Jg 244 Samstag, den 23. Oktober 1897. 24. Jaürgan,
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Nerfokgt.
'Dem Englischen von Marron Crawford nacherzählt von Cora von Schönburg.
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Ihr sanftes Zureden hatte ihn scheinbar beschwichtigt, und sie setzte sich in der Hoffnung, daß er bald einschlafen werde, neben das Bett. Ihre melancholischen Augen mieden das Licht, welches in schmalen Streifen wie ein Gruß aus der Außenwelt auf den Teppich fiel, und durch den leicht vornüber gebeugten Kopf zogen mancherlei Gedanken. Sie dachte über die Möglichkeit einer Flucht und über die Gefahren nach, welche ihrem Manne von Seiten der Polizei drohten. Selbst die Gewißheit, daß dieselbe bereits in Gestalt des Detektivs auf ihn lauerte, hätte ihre Sorgen kaum zu vermehren vermocht. Es war ihr, als stehe sie vor einem Wendepunkte ihres Lebens; aber die Entscheidung, welche sie erwartete, war ihr unklar. Das Einzige, was in all' ihren Sinnen klar und unbe-
Der Rosenkranz einer frommen Matter.
In einer armen Hütte, ans Gebirge gelehnt, wohnte ein siebenzigjähriges Mütterlein und ihr Sohn. Statt des letzteren war aber vielfach ein Fremder, fchlimmer Gast bei der Mutter im einsamen Stübchen, nämlich der Kummer, ein tiefer, schmerzlicher Kummer. Denn ihr Sohn wollte seit Jahren nicht mehr zu Hause bleiben und die Kuh und die drei Ziegen versorgen, die von jeher der ganze Reichthum seiner Eltern waren. Er, ein „Wilderer", schweifte Tag und Nacht herum auf den Bergen zur Jagd, den göttlichen und weltlichen Gesetzen zum Trotz. Alle Bitten und Thränen der Mutter blieben umsonst. Gallus, so hieß nämlich der Sohn, lebte nur feiner Leidenschaft. Er betete nicht mehr und schlich an dem Kirchlein auf dem Bergabhang stets scheu vorbei. Kein Wunder, daß der Rosenkranz Tag und Nacht nicht von den Händen seiner Mutter kam, und daß die Schnur davon nie trocken wurde. Das Mutterherz schrie unaufhörlich für den Sohn um Gnade.
Eines Tages nun kam ein rauher Jägersmann zu dem Mütterlein und sagte ihr, daß ihr Sohn droben liege zwischen den Spitzen zweier Berge, mit einer Kugel in der Brust und mit gebrochenem Fuße. „Der kommt nicht mehr lebendig herunter!" sprach er und
zweifelt vor ihr feststand, das war die Erinnerung an Charles Juxon's Großmuth. Er hatte ihr dieselbe unverändert von demselbe Tage an, wo er, ohne ein Schwanken in seiner Freundschaft auskommen zu lassen, ihre Geschichte angehört, bis zu dem Mordanfalle ihres Gatten bewiesen. Sie überlegte, während sie neben dem Kranken saß, ob es wohl Viele geben würde, welche in derselben Lage den gleichen Edelmuth gezeigt hätten, — den Edelmuth, welcher den Feind im Augenblicke der Gefahr zum Bruder macht. Der Pfarrer war ebenfalls edel und freundlich gegen sie gewesen, aber auf ihre Freundschaft mit Juxon war nie der Schatten einer Enttäuschung gefallen. Goddard hatte sie nie geliebt — Frau Goddard erröthete bei dem Gedanken — und gerade darin lag der Unterschied, welcher Juxon's Verdienste hervorhob.
Ob sie ihn liebte? Sie wußte es nicht. Sie besaß jene Einfalt des Herzens, welche nicht die Welt, aber der Himmel als eine besondere Tugend preist.
Goddard bewegte sich wieder und öffnete die Augen. „Mary," sagte er mit schwacher Stimme, „sie werden mich doch nicht fanoen?"
„Nein, Walter," beruhigte sie ihn, „schlafe ungestört weiter, es kommt Niemand."
„Ich gehe dahin, wo sie mich nicht mehr einfangen können--ich sterbe."
„O Walter, so darfst Du nicht reden," rief feine Frau. „Es wird gewiß bald besser werden. Der Dokror kann jeden Moment eintreffen."
„Dann wäre es besser, er beeilte sich," sagte der Kranke mit einem Anfluge von jener Rauhheit, wie er sie bei seinem ersten Besuche gezeigt hatte.
„Es hilft doch nichts, Mary. Ich habe darüber nachgedacht und ich bin überzeugt, daß ich schon sehr — sehr lange toll bin. Ich möchte sterben, Mary — dann könnte mich Niemand mehr einsperren — dann wäre ich ganz sicher —. Und Du würdest auch in Sicherheit sein — das ist viel werth."
Seine Stimme hatte einen so fremden, nachdenklichen Ton angenommen, daß ihm Mary Goddard mit steigender Angst zuhörte. Sie vermochte selbst nicht zu sprechen, die Aufregung lähmte ihr die Zunge.
„Ja, ich habe darüber nachgedacht," fuhr er fort, „ich bin zu nichts mehr gut — ich war nie zu etwas gut, Mary. — Vielleicht kann ich Dir durch meinen Tod nützen — schon — um — um aus dem Wege zu sein. Ja, Mary — es wird das einzige Gute sein, was ich für Dich that."
„O Walter, sprich nicht so — sprich nicht so!" rief seine Gattin in aufrichtigem Schmerze. „So kannst Du nicht sterben — denke an — an die andere Welt, Walter — so darfst Du nicht sterben."
Goddard lächelte matt — spöttisch, wie seine Frau meinte.
„Ich glaube nicht, daß ich vor morgen oder übermorgen sterben werde," sagte er, „aber leben möchte ich keinesfalls," fügte er mit plötzlicher Energie hinzu. „Verstehst Du mich? Ich will nicht leben!" Dann
wollte gehen. Das Mütterlein bat ihn aber dringend, doch die Männer zu Hilfe zu rufen im Dörflein drüben, und vor allem den Priester. „Der will vom Beichten nichts wisfen", antwortete der Jäger. „Laß mir keinen Priester herauf!" sprach er zu mir und fluchte greulich dazu. — Da brach das Mütterlein zusammen. Und doch bat sie den Trauerboten, da er ihr beistehen wollte, zu dem Priester zu eilen. Als er fort war, überlegte die Mutter: „Was thun?" Nach einer Minute stand das Mütterlein auf und sprach : „Büßen will ich für ihn in seiner Sterbestunde, so viel ich nur kann. Obwohl mir die Wege in meiner Hütte schon zu lang werden wollen, so will ich doch hinaufeilen zu meinem Sohn, die zwei Stunden Weges." Und sie nahm einen Becher mit, um ihm einen frischen Trunk bringen zu können, und ging und fing an zu steigen hinauf die Wiesenhügel — und dann hinauf durch den Wald — und dann hinauf über Steingerölle — und hinauf über die Felsen. — Bald blutete das Mutterherz nicht mehr allein, sondern die Füße bluteten mit und die Hände, welche in den Gesträuchen uud von spitzen Steinen beim Fallen wundgerissen waren. Das Mütterchen keuchte aus voller Brust und wischte den Schweiß mit ihren blutigen Händen aus ihren thränennassen Augen. — Jetzt kann sie nicht mehr, die arme, alte Frau!
sank er auf sein Kissen zurück und rief: „Bah, die Trauben sind sauer — ich könnte auch nicht, wenn ich wollte. O ja, ich weiß das Alles. Meine Sünden — nun — sie thun mir leid, Mary! Aber das ändert nichts mehr — die Leute lachen über — über die Bekehrung in der Todesstunde."
Er hielt ein. Seine Gedanken schienen umher zu wandern. Mary Goddard gab ihm zu trinken und redete ihm freundlich zu. Seine Bewegungen wurden schwächer, aber seine Unruhe steigerte sich.
„Mary, ich liege im Sterben — willst Du für mich beten? Du bist eine brave Frau. Einer — das glaube ich gewiß — wird Dein Gebet erhören. Bete, Mary — es ist dumm von mir — aber ich meine, es müßte mir dann besser gehen."
„Dann versuche mit mir zu beten, Walter," sagte Mary Goddard gefaßt. Es war, als werde sie in dieser Stunde der Angst und des Schmerzes von einer übernatürlichen Kraft gehalten. Sie kniete neben dem Belte nieder, nahm die verwundete Hand des Gatten zärtlich in die ihre und betete mit ihm in den Worten, welche ihr das Herz eingab. —
Als Juxon das Rollen des Doktorwagens vernahm, sagte er zu dem Detektiv, welcher soeben feine Erzählung beendet hatte: „Da ist Dr. Longstreet. Wenn Sie sich fünf Minuten gedulden wollen, so kann er Ihnen gleich seine Meinung mitthellen.""
„Ganz recht," stimmte der Angeredete zu. „Wenn Sie den Arzt ersuchen wollen, einen Augenblick hier einzutreten, so will ich ihm die Sache auseinandersetzen. Ich glaube nicht, daß er sehr viel anderes darüber denken wird, wie ich selbst."
Juxon beabsichtigte, Dr. Longstreet von der Anwesenheit des Detektivs zu unterrichten und ihn gleichzeitig um Unterstützung seiner eigenen wohlwollenden Absichten zu bitten. Er durchschritt die Bibliothek. Dort saßen Herr und Frau Ambrose zu beiden Seiten des Kammes und starrten mit dem Ausdrucke trübseliger Erwartung in ihren würdigen Zügen vor sich hin. Juxon erklärte ihnen kurz die Ankunft des Arztes und eilte dann weiter.
John Short hatte sich inzwischen von den Folgen der aufregenden Nacht erholt und begab sich die Treppe hinab, um sein Frühstück einzunehmen. Wie er Derjenige war, welcher der ganzen Katastrophe am fernsten stand, so war er wahrscheinlich auch der Einzige, welcher an diesem Morgen ans Essen dachte. Anstatt in die Bibliothek begab er sich in das Speisezimmer, und als er dort Niemand fand, öffnete er die nächste Thür und trat in das Studierzimmer. Zu seiner nicht geringen Verwunderung sah er daselbst Bonley mit weit auseinander gespreizten Beinen, die Hände in den Taschen vor dem Kamine stehen. Er hatte keine Ahnung, wer der Betreffende sei und wollte sich eben mit einem schüchternen „Oh!" zurückziehen, als ihn Bonley, seine Persönlichkeit verkennend, anredete:
„Ich bin George Bonley von der Geheimpolizei,"
Und doch ist sie noch eine halbe Stunde hinauf zum sterbenden Sohn.
"Die Mutterliebe treibt sie vorwärts, sie küßt den blutbefleckten Rosenkranz und freut sich seiner neuen Zierde. „Alles zur Buße für ihn. Ach, die liebe Himmelsmutter wird für ihn um Gnade bitten, wenn sie den Rosenkranz sieht, geweiht mit dem Blute der Mutter." Solche Gedanken stärken sie wieder, und sie wankt wieder aufwärts. Da sieht sie den Priester rüstig hinauiklettern am Felsenpfad, und das gibt ihr neue Hoffnung und neue Kraft. Und so schleppt sie sich fort, langsam und mühsam, aber sie kommt ihrem Sohne näher und näher. . .
Der Sohn liegt droben in Schmerz und Wuth. Er flucht dem Jäger, der seinem Schuß zuvorgekommen, und deffen Kugel ihn in die Tiefe schleuderte. Er flucht der Welt und Gott und dem Priester, der ihn vergeblich an das letzte Stündlein mahnt. Traurig sitzt der Seelsorger auf einem Felsstück in der Schlucht, betet und wendet kein Auge von dem armen Sterbenden. Da — auf einmal wird der Wildschütze ruhig. Er stiert unverwandt auf den Eingang der Schlucht. Gott! Dort kriecht etwas mühsam auf dem Boden daher. Ach! was ist es doch? Der Sohn ahnt's. Jetzt hört er mit gepreßten Tönen rufen: „O Gott! Alles für meinen Gallus! Jeder Tropfen