JS 240
Dienstag, den 19. Oktober 1897
Lt^Jaürgang
FiildllerWZeitiliilj
mit W«ierhait»»g»-Kriiagr „Sterne und Klumen".
Erscheint tizltch, Sonn- und Feiertage anSgenomme». — Vierteljährlicher AbouncmentSpreiS ohne Briugertohn und Bestellgeld bt g«Äe und mitwIUC 1 Mark 60 Ptennrn Inserate kosten die einspaltige »armondzeile oder deren Raum 15 Pf., Reklamen die Petitzcile 25 Pf., bei Wiederholungen entbrechender Rabatt.
A Betrieb der preußischen Staatsbahnen.
Mit einem gewiffen Stolze wird stets von neuem verkündet, daß der Betrieb der preußischen Staatsbahnen Ueberschüsse aufweist, die in jedem Jahre diejenigen des Vorjahres übertreffen. Und sicherlich können wir ja mit diesem Ergebnisse an sich ganz zufrieden sein. Denn wenn alles im Betriebe der Staatsbahnen in Ordnung ist und diese ihren Verpflichtungen in jeder Weise nachkommen, so stellt sich der Ueberschuß aus dem Staatsbahnbetriebe nicht nur als eine rechnerische Reineinnahme, sondern auch als ein sehr willkommener politischer Erfolg dar. Aber die Sache bekommt einen ganz anderen Charakter, wenn man nothgedrungen die Frage aufwerfen muß: mit welchen Opfern wird das stete Anwachsen der Bahneinnahmen erkauft?
Während der beiden Sommermonate Juli und August 1897 verzeichnet die Unfallstatistik des Reichseisenbahnamtes auf den Strecken der deutschen Bahnen, ausgenommen die bayerischen, 442 Betriebsunfälle, bei denen nicht weniger als 448 Personen verletzt oder getödtet wurden. Das sind hohe Ziffern. Und es war von vornherein auffallend, daß die Unfälle gerade im Hochsommer sich häuften, also in einer Zeit, die an die Leistungsfähigkeit der Eisenbahnen besonders hohe Ansprüche stellt. Denn man gelangte nur allzu leicht auf die Ver- muthung, daß irgend etwas in dem Betriebsapparate der Eisenbahnen nicht in Ordnung und dieser darum nicht in der Lage sein möchte, irgendwie außergewöhnlichen Ansprüchen an seine Leistungsfähigkeit zu genügen. Sehr bald erhoben sich denn auch in den Zeitungen aller Parteien und in der Fachpresse die Stimmen von Sachverständigen, die den Vorwurf übertriebener und theilweise falsch angewandter Sparsamkeit gegen die Verwaltung der preußischen Staatsbahnen erhoben. Namentlich neigte sich die öffentliche Meinung der Auffassung zu, daß solche ungeeignete Sparsamkeit sich geltend mache in unzulänglicher Vermehrung des Beamten- und Arbeiterpersonals.
Die Regierungspresse hat diesen Vorwurf wiederholt als unbegründet bezeichnet. Aber wir fürchten, daß dieser Vorwurf doch einen hohen Grad von Berechtigung hat. In den letzten Tagen ist der amtliche „Bericht über die Ergebnisse desBetriebes der preußischen Staatseisenb ahnen im Be- tsriebsjahre 18 95/96" erschienen, und die Ziffern dieses amtlichen Berichtes sprechen nicht für, sondern
Nerfolgt.
Dem Englischen von Marion Crawford nacherzählt von Cora von Schönburg.
27 ------ (Nachdruck verboten.)
Goddard's Gesicht verzog sich zu einem häßlichen Grinsen. „Ja, das möchtet Ihr gerne wissen," höhnte er. „Aber ich kenne Euch schon, mein Junge, o, ich kenne Euch. Man kann Euch nicht entgehen, nicht wahr, das kann man nicht?"
„Wißt Ihr denn, wer ich bin?" fragte John erstaunt.
„Gewiß, Ihr seid der Scharfrichter," entgegnete Goddard. „Der Henker ist immer so fein angezogen. Aber — wißt Ihr, alter Kamerad, macht es rasch — laßt mich nicht so lange am Strick 'zappeln." Und leise redend fuhr er fort: „Ihr Gesicht gefällt mir — da, in meiner, rechten Hosentasche stecken beinahe sechzig Pfund — die sind — Mary — o gab — Ma —"
Seine Augen wurden wieder starr und das Stöhnen begann von Neuem. John sah mit Be- sorgniß, wie sich die Fieberröthe wieder über sein Gesicht verbreitete und jeden Schimmer von Bewußtsein verdrängte. Er schob die Hand leise unter den Kopf des Kranken und brachte ihn in die frühere Lage zurück. Dann strich er die Kissen glatt und gab ihm
gegen die Verwaltung der preußischen Staatsbahnen in diesem Punkte der falsch oder nicht falsch angewandten Sparsamkeit. Dies gehr aus den Ziffern des genannten amtlichen Berichtes deutlich genug hervor. Denn der Verkehr an Personen und Gütern und die Belastung der Schienenstraßen ist in den Jahren von 1892 bis 1896 außerordentlich, theilweise um mehrals20 pCt. gestiegen. Die Vermehrung des Personals aber hat mit der Steigerung des Verkehrs nicht Schritt gehalten, denn sie beträgt für denselben Zeitraum nur 1,60 pCt., und ebenso ist der Vorrath an rollendem Material, an Eisenbahnwagen und an Lokomotiven, nicht in entsprechender Weise vermehrt worden. Einige einzelne Zahlen werden dies am deutlichsten machen.
Im Betriebsjahre 1892/93 wurden befördert auf den preußischen Staatsbahnen 324,530,111 Personen mit 7,894,746,300 Personenkilometern, an Gütern 123,884,942 Tonnen mit 15,048,683,722 Tonnenkilometern. Im Betriebsjahre 1895/96 wurden befördert 397,759,674 Personen mit 9,439,556,940 Personenkilometern und an Gütergewicht 153,148,107 Tonnen mit 17,870,436,188 Tonnenkilometern. Dies ergibt eine Zunahme von 1892/93 bis 1895/96 um rund 23 pCt. der Zahl der beförderten Personen und des Gewichtes der beförderten Güter. Und berechnet man nun die Mehrbelastung, die der gesteigerte Verkehr für das Kilometer Betriebslänge durchschnittlich ergibt, so ergibt sich eine Zunahme von 15,42 pCt. in der Zahl der beförderten Personen, von 15,48 pCt. im Gewichte der beförderten Güter, von 12,56 pCt. in der Zahl der Personenkilometer und von 11,41 pCt. in der Zahl der Tonnenkilometer. Diesen großen Ziffern stehen nur kleine Ziffern gegenüber, die die Vermehrung des rollenden Materials und des Personals angeben. Von 1892,93 bis 1895/96 wurden vermehrt die Zahl der Personenwagen um 8,22 pCt., der Güterwagen um 8,57 pCt., der Lokomotiven nur um 2,87 pCt. und die Gesammtziffer des Personals an Beamten und Arbeitern stieg, wie schon erwähnt, gar nur um 1,61 pCt.
Wir haben also folgendes Bild vor uns: Der Verkehr an Personen und Gütern ist erheblich gestiegen; die Belastung der Schienenstraßen ist bedeutend größer geworden; das Fahrmaterial ist nur halb so stark vermehrt worden, und das Personal ist fast gar nicht zahlreicher geworden. Wer wundert sich da noch angesichts solcher Ziffern und damit gleichzeitig solcher Mißverhältnisse in der Entwickelung der preußischen Staatsbahnen, daß deren Betriebsapparat bei nur einigermaßen gesteigerten Ansprüchen versagt und Unfälle über Unfälle herbeigeführt werden, weil es an dem Allernothwendigsten gebricht? Wohl liegt die Zeit, die wir hier zu unserem Vergleiche herangezogen haben, ein wenig zurück; aber es ist nicht anzünehmen, daß ein einziges weiteres Betriebsetwas Cognac zu trinken. Der junge Mann war unschlüssig, ob er Juxon wecken und ihm das Vorgefallene mittheilen sollte. Schließlich unterließ er es in der Voraussetzung, daß solche klare Momente jetzt öfter eintreten würden. Die Nacht wurde ihm unerträglich lang. Er trat an das Fenster und blickte sehnsüchtig der Dämmerung entgegen.
Endlich, endlich brach der Tag an und erfüllte das Krankenzimmer mit seinem grauen Dämmerlicht. In dem fahlen Schimmer nahm Alles, was der Kerzen schein milde beleuchtete, eine noch trostlosere Färbung an. In dem Zustand des Kranken trat kein Wechsel ein. Sein angreifendes Gemurmel tönte unaufhörlich fort. John überlegte, ob er wohl je wieder eine ähnliche Nacht erleben werde, und ihm schauderte bei der Erinnerung an ihre Einzelheiten.
Das Tageslicht hatre den Gutsherrn aus seinem Schlummer geweckt. Noch ehe die Sonne aufging, trat er frisch und neugeflärkt aus dem Toilettenzimmer heraus. Man merkte ihm die erlittene Ruhestörung in keiner Weise an. Er war so lange gewohnt gewesen, sein Schlafbedürfniß den Verhältnissen anzupassen, und sein innerer Gleichmuth war so groß, daß das Erlebte ihn nicht nachhaltig anzugreifen vermochte.
„Nun, Short, Sie haben mir einen ordentlichen Schlaf gegönnt; Sie scheinen aber selbst auch ganz
jahr die ganzen Verhältnisse geändert haben sollte. Die Thatsachen sprechen dagegen. Und nach wie vor bleibt leider die Annahme bestehen, daß falsche Sparsamkeit der preußischen Staatsbahnen einen großen Theil derSchuld trägt an den letzten Unfällen.
Deutsches Deich.
Berlin, 18. Oktober.
* Das kaiserliche ^aar ist Montag mit den ältesten drei Prinzen Vorm. 9'st Uhr in Wiesbaden eingetroffen. In Wiesbaden wird, wie bekannt, ein Denkmal Kaiser Friedrichs enthüllt.
* Staatssekretär Graf v. ^osadowsky war erkrankt und mußte in Folge dessen das Bett hüten. Sein Befinden hat sich inzwischen wieder so weit gebessert, daß er schon in einigen Tagen wieder seine Amtsgeschäfte wird übernehmen können.
* Staatssekretär Freiherr v. Thiermann wird in den nächsten Tagen in München erwartet, um sich dort dem Prinzregenten Luitpold vorzustellen. Dies geschieht altem Brauche gemäß, wonach neu ernannte Staatssekretäre des Reiches bei den Bundesfürsten persönlich sich vorstellen. Demselben Brauche folgend reiste Staatssekretär Tirpitz in der zweiten Hälfte der vorigen Woche nach Stuttgart und Karlsruhe.
* Wiederholt wird in halbamtlicher Tonart betont, daß die Beurlaubung des kommandirenden Admirals v. Knorr nicht „als die Einleitung zu seinem bevorstehenden Rücktritte anzusehen" sei. „An maßgebenden Stellen", so versichert die,Postst „wird mit dem Rücktritte des kommandirenden Admirals nicht gerechnet." Der Uebereifer der wiederholten Versicherungen, daß Admiral Knorr im Dienste bleibe, nimmt sich ein wenig verdächtig aus.
Der frühere preußische Kriegsminister ZLron- sart von Schellendorff ist von den Konservativen und Nationalliberalen als Kandidat für den schleswig- holsteinschen Wahlkreis Ottensen-Pinneber g- Elmshorn für die Reichstagswahlen aufgestellt worden. Dasselbe geschah schon vorher im mecklenburgischen Wahlkreise Güstrow. Diese Kandidatur lehnte Herr von Bronsart ab. Darüber, ob er die neue Kandidatur annimmt oder nicht, fehlt noch bestimmte Nachricht.
Angesichts aller der Klagen über unzureichenden Ausbau unserer Kriegsfälle sollte man meinen, die Marineverwaltung müßte es außerordentlich eilig haben mit der Ausführung der bewilligten Schiffsbauten. Das aber ist gar nicht der Fall. Heute, fast am Ende des Jahres, weiß man noch nicht einmal genau, welcher Werft der Neubau „Ersatz König Wilhelm" in Auftrag gegeben werden soll. Dabei kann es sich kaum um große Schwierigkeiten bei der Ausarbeitung der Konstruktionspläne handeln. Denn hier haben wir es bei diesem, im Anfänge
erschöpft zu sein. Wie ist es Ihnen mit dem Patienten ergangen?"
John berichtete, was sich zugetragen hatte.
„So, so, er hielt Sie also für den Henker?" sagte Juxon. „Möchte wissen, warum? Und nach mir, sagen Sie, hätte er ganz vernünftig gefragt?"
„Ganz vernünftig," wiederholte John, und dann fügte er harmlos hinzu: „Als ich ihn aber nach seinem Namen fragte, begann er gleich wieder zu phantastren."
„Wie kamen Sie denn darauf, ihn zu fragen?" fragte Juxon etwas ungehalten.
„Aus Neugierde," gab John lakonisch zur Antwort.
„Und das wird ihn wahrscheinlich erschreckt haben. Ich würde ihn an Ihrer Stelle nicht wieder darnach fragen."
„Sehr wohl, dann will ich es unterlassen," erklärte John, welchen die Vorsicht etwas mißtrauisch zu machen begann. Dann begab er sich auf sein Zimmer, um sich durch ein Bad zu erfrischen.
Etwa um acht Uhr brachte Holmes die Antwort des Pfarrers. Juxon riß das Schreiben begierig auf und las:
„Mein lieber Herr Juxon!
Obwohl ich Ihren Brief schon gestern Abend erhielt, so zog ich es doch vor, denselben erst heute Morgen zu beantworten. Eine Rückmeldung zu so später Stunde würde Verdacht erregt haben. Die