M 237 Freitag, den 15. Oktober 1897 21. Jahrgang
FuldaerWZeitlliig
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Wochen-Rundschau.
sNachdruck verboten.)
X Fulda, 15. Oktober.
In der gesammten deutschen Presse werden die Debatten in der bayerischen Abgeordnetenkammer während der vorigen Woche als ein ganz besonderes politisches Ereigniß behandelt und mit Recht. Zumal durch die Ausführungen des Abg. Dr. Schädler gewannen diese Verhandlungen eine hohe politische Bedeutung, die weit über den Rahmen dessen hinausgeht, womit die Interpellation, aus der die Debatten hervorgingen, sich beschäftigt. Diese Interpellation war eine Anfrage der Abgg. Aichbichler u. Gen. vom Centrum wegen derjungstenKaiserManöver: „Ob es wahr sei, daß an die Truppen so übergroße Anforderungen gestellt wurden, wie die Presse theil- weise es darstellte, und ob es wahr sei, daß infolge dessen viele Erkrankungen und Todesfälle in den Reihen der Mannschaften vorgekommen seien. Besonders gewisse Reiterattacken haben die Aufmerksamkeit auf sich gezogen, und es soll dabei das Wort gefallen sein: „Wenn das so weiter geht, weiß ich nicht, wer die Todten begraben soll."" Bei dieser Gelegenheit brachte Abg. Dr. Schädler noch eine andere Frage aufs Tapet: „Es ließe sich — so meinte derselbe — die Frage aufwerfen, ob es berechtigt war, daß der Kaiser zur Friedenszeit über bayerische Truppen den Oberbefehl führte." Diese letztere Frage hat der bayerische Kriegsminister v. Asch damit beantwortet, daß Prinzregent Luitpold es so angeordnet habe, und daß etwa von einem von außer- balb her ausgeübten Drucke nicht die Rede sein könne. Ueber die Erkrankungen während der Manöver hat der Kriegsminister ausführliche Auskunft gegeben. Es sind recht stattliche Ziffern, die dabei herauskamen; so hatte ein einziges Regiment, das 5. Jnf.-Reg., allein 186 Erkrankungen. Sonst aber hat es sich gezeigt, daß die Schilderungen in einigen Blättern übertrieben waren, und die Interpellation des Centrums hat vor allen Dingen das Verdienst für sich zu beanspruchen, daß die beunruhigte öffentliche Meinung genaue Aufschlüsse erhalten hat über die vorliegenden Thatsachen. Der bayerische Kriegsminister und vor allen Dingen hohe Militärs in anderen deutschen Staaten mögen sich daneben die bayerischen Kammerverhandlungen zur Lehre dienen lassen dafür, daß die parlamentarischen Vertreter des Volkes nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht haben, sich recht genau auch um alle militärischen Vorgänge ihres Landes zu kümmern. Es geht nicht an, alles das, was zum Heere gehört, als etwas ganz Besonderes, das nur
Der Uordpelfahrer Dr. I«lr«s v. Payer.
Wie schon mitgetheilt, wird der Nordpolfahrer Dr. Julius v. Payer am Dienstag Abend im Saale des Bürgeroereins einen Vortrag halten über Nordpol, Südpol und moderne Eisschifffabrt. Es dürfte daher für viele unserer Leser von Interesse sein, über diesen kühnen Forscher einige nähere Mittheilungen zu erfahren.
Julius v. Payer ist in Teplitz in Böhmen geboren und erhielt seine Ausbildung in der Militär-Akademie in Wiener-Neustadt, aus der er im Jahre 1859 als Lieutenant, 17 Jahre alt, in das 36. österreichische Infanterie-Regiment eintrat, das damals in Italien garnisonirte. Vom Beginn der 60er Jahre her datiren die ersten Mittheilungen über die Thätigkeit Payers bei der Aufnahme noch unbekannter Alpengebiete zuerst aus seinen eigenen geringeln Mitteln, dann im Auftrage des Kriegsministeriums. . Das Ortler- und Adamello - Gebiet wurden von ihm völlig erforscht, seine noch heute mustergiltigen Karten und Schilderungen erschienen in Petermann's geographischen Mittheilungen. Der Krieg von 1866 bot eine kurze Unterbrechung, in der Schlacht von Custozza erwarb sich Payer „durch hervorragende Tapferkeit" das Militär- Verdienstkreuz.
dem Herrscher allein gehört, von allem Uebrigen abzutrennen und es in einen dichten Schleier disciplina- rischer Geheimnisse einzuwickeln. Auch über das Heer fordert das Parlament nach seinem verfassungsmäßigen Rechte Aufschlüsse, denn das Volk trägt nicht nur die Geld lasten, die das Heer und seine Bedürfnisse ihm aufbürden, das Volk gibt auch seine Söhne, aus denen das Heer gebildet wird, und somit hat das Volk ein ebenso großes Anrecht daran wie der Herrscher eines Landes.
In Hamburg tagte der sozialdemokratische Parteitag. Fast zu viel Wesens ist davon in der Presse der nichtsozialdemokratischen Parteien gemacht worden, und namentlich die freisinnigen und bürgerlich-demokratischen Zeitungen brachten Berichte über den Parteitag, so genau und so ausführlich, als handle es sich um eines der wichtigsten politischen Ereignisse ^des ganzen Jahres. Kein" Wunder, daß dann die Sozialdemokratie in ihrem Selbstbewußtsein noch üppiger als bisher ins Kraut schießt. Aber freilich, die freisinnigen Blätter hatten diesmal ein besonderes Interesse an den Verhandlungen des sozialdemokratischen Parteitages. Dieser hatte u. a. auch über die Frage sich schlüssig zu machen, ob die Sozialdemokratie an den nächsten preußischen Landtagswahlen sich betheiligen soll oder nicht, und da von vornherein die Bejahung dieser Frage zu erwarten war, hofften die Freisinnigen, daß aus den Hamburger Beschlüssen große Vortheile für sie selbst bei den Landtagswahlen sich ergeben würden. Darin haben sie sich gründlich getäuscht. Wohl hat der Hamburger Parteitag beschlossen, an den preußischen Landtagswahlen theilzu- nehmen; aber zu gleicher Zeit ist unter den heftigsten Ausfällen gerade gegen die Freisinnigen beschlossen worden, daß die Sozialdemokratie keinerlei Bündnisse und Kompromisse mit anderen Parteien eingehen darf. Für uns war am interessantesten die Thatsache, daß die sozialdemokratische Reichst a'gsfraktion heftigen Angriffen der „Genofsen" ausgesetzt war deswegen, weil sie so zahm und geduldig sich verhalten hatte zu der Annahme der 40 Millionen-Forderung der Regierung für die Neubewaffnung der Artillerie, und weil die fozialdemokratischen Reichstagsabgeordneten dem parlamentarischen Gebrauche gefolgt waren und Stillschweigen darüber beobachtet hatten. Sowohl das eine wie das andere ist nicht anders, als ein Anzeichen dafür zu deuten, daß die Sozialdemokratie, seit sie von dem Drucke des Ausnahmegesetzes befreit ist, in etwas mehr gemäßigte Bahnen einzulenken beginnt. Das gewaltsam revolutionäre Element ist bei ihnen im Laufe der letzten Jahre ein wenig in den Hintergrund gerathen.
Auch die neue Woche hat uns noch keinen Aufschluß darüber gebracht, ob dem Reichstage eine Vorlage zugehen wird über Umbildung des militärischen Strafrechtes, und darüber, wie nun die Ilotten- vorlage endgiltig sich gestalten soll. Auch über den Zeitpunkt, an dem der Reichstag seine Berathuugen
Im Jahre 1868 erging an Payer von dem Unternehmer der deutschen Nordpol-Expedition, Dr. August v. Petermaun, die Aufforderung zur Theilnahme an der für das Jahr 1869 in Aussicht genommenen Nordpol - Expedition, für welche er die Karten der neu zu entdeckenden Länder entwerfen und die Schlittenreisen leiten sollte. Payer war damals Oberlieutenant und gehörte dem militär-geographischen Institute in Wien an.
Bei dieser Expedition wurde in NO-Grönland in 74“ 31' nördl. Br. überwintert. Im März und April 1870 machte Payer ausgedehnte Schlittenreisen an der grönländischen Küste, welche sich bis zu 77° 1' nördl. Br. erstreckten. Diese Expedition führte zur Entdeckung des Franz-Josephs-Fjords an der Ostküste Grönlands und des diese Bucht umrahmenden alpengleichen Gebirges, in dem eine 2200 Meter hoch auf- ragenbe Spitze, fortan den Namen Payer-Spitze führt. Das Segelschiff „Hansa", das Begleitschiff dieser Expedition, wurde nahe der grönländischen Küste vom Eise zerdrückt, die Mannschaft machte auf einer Eisscholle noch eine schauerliche Fahrt vom 71» bis zum 61° nördl. Br., die monatelang dauerte, bis es ihr am 13. Juni 1870 gelang, die Südspitze Grönlands zu erreichen.
Payer litt es nach der Rückkehr nicht lange in
beginnen soll, wissen wir noch nichts. Jedoch ist es als bestimmt anzunehmen, daß vor dem letzten Drittel des Monats November nicht daran zu denken ist. Die Vorarbeiten für den Etatsvoranschlag für das Etatsjahr 1898/99 sind noch sehr im Rückstände. Eine sehr unwillkommene Bestätigung früher ausgesprochener Befürchtungen haben wir dagegen für die nächste Tagung des preußischen Abgeordnetenhauses erhalten: diesem wird wiederum keine Vorlage zugehen über Werändernng des Wahlgesetzes, und somit werden die Neuwahlen zum Abgeordnetenhause unter Umständen stattfinden, die noch viel mehr als früher die reichen Leute begünstigen zu Ungunsten derer, die wenig Steuern bezahlen. Dies kommt daher, daß durch die neue Steuerordnung die Verhältnisse sich verschlechtert haben, und deswegen hatte die Regierung bereits das feste Versprechen gegeben, einen Gesetzentwurf int preußischen Abgeordnetenhause einzubringen, der diese Verschiebungen in der Klasseneintheilung der Landtagswähler zu Gunsten der höher Besteuerten wieder gut machen soll. Aber es geht gerade wie mit der Militär-Strafprozeßordnung: Versprechen und Halten scheint neuerdings bei der Berliner Regierung zweierlei geworden zu sein. Uebrigens sind dieser Tage über die Schicksale der militärischen Strafprozeßreform in der bayerischen Abgeordnetenkammer einige Aufschlüsse gegeben worden. Wie unseren Lesern bekannt, war dort eine Interpellation darüber eingebracht worden, und die bayerische Regierung hat ganj’ gern diese ihr gebotene Gelegenheit ergriffen, um Klarheit zu bringen über ihre eigene Stellung zu dieser Angelegenheit. Stellen es doch die Berliner Offiziösen neuerdings mit Vorliebe so dar, als sei Bayern ganz allein schuld daran, daß dem Reichstage noch keine Vorlage über Umbildung des militärischen Strafrechtes zugegangen ist. Auch ein merkwürdiges Verfahren, um dem Umsichgreifen der „Reichsverdrossenheit" in Bayern zu steuern!
Die Thümmelei feierte in der abgelaufenen Woche wüste Orgien. In Krefeld hielt nämlich der Kvangelische Mund seine Generalversammlung für dieses Jahr ab, und was dort geleistet worden ist an Verunglimpfung der katholischen Kirche, das übersteigt alles bisher in diesem Sinne Dagewesene. Daß das sichtbare Haupt der katholischen Kirche, unser hl. Vater in Rom, verspottet wurde, war das Allerwenigste. Die Herren scheuten sich sogar nicht, auch das, was dem Katholiken am Allerheiligsten ist, in geradezu wüster Weise zu verhöhnen. Es macht uns wahrlich keine Freude, diese häßlichen Auswüchse des kirchenfeindlichen Fanatismus, wie sie bei den „evangelischen" Herren in Krefeld so reichlich wucherten, noch einmal hier zur Betrachtung heranzuziehen. Aber es muß geschehen, um Jene zu kennzeichnen und von Neuem unsere Freunde aufmerksam zu machen darauf, wie man eigentlich in jenem Lager gegen den Frieden zwischen den Konfessionen zu freveln wagt. Der protestantische Hetzprediger Thümmel hat es von Neuem gemäßigteren Zonen, schon 1871 finden wir ihn wieder im nördlichen Eismeere, diesmal in Gesellschaft des Schiffslieutenants Weyprecht, auf einer „Recognos- eirungsfahrl" zwischen Spitzbergen und Nowaja- Semlja, die (im September) bis zum 80° n. Br. führte. Da die kühnen Reisenden hier überall offenes, eisfreies Meer fanden, beschlossen sie, eine große Expedition zur Erforschung in dieser Richtung zu veranstalten, welche von den vorangegangenen arktischen Expeditionen bisher total vernachlässigt worden war. Ihrer Energie gelang es, die Zurüstungen hierzu so zu beschleunigen, daß das dazu bestimmte Schiff „Tegetthoff" schon am 13. Juni 1872 von Bremerhaven aus in See stechen konnte. Die Fahrt ging von Hammerfest aus quer durch das Barents-Meer direkt gegen Nowaja- Semlja, doch wurde der „Tegetthoff" diesmal schon unter 760 30' nördl. Br. vom Eise eingeschlosfen und nach Norden getrieben. Im Sommer 1873 wurden Versuche gemacht, durch Zersägen und Sprengen des Eises das Schiff frei zu machen; diese Versuche waren aber fruchtlos. Im Herbste würbe das Schiff in die Nähe eines unbekannten Gebirgslandes getrieben. Es war das ausgedehnte Gebiet des Franz-Joseph-Landes. Der zweite Winter wurde unterm 79° 51' nördl. Br. im Eise zugebracht. Im März und April 1874 unter-