Jtl 945 Montag, den 25. Oktober 1897 2 t. Iahrgarg
FuldaerMZeitliiig
mit Unterhaltungs-Beilage „Sterrre und Klumen".
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M Gegen Rom
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Zu den voraufgegangenen Angriffen „gegen Rom" ist ein neuer gekommen. Auch die Evangelische Landessynode für Württemberg hat einen solchen unternommen, wiederum in der Form eines Protestes gegen die Canisius-Encyklika des hl. Vaters. Aber schon die Tonart dieses Protestes läßt erkennen, daß es denjenigen, die den Protest beschlossen, weniger auf einen sachgemäßen Beschluß, als vielmehr darauf ankommt, durch die scharfe Sprache der Agitation die Massen aufzureizen. Wie der evangelische Geschichtsforscher Paulsen die ganze Reformation sehr treffend als eine kirchliche Revolution gebrandmarkt hat, so. suchen heute die führenden Männer im Protestantismus die Geister nicht zu gewinnen auf dem Wege des ruhigen, sicheren und positiven Schaffens, sondern immer und immer wieder von Neuem sieht man sie zu dem alten Mittel der Revolution greifen, um die Massen zu bewegen zur Aufreizung gegen die alte, die einzige Kirche, und gegen deren sichtbares Oberhaupt den hl. Vater in Rom. Ein solcher Protestantismus speist seine Anhänger nicht mit Früchten, die er selbst bringt. Er lebt nur von dem, was er der Kirche genommen hat, und er muß, will er am Leben bleiben, seine Anhänger immer mit Mitteln aufstacheln aus dem Vorrathe der Revolution.
Der Protest, den die Evangelische Landessynode für Württemberg beschlossen hat, lautet wörtlich:
„Die fünfte evangelische Landessynode Württembergs weist die Schmähungen gegen Luther und die deutsche Reformation, die in dem anläßlich der Canisiusfeier ergangenen Rundschreiben des Papstes enthalten sind, als eine empörende Bes chimpfun g der evangelischen Christenh eit mit einmüthiger Entschiedenheit zurück."
Und in der Begründung dieses Beschlusses ist die Rede davon, daß die „evangelische Christenheit lange, zu lange schon solche zügellose Auslassungen schweigend angehört hat, und ein guter Theil von Protestanten mißt ihnen gar keine Bedeutung b e i, weil er sie überhaupt nicht ernsthaft nimmt". Das heißt, ein guter Theil der Protestanten ist, wie bekannt gleichgiltig gegen Alles geworden, was Kirche heißt, und ein anderer Theil hat bereits eingesehen, daß das, was sich Wesen des Protestantismus nennt, ein Nichts ist und daß es gar nichts gibt, was sich im Protestantismus mit Reckt eine einige Kirche ne imn könnte!
Was die Canisius-Encyklika des hl. Vaters sagt, ist die volle Wahrheit der Geschichte, die man dadurch nicht aus der Welt schafft, daß man ganz einfach behauptet, sie sei nicht wahr, und die man dadurch noch weniger entkräftet, daß man gleichzeitig mit der sogenannten „Abwehr" die Person des hl. Vaters beschimpft. Man kann aber nicht ohne Beschimpfungen auskommen, denn sonst kann man überhaupt nichts vorbringen.
So hat es die 50. Hauptversammlung des Gustav- Adolf-Vereins gehalten, an ihrer Spitze der Präsident des preußischen evangelischen Kirchenrathes, Geheimrath Dr. Barkhausen mit seinem „evangelischen Bekenntniß", das nun in Zehntausenden von Flugblättern unter die Massen vertheilt wird. So, und dabei in ganz besonderer Tonart, hielt es die Generalversammlung des „Evangelischen Bundes" in Crefeld. Wiederum so macht es die Evangelische Landessynode in Württemberg, und nun fehlen nur noch die entsprechenden Körperschaften in Bayern, Sachsen u. s. w., um den schönes Kranz voll zu machen.
Zu dem allen kommt nun noch die Ankündigung, daß die Nationalliberalen im preußischen Abgeordnetenhause einen Antrag einbringen wollen auf B e s e i t i g u n g der preußischen Gesandtschaft beim Vatikan, und es kann nicht fehlen, daß immer klarer bei allen Katholiken die Ueberzeugung wird davon, daß es sich hier um ein System handelt. Wir haben diese Ansicht von Anfang an vertreten. Von Anfang an konnten wir uns nicht entschließen, die Nachricht
spaßhaft aufzufaffen, daß für das preußische Abgeordnetenhaus ein solcher Antrag beabsichtigt sei. Denn zu viele einander ähnliche und entsprechende Erscheinungen kamen auf einmal zusammen, als daß man nicht an ein System glauben sollte. Jetzt schreibt auch die ,Germania':
„Es liegt System in den sich häufenden Protesten gegen „Rom" und die Canisius-Encyklika."
Aber nur zu mit dem System! Denn irgend etwas wie Furcht kann es uns wahrhaftig nicht einflößen. Und wenn jener Antrag im preußischen Abgeordnetenhause wirklich eingebracht wird, kann er uns vielleicht sogar Nutzen bringen. Denn es müßte sich unfehlbar eine lebhafte und sehr eingehende Auseinandersetzung daran anschließen, und diese würde dann von neuem Helle Schlaglichter werfen auf das, was die Wahrheit ist. Manchen Leuten im Lande würden die Augen noch bester aufgehen darüber, auf welcher Seite das Recht ist: auf derjenigen, die sich nicht genug thun kann im „Kampfe gegen Rom", oder auf unserer Seite, die wir unerschütterlich fest stehen auf dem Boden der ewigen Grundsätze, die sich ausprägen in den Begriffen Wahrheit, Freiheit und Recht!
Deutsches Reich.
Berlin, 23. Oktober.
* Die Ordnung der dem Kaiser allwöchentlich zu erstattenden Vorträge wird in der ,Post' mit- getheilt. Als der Kaiser in Hubertusstock die Vorträge des Kriegsministers und des Chefs des Militär- kabinets, sowie später des Staatssekretärs des Marineamts und des Chefs des Marinekabinets entgegengenommen hatte, hatten verschiedene Blätter in der Voraussetzung, daß es sich um die Militärstrafprozeßordnung und die Marinevorlage gehandelt habe, es auffällig gesunden, daß der allem verantwortliche Reichskanzler nicht zugegen gewesen sei. Demgegenüber bemerkt die ,Post', daß es sich in Hubertusstock um die regelmäßigen Vorträge gehandelt habe, die der Kaiser sonst im Neuen Palais oder im Schloß entgegenzunehmen pflege. Der Kaiser hört dem genannten Blatt zufolgeregelmäßig im Laufe, der Woche folgende Vorträge: Montags des Chefs des geheimen Civil- kabinets und danach die Marinevorträge, Dienstags des Chefs des Militärkabinets, Mittwochs des Chefs des geheimen Civilkabinets, Donnerstags des Kriegsministers und des Chefs des Militärkabinets; Freitags finden gewöhnlich keine Empfänge statt, Se. Majestät arbeitet an diesem Tage fast ununterbrochen allein; Sonnabends Vortrag des Chefs des Generalstabes der Armee und des Chefs des Militärkabinets. Diese Vorträge läßt er sich, wenn irgend möglich, auch auf den Reisen regelmäßig halten; allerdings erfährt die Ordnung dann nicht feiten Abänderungen, die durch das Eintreffen der Kuriere und andere Umstände geboten sind. Daß auch sonst Ausnahmen gemacht werden, ist ebenso selbstverständlich, wie daß auch andere Empfänge und Vorträge neben den gewöhnlichen eingeschoben werden müssen.
X Auch in zuständigen Regierungskreisen ist man unzufrieden damit, daß die Marine-Dorkage nicht, wie anfänglich geplant gewesen war, durch den ,Reichsanzeiger' vor Beginn der Sitzungen des Reichstages veröffentlicht werden darf — oder aber, und das möchten wir für noch wahrscheinlicher halten, man stellt sich so an, als wäre man es, und man benützt diesen Umstand, um damit aufs neue Propaganda zu machen. „Wenn irgendwo" — so behauptet die ,Post' — „so wird gerade im Reichs-Marine-Amt bedauert, daß man die Vorlage . . . vor der Hand nicht veröffentlichen darf. . .die Marineverwaltung befürchtet von der Veröffentlichung der Vorlage nicht allein keinerlei ungünstigen Eindruck, sondern erwartet gerade das Gegen- theil." Das ist eine erstaunliche Zuversicht, so erstaunlich, daß sie uns fast unheimlich vorkommt in ihrer Sicherheit. Sollte sich die Marineverwaltung nicht dock ein wenig täuschen über die süß verlockende Gewalt ihrer Flotten-Vorlagen?
* „Vor einem inneren Jena", d. h. vor einer Niederlage, die einer Vernichtung gleichkommt, steht die preußische Regierung, wenn sie nicht denGe- sandten am Vatikan abberuft. So meint nämlich die /Nationalliberale Korrespondenz'. Im
Gehirn dieses „Langkopfes" scheint es bedenklich auszusehen.
* Um Mißverständnissen vorzubeugen, bemerkt die Konservative Korrespondenz', daß die Konservativen kaum sich entschließen werden, für Ileichstags- Diäte« einzutreten. Oh, das glauben wir auch schon ohne diese Versicherung!
O Mit welchen Mitteln der in sich selbst zusammenfinkende Liberalismus arbeitet, um sich neue Anhänger und neuen Boden zu verschaffen, ersieht man wieder einmal recht deutlich aus einer wunderlichen Darlegung eines Berliner Fortschrittsblattes. Dieses hat die Entdeckung gemacht, daß das ringsum wuchernde Mißtrauen in die bestehenden Verhältnisse zurückzuführen ist auf —die Schulgesetzvorlage des Grafen Zedlitz! Die Zeitung scheint auch ganz besonders stolz zu sein auf die Entdeckung, daß diese Schulgesetz-Bestrebungen wohl noch nicht für alle Zeit aufgegeben seien . . . .! Als ob nicht jeder einzelne Centrumswähler die Gelehrten dieses weisen Blattes aufklären könnte darüber, daß der Kampf um die christliche Schule niemals aufhören wird, so lange noch ganze Christen in Preußen und in Deutschland wohnen. Den Herren in jenem Blatte selbst mag freilich diese Sorte Menschen recht selten in ihren Gesichtskreis kommen.
X An der Sost-Konferenz im Reichspostamte am letzten Freitag haben Vertreter theilgenommen von 16 deutschen Handelskammern, des Deutschen Handelstages, die Aeltesten der Berliner Kaufmannschaft und des Vereins Berliner Kaufleute und Industriellen. Am Sonnabend folgte alsdann eine Besprechung, an der Vertreter der Landwirthschaft theil- nahmen. Ueber die Einzelheiten der Verhandlungen verlautet bisher, daß außer den schon mehrfach erwähnten Reformen auf dem Gebiete des Tarifwesens auch Vorschläge für eine Vereinfachung des technischen Betriebes besprochen worden sind. Ein wenig wundersam liest es sich jetzt in einer halbamtlichen Korrespondenz, daß man bei „näherer Betrachtung" sieht, daß „die Einrichtungen und der Betrieb unseres Post- und Telegraphenwesens nicht durchweg mehr auf der Höhe der Zeit stehen, und seit etwa zehn Jahren ;ber fortschreitenden Entwickelung nicht immer gefolgt sind ..." Wer das noch vor einem halben Jahre zu sagen sich erkühnt hätte!
* Nicht nur von preußischer militärischer Seite, sondern auch von der Regierung eines anderen Bundes st aates sind nach einer halbamtlichen Meldung starke ZLedenken gegen die Heffentkich- Keit des DerfaHrens bei der Reformder Militär- Strafprozeß-Ordnung geltend gemacht worden. Das wundert uns weiter nicht. Denn ein Mangel an Einsicht für das, was die Mehrheit des Volkes wünscht, braucht ja nicht nur ganz allein in Preußen vorhanden zu sein. Aber wenn Meldungen von solchen Kundgebungen Eindruck machen sollen, dann müßten sie allermindestens von einer ganzen Reihe von Bundesstaaten dassebe berichten, was nun endlich nach langer Zeit von der Regierung eines andern Bundesstaates gesagt werden kann. Und in Preußen kann man nicht allein von der „Regierung" sprechen. Denn der oberste Beamte dieser Regierung, Ministerpräsident und Reichskanzler Fürst Hohenlohe, ist bekanntlich, wenn auch in recht verschämter und unschuldiger Weise, ein Freund des öffentlichen Verfahrens. Es ist auch recht schade, daß man nicht erfährt, wer denn eigentlich dieser andere Bundesstaat ist!
ti Der badische KöerKirchenrath hat dem Präsidenten Dr. Barkhausen „die wärmste Zustimmung zu den vortrefflichen Ausführungen ausgedrückt, welche Dr. Barkhausen auf dem Berliner Gustav-Adolf-Fest gemacht hat, und hat seine Zustimmung ausgesprochen ebenso zu der klaren Darlegung der Aufgabe und Bedeutung des Gustav- Adolf-Vereins, wie ganz besonders auch zu den gegen die päpstlichen Verunglimpfungen gerichteten Worten." Eine Zuschrift an die ,Kreuzztg.' aus Baden findet das ja ganz nett, fragt aber, ob der badische Oberkirchenrath auch den Worten des Dr. Barkhausen in dem Sinne habe zustimmen können, in welchem sie gemeint waren. Dr. Barkhausen forderte auf, mannhaft „an der Fahne, welche Luther und seine Mit-