M 240 Dienstag, den 19. Oktober 1897. 24. Jahrgang
mit Kntrrhaltungs-Hrttage „Sterne »ns Ktunirn".
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* Der Sturm der Protestanten gegen die Canisius-Encyclika.
Mehrere protestantische Stimmen gaben in den letzten Wochen ihrer „Entrüstung" über die Canisius-Encyclika des hl. Vaters Ausdruck; ihnen gesellte sich jüngsthin auch der Präsident des preußischen Oberkirchenrathes, also der Chef der obersten Behörde der „evangelischen Landeskirche", durch welche der König seinen „Summepiskopat" ausübt, zu, der hierbei keinen Anstand nahm, eine fast persönliche Verunglimpfung des Papstes zum Besten zu geben. Und was hat denn diesen Zorn der Protestanten erregt? Der Papst hat sich in der erwähnten Encyclika über die Reformatoren und die Reformation nicht in ihrem Sinne ausgesprochen.
Was sagt nun thatsächlich die Encyclika über den Gegenstand? Sie charakterisirt das Zeitalter des seligen Canisius im Allgemeinen als ein solches, „in dem Neuerungssucht und Ungebundenheit in der Lehre «ine ungeheuere Schädigung und Verwilderung der Sitten herbeigeführt haben," und sagt an einer andern Stelle über den Zustand Deutschlands „zur Zeit der lutherischen Empörung": „Die Sitten waren entartet und verfielen mit jedem Tage mehr, womit dem Jrr- thum Thür und Thor geöffnet war; der Jrrthum hinwieder steigerte die Sittenverderbniß bis zum Aeußersten. In Folge dessen fielen nach und nach gar Viele vom katholischen Glauben ab, und allmählich verbreitete sich das unheilvolle Gift fast durch alle deutschen Länder, schließlich theilte es sich Menschen jeden Standes und jeglicher Lebensstellung mit."
Wie man sieht, hat der Papst gegen die heutigen Protestanten keinerlei Anklagen erhoben, sie in keiner Weise angegriffen, sich mit ihnen überhaupt gar nicht beschäftigt; was er aber in Wirklichkeit in der Encyclika über Luther und sein Werk behauptet, sind offenkundige historische Thatsachen. Der Papst sagt hierüber Dreierlei:
1) Das Auftreten Luthers war Empörung;
2) die Lehre Luthers hat Viele zum Abfalle vom katholischen Glauben verleitet;
3) dieselbe Lehre, welche vom katholischen Standpunkte aus „Jrrthum" und „Gift" ist, hat Verwilderung der Sitten im Gefolge gehabt und die fchon vorhandene Sittenverderbniß gesteigert.
Sind das nicht lauter und «streitbare W ahr- heiten? Daß Luthers That Rebellion gewesen ist, kann doch nur reiner Unverstand in Abrede stellen. Der frühere protestantifche Prediger Evers hat noch als Protestant über Luther Folgendes geschrieben: „Luther war erstlich Glied der römisch-kathol. Kirche, von der er Alles, was er an Religion und geistlichen Gütern besaß, empfangen hatte, die er aber von Grund aus umkehren und zerstören wollte, obwohl er gelobt hatte, ihr treu und gehorsam zu sein. Er war zum andern Mitglied eines Ordens und hatte sich durch ein eigenes Gelübde zu einem besonders strengen und treuen Gehorsam im Dienste Gottes nach den Regeln des Ordens und den jeweiligen Befehlen seiner Obern verpflichtet. Er war drittens Priester der katholischen Kirche, durch priesterliches Gelübde und Vollmachten, durch seinen priesterlichen Charakter um so mehr verpflichtet, als die Pflicht um so größer wächst, je mehr dem Menschen anvertraut worden ist. Luther ist also in dreifachem Grade revolutionär, zunächst der Kirche gegenüber."
War Luthers Auftreten, als persönliche That betrachtet, Rebellion, so war es dies nicht minder seiner Lehre, und seinem Werke nach. An die Stelle einer durch und durch objektiven Religion, wie eben die katholische ist, stellt er eine durch und durch subjektive; subjektiv ist das Formalprinzip des Protestantismus von der Selbstkonstruktion des Glaubens aus der hl. Schrift; subjektiv ist das Materialprinzip, die Lehre von der Rechtfertigung aus dem Fiducialglauben und der Glaubensgewißheit; subjektiv ist die Lehre von der Zugehörigkeit zu einer unsichtbaren Kirche. An die Stelle des objektiven kirchlichen
Lehramtes trat die subjektive Auffassung der Bibel, an die Stelle eines äußeren Priesterthums mit, den Sakramenten die Selbstrechtfertigung ohne objektiv verordnete Gnadenmittel, an die Stelle der Universalkirche die Territorialkirche.
Die zweite Behauptung der Encyclika, daß sich nämlich durch das Austreten Luthers viele zum Abfall vom kathol. Glauben verleiten ließen, wird wohl selbst der Herr Präsident des Oberkirchenrathes nicht für unrichtig erklären; wäre damals niemand von der kathol. Kirche abgefallen, fo gäbe es heute — keinen Oberkirchenrath. Doch mehr mißfällt ihm aber die Behauptung, die Reformation habe große Sittenlosigkeit hervorgerufen. Nun, Luther selbst wird doch gewiß ein unverdächtiger Zeuge sein für die Erfolge feiner Umsturzarbeit. Hören wir einige Geständnifse des „theueren Gottesmannes". Nachdem er schon 1525 geklagt: „Sodoma und Gomorrah sind des zehnten Theiles nicht so böse, als jetzt Deutschland ist," gesteht er 1533: „Ich bekenne für mich selbst und ohne Zweifel, andere auch müssen bekennen, daß mir's mangelt an solchem Fleiße und Ernste, den ich jetzt viel mehr, als zuvor haben sollte, und viel nachlässiger bin, denn unter dem Papstthum, und ist jetzt nirgend solcher Ernst bei dem Evangelia, wie man zuvor gesehen bei Mönchen und Pfaffen, da man soviel stiftete und bauete und niemand so arm war, der nicht etwas wollte geben. Aber jetzt ist nicht eine Stadt, die einen Prediger wollte ernähren und nichts gehet denn eitel Stehlen und Rauben unter den Leuten und lassen sich von niemand wehren." Im Jahre 1541 entwirft er folgendes Bild von den sittlichen Zuständen Deutschlands: „Der Adel will alles haben, was Bauer und Fürst haben, ja sie wollen auch Fürsten sein. Der Bauer steigert neben dem Adel Korn, Gerste und alles und macht muthwillige Theuerung, da Gott sonst genug hat wachsen lassen. Der Bürger schätzt in seinem Handwerk auch, was und wie er will. So weiß man zuvor, was für Muthwillen das Gesinde, Knechte und Mägde üben in den Häusern, welche Stehlen, Untreue und Bosheit sie treiben, daß alle Hausväter über das Gesinde klagen und schreien. So ist auch des Stehlens, ein Nachbar dem anderen kein Maß." Dazu nehme man noch Luthers Brief aus 1545 über das ruchlose Leben in Wittenberg und andere Stellen feiner Schriften, die man in der Jenaer Ausgabe derselben (namentlich Band 6 und 7) nachlesen kann.
Mit Luthers Zeugniß über die Folgen der Reformation stimmt das seiner nächsten Nachfolger überein. Interessant sind in dieser Beziehung die Geständnisse mehrerer Rostocker protestantischer Theologen aus dem Ende des 16. Jahrhunderts. Der Prädikant Gryse klagt: „Ach, wie laut schreien aus Häusern und Buden und Kellern und aus allen Winkeln die großen Sünden zu Gott im Himmel,unb fordern Gottes gerechten Zorn herunter." Superintendent Simon Pauli ruft aus: „Wo ist jemals die Ungerechtigkeit" größer gewesen und weniger Liebe als jetzt? Ist doch die Welt fast nichts anderes, als eine diebische Schindergrube und ein unreiner Venusberg, und wird oft ein Hund mehr als ein Mensch geachtet! Jetzt geht es nach dem Sprichwort: „Gott für uns alle, ein jeder für sich selbst. Auf der Zunge ist Honig und im Herzen Galle."
Diesen Zeugnissen aus dem eigenen Lager gegenüber, die man leicht vervielfältigen und bis in die neueste Zeit fortsetzen könnte, wäre die Entrüstung der protestantischen Kreise über die paar historischen Sätze ganz unbegreiflich, wüßte man nicht, daß dies eben eine bei allen ähnlichen Anlässen wiederkehrende pathologische Erscheinung ist, die auf das Vorhandsein einer tiefen geistigen Wunde schließen läßt und die richtige Beurtheilung unleugbarer Thatsachen nicht aufkommen läßt.
Der verSckle Michele.
Ich faß auf dem flachen Dache der fchönen englischen Pension oberhalb Castellamare am Golf von Neapel und starrte nachdenklich hinab in die azurnen Gewässer und hinauf in die azurnen Lüfte, deren vereinter Abendhauch mir kühlend um die Stirne fächelte. Es wurde eine Art Kriegsrath gehalten, ob es denn rathsam fei, morgen bei Tagesanbruch
die siebenstündige Fußwanderung über den Picolo Sant Angelo nach Amalfi hinüber zu unternehmen, so daß man Morgens noch im Golf von Neapel und Abends schon im Golf Salerno das obligate Seebad nehme. Die Partie war lockend genug. Immergrüne Eichen- und echte Kastanienwälder wechseln ab mit halbstundenlangen, kühnen Treppenfluchten über romantische Steilwände, die reizende Schlucht des Val Vettika entschädigt für die drei Stunden elender Waldpfade und halsbrecherischen Gerölls von der Küste bis Gragnano hinauf. E.s ist also Mühsal und Vergnügen in demselben Verhältniß gemischt, das dem richtigen Touristen am liebsten ist. Nur leider ist der kleine Sant Angelo nicht sicher. Es kann einem passiren, daß man auf seinen Abhängen an einen immergrünen Eichenast gehängt und dann von den Herren Briganten als Zielscheibe für schlechte Witze und gute Kugeln benützt wird. Auch kann man ins Gebirge geschleppt und nur um ein Lösegeld von 100000 Lire ärmer wieder freigelaffen werben, womit sowohl der Waldschatten, wie die Sonnengluth des Weges viel zu theuer bezahlt wäre. Kein Wunder, daß wir uns die Sache reiflich überlegten, denn Geld hat kein Mensch zu viel.
Der gute dicke Capitano der Carabineri von Castellamare, der an der table d’hote mit uns gespeist hatte, suchte uns zwar zu beruhigen. SDie' letzten drei Engländer seien ja schon 1865 droben bei San Lazaro ermordet worden, sagte er. Und in stockfinsterer Nacht könnte man den Weg gehen, sagte er, man würde sich höchstens den Hals brechen wegen der Dunkelheit, aber nicht der Ring vom Finger würde einem abhanden kommen. Uebrigens gebe er uns ja gerne ein halbes Dutzend Carabinieri mit, sagte er, das sei schließlich die beste Sicherheit, obwohl^ er wisse, daß sie keine Patrone zu verschießen brauchten, denn im schlimmsten Falle würden wir dem verrückten Michele begegnen, der zwar „so thut, als ob er so ttjäte," aber auch nichts weiter.
„Was ist's mit dem verrückten Michele?" fragten wir alle, ein Stück neapolitanischer Romantik witternd.
Der Capitano ließ sich nicht lange bitten und erzählte Folgendes: In den Fünfziger Jahren war Michele Lampi von Scarilatojo einer der gefährlichsten Banditen Unteritaliens. Er war eine Art König von Neapel, fein Szepter war die Büchse, seine Krone der Calabreser, sein Thron der Monte Scknt Angelo, feine Residenz . . . überall und nirgends. Den ganzen südlichen Theil des Golfes, von Nocera, La Cava, Vietro und Salerno bis weit hinaus ins Meer hielt er Jahre lang in Schrecken. Ja, fein Arm reichte noch weiter; manchen reichen Fang that er in den klastischen Sümpfen von Pästmn und an den Abhängen des Vesuvio, und bisweilen klopfte er mit keckem Finger sogar an die Porta Capuana der Königsstadt Neapel.
Es war ein schöner Bandit, schwarz wie der Teufel und heiß wie eine zweitägige Lava. Sein Wort war Tod, fo sagten die Grundbesitzer von Monte Pendolo und Monte Albino. Das Geld zog sein Blei an, wie das Eisen der Magnet, die fettesten Lords fielen in feine Netze; an feinen Händen klebte viel Blut, aber er brauchte doch keine Handschuhe zu tragen, denn König Ferdinand war ein guter Herr und die Herren Exzellenzen lassen auch mit sich reden . . .
Eines schwülen Nachmittags, wie ihn der September alljährlich dreißig Mal über die malariabrütende Ebene Pästums breitet, rollte eine zwei- fpännige, gedeckte Kalesche auf der staubigen Chaussee vom Flecken Battiplagia gegen die untergegangene Seestadt Poseidons hin, deren uralte Säulentempel allein in übermenschlicher Größe aus der blauen Oede ringsum aufragen, ewige Steine, an denen Normanen und Sarazenen, Kreuzfahrer und Bilderstürmer sich die Zähne ausgebissen.
Am flachen Ufer des träge dahinfließenden Flusses hielt das schweißtriefende Zweigespann, um von der Fährte überholt zu werden, aber nicht die Fährte kam, die lag drüben am jenseitigen Ufer, — sondern hinter dem halbzertrümmerten Laubpseiler der nahen Brücke hervor stürzte die bewaffnete Macht.
Der Kutscher warf sich in Todesangst aufs Gesicht, Schüsse knallten und ein alter Herr, der aus dem Wagen gesprungen war, lag tot in feinem Blute.