Dienstag, den 26. Oktober 1897
tr 246
21. Jahrgang
mcrWZcitlliig
mit Urrterhaltnngs-Keilage „Sterne und Klnmen".
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Ein wohlthuender Gegensatz.
Eine herrliche Rede war es, welche der Hochwürdigste Herr Weihbischof Dr. Schmitz von Köln in der vorigen Woche zu Crefeld gehalten hat in einer Fest-Versammlung katholischer Männer, veranstaltet aus Anlaß des Abschlusses einer vierzehntägigen Firmungsund Visitations-Reise des Hochw. Herrn im Dekanate Crefeld. Der Beginn der Firmungsreise des hohen Kirchenfürsten im Dekanate Crefeld fiel zusammen mit der General-Versammlung des „Evangelischen Bundes", welche durch maßlose Angriffe auf unsere heilige katholische Kirche und ihre Lehren, durch persönliche Angriffe aus den heiligen Vater in Rom bekanntlich sich ganz besonders unrühmlich hervorgethan hat. ' Es lag daher sehr nahe, daß der hohe Kirchenfürst in dieser Fest-Versammlung sich auch mit diesen unmotivirten und kränkenden Ausfällen befaßte, die jeder aufrichtige Freund des Friedens zwischen den beiden christlichen Konfessionen nur von Herzen bedauern muß und die nur allzusehr geeignet sind, den Frieden zu stören. Die Ausführungen des Hochw. Herrn Bischofs, welche selbstredend in wohlchuendem Gegensätze stehen zu den bezeichneten Hetzereien der Bundes-Redner, haben also auch für weitere Kreise ein besonderes Interesse und wir wollen daher nicht werfehlen, wenigstens einige Hauptstellen der Rede hier wiederzugeben.
Nachdem der Hochwürdigste Herr zunächst seiner Genugthuung darüber Ausdruck gegeben hatte, daß er im Dekanate Crefeld überall ein recht lebendiges Interesse gefunden habe, das sich in der Stadt Crefeld n. A. durch Errichtung neuer Kirchen so glänzend bekundet habe, fuhr er weiter fort:
„Meine Herren! Lassen Sie es mich Ihnen im Anschluß hieran überhaupt warm ans Herz legen, i>aß wir uns recht festigen im Glauben und daß wir uns vertiefen und befestigen in unserem kirchlichen, katholischen Leben! Sie kennen wohl Alle die Erzählung von jenem Manne, der, mit einem weiten Mantel versehen, auf seiner Wanderung gegen starken Sturm anzukämpfen hatte. Er gab sich die größte Mühe, er versuchte sich gegen den Sturm zu ver- theidigen, der wüthend gegen ihn tobte. Alle Mittel chatte er schließlich versucht, als er auf das letzte verfiel, er hüllte sich fester in seinen Mantel und ging beherzt durch den Sturm hindurch. So wollen .auch wir handeln, meine Lieben! Mag es um uns stürmen und toben, mag es wüthen und drängen: wir ziehen fest an uns den Mantel der katholischen Gesinnungstreue, der katholischen Ueberzeugung, ja -fester hüllen wir uns in ihn, mehr als je zuvor. (Lebh. Beifall.) M. H.! Wie wir uns gegen solche Stürme und widrige Winde zu verhalten haben, das hat uns der göttliche Heiland selbst in idealer, ja in göttlicher Weise nahegelegt, indem er von der großen Geduld sprach, die wir im Kampfe gegen widrige Elemente besitzen müssen. Und er hat es uns weiter bekundet durch den Mund des Apostels Paulus, der gesagt hat: „Maledicimur et benedicimus — blas- phemamur et obiecramur! Das heißt: Wir werden gelästert, und wir segnen — man flucht uns, und wir beten! (Stürmischer Beifall.) Das, meine Herren, allein ist echt evangelisch, und gar nichts anderes. (Stürmischer Beifall.) Und wenn man Blasphemien gegen das allerheiligste Altarssakrament schleudert, die uns bis in die tiefste Seele verletzen nnd betrüben müssen, dann werfen wir uns nur mit um so innigerer Andacht zu den Füßen des Heilandes im allerheiligsten Altarssakrament nieder und beten ihn an! (Stürmischer, nicht enden wollender Beifall.) Ja, meine Herren! Wir werden gelästert, aber wir segnen! Und wenn die geheiligte Person des Papstes zu unserem' tiefften Schmerze in den Staub gezogen wird, dann müssen wir als katholische Männer uns um so fester zusammenschaaren, indem wir rufen: Man mag das Oberhaupt der Kirche lästern — wir beten für ihn, der unser heiliger Vater ist. (Stürmischer, anhaltender Beifall.) Wir ziehen den Mantel unserer katholischen Ueberzeugung nur um so fester
um uns, je mehr man uns flucht und beschimpft i Das ist die große Duldung, das ist die heilige Toleranz eines friedlich gearteten Gemüths, die wir nirgends anders gelernt haben, als in unserem Religionsunterricht, und die wir üben von der Kindheit bis zum Greisenalter. (Stürmischer Beifall.)
Mit dieser christlichen, religiösen Duldung, frei von jedem Anreiz, Gleiches mit Gleichem zu vergelten, werden wir, das ist ganz sicher, auch die Herzen unserer Gegner gewinnen. Meine Herren, ich habe diese Erfahrung schon oft gemacht. Es war im Feldzuge der Jahre 1870/71, als ich als Militärgeistlicher im Felde stand. Ich verkehrte damals täglich und fast ausschließlich mit evangelischen Offizieren. Und dieser Verkehr hinterließ so angenehme Erinnerungen, daß viele dieser Herren noch nach 25 Jahren, bei Gelegenheit der 25jährigen Jubelfeier der Gründung des deutschen Reiches, mir Begrüßungsbriefe sandten, in denen sie mich ihrer dauernden Verehrung versicherten. In diesen Kreisen war ritterliche Art und Bildung viel zu entschieden vertreten, als daß man es gewagt hätte, auch nur mit einem Worte mich in meiner katholischen Ueberzeugung zu verletzen. (Stürmischer Applaus.)
Wir leben in einem Lande, wo die Bevölkerung gemischt ist nach ihrem religiösen Bekenntniß, wo namentlich die beiden großen Konfessionen, die katholische und die evangelische, nebeneinander bestehen. Da muß ein jeder Vaterlandsfreund die ernste Pflicht empfinden, alles zu vermeiden, was die Geister zur konfessionellen Entzweiung führen könnte. (Sehr wahr.) Wenn in unserem Vaterlande sich die Drachen konfessioneller Zwietracht unaufhörlich bekämpfen, dann kann die Veste des deutschen Reiches nicht feststehen in alle Zukunft. (Lebhafter Beifall.) Schulter an Schulter haben wir im Kriege 1870 nebeneinander gekämpft für die Freiheit und die Ehre des Vaterlandes. Durch das Blut, das in den Schlachten vergossen ward, sind wir zusammengekittet. Und wer heute kommt und diesen Kitt lösen will durch konfessionelle Entzweiung, der begeht ein Verbrechen am Vaterland. (Stürmischer Beifall.)
Meine Herren, es ist nöthig, den konfessionellen Frieden zu wahren auch in Rücksicht auf die wirth- schaftliche Frage. Im wirthschaftlichen und sozialen Leben bewegen Katholiken und Protestanten sich auf demselben Gebiet, in denselben Betrieben, Werkstätten rc. Es ist nicht möglich, Gewerbe und Arbeit konfessionell zu trennen. Im Hinblick darauf ist es die Pflicht aller Gutgesinnten, den konfessionellen Frieden gerade auch in der Arbeiterbevölkerung zu erhalten und zu befestigen. In der That, meine Herren, wer heute die konfessionelle Verhetzung in die Massen trägt, der ist der willkommenste Handlanger für die Geister des Umsturzes, die sich vergnügt die Hände reiben, wenn sie sehen, wie diejenigen in Hader mit einander entzweit sind, welche ihre gemeinsamen Gegner sein sollten. Hüten wir daher uns wohl, in den Fehler konfessioneller Hetze, unsererseits zu verfallen! Und wir werden uns davor bewahren am sichersten, wenn wir treu und innig hängen an unserer heiligen Kirche." (Lebhafter Beifall.)
Redner schloß seine begeisterten Ausführungen mit dem Hinweise auf die in Crefeld im nächsten Jahre tagende General-Versammlung der Katholiken Deutschlands: „Der herrlichste Empfang, den wir unseren kathol. Glaubensbrüdern bereiten können, wird der sein, daß wir sagen: Hier sind wir einig, ganz einig! Hier werfen wir um uns gegenüber allen Stürmen und Anfeindungen den Mantel katholischer Liebe und Treue! Proklamiren wir als Grundsatz die Devise, welche die alten Grafen von Berg in ihrem Wappenschilds führen: „Jch thue mit!" (Stürmischer Beifall).
Ob nicht Angesichts dieser von wahrer Friedensliebe und Duldung eingegebenen Worte sich manchen Theilnehmers der Crefelder Hetzversammlung ein Gefühl der Scham bemächtigt? Ueberhaupt ist es den Herren anscheinend nicht sonderlich wohl zu Muthe. Daß die auffallend kühle Antwort aus dem Civil- kabinet des Kaisers auf das Begrüßungs-Telegramm der Versammlung schwerlich ganz nach Wunsch der Herren war, haben wir bereits ftüher hervorgehoben. Sehr deutlich kommt diese Verstimmung im,Rhein.» Westf. Tagebl.', in welchem der protestantische Pastor Thümmel zu Remscheid gern seine „Offenbarungen"
von sich gibt und seine Galle gegen Rom und die „Römlinge" ablagert, zum Ausdruck. Dort findet sich neuerdings eine Auslassung, welche auch in weiteren Kreisen bekannt zu werden verdient. Das genannte Nebenorgan des „Evangelischen Bundes" bemerkt nämlich im Anschlüsse an die Miltheilung, daß die Antwort des Kaisers auf das Begrüßungs-Telegramm des „Evangelischen Bundes" von Crefeld aus knapp und kurz ausgefallen sei: „Der Kaiser kommt auf diese Weise nickt in den Verdacht, daß er den „Evangelischen Bund" dem katholischen Volksverein vorziehe. Den Ultramontanen wird damit ein Freudchen zu Theil, und der „Evangelische Bund" hat sich daran gewöhnt, unbeirrt um den Ton der kaiserlichen Telegramme seinen Weg zu machen." Also, schreibt hierzu Die ,Trem/, obwohl der Kaiser, der oberste kirchliche Vorgesetzte der Protestanten, der ,summu8 episcopus“ der evangelischen Landeskirche ist, hat sich der „Evangelische Bund" daran gewöhnt, „unbeirrt" um fein Lob oder feinen Tadel seinen eigenen Weg zu gehen! Das ist ja eine förmliche Auflehnung gegen die kirchliche Autorität des Kaisers und eine Verachtung dieser Autorität. Man muß Angesichts dieser Aeußerung des ausgesprochenen Organs des „Evangelischen Bundes" daran zweifeln, daß es dem „Bunde" mit seinen Ergebenheits-Kundgebungen gegenüber dem Kaiser wirklich Ernst ist.
Auch sonst scheint es mit den „Begrüßungen" zum Theil eine eigene Bewandtniß zu haben. So wurde z. B. in den Blättern viel Wesens gemacht aus einem Begrüßungs-Telegramm, das der Oberpräsident der Rheinprovinz, Exzellenz Nasse, der Versammlung gesandt haben sollte. Aus verbürgter Quelle können wir dem gegenüber mittheilen, daß der Herr Oberpräsident überhaupt keinBegrüßungs- Telegramm gesandt hat. Seine Kundgebung bestand vielmehr lediglich und einfach in einem Dank an den Vorsitzenden für das ihm zugefandte Programm der Versammlung. Von irgend welcher Begrüßung, Beglückwünschung oder sonstigen sympathischen Aeußerung stand in dem Schreiben kein Wort. Aus diesem reinen Höflichkeits-Akte den Schluß ziehen zu wollen, als billige der Oberpräsident die Hetzreden, die auf der Versammlung gehalten worden sind, wäre demnach ganz unangebracht und den Thals ach en nicht entsprech end.
Deutsches Deich.
Berlin, 25. Oktober.
* Reichskanzler Dürft zu KoHenkotze wird am Dienstag den 26. Oktober in Berlin zurückerwartet. Am Sonntag wurde er in Darmstadt vom Zaren empfangen.
* Staatssekretär Freiherr vo« Thiermann ist zur Besprechung mit dem württembergischen Finanz- minifter am letzten Montag in Stuttgart eingetroffen. — Staatssekretär Tirp itz hat sich am letzten Montag von Berlin nach Dresden begeben, um sich als neuer Staatssekretär beim König von Sachsen zu melden.
X Gleich Herrn Rud. von Bennigsen will auch der nationalliberale Abg. Kammacher nach Ablauf dieser Legislaturperiode keine Kandidatur mehr annehmen, weder für den Reichstag, noch für das preußische Abgeordnetenhaus. Dr. Hammacher hat bisher den Wahlkreis Duisburg-Mülheim-Ruhrort int Reichstage und im preußischen Abgeordnetenhause vertreten. Als Grund für seinen Rücktritt aus dem politischen Leben gibt Herr Dr. Hammacher fein hohes Alter an. Dem preußischen Abgeordnetenhause gehört Hammacher feit 1863, dem Reichstage feit 1868 an.
h Zwischen dem Zaren nnd dem Krotzherzog von Daden scheint etwas nicht in Ordnung zu fein. Wie der Karlsruher Hofbericht meldet, hatten die großherzoglichen Herrschaften die Absicht, am Samstag früh nach Darmstadt zu reifen, um dem Kaiser und der Kaiserin von Rußland und dem Großherzog und der Großherzogin von Hessen einen Besuch abzustatten. Der Großherzog erhielt auf seine Anfrage am Freitag Abend die Antwort, der Kaiser habe schon über die Tage bis zu feiner Abreise von Darmstadt verfügt und könne die Herrschaften daher nicht mehr empfangen. Eine derartige Veröffentlichung wäre schwerlich erfolgt.