Jtf 238 Samstag, den 16. Oktober 1897. 24. Jahrgang
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Die deutsche Ausfuhr nach den Vereinigten Staaten
hat seit dem Inkrafttreten des Dingley-Tarifs bedeutend nachgelassen. Während sie im dritten Vierteljahr 1896 aus 17 Konsulatsbezirken Norddeutschlands 16,481,414 Dollars betrug, Hal sie sich in denselben Bezirken im dritten Vierteljahre 1897 auf 7,189,112 Dollars, also um 9,292,302 Dollars oder 56 Prozent verringert. Für Hamburg sank die Ausfuhr z. B. von 5,352,506 auf 879,568 Dollars, für Braunschweig von 1,254,852 auf 293,856, für Chemnitz von 1,171,876 auf 519,531, für Glauchau von 1,051,709 auf 205,036 Dollars herab. Verhältnißmäßig wenig hat die Ausfudr aus Berlin und Leipzig erlitten. In Zucker soll sie auf verschwindende Mengen zurückgegangen sein. Schwer leidet auch die Wollenindustrie unter dem Rückgänge. Die Berliner Konfektion hat dagegen nur ein Viertel ihrer früheren Ausfuhr verloren. Billige baumwollene Strumpfwaaren, Handschuhe und Spitzen scheinen nach den Berichten aus Sachsen noch absatzfähig zu sein. In Rauchwaaren hat die Ausfuhr noch zu- genommen.
Nun sagt man auf freihändlerischer Seite freilich, alle die Zahlen bewiesen nichts. Man wisse nicht, wie weit der Rückgang auf die außerordentliche Mehreinfuhr vor Inkrafttreten des Dingleytarifs oder auf Liesen selbst zurückzuführen sei. Das ist ja richtig, allein es wird doch auch gar nicht bestritten, daß die amerikanische Zollerhöhung unsere Ausfuhr ganz erheblich schädige, und es fragt sich, ob wir das ruhig hinnehmen sollen. Das Recht, ihre Zölle beliebig in die Höhe zu schrauben, kann den Amerikanern nicht abgesprochen worden. Zweifelhaft ist höchstens, ob sie sür den Differentialtarif für deutschen Zucker berechtigt sind. Die Amerikaner haben sich um den deutschen Protest nicht gekümmert und die deutsche Regierung scheint es ruhig hinnehmen zu wollen; wenigstens hört man nicht, daß sie noch irgend etwas gethan hätte. Wie Amerika, so haben aber auch wir das Recht, unsere Zölle zu erhöhen. Wenn wir den Meistvergünstigungsvertrag mit Amerika durch dessen Vorgehen nicht für gebrochen erklären wollen, müssen wir ihn allerdings erst kündigen, ehe wir ihm gegenüber höhereLölle anwenden können. Im Allgemeinen -geht die Stimmung bei uns wohl dahin, daß wir uns die amerikanische Rücksichtslosigkeit nicht ruhig gefallen zu lassen brauchen. Man hat nicht nöthig, auf den Ausschluß amerikanischen Getreides und Fleisches vom deutschen Markte zu spekuliren, um diese Ansicht zu theilen. Hat doch sogar der Abg. ..Schippel auf dem sozialdemokratischen Parteitage in Hamburg sich dafür ausgesprochen, daß man dem Uebermuthe der Amerikaner im eigenen nationalen Interesse mit Kampfzöllen entgegentreten dürfe und -müsse. Dabei ist auf dem Parteitage das übliche Geschrei von der Vertheuerung der nothwendigsten Lebensmittel durch „agrarische Habsucht" nicht laut geworden. Die Sozialdemokraten müssen eben anerkennen, daß der deutsche Arbeiter mit darunter zu leiden hat, wenn die Ausfuhr deutscher Industrie einen Rückgang erfährt.
Vor einigen Wochen wurde gemeldet, die amerikanische Regierung habe der deutschen, oder wolle ihr Vorschläge machen, wegen Abschlusses eines Reziprozitätsvertrages. Die Meldung hat sich nicht bestätigt. Es war auch nicht zu verstehen, was mit einem solchen Vertrage gemeint sein solle. Freiwillig werden die Amerikaner uns überhaupt keine Zollermäßigung anbieten. Sie würden dafür doch in erster Reihe Ermäßigung unserer landwirrhschaftlichen Zölle verlangen, und daß die nicht zu haben ist, werden sie sich selbst wohl sagen. Erst wenn wir Miene machen, durch Zollerhöhungen die amerikanische Ausfuhr nach Deutschland zu erschweren, dürften sie zur Nachgiebigkeit bereit sein. Bisher hat man nichts davon gemeldet, daß die deutsche Regierung Repressalien plant, wiewohl sie oft genug, insbesondere von der Presse des Bundes der Landwirthe gedrängt worden ist. In
den bald wieder beginnenden parlamentarischen Sessionen wird sie ohne Zweifel aus dem Reichstage wie aus dem Landtage schwere Klagen und Vorwürfe in dieser Sache hören müssen. Die Leute, die den Herren v. Marschall und v. Bötticher so bitter feind waren, sind ja überhaupt schon lange enttäuscht und entrüstet, daß die neuen Männer „nichts thun". Wir unsererseits begreifen vollkommen, daß die Regierung, obschon kein Marschall und kein Bötticher sie mehr am Gutesthun und Klugsein hindert, keine Lust hat, ohne Umstände, wie ein brüllender Löwe über die Amerikaner herzufallen. Erst muß man doch mit einiger Sicherheit wissen, ob und welchen Schaden der Dinglep-Tarif unserer Industrie gethan hat. Ein einziges, dazu noch normales Vierteljahr kann darüber noch keine Gewißheit schaffen. Selbst die zollkriegslustige Presse gibt zu, daß die erwähnten Zahlen noch keinen richtigen Maßstab geben. Sodann bleibt zu prüfen, ob wir nicht durch einen Zollkrieg aus dem Regen in die Traufe gerathen und der Friedensschluß uns nicht noch größere Kosten auferlegen würde, als wir jetzt zu tragen haben. Den Eindruck haben wir freilich, daß wir den Amerikanern gegenüber durchaus nicht ohnmächtig und waffenlos sind. Sollten sie mit einigen Schwierigkeiten ihr Getreide auch anderswo unterbringen, ihre Baumwolle, die sie nach Deutschland führen, wird ihnen ein anderer nicht so leicht abnehmen können, und los sein wollen sie sie doch. Also, besonnen, aber nicht zaghaft muß unser Vorgehen gegenüber Amerika sein, zaghaft auch schon deshalb nicht, weil die Herren jenseits der „großen Pfütze" immer frecher werden, wenn man ihnen nicht gebührend die Zähne zeigt.
Die drei ersten Jesuiten in Deutschland.
Seit Jahrhunderten ist von den Gegnern der katholischen Kirche aller Haß auf die Jesuiten abgeladen worden, besonders in Deutschland. Wer den 4. Band der Geschichte des deutschen Volkes von Janssen liest, findet leicht den Erklärungsgrund bier- für. Nächst der Gnade Gottes ist es den eifrigen Bemühungen der Gesellschaft Jesu zu danken, daß nicht ganz Deutschland unter dem religionslosen, katholikenfeindlichen und protestantenfreundlichen Kaiser Maximilian der sogenannten Reformation anheimfiel. Der hervorragendste katholische Apostel Deutschlands unter den Jesuiten ist, wie allbekannt sein dürfte, der selige Petrus Canisius. Außer ihm verdienen für ewige Zeiten unseren Dank um die Wiederherstellung der zerrütteten Kirche in Deutschland die drei Jesuiten: Petrus Faber, Claudius Jagus und Nikolaus Bobadilla, welche zuerst das große Werk in die Hand nahmen.
1. Faber war Seelsorger in Worms im Jahre 1540. Er hatte es zunächst nicht auf eine Bekämpfung der neuen protestantischen Lehre, sondern auf eine sittliche Erneuerung des katholischen Lebens abgesehen. „Weshalb," so schrieb er an einen Freund, „arbeitet man nicht an einer Reformation, nicht der Glaubens- und Sittenlehre, denn die bedarf einer solchen nicht, sondern der Sitten selbst und des Lebens? Weshalb kehren wir nicht vermittelst der alten Lehre, die ja alt und neu ist, zu den früheren Werken der alten Zeiten und der hl. Väter zunlck?" Weil er die Hauptquelle des Nebels so richtig erkannte, war Faber schon aus diesem Grunde von väterlicher, milder Gesinnung gegen die Neugläubigen beseelt. „Ich empfinde unaufhörlich tiefen Schmerz," klagte er weiter, „über den Abfall der deutschen Nation, welche ehedem die unvergleichliche Perle und der Ruhm des Christenthums war." „Jedenfalls," so schreibt er, „wird derjenige, welcher mit den Irrgläubigen nur über die Verpflichtung zu einem christlichen Leben redet, über die Schönheit der Tugend, den Esser im Gebete, die Stunde des Todes, die Ewigkeit der Hölle u. dgl., welche der sittlichen Veredelung dienen, viel mehr für ihre Seligkeit wirken, als wer sie mit der Macht von Autoritäten und einer Fülle von Gründen bekämpft." Faber's Tagebuch enthüllt sein inneres Leben. Während die protestantischen Gegner ihn einen „gleißnerischen Buben" titulirten, betete er täglich selbst für die Häupter der Reformation: Luther, Butzer und Melanchthon in christlicher Nächstenliebe. Petrus Canisius durste von
ihm sagen: „Kein Wort hört man aus seinem Munde, ei es im Umgang in vertraulicher Gesellschaft, fei es bei Tische, das nicht Gott und Gottseligkeit athmet." In kurzer Zeit hatte er ein solches Ansehen gewonnen, daß viele Ordensleute, viele Bischöfe und Gottesgelehrte sich unter seine geistige Leitung stellten.
2. Wie Faber wirkte auch Claudius Jagus in der Katechese, auf der Kanzel und im Beichtstühle. Auch er war davon überzeugt, daß die traurige Kirchenspaltung nicht lediglich als eine Gelehrten- treitigkeit zu behandeln sei, sondern daß vor allem lie Bekehrung des Herzens Noth thue, da sie diesem mehr, als dem Verstände entsprungen sei. Aus Regensburg wurde er 1544 vertrieben. Als man ihm drohte, ihn in die Donau werfen zu wollen, antwortete er ruhig: „Ich hoffe, auch aus dem Wasser in den Himmel steigen zu können." In Worms durchwachte er oft ganze Nächte bei den Kranken, nahm keine Gaben an und lebte in Armuth. Darob klagte ein calvinistischer Prediger: „Die ersten von der neuen Sekte der Jesuwiter haben in Worms und sonst Viele vom hl. Evangelium verführt, insbesondere Einer, der halb Tag und Nacht in den Kirchen- und Krankenhäusern lag, wenig aß und trank und wenig schlief und sich der Werke nicht rühmte, was Vielen so in die Augen stach, daß sie der papistischen Abgölterei wiederum versielen (zur -atholischen Kirche zurückkehrten) zum ewigen Ver- dammniß ihrer Seelen durch diesen verzweifelten, gleißnerischen Buben." Als König Ferdinand Jagus zur Annahme des Bisthums von Trient verpflichten wollte, schlug er dieses Anerbieten aus.
3. Wie Jagus hauptsächlich in Ingolstadt, so wirkte Bobadilla in Wien. Obschon König Ferdinand ihm eine Wohnung bei Hofe anbot, so zog er es vor, im Krankenhause zu wohnen und von milden Gaben zu leben. Im Jahre 1542 schreibt er an Ignatius: „In keiner Stadt Deutschlands läßt sich mehr wirken, als hier." Im Jahre 1544 war er in Passau thätig, wo er viele abgefallene nnd schlechte Priester bekehrte. Während des schmal- kaldischen Krieges war er auf dem Schlachtfelde, wurde verwundet und später von der Pest befallen, aber wieder geheilt. Wie Jagus, fo wurden auch ihm wiederholt Bisthümer angeboten; aber auch er schlug sie bescheiden aus.
Diese drei Männer und ihre Genossen stellten der Welt glänzende Beispiele einer hingebenden Treue und Opferwilligkeit für die Sache der katholischen Kirche vor Augen. Diese Kraft schöpften sie aus dem Brunnen der göttlichen Gnade und dem Exercitien- büchlein des hl. Ignatius, das die göttlichen Wahrheiten einfach und schlicht, aber praktisch für's Leben verwendet. Wie die Protestanten die erfolgreiche Thätigkeit dieser ersten deutschen Jesuiten beurteilten, darüber belehrt uns (vergl. Seibert 17 -18) ein calvinistischer Prediger, welcher also schreibt: „Die Jesuiter verführen gar viele zu sonderlichen Hebungen, welche sie Exercitien nennen. Da werden die Opfer, wie glaublich berichtet wird, mit Dampf und anderen Mitteln berauscht, daß sie den Teufel leibhaftig zu sehen vermeinen, brüllen gleich den Ochsen, müssen Christi adschwören und dem Teufel dienen." — Das ist noch lange nicht das Schlimmste, was man den ersten Jesuiten nachsagte. Die Verlästerungen der Jesuiten, welche ebenso durch Wissenschaft, wie durch Frömmigkeit und christlicher Duldsamkeit sich aus- zeichneten, potenzirten sich zu Milliarden. Wer wird sich nun wundern, daß das Echo in unseren Tagen noch nachtönt. Die guten Leute werden so — instruirt.
Mir der Jakob Soldat wurde.
Etwas für Rekruten und solche, die es werden wollen.
Der Jakob war immer ein lustiger, fideler Junge gewesen, mein liebster Spielkamerad von Kindesbeinen. Wir beide waren aus einem Dorfe und da wir auch ungefähr in einem Alter standen, hatten wir auch zusammen die Schulbänke abgerutscht. Wie manchen Schabernack hatten wir unserm alten Schullehrer gespielt! Wie manchmal hatten wir auch, wenn der junge Hilfslehrer Schule hielt, die glänzend schwarze Rücklehne am Stuhl mit Tinte beschmiert oder unter das Pult Aepfelschalen gestreut, so daß er beim Auf- stehen ausrutschre. Wir beide, der Jakob und ich