244 Samstaa, den 23. Oktober 1897 24. Iahrflapg
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mit Nrrterhaltrmgs-KeUage „Sterne und Klumen^.
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„Hurrah! Hurrah! Hurrah!"
Dem in jüngster Zeit bei Reden und Trinksprüchen immer häufiger in Anwendung kommenden Ruf: „Hurrah!" widmen die ,Grenz boten' folgende kritische Betrachtungen: „In den letzten Wochen und Monaten ist wieder sehr viel gehurraht worden. Se. Majestät der Kaiser hurrah! Se. Königliche Hoheit der Prinzregent hurrah! — anders wird ja kaum ein Trinkspruch mehr geendet. Was soll das eigentlich heißen? Jedes gesunde und natürliche Sprachgefühl wird verletzt durch solche Rufe, und es mag gleich hier vorausgeschickt werden, daß den Verfasser dieser Zeilen nicht bloß die Verletzung seines eigenen Sprachgefühls, sondern wiederholt vernommene Aeußerungen des Befremdens und des Mißfallens aus dem Munde ganz schlichter Leute aus dem Volke zu dieser Besprechung veranlaßt haben.
Zum Ausdruck jedes Gedankens gehört ein Zeitwort. Nicht der geringste Gedanke läßt sich ohne ein Zeitivort sagen. Fehlt in einem Satze das Zeitwort, so fehlt es nur äußerlich, im Geiste ist es stets zu ergänzen. Wenn ich Einem zurufe: „Naus!" oder „Thür zu!" so ist zu ergänzen: Geh! Mach! Wenn ich Einem auf die Frage: Wann bist Du zurückgekommen? antworte: Gestern — fo ist zu ergänzen : bin ich zurückgekommen. Ebenso war, wenn man früher und noch bis vor Kurzem einen Trink- fpruch mit dem Rufe schloß: Se. Königliche Hoheit der Prinz-Regent hoch! zu ergänzen: lebe! An die Stelle des lateinischen Zurufs: Vivat! der im siebzehnten und achtzehnten, ja hie und da noch in unserem Jahrhundert Mode war, war schon im achtzehnten der deutsche Znruf: „Er lebe!" getreten, und zu diesem einfachen: „Er lebe!" wurde dann „hoch!" hinzugefügt, zunächst aus dem ganz äußerlichen Be- dürfniß nach einem einsilbigen Worte, das sich nach Belieben ausdehnen, auf dem sich beim Zuruf verweilen läßt. Daneben hat ja nun das Hoch! auch einen ganz hübschen Sinn; nicht Rang oder Stellung soll damit bezeichnet sein, nicht Reichthum oder Ueppigkeit, wie in den Redensarten: auf hohem Fuße leben, oder: es geht hoch her, sondern mit dem Zurufe: „Er lebe hoch!" übertragen wir gleichsam die fröhliche, gehobene Feststimmung der Gesellschaft auf das Leben des Gefeierten, wir wünschen gleichsam, daß sein Leben wie ein fröhliches Fest verlaufen möge — leicht, ohne Druck, ohne Kummer, ohne Sorgen. Das ist etwas gesucht, näher läge natürlich
Mein Probestück.
Ich war seit sechs Wochen in Melbourne und hatte trotz aller Bemühungen keine mir zusagende oder für mich geeignete Stellung finden können, da fiel mein Blick auf eine Ankündigung, laut welcher der Polizeichef noch einige berittene Konstabler engagiren wollte. Der Bewerber mußte sein: Kräftig, gewandt, gesund, ein guter Reiter, intelligent und noch manches andere. Ich beschloß, den Versuch zu wagen, meldete mich und wurde einer sehr genauen Prüfung unterzogen. Als alter Kavallerist konnte ich einen sehr anständigen Sprung über ein Heckenthor fertig bringen, welcher mehreren meiner Mitbewerber nicht zusagte; auf Grund dessen wurde ich einstweilen auf Probe engagirt, mit der Aussicht auf eine Anstellung, falls ich mich bewähren sollte.
Am nächsten Tage ward ich vor den Chef beordert ; derselbe theilte mir mit, daß er mir eine Sendung anvertrauen wolle, welche eigentlich ein älterer Beamter hätte ausführen müssen, aber es seien gerade alle sonst geeigneten Persönlichkeiten anderweitig beschäftigt. Die Sache verhielt sich folgendermaßen: Ein Packet mit Regierungspapieren, von hoher Wichtigkeit, sei entwendet worden. Der jetzige Besitzer derselben werde Morgen zu Fuß einen Weg über Land machen und zweifellos die Papiere bei sich haben. An der und der Brücke würde ich ihn treffen, ganz in einsamer Gegend. Dort sollte ich ihm die Papiere
der Ruf: „Er lebe lange!" oder: „Er lebe glücklich!" Aber das läßt sich eben im Chor so wenig rufen wie das einfache: „Er lebe!" es würde ein häßliches Durcheinanderschreien geben, während sich auf den langgezogenen Rufen: „Hoooch! Und nochmals Hoooch! Und abermals Hoooch! ein ganzer Chorus leicht vereinigen kann. Die Hauptsache aber ist und bleibt: ein solches Hoch oder Lebehoch besteht aus einem vernünftigen Satz und enthält einen vernünftigen Gedanken.
Was soll man sich aber darunter denken, wenn gerufen wird: „Se. Königliche Hoheit der Prinzregent Hurrah"? Auch Hurrah ist ja keineswegs blos eine bloße „Interjektion" wie etwa O! Ach! Au! Ei!, sondern es ist ein aus einem tonmalenden (onomatopoetischen) Verbalstamme gebildeter imperativischer Zuruf. Er ist genau so gebildet wie holla. Mit „Holla!" rief derjenige, der an ein Flußufer gekommen war, den Fährmann herüber. Hole! Hole mich! Hol über! — dafür rief man hollaaa, wiederum wie bei „hoooch!" um eine klangvolle Silbe zu haben^ auf der man beim Rufe verweilen kann. Ganz dasselbe wie holla! ist hallo! denn in beiden Formen, als holen und als Halen, kommt das Verbum in der älteren Sprache vor. Wer das a im Stamme bewahrte, griff beim Zuruf in der Endung zum o, wie auch in Feurio! Zetermordio! Für gewöhnlich aber wurde ein langgedehntes a zur Bildung solcher Rufe verwendet, wie in trinka, — nu hoerea, Segen höre — bei Walther von der Vogelweide: beköra dich, beere u. s. w. Genau so ist Hurrah aus einem Verbalstamm gebildet, der — nun was denn bedeutet? Braucht man es wirklich noch zu sagen? Frage sich doch Jeder, wo im Leben ein wirklich sinnvolles „Hurrah!" gerufen wird? Wo anders, als beim Eilen, Vorwärtsstürmen, Draufgehen. Und dort gehört es hin, nirgends anders. Mit Hurre, hurre, hurre, schnurre, Rädchen, schnurre, walt Bürger die rasche Bewegung des Spinnrades. „Und Hurre, hurre, hopp, hopp, hopp! gings fort in sausendem Galopp" — heißt es in seiner „Leonore". Das hat Sinn. Wenn aber ein hoher Herr, friedlich in seinem Wagen sitzend, in eine Stadt einfährt und das Volk schreit ihm überall „Hurrah!" entgegen, so möchte ihm doch angst und bange werden. Und vollends, wenn eine Tischgesellschaft Einen aus ihrer Mitte ehren und feiern will, und sie nennt seinen Namen und schreit dann: „Hurrah, hurrah, hurrah!", so kann doch der also „Gefeierte", wenn er noch einiges Sprachgefühl im Leibe hat, nicht anders denken, als: Um Gottes Willen! Jetzt kommt die ganze Bande über Tische und Stühle, Teller und Gläser auf mich losgestürzt!
Es ist aber auch grammatisch anstößig, denn der Name des Gefeierten wird doch in der dritten Person genannt; mit dem Rufe Hurrah! aber feuert abnehipen, aber wohlgemerkt, verwundet oder gar ge- tödtet dürfe der Mann unter keinen Umständen werden, auf meine Gefahr und Verantwortlichkeit! Nur List und Gewandtheit anzuwenden fei ich berechtigt.
Der Chef ließ durchblickeu, daß die Lösung der Aufgabe meine sofortige feste Anstellung bewirken werde. Ich nahm mir vor, das Möglichste zu thun. — Die Kleidung des Betreffenden war mir genau beschrieben worden.
Vierundzwanzig Stunden später befand ich mich in der Nähe der Brücke und wartete geduldig. Ein Mann kam die Straße entlang; die Kleidung stimmte mit der mir beschriebenen. Das Individuum gefiel mir gar nicht. Es war ein sechs Fuß hoher,, kräftig gebauter, muskulöser Kerl, in den Vierzigern, der ganz so aussah, als ob er mich ohne viel Federlesens packen und über das Brückengeländer werfen könnte. Indessen was half's: die Chance, eine feste Stellung zu erringen, war zu verlockend. Ich schlenderte dem Wanderer gemächlich entgegen, grüßte ihn und bat ihn um ein wenig Tabak. Gerade auf der Brücke hatten wir uns getroffen.
Er nickte gutmüthig: „Hier, Fremder, ist mein Tabaksbeutel, nehmt Euch, so viel Ihr wollt. Seid wohl noch nicht lange im Lande?"
So war das Gespräch angeknüpft, und ich gab ausführliche Kunde von meinen Verhältnissen, bis meine Pfeife gestopft war.
Dann händigte ich ihm den Tabaksbeutel wieder
man sich selbst und feine Genoffen zur Eile an. Es fehlt also jedes Prädikat. Wenn dieses Hurrahrufen in Trinksprüchen keine geschmacklose Mode ist, dann gibt es keine. Woher sie stammt? Doch wohl aus militärischen Kreisen, dort hat sie auch die meiste Verbreitung ; sie macht aber auch in bürgerlichen Kreisen schon Fortschritte — natürlich, wer will denn gern zurückbleiben! — Möchten doch die „Maßgebenden" die häßliche, wirklich barbarische Mode recht bald wieder fallen lasfen!"
□ Zur Schlachthanssrage.
Es ist schon viel über den Schlachthausplatz geschrieben und wohl noch mehr debattirt worden. Ich gestatte mir heute als Geschäftsmann nun nochmal die Geduld der Leser in Anspruch zu nehmen, indem ich das Schlachthausprojekt lediglich von seiner die Jntereffen der hiesigen Geschäftswelt berührenden Seite beleuchte und damit besonders den Ausführungen des ^V.-Artikelschreibers in der ,Fuldaer Zeitung' Nr. 231 vom 8. Oktober entgegentreten muß.
Der Schreiber dieses Artikels sagt, „der jetzige Schlachthausbauplatz besäße den fraglichen Vortheil, nur einige« Geschäftsleuten und Spekulanten Vortheil zu bringen."
Es ist unzweifelhaft, daß der direkte Verkehr mit dem Schlachthaus, liege es wo es will, einer Zahl von Geschäftsleuten Nutzen bringt. Für die Allgemeinheit ist es aber von hervorragendem Interesse, ob dieser Nutzen einer kleinen Gruppe zufällt oder sich auf die verschiedenen Geschäfte der Stadt möglichst gleichmäßig vertheilt. An der möglichst gleichmäßigen Vertheilung des aus dem Schlachthaus refuttirenben Nutzens hat aber volkswirthschaftlich betrachtet die ganze Stadt ein Interesse. Zu dieser wünschenswerthen Vertheilung trägt aber vor allem die möglichst centrale Lage des Schlachthauses bei.
Das alte Schlachthaus bot diese Vortheile in der vollendetsten Form. Da dasselbe aber auf Anordnung einer hohen Regierung aus hygienischen Gründen verlegt werden muß, so müssen die Freunde einer gesunden städtischen Wirthschaftspolitik unbedingt darauf bestehen, das Schlachthaus auf den dem Stadtcentrum am nächsten gelegenen Platz zu bringen, wenn dasselbe den hygienischen und sonstigen modernen Ansprüchen als: leichte Zufuhr, Erweiterungsfähigkeit rc. entspricht. Darnach halte ich den früher schon angekauften Platz für durchaus passend.
Die von dem Verfasser des ^V.-Artikels in Aussicht genommenen Plätze sind mehr oder weniger bis zu 2 Kilometer vom Herzen der Stadt entfernt. Das ist zu weit. Die Landleute, die neben den Metzgern doch das Schlachthaus fast ausschließlich
ein, und im selben Momente, als er ihn einsteckte, unterlief ich blitzschnell den Herkules, schlang meine Arme um seinen Leib, stellte ihm Dank der auf dem Turnplätze in Deutschland erworbenen Gewandtheit ein Bein und riß ihn zu Boden. Das Alles ging natürlich sehr schnell, und ehe er sich von feiner Ueber- raschung erholt hatte, lag er auf dem Rücken, meine Kniee waren auf feiner Brust gestemmt und meine Hände umklammerten fest feine Kehle, aus der Brust- tasche schob sich ein Packet Papiere.
Froh hierüber, ließ ich die eine Hand los und griff nach den Papieren. Das aber bekam mir schlecht. Mein Gegner schüttelte sich wie ein gereizter Löwe, als er den erstickenden Druck nicht mehr so arg fühlte. Seine linke Hand krallte sich um meine rechte Kniekehle und quetschte mir saft die Kniescheibe aus ihrer Lage, fo daß ich vor Schmerz meinen Griff aufgab; mir war fast, als sollte ich ohnmächtig werden.
Dadurch halte sich im Nu das Blatt gewendet. Der Feind kam wieder auf die Füße, packte mich, und in wenigen Momenten des Pingens ward ich überwältigt, weil ich eins meiner Beine so gut wie gar nicht gebrauchen konnte.
Mit eisernem Griff hielt mich der starke Manu an den Handgelenken und schleppte mich nach dem Brückengeländer: „Aha," brüllte er mit wuthblitzenden Augen, „Ihr seid von der Polizei und wollt mich abfaffen? Mit solchen Burschen macht man kurzen Prozeß. Tobte Leute erzählen keine Geschichten.