitation für die Flottenpläne nicht zu dem gewünschten Ziele führen kann. In diesem Sinne schreibt die Berliner Host': „Vielfach bemüht man sich in der Preffe, Stimmung für die Bewilligung der ... . Forderungen für Schiffsbauten dadurch zu machen, daß aus der großen Erweiterung der überseeischen Thätigkeit Deutschlands auf kommerziellem und kolo­nialem Gebiete ... die Nothwendigkeit der Ver­stärkung der Flotte hergeleitet wird. Ausführungen dieser Art.... sind aber nur zu geeignet, das Gegentheil von der beabsichtigten Wirkung zu erzielen, nicht Stimmung für, sondern gegen die Flottenforderungen zu machen . . . ." Sehr richtig. Dagegen behauptet die Host': „Daß bei der günstigen Lage der Finanzen eine in mäßigen Grenzen gehaltene Verstärkung des Marine-Etats und namentlich des Extraordinariums durchaus an­gängig ist, hat auf Grund des vorliegenden Zahlen­materials so klar nachgewiesen werden können, daß die Gegner dagegen nicht mehr direkt anzukämpfen wagen." Mit Verlaub, wann und wo ist denn dieser Nachweis erfolgt? Wir wissen nichts davon. Aber wir wenigstens sind ehr­lich genug, zunächst erst die Vorlage selbst abzuwarten, ehe wir noch weiter gegen sie ankämpfen und sie über­haupt noch besprechen wollen. Ohne diese Kenntniß hat alle weitere Auseinandersetzung keinen Zweck.

X Auch für uns in Deutschland interessant ist das Vorgehen der Handels- und Gewerbe­kammer von Reichenberg in Böhmen gegen die neuen DolkmafiregeknderDereimglenStaaleu von Nordamerika. Die genannte Kammer, die den stärksten Textil-Bezirk in Oesterreich-Ungarn ver­tritt, wird ungesäumt die österreichische Regierung um Schritte ersuchen zur Erzielung eines gemeinsamen Vorgehens der europäischen Industrie- Staaten gegen diese Absperrungs-Maßregeln der nordamerikanischen Staatenunion.

h. Das Militärgericht in Metz hatte sich ge­weigert, gegen den Premierlieutenant von Putt- kam er eine Haftstrafe von vier Wochen vollstrecken zu lassen, die das Oberlandesgericht in Halle gegen den Offizier verhängt hatte. Herr von Puttkamer hatte sich geweigert, seiner gerichtlich von ihm ge­schiedenen Frau das dieser zugesprochene Kind aus­zuliefern; und die über ihn verhängte Haflstrafe sollte den Widerstand gegen diesen Gerichtsbeschluß brechen. Jetzt hat das Metzer Militärgericht seine Verpflichtung zur Vollstreckung des Urtheils anerkannt und dem­gemäß den Offizier angewiesen, die gegen ihn erkannte Haftstrafe in der Festung Magdeburg abzubüßen.

ti Die Wationak-Soziaken entwickeln eine sehr emsige Thätigkeit bei der Ersatzwahl im Wahlkreise Oldenburg-Plön, wo sie den Redakteur Da­maschke als Kandidaten aufgestellt haben. Einer bisher vereinzelten Zeitungsmeldung zufolge soll der konservative Kandidat v. Tungeln „infolge von Uneinigkeit mit dem Bunde der Landwirthe die Kan­didatur abgelehnt haben".

* Bezüglich der Wermerke in Hniltuugskarlen hat der zweite Strafsenat des Reichsgerichts kürzlich folgende Entscheidung gefällt, die die weiteste Be­achtung verdient. In die Quittungskarte eines Ar­beiters war eine Beitragsmarke eingeklebt, auf der der Betreffende unter dem Entwertungstage noch die Firma des Arbeitgebers vermerkt hatte. Das Reichsgericht hat dies entgegen der Annahme der Vorinstanzen nach den §§ 108 und 151 des Jn- validitäts- und Altersversicherungsgesetzes für straf- b ar erklärt mit dem Bemerken, daß gerade solche Vermerke, wie der zur Erörterung stehende, durch das Gesetz hätte getroffen werden sollen. Der Ge­setzgeber habe gerade verhüten wollen, daß ein späterer Arbeitgeber aus der Quittungskarte beziehungsweise der Entwerthung ersehen könne, in welchem speziellen Betriebe der Inhaber der Karte früher beschäftigt gewesen sei.

* Die preußischen Eisenbahndirektionen bestimmen über Verwendung von Personen zur Verwaltung von