JK 237
Freitag, dm 15. Oktober 1897. 24. Jahrgang
MaklWZeitilng
mit Uuterhaltimgs-Keilage „Sterne um» Klumru".
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cc Freisinnige und Sozialdemokraten
Deutsches Deich
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(Nachdruck verboten.)
Der letzte harte Schlag, welcher die arme Frau betroffen, war beinahe zu viel für ihre Natur gewesen. Jedoch auch den Leiden der Menschen ist eine Grenze gezogen. Wie die bewunderungswürdige Weisheit der Vorsehung angeordnet hat, daß in den Regionen des ewigen Eises die See nicht bis auf ......................„uut wltuCl=
den Grund zufriert, so gibt es auch in der mensch- belebungsversuche mit ihm gemacht." Vielleicht haben lichen Natur einen Punkt, über den kein Leiden hinaus Sie Recht, was das Fieber betrifft. Daß das auch kann. Jede Aufregung tobt sich mit der Zeit aus — | gerade während der ersten Nacht Ihres Hierseins
Für den unbetheiligten Dritten entbehrt es nicht einer gewissen Ergötzlichkeit zu beobachten, wie die Freisinnigen und die Sozialdemokraten gegeneinander sich vorrechnen, wie bei den Wahlen nur immer die eine Partei mit Hilfe der anderen Er-, folge haben könne. Zumal die sozialdemokratische Presse ist darin groß. Der,Vorwärts' hält Herrn Eugen Richter vor, daß die ganze Freisinnige Volkspartei ihr parlamentarisches Dasein lediglich der Sozialdemokratie verdanke. Und in der That ist ja in der nichtfreisinnigen Presse der Satz von den freisinnigen Abgeordneten, die wieder einmal auf den Krücken der Sozialdemokraten in ein Parlament ein- gezogen sind, schon eine stehende Rubrik geworden.
Wenn Alles nach den Worten ginge, die im Verlaufe des Hamburger sozialdemokratischen Partei- tages gefallen sind, so müßte aber jetzt diese Wahlfreundschaft zwischen Freisinnigen und Sozialdemokraten ein Ende haben. Hieß es doch in Hamburg sogar, ein tiefer Ekel erfasse einen wahren Sozialdemokraten vor dieser Demagogenpartei, nämlich eben der freisinnigen Partei, von der man, möge sie thun was sie wolle, ganz gewiß annehmen könne, daß sie das Volk verrathe. Und umgekehrt stellt nun Herr Eugen Richter in der .Freisinnigen Zeitung' den Grundsatz auf, in Zukunft sollten von den Freisinnigen nicht nur die konservativen, sondern auch die sozialdemokratischen Kandidaten energisch bekämpft werden, damit sie nicht in die Stichwahl mit — wie die Freisinnige Zeitung sich ausdrückt — Regierungskandidaten gelangen. Zu diesem Zwecke will Herr Eugen Richter, daß diejenigen Wählerkreise, die als Mitläufer der Sozialdemokratie zu betrachten sind, aufgeklärt und von der Vorstellung befreit werden, als ob man durch die Stimmenabgabe für einen Sozialdemokraten in * besonders wirksamer und durchgreifender Weise die Opposition gegen die Regierung zur Geltung bringe. Denn, so sagt Herr Eugen Richter, durch die Zersplitterung der Stimmen, die gegen Polizeigesetzgebung und Militarismus abgegeben werden in einem Wahlkreise, in freisinnige und sozialdemokratische Stimmen siege dann in der Stichwahl der Regierungskandidat, obwohl thatsächlich eine oppositionelle Mehrheit in dem Wahlkreise vorhanden ist. Der freisinnige Kandidat müsse mit dem konservativen Kandidaten in die Stichwahl kommen, nicht der Sozialdemokrat. Denn die Freisinnigen werden niemals geschlossen für einen Sozialdemokraten stimmen. Wohl aber werden und der Kaiser hat bald nach seiner Ankunft "ben
bei der Stichwahl zwischen einem Konservativen und ~ '
einem Freisinnigen die Sozialdemokraten zwischen zwei
jede Leidenschaft verkühlt. Nach zwei Stunden hatte sich auch die erste Gewalt von Mary Goddard's Schmerz gelegt. Sie begann aus einem bösen Traume ju dem trüben Gefühle der Wirklichkeit zu erwachen. Der Gebrauch ihrer Vernunft kehrte allmählich wieder zurück. Sie machte sich klar, daß Juxon ihr sobald als möglich Nachricht geben werde, daß dies aber kaum vor dem Morgen geschehen könne. So lange mußte sie sich gedulden.
John Short war, wie gesagt, sehr bleich, als er in das Krankenzimmer trat. Er hatte sich noch nicht ganz von seiner vermeintlichen Leichenwache in dem sturmumbrausten Walde erholt. Junge Nerven sind in solchen Dingen empfindlicher wie alte. Er blieb einen Augenblick stehen, blickte auf das Bett und entsetzte sich abermals.
nun zurückerobern will für freisinnige Kandidaten dadurch, daß sie „aufgeklärt" werden.
Wie will Herr Richter das machen? Nicht einmal im eigenen Lager der Freisinnigen herrscht Eintracht über das, worauf es für die Freisinnigen bei der nächsten Reichstagswahl in erster Reihe ankommt, und Freisinnige Vereinigung und Freisinnige Volkspartei sind neuerdings dergestalt aneinander gerathen, daß an ein versöhnliches Zusammenwirken beider Schattirungen vorläufig gar nicht zu denken ist. Niemals ist etwas auf dem Gebiete der Parteipolitik kläglicher gescheitert als die im Laufe des vorigen Sommers angezettelten Versuche zur Vereinigung aller entschieden Liberalen, und aus der ganzen verworrenen Sachlage im Bannkreise des Liberalismus ergibt sich Eines mit großer Klarheit: je länger desto deutlicher tritt es zutage, daß der Liberalismus g rü nd- lichst bei uns abgewirthschaftet hat und keine Spannkraft mehr in sich hat zu neuem erfolgreichem Schaffen.
Wir glauben also auch keineswegs, daß es Herrn Richter und seinen Freunden gelingen wird, durch die beabsichtigte „Aufklärung" der Sozialdemokratie die „Mitläufer" wieder abzujagen, die ihr zufielen gerade durch die Schuld des fortgeschrittenen Liberalismus. Und wir werden kaum fehlgehen in der Annahme, daß die Zahl der Abgeordneten der freisinnigen Volkspartei im nächsten Reichstage wiederum um ein Erkleckliches zurückgehen wird, wenn es der Partei bei den Wahlen nicht von neuem gelingt, der sozialdemokratischen Krücken sich zu bedienen.
Herr Engen Richter gibt vor, vor allen Dingen wolle er bei der nächsten Wahl den Absolutismus bekämpfen. Es würde aber, so will uns bedünken, besser stehen um feine Wahlerfolge, wenn er zunächst den Absolutismus bei s ich selb st bekämpfen und die Anschauung sich abgewöhnen wollte, daß unfehlbar ganz allein die Freisinnige Volkspartei ist und vor allen Dingen ihr Oberhaupt, Herr Eugen Richter.
Es ist sehr bedauerlich, daß Herrn Eugen Richter nicht schon früher diese Erkenntniß aufgegangen ist. Früher nämlich ist durch das Liebäugeln vieler unter denen um Richter mit den Sozialdemokraten gerade die Zahl derjeniaen ungemein verstärkt worden, die Herr Eugen Richter jetzt als „Mitläufer" der Sozialdemokratie bezeichnet, und deren Stimmen er
12. Kapitel.
John Short hatte, in vollständiger Unkenntniß der Sachlage, Frau Goddard's Aufregung allein auf den Gutsherrn bezogen. Ihre Behandlung war nicht -so leicht gewesen, als er es sich vorgestellt. Die Besinnung kehrte allerdings schon während der Fahrt zurück, aber bann hatte es großer Anstrengungen bedurft, um die erregte Frau zur Heimkehr zu bewegen. Ihre Verfassung war derart, daß es unmöglich war, ihr mit Vernunftgründen beizukommen. Nur John's wiederholter Versicherung, daß er ihr von Allem Bericht erstatten werde, war es endlich gelungen, sie zum Bleiben zu bewegen.
Reichskanzler Fürst zu Hohenlohe, den Finanzminister Dr. von Miguel und den stellvertretenden
Nebeln das kleinere wählen und dem Freisinnigen ihre Stimme geben.
Berlin, 14. Oktober.
st Das kaiserliche ^Paar ist Mittwoch Abend wieder im Neuen Palais bei Potsdam eingetroffen,
Verfolgt.
Dem Englischen von Marion Crawsord nacherzählt von Cora von Schönburg.
„Wie, er ist doch nicht tobt?1' rief er aus, und näherte sich, um Goddard's geröthetes Gesicht zu sehen.
„Nein, tobt ist er nicht," sagte Juxon. „Ob er stirbt, weiß ich nicht. Ich habe zum Doktor geschickt."
„Ist er schwer verwunbet?" fragte John. „Er sieht aus, als ob er Fieber hätte."
„Er scheint nicht so schwer verletzt, als ich anfangs annahm", antwortete der Gutsherr. „Ich habe Wieder-
Staatssekretär v o n B ü l o w zum Vortrage empfangen. Die Herren nahmen bann auch an ber kaiserlichen Abendtafel theil. Die Vermuthung, baß ber Kaiser mit ben genannten Herren über die Gestaltung ber führenden politischen Fragen sich berathen hat, liegt so nahe, daß sie selbstverständlich ist. Donnerstag Vormittag 11 Uhr hat alsdann im Neuen Palais ein Kronrath stattgefunden. Zu demselben waren auch die Staatssekretäre der Reichsämter hinzugezogen.
* Botschafter von Bülow, stellvertretender Leiter des Auswärtigen Reichsamtes, wird sich am 17. ds. Mts. nach Wiesbaden begeben, um auf eine besondere Einladung des Kaisers hin der Enthüllung des Kaiser Friedrich-Denkmals beizuwohnen. Wsdann reist Herr von Bülow nach Rom, um dort fein Abberufungs- Schreiben zu übergeben.
ff Der kommandirende Admiral von Knorr ist, wie berichtet, vom Kaiser im Jagdschlösse Hubertusstock bei Eberswalde empfangen worden und hat fast unmittelbar einen Urlaub in der Dauer von 4 Wochen angetreten. Dies gibt einigen Blättern Veranlassung zu besonderen Betrachtungen unter Hinweis daraus, daß der Admiral schon im Lause dieses Sommers einen längeren Urlaub gehabt hat. Diese Betrachtungen sind aber grundlos. Er wird während seines Urlaubes vertreten von dem Admiral Koester, Chef der Marine-Station der Ostsee.
Auch die Blätter verschiedener anderer Parteien äußern sich nunmehr über die nationalliberale Absicht, im preußischen Abgeordnetenhause einen Antrag einzubringen auf Beseitigung der prerrß. Hesandtschast veim päpstlichen Stutzte. Die Stumm'sche ,Post', und das konnte man erwarten, empfindet eine gelinde Freude über diese national- liberale Abficht. Sie schreibt: „Wenn die nationalliberale Fraktion den Plan .. . ausführt, so darf auf scharfe konfessionelle Auseinandersetzungen gerechnet werden.... Daß ein scharfes Aufeinanderplatzen konfessioneller Gegensätze vom Standpunkte allgemeiner Politik nichts weniger als erwünscht sein kann, liegt auf der Hand . .. Allein es scheint beinahe, daß die Zurückhaltung (?), deren man sich von protestantischer Seite namentlich in den parlamentarischen Körperschaften bisher befleißigt hat, sich auf die Dauer kaum wird aufrecht erhalten lassen. Verwirklicht sich jener nationalliberale Plan, so würde damit der . . . Gedanke eines Zusammengehens von Centrum und Nationalliberalen gegen die,ostelbischen Junker' endgiltig beseitigt fein .." Diefer letztere Gedanke ist doch wohl nur sehr sporadisch aufgetreten. Im übrigen kann man sich aus den Aeußerungen der,Post' kein rechtes Bild darüber machen, ob sie dem gedachten nationalliberalen Antrag freundlich oder abgeneigt ist. Die freisinnige, kultur- kämpferische ,Voss. Ztg.'schreibt: „. ..Eine Demonstration hat nur Sinn, wenn sie Erfolg hat. Und welchen Erfolg foll sie haben, wenn sie weder passiren muß, Herr Short! Es thut mir zu leid. Da mein Hund das Unheil angerichtet hat, so bin ich natürlich verpflichtet, den Menschen zu pflegen. Es märe ihm ganz recht geschehen, wenn ihn Stambul gleich umgebracht hätte; es war ein ganz perfider Schlag, welchen er mir versetzt hat. Ich kann ihn noch fühlen. Die Moral davon ist jedenfalls, daß man immer einen dicken Ueberzieher anziehen muß, wenn mau Nachts allein gehr."
„Ich wußte gar nicht, daß er Sie angegriffen hat," warf John erschrocken ein.
„Gewiß — springt der Kerl da aus dem Buschwerk heraus und schlägt mir mit einem Knüppel an dem Hute vorbei auf die Schulter. Ehe ich mich wehren konnte — fort war er — Stambul ihm auf den Fersen nach. Wäre ich nicht dazu gekommen, so wäre kein Stück von ihm übrig geblieben."
„Der Hund rettete Ihnen also das Leben?" fragte John, welchen die fchmucklose Erzählung des Gutsherrn sehr ergriffen hatte. „Was kann der Mensch nur für einen Grund haben. Sie anzufallen? Sehen Sie nur — feine Augen sind offen und er scheint uns ^doch nicht zu verstehen."
Juxon ging zu Bette und betrachtete mit unverhohlenem Abscheu die Züge des Kranken.
„Taugenichts," fuhr er ihn an, „warum antwortest Du nicht selbst?" Der Angerusene regte sich nicht.