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Samstag, den 16. Oktober 1897

2L Jahrgang

FilldaerMZcitiing

mit Uttterhaltungs-KeUagr „Sterne und Klumen".

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w' Drittes Klatt. W _________

Spanien aus Cuba.

Daß wir eine Freude daran haben sollen, daß in Spanien auf den konservativen Ministerpräsidenten Canovas del Castillo der alte Liberalenführer Sag ast a als Ministerpräsident gefolgt ist, kann natürlich niemand von uns verlangen. Unsere per­sönlichen Sympathien neigen nicht Herrn Sagasta zu. Aber wenn wir den Wechsel betrachten, der in dem Verhalten des Mutterlandes Spanien zu der Insel Cuba durch den Ministerwechsel eingetreten ist, so können wohl auch wir Spanien dazu nur beglückwünschen. Denn das Regiment, das der General Wepler auf der Insel Cuba ausübte, würde Spanien schließlich in die denkbar unangenehmste Lage gebracht haben — auch ohne das Eingreifen der Ver­einigten Staaten von Nordamerika.

Nicht weniger als drei Milliarden Pesetas (fast 21 /» Milliarden Mk.) hat die Insel Cuba während der letzten Zeit den Spaniern gekostet — an Geld; im Uebrigen aber haben Tausende und Abertausende wackere Söhne Spaniens ihren Tod auf der Insel gefunden, weniger durch die Kugeln der Insurgenten, als durch einen schrecklichen Feind, nämlich durch das gelbe Fieber. Die Blutopfer, die Spanien cubanischem Besitze brachte, sind also noch höher anzuschlagen als die Opfer an Edelmetall. Dazu kam, daß die Insel Cuba schon vor der Ankunft des Generals Wepler im wirthschaftlichen Niedergange begriffen war und bereits durch die Insurgenten viele Ver­wüstungen hatte erdulden müssen. Denn die Auf­rührer hatten geradezu schauderhaft gewüthet. Pflanzungen wurden verwüstet, wohin sie kamen, Zuckerrohr- und Tabakfelder zerstört und die Häuser niedergebrannt. Der Zuckerkrach aber hatte schwere wirthschaftliche Schäden über die Insel gebracht, und die Aufhebung der Sklaverei, an sich eine vortreff­liche Maßregel, die schon längst vorher hätte vor­genommen werden müssen, half dazu beitragen, daß die Ertragsfähigkeit der Insel noch weiter verringert wurde. Gleichzeitig liefen die befreiten Negersklaven massenhaft zu den Aufständischen über; und so ungleich schlechtere Soldaten sie sind als die Mannschaften der spanischen Regierungstruppen, so können sie doch dem gemeinsamen schlimmsten Feinde, dem gelben Fieber, eine ganz andere Widerstandskraft entgegensetzen als diese.

General Martinez Campos, der Königs­macher, konnte den Aufstand auf Cuba nicht bezwingen, und deswegen sandte man, um ihn zu ersetzen, den General Wepler dorthin. Dieser gedachte durch ein System des Schreckens den Aufstand zu bezwingen, und was die Aufständischen noch nicht verwüstet hatten, das verwüstete nun General Wepler mit seinen Regierungstruppen. Herr Wepler wollte durchaus nicht aus Cuba weichen. Er stellte der Regierung vor, daß er die Aufrührer, die vordem die Hauptstadt der Insel selbst schon bedrohten, weit schon bis in das Innere zurückgetrieben habe, und daß er die Insel bis zum Mai nächsten Jahres unterworfen haben würde, wenn man ihn dort belassen wollte. Aber Niemand hat ihm das geglaubt. Dazu kam die allmählich immer weiter sich verbreitende Einsicht dasür, daß durch ein solches Regiment des Schreckens die Insel thatsächlich niemals wirklich wieder erobert werden könne — int Gegentheil, schließlich würde noch der allerletzte Cubaner dem Mutterlands Spanien abwendig dadurch gemacht worden sein.

Endlich trat nun noch die Einwirkung der Ver­einigten Staaten von Nordamerika hinzu. Zuverlässiges hat man nicht erfahren über die Unter­redung des amerikanischen Gesandten Woodford mit dem spanischen Minister des Auswärtigen im Kabinet Azcarraga, dem Herzoge von Tetuan. Aber daran braucht man trotz aller und aller Ableugnungsversuche nicht zu zweifeln, daß die Vereinigten Staaten von Nordamerika mit ihrer Einmischung drohten für den Fall, daß Spanien nicht fertig werden sollte mit dem Aufstande auf der Insel Cuba. Spanien hatte sicher­lich seit dieser Unterredung in San Sebastian in

dringlicher Weise mit den Vereinigten Staaten zu rechnen, und was blieb ihm da noch Anderes übrig als einzuschwenken?

Herr Sagasta hat den General Wepler ab be­rufen. Aber die Feindseligkeiten können deswegen nicht mit einem Schlage aufhören. Im Gegentheil; zunächst sendet Spanien nochmals 20,000 Mann frische Truppen nach der Insel Cuba. Aber zu gleicher Zeit bietet die spanische Regierung den Cubanern sebstständige Verwaltung der Insel an. Die Cubaner sollen einen Verwaltungsrath bilden, der in Angelegenheiten der Zölle und der Finanzen selbstständig zu fchalten und zu walten haben soll. Die Krone Spanien, so lautet das Anerbieten weiter, ernennt einen Generalgouverneur, und dieser soll in politischen Sachen und in Angelegenheiten der Landes- vertheidigung ein Vetorecht haben.

Die aufständischen Cubaner wollen aber noch mehr. Sie wollen volle Unabhängigkeit, und außerdem soll das Mutterland die gesammten cubanischen Schulden übernehmen — so hat die Vertretung der Aufständischen erklärt, die Junta, die in Newyork ihren Sitz aufgeschlagen hat. Diese Schulden aber betragen nicht weniger als 11 Millionen Pesetas.

Natürlich will Sagasta auf diese Forderungen nicht eingehen. Und so wird er trotz der Aenderungen im Regierungsspstem kaum weniger Schwierigkeiten zu überwinden haben als seine Vorgänger Azcarraga und Canovas de Castillo.

Uerfolgt.

Dem Englischen von Marion Crawford nacherzählt von Cora von Schönburg.

25 ------ (Nachdruck verboten.)

Juxon wußte, daß sich nicht voraussehen ließe, was Goddard im Laufe der nächsten Stunde sprechen würde. Er war oft genug mit Fieberkranken zu­sammen gewesen, um zu erfahren, daß ihr unartiku- lirtes Gemurmel oft in klares Reden übergeht. Wenn der Mann jetzt schon seine Bekanntschaft mit Mary Goddard verrathen hatte, so war es gar nicht un­möglich, daß er das nächste Mal erzählte, sie sei seine Frau. John Short durfte keinesfalls in Frau Goddard's Geheimniß eingeweiht werden, und da Juxon ein energischer Mann war, so faßte er schnell seinen Entschluß und sprach:

„Herr Short, ich muß Ihnen etwas sagen. Es liegt hier ein Fall vor, für den ich Ihre ganze Dis­kretion in Anspruch nehmen muß. Ich habe Grund, anzunehmen, daß dieser Mann hier ein entsprungener Sträfling ist — wundern Sie sich nicht darüber — ein Mann, der aus dem Gefängnisse entlaufen ist. Dieser selbe Mann war früher einmal in Goddard verliebt. Der Umstand erklärt auch sein Kommen hierher. Ja, ich weiß, was Sie sagen wollen, Frau Goddard hatte Kenntniß von seiner Anwesenheit, daher ihre Aufregung und ihre plötzliche Ohnmacht. Be­greifen Sie jetzt Alles?"

„Ja, aber warum in aller Welt zeigte sie ihn denn nicht an?" rief John im Tone der höchsten Verwunderung.

„Das wäre mehr, als man von einer Frau er­warten darf, Herr Short. Sie vergessen, daß der Mann sie einst geliebt hat."

„Und woher wissen Sie — doch ich will keine weitere Fragen stellen."

„Nein, thun Sie es lieber nicht," wehrte ihm der Gutsherr. „Sie würden mich dadurch in Verlegen­heit bringen. Nicht als ob ich Ihnen kein Vertrauen schenkte, Herr Short", fügte er gutherzig hinzu, „aber ich möchte mich selbst keiner Indiskretion schuldig machen. Stirbt der Kerl hier, so wird er als un­bekannter Landstreicher begraben; seine Sachen geben keinerlei Anhaltspunkte über seinen Namen. Wenn er sich wieder erholt, nun, so müssen wir sehen, was wir mit ihm anfangen. Was für ihn geschehen kann, soll geschehen, es ist eine zu heikle Angelegenheit. Vielleicht würde uns der arme Mensch sehr dankbar sein, wenn wir ihn ruhig sterben ließen, allein das dürfen wir nicht."

„War er für lange Zeit verurtheilt?" fragte John. Der Ernst der Lage verfehlte nicht, einen tiefen Eindruck auf ihn zu machen.

„Ursprünglich, glaube ich, für zwölf Jahre. Die

Flucht und der Angriff auf mich werden seine Straf­zeit jedoch auf mindestens zwanzig Jahre verlängern."

„Vorausgesetzt, daß er wieder aufkommt," warf John ein.

„Natürlich. In dem Falle glaube ich auch nicht, daß ich mich besinnen würde, ihn wieder auszuliefern."

„Ein friedlicher Tod hier muß ihm allerdings sehr wünschenswerth erscheinen," bemerkte John, „und ich kann mir auch nicht denken, daß es Mord wäre, ihn nicht daran zu verhindern."

„Nach unseren gesetzlichen Begriffen würde man es fahrlässige Tödtung nennen. Es ist zwar kaum zu vermuthen, daß man mir einen Vorwurf daraus gemacht hätte, wenn er ohne ärztliche Hilfe geblieben wäre. Sehen Sie ihn nur an; wenn nicht bald etwas für ihn geschieht, so glaube ich nicht, daß er es noch lange aushält."

Es war keine besondere Veränderung in God­dard's Aussehen zu bemerken. Er lag mit starr in die Höhe gewandtem Blick auf dem Rücken und murmelte bei jedem Athemzuge laut vor sich hin.

„Er muß schon krank gewesen sein, ehe er mich anfiel," fuhr Juxon beinahe wie zu sich selber redend fort. „Er hat offenbar hochgradiges Fieber, Gehirn­fieber, wie mir scheint. Das wird auch der Grund sein, warum er mich gefehlt hat, das und die Dunkel­heit dazu. An dem Knüppel hat es jedenfalls nicht gelegen. Sie haben Recht, Herr Short, es wäre Barmherzigkeit, ihn ruhig hier sterben zu lassen. Aber wer von uns würde sich nicht später einen Vorwurf daraus machen, wenn er etwas versäumt hätte, um sein Leben zu erhalten? Es ist ein gar zu verwickelter Kasus."

„Sehr verwickelt in der That," wiederholte John.

„Mir scheint indessen, der natürliche Instinkt des Menschen ist immer der, das Leben des Anderen zu erhalten. Wenn er in den Kampf mit einem Feinde verwickelt wird, so tritt er durch die Aufregung aus seiner eigentlichen Natur heraus und versucht seinen Feind zu tobten. Ist der Kampf beendet, so tritt auch das ursprüngliche Gefühl wieder in seine Rechte."

„Ja, in solchen Fällen handelt es sich nur darum, zu sagen: mann ist der Kampf vorüber? Ich er­innere mich eines jungen Arztes in Indien. Der Mann glaubte eine Cobra-Schlange getödtel zu haben. Er trat heran, um ihre Giftzähne zu untersuchen. Doch die Schlange war nicht vollständig tobt; sie biß dem Arzt in den Finger und nach 35 Minuten war der arme Mensch eine Leiche."

„Wie schrecklich," äußerte John „Aber 'Sie werden von dem unglücklichen Menschen hier doch nicht annehmen, daß er noch etwas Gefährliches zu be­ginnen im Stande sei?"

„O nein, gewiß nicht," gab Juxon zurück. „Ich wollte Ihnen nur beweisen, daß es viele Fälle gibt, wo man sich berechtigt fühlt, einen Kampf möglichst zu Ende zu führen. Nein, der hier wird für lange Zeit nicht mehr gefährlich fein, wenn er überhaupt wieder aufkommt. Aber wie gesagt, er muß schon länger krank gewesen sein. So plötzlich tritt kein Delirium ein."

Es wurde an die Thür geklopft. Holmes meldete, daß Dr. Longstreet eingetroffen fei.

„Ah, es ist Dr. Longstreet," rief Juxon. „Bitten Sie ihn, gleich heraufzukommen."

13. Kapitel.

Dr. Longstreet war nicht der Arzt von Billings- field. Dieser war über Land gewesen, und der Kutscher hatte sechs Meilen weiter zur nächsten Stadt fahren müssen, um den dortigen Medikus zu holen. Der Doktor war ein alter Mann mit klarem Blicke, tiefgefurchter Stirn, einem kahlen Kopfe und glatt» rastrtem Gesichte. Sein Gang war auffallend elastisch, seine Sprache rasch und abgebrochen. Sein frischer Lebensmuth und die Sorglosigkeit, mit welcher er sein Alter trug, flößten Vertrauen ein. Es schien, als reizten ihn alle körperlichen Gebrechen zum Lachen, und als wünsche er, diese Auffassung auch seinen Patienten beizubringen. Er urtheilte rasch, aber mit merkwürdiger Sicherheit.

„Sehen Sie, da bin ich, Herr Juxon," sagte er im Hereintreten. Es war stets seine Art, sich auf diese Weise anzumelden. Allerdings hätte man seine kleine bewegliche Person auch ohnedem kaum übersehen.