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235 Mittwoch, den 13 Oktober 1897 21. Jahrgang

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«il N«terhaI1nngs-Krilagr „Sterne und Klumen".

Erstes Klatt

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Guter Montag

■$ts ibtzt hatte man glücklich alle Stürme abge­schlagen, wenn auch mit ungeheueren Verlusten. Die fünfte wetteiferten um die Krone des Heldenmuthes, man kämpfte am Tage und baute die zerstörten Bastionen Nachts wieder auf, so gut es in der Hast eben ging. Starhemberg, der Kommandant, den der Kaiser vor seiner Abreise nach Linz eingesetzt, war bald hier, bald dort, überall anfeuernd, mahnend.

am 6., 7. und 8. September wurde die Wuth der Stürme verdoppelt, doch mit Einsatz der letzten Kraft wurden die Türken zurückgeworfen. Die Kräfte der Wiener waren erschöpft, Starhemberg ließ vom Stephansthurm Raketen steigen, um Kunde von seiner Bedrängniß nach draußen zum Erzherzog Karl ge­langen zu lassen, aber — nichts zeigte sich in der blauen Ferne.

Der ritterliche König von Polen, Sobieski, hatte allerdings Hilfe versprochen, aber er kam nicht, so oft auch Starhemberg von der historischen Bank im Stephansthurm aus nach Norden ausschaute. Am 4. September wurde ein wüthender Sturmangriff an der gesprengten Burgbastei blutig abgewiesen, obwohl die Türken bereits ihre Roßschweife auf der hohen

Es war am 10. September. In dem Hause des Bäckermeisters Oberdörfer, nahe dem Markte und dem Rothenthurmthore, waren zu früher Stunde die Gesellen thätig, aus dem nach langer Belagerung schon sehr kostbar gewordenen Mehl die nöthigen Brode herzustellen. Dumpf war die Luft in der Back­stube unter der Erde, eine qualmende Lampe ließ die Finsterniß nur noch düsterer erscheinen. Emsig

befehlend; doch schien aller Todesmuth vergebens zu sein.

| werden dürfen. Bei den Urwahlen wird es sich demnach für die Sozialdemokraten nur um die Stimmen­abgabe für sozialdemokratische Wahlmänner handeln, und nur, wenn es bei Abgeordnetenwahlen zu Stich­wahlen kommt, werden sozialdemokratische Wahlmänner, | wenn solche vorhanden sein sollten, in die Lage kommen, vielleicht ihre Stimmen für den Wahlbe­werber irgend einer andern Partei abzugeben. „Was bedeuten uns auch" — rief Lieb knecht aus — „acht bis zehn Fortschrittliche mehr! Ueber diese Mehrheit wird die preußische Reaktion wahrhaftig nicht stolpern."

Alle diese Vorgänge und Gesichtspunkte werden im Lager der Freisinnigen eine nicht geringe Ent­täuschung hervorgerufen haben. Denn diese ver­sprachen sich vorher für ihre Zwecke sehr viel von der Betheiligung der Sozialdemokratie an den Landtags­wahlen. „Jetzt" — so schrieb das ,Berliner Tage­blatt" im Anschluffe an die Hamburger Drahtmeldung von dem Betheiligungs-Beschlusse — „muß auch der blindeste Gegner der Sozialdemokratie zugeben, daß dieselbe nicht eine rein revolutionäre Partei mehr ist, sondern eine Partei, die sich auf den Boden der That- sachen stellt und auf gesetzlichem Wege Mitarbeiten will am Wohle der Gesammtheit." Hätten die guten Herren vom freisinnigen .Berliner Tageblatt" gleich­zeitig gewußt, wie unsanft der Ruhm der Freisinnigen von den „Genossen" in Hamburg zerzaust wurde, dann würden sie sich wohl sehr gehütet haben davor, der Sozialdemokratie ein solches' Loblied zu singen. „Die bürgerlichen Parteien" — so wird das /Berliner Tageblatt" mitsammt seinen Gesinnungsgenossen von dem sozialdemokratischen Centralorgan ,Vorwärts" belehrt —, „die sich über eine Annäherung der Sozial­demokraten Illusionen hingezeben haben, werden bald genug erfahren haben, daß sie sich schweren Täuschungen hingegeben haben. . ."

Abgesehen von der Verhandlung über die Be­theiligung an den preußischen Landtagswahlen und von der Szene, wo sich die Mitglieder der Reichs- j tagsfraktion vertheidigen mußten wegen ihrer still- schweigend-duldsamen Haltung gegenüber den Forder­ungen für die Neubewaffnung der Artillerie, ist aber kaum etwas an dem Verlaufe des Hamburger Sozial­demokratentages, das eine besondere Besprechung ver­diente. Der^ ganze Verlauf der Versammlung war verhältnißmäßig schläfrig und verwässert.

Deutsches Reich.

Berlin, 12. Oktober.

* Der Kaiser hörte heute und am Montag in Hubertusstock nicht weniger als sieben Vorträge. Die selben wurden gehalten vom Admiral Knorr, Staats­sekretär Tirpitz, dem Chef des Marinekabinets Frhrn. v. Senden-Bibran, dem Chef des Militärkabinets v. Hahnke, dem Chef des Civilkabinets v. Lucanus

Sozialdemokratie und Landtags­wahlen.

„Wenn die Sozialdemokratie an den preußischen Landtagswahlen sich betheiligt, dann wird das ganze politische Leben Preußens eine andere Perspektive, einen andern Hintergrund bekommen" — so meinte die „Genossin" Frau Zetkin bei der Debatte des Hamburger sozialdemokratischen Parteitages über die Frage, ob die Sozialdemokratie, entgegen der Gepflogen­heit bisher, an den preußischen Landtagswahlen sich beiheiligen soll. Die Rednerin ist keine Preußin und kennt die maßgebenden Verhältniffe deswegen wahr­scheinlich nur wenig. Denn sonst würde sie schwerlich zu einer solchen Ueberschätzung des Einflusses gelangt sein, den die Sozialdemokratie auszuüben vermag. Denn wohl auch unter den Mitgliedern des Partei­tages selbst werden diejenigen, die die preußischen Partei- und Wahlverhältnisse kennen, sich kaum un­klar darüber sein, daß die Sozialdemokratie aus eigener Kraft so gut wie keinen Sitz im preußischen Landtage wird erringen können. Diejenigen der „Genossen"', von denen der Wahlbetheiligungs- Gedanke ausgegangen ist, haben vielmehr ganz augen­scheinlich vorher an eine Art Wahlbündmß mit der bürgerlichen Demokratie gedacht, so wie sich der Privatdozent Dr. Arons aus Berlin ausdrückte: „Bei den Landtagswahlen wollen wir die Liberalen unterstützen, aber nachher bei den Reichstagswahlen werden wir mit ihnen abrechnen."

Mit Entschiedenheit aber erklärten sich viele Redner, die unter den Sozialdemokraten eines großen Ansehens sich erfreuen, gegen jede Art von Bündniß oder Kompromiß. Der Hamburger Molkenbuhr versicherte unter Hinweis auf das Verhalten der .Freisinnigen in Berlin und Breslau, das „Sünden­register derselben sei so groß, daß dem ehrlichen Proletarier ein Eckel aufsteigen kann, wenn er daran denkt, für diese stimmen zu müssen." Und der alte Liebknecht sagte: „Wenn ich mich auf die Fallbrücke des Kompromisses begebe, dann lieber noch mit einem ehrlichen Konservativen, als mit dieser Demagogen­partei, die heute so, morgen so sagt, das Volk aber unter allen Umständen verrathen wird" — und leb­haftes Bravo lohnte Herrn Liebknecht für diesen Aus­ruf. Auch Herr Singer bedankte sich für diesen „Kuhhandel" mit dem Freisinn, und nach ihm noch viele andere, und so war das Ergebniß der langen Berathung, daß zwar die Betheiligung an den preußischen Landtagswahlen beschlossen wurde, aber nur unter der Bedingung, daß keine Bündnisse «der Kompromisse mit anderen Parteien geschlossen

Dumpfe Verzweiflung lastete im September des Jahres 1683 auf der stolzen Kaiserstadt an der blauen Donau. In den Straßen sah man an Stelle des früheren fröhlichen Treibens nur verstört umher- schleichende Frauen und Greise, die Wälle waren von den eisenstarrenden Bürgern, Studenten und Hand- werkern besetzt; soweit man hinausblicken konnte in . ... —............ uui uer nonen

e3eIt ™ Felt, gefchaart um das Mauer aufgepflanzt hatten. In den nächsten Tagen, grüne Prachtzelt Kara Mustaphas, der nut feinen ' — ° °

nmben Türkenhorden feit zwei Monaten die tapfere Stadt wie mit ehernem Reif umschlossen hielt. Die schweren Mörser hatten Bombe auf Bombe geschleudert uno Tod und Verderben in die Stadt ausgespieen, unter der Erde wühlten emsig Tausende in den ^den Tag sprengte der blutdürstige Türke em Sluck der Besestigung, um durch die Bresche ein= zudringen.

I und dem Kriegsminister v. Goßler. v. Lucanus hatte zweimal Vortrag.

h., Der Direktor im Reichsversicherungsamte, Geheimrath Gävek, ist zum Präsidenten des­selben Amtes ernannt worden. Von Herrn Gäbel war neulich die Rede in den Zeitungen in Verbindung mit dem Versandt von Schriften aus dem vom evangelischen Pastor Hülle geleiteten „Christlichen Zeitschriften-Verein". Herr Gäbel hatte allen Aemtern und Behörden, die dem Reichsversicherungsamte unter­stehen, diese Schriften zur Verwendung und Ver­breitung empfohlen. Der neue Herr Präsident wird jedenfalls Gelegenheit bekommen, darüber noch Einiges im Reichstage zu sagen.

* Z>ri»z Keinrich XXVI. von Reuß, der des Betrugs beim Gutskauf beschuldigt ist, wurde vom Gericht wegen Geisteskrankheit entmündigt.

h Ein Antrag auf Aufhebung der preußischen Oesandtschafl öeim hk. Stußke soll nach einer Zeitungsmeldung von den Ratio na llib eralen für die nächste Tagung des preußischen Abgeordnetenhauses vorbereitet werden. Die Veranlassung zu diesem Vor­gehen soll die Canisius-Encyklika des hl. Vaters | fein. Diese Nachricht unmittelbar nach dem wüsten Toben des Evangelischen Bundes in seiner General­versammlung in Krefeld nimmt sich sonderbar genug aus. Wahrscheinlich wird, vorausgesetzt, daß die Nachricht richtig ist, Herr von Eynern Genaueres über die Angelegenheit wissen. Denn nach aller Wahr­scheinlichkeit ist er der Vater des Gedankens. Die Debatte, die ein solcher Äntrag Hervorrufen würde, müßte recht interessant sich gestalten. Aber wir ver­mögen vorläufig noch nicht daran zu glauben, daß die preußische Staatsregierung und daß die konservative Partei in so schmachvoller Weise von den Helden des Evangelischen Bundes sich sollten ins Schlepptau nehmen lassen. Auch unter den National- liberalen werden sich wohl schon vernünftige Leute finden, die dem Feuereifer des Herrn von Eynern einen kleinen Dämpfer aufsetzen.

* Auch in der nächsten Tagung wird dem preuß. Abgeordnetenhause keine Vorlage überAenderuug des Larrdtags-WaHtgesetzes zugehen — so wird nunmehr in bestimmter Form halbamtlich verkündet. Und doch war auch eine solche Vorlage bestimmt von der Regierung versprochen worden. Allgemach gewöhnt man sich daran, daß die Regierung nicht hält, was sie verspricht.

X Jetzt scheint man endlich auch in 93 a gern, in ben Kreisen der Münchener Regierung, das Spiel der Berliner Offiziösen satt zu bekommen, die fortwährend die Haltung der bayerischen Regierung als Vorwand dafür benützen, daß dem Reichstage noch immer nicht eine Vorlage über Aesorm des militärischer» Strafprozesses zugehen könne. „In norddeutschen Blättern — so läßt sich jetzt die Münchener Allgem. Ztg." vernehmen — wird immer lebhafter der Vor-

kneteten und formten die Gesellen und besprachen ein­gehend den drohenden Untergang der Stadt.

„Sobieski kommt nicht, verlaßt Euch nicht auf die Polen," mahnte ein stämmiger Bursche, blau­äugig und blondlockig.

„Warum sollte er nicht kommen?" ereiferte sich ein dunkler krausköpfiger Geselle, augenscheinlich ein Pole, „find denn die Polen nicht treuer, wie Ihr sprichwörtlich treuen, biederen Westfalen?"

„Gewiß, Jstvan," begütigte der Andere, „es ist wohl dem Polenkönig zu trauen; aber wenn er hätte kommen können, dann wäre er schon hier."

„Ach, streitet doch nicht wieder mit einander." unterbrach beide ein Kamerad, den man auf den ersten Blick als Landsmann des Blonden erkennen mußte, „komm Lächter, und pack' hier an, die paar Weißbrode sind fertig."

Der Angeredete schritt zu dem Landsmann hin, um ihm zu helfen; plötzlich aber stutzte er und wandte lauschend den Kopf zur Seite.

„Hört Ihr nichts?" flüsterte er, „da links in der Erde?"

„Ach was, Jürgen," entgegnete der vierte Geselle, ebenfalls ein Westfale, in ärgerlichem Tone, „Dir spukt der Montag im Kopfe. Trotz der theuren Zeil hast Du gestern dem Gumpoldskircher zu sehr zuge­sprochen. Er klopft Dir im Schädel."

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