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Samstag, den 9. Oktober 1897.

24. Jahrgang

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Uerfolgt.

Dem Englischen von Marion Crawsord nacherzählt von Cora von Schönburg.

------- (Nachdruck verboten.)

10. Kapitel.

Juxon empfing den Pfarrer wieder in seiner Bibliothek. Er setzte voraus, daß derselbe gekommen sei, um sich nach dem Resultate seines gestrigen Be­suches in der Cottage zu erkundigeu. Er selbst war gerade wieder im Begriffe gewesen, dorthin zu gehen, und bedauerte, daß der gute Mann nicht eine Stunde früher oder später gekommen sei. Ambrose kündigte sogleich an, daß er eine Botschaft — eine sehr wichtige Botschaft zu überbringen habe.

„Wirklich?" fragte der Gutsherr, indem er sein sorgenvolles Gesicht betrachtete.

„Ja, ich will es lieber gleich heraussagen. Frau Goddard ließ mich heute Morgen rufen. Sie hat ihren Gatten, der sich hier in der Nähe versteckt hält, wirklich schon gesehen. Er kam in der gestrigen und in der vorgestrigen Nacht an das Fenster ihres Wohnzimmers!"

„Um Gottes Willen, das ist ja unglaublich!" rief Juxon aus.

„Aber es ist noch nicht das Schlimmste von der Sache," fuhr der Pfarrer düster fort und heftete die Augen auf des Gutsherrn Gesicht. „Der nieder­trächtige Kerl hat gedroht. Sie ums Leben zu bringen, Juxon."

Der Gutsherr starrte den Pfarrer einen Augen­blick erstaunt an, dann brach er in ein herzliches Lachen aus.

„Auf Ehre!" rief er, „der Kerl scheint wirklich nicht mehr zurechnungsfähig zu sein! Glaubt dieser entflohene Taugenichts, der das Tageslicht scheuen muß, er könne mich ungestraft auf offener Straße an greifen?"

„Das vielleicht nicht, aber Sie gehen oft spät Abends noch allein durch den Park, Juxon."

„Nun, mein Hund wird mit diesem Goddard schon fertig werden können," bemerkte er ruhig. „Aber wenn wir einmal wissen, daß sich der Schurke hier in der Umgegend herumtreibt, dann hält uns nichts mehr ab, ihn einzufangen."

„Etwas Näheres über seinen Versteck wissen wir nicht," warf der Pfarrer ein. Er beglückwünschte sich in diesem Augenblicke über den guten Einfall, Frau Goddard nicht mehr ausgefragt zu haben. Seine Unkenntniß erleichterte die Haltung des ge­gebenen Versprechens. Allerdings bedrückte ihn dabei auch der Zweifel, ob er im Sinne des Gesetzes richtig handle.

„Sie wissen nichts darüber?" fragte der Guts­herr.

„Nein, und dabei meine ich auch, wir müßten etwas Rücksicht auf die Lage der armen Frau God­dard nehmen."

„Die Lage der armen Frau Goddard!" fuhr der Gutsherr beinahe unwillig aus; „aber, mein lieber Ambrose, ist es denn nicht gerade ihr Wohl, was ich vor Allem im Auge halte? Gibt es für mich in dieser Sache überhaupt eine andere Rücksicht? Eben weil ich für. ihr Wohl besorgt bin, deshalb muß ich ihr die Sicherheit verschaffen, daß ihr Mann wieder hinter Schloß und Riegel kommt. Können Sie sich übrigens denken, wie der Kerl entwischte?" fügte er in ruhigerem Tone hinzu.

„Nein, das kann ich nicht," antwortete Ambrose, indem er die Hände in die Taschen schob und an seiner langen Oberlippe zu nagen begann.

„Aber sagen Sie mir einmal, hat der Gauner gar keinen Grund angegeben, warum er Hand an mich legen will?"

„Doch — wenn Sie darnach fragen — er hat Sie in die Cottage treten sehen — das erweckte seine Eifersucht" —

„Eifersucht — auf mich?" Juxon erröthete etwas unter der gebräunten Haut und fuhr in noch gereizterem Tone fort: „Nun, auf mein Wort, Herr

Pfarrer, wenn das wahr ist, dann muß ich Ihnen für Ihre Warnung recht dankbar fein. Solche Kerle sind immer verwegen — es ist gar nicht unwahr­scheinlich, daß er mich überfallen hätte. Wenn er es wirklich wagt, so wird es wohl sein letzter Ueberfal bleiben. Der Teufel soll ihn holen, und wenn ich ihm dabei helfen kann . . ."

Um Gottes Willen, Herr Juxon!" fiel ihm der Pfarrer entsetzt in die Rede.

„Vielleicht genügt es auch schon, ihm einen ordent­lichen Schrecken einzujagen," fuhr der Gutsherr fort. „Wenn es Nacht wird, wollen wir einmal sehen, was sich mit dem Herrn anfangen läßt. Wann hat er eigentlich seine liebenswürdigen Absichten gegen mich ausgesprochen?"

„Ich glaube, gestern Abend," erwiderte Ambrose etwas befangen.

„Und wann sah er mich in die Cottage gehen?"

„Vermuthlich gestern Nachmittag." Es war dem Pfarrer, als fiele er durch diese Angaben bereits aus der übernommenen Beschützerrolle.

„Er muß also in der Cottage selbst oder im Parke gewesen sein, auf dem Wege hielt sich Nie­mand auf, das weiß ich gewiß."

„Darüber kann ich nichts sagen", freute sich Am­brose erwidern zu dürfen.

Die Bereitwilligkeit, mit welcher er jeder näheren Auskunft aus dem Wege ging, war so augenscheinlich, daß sie Juxon auffallen mußte.

„Sie scheinen Goddard's Gefangennehmung nicht unterstützen zu wollen," bemerkte er etwas scharf.

„Ich möchte, offen gestanden, wenigstens nicht dazu mitwirken — aber, nicht wahr, die Wahrschein­lichkeit liegt auch nicht vor?"

„Darum kümmere ich mich nicht. Ich will nur sehen, daß ich ihn zu fassen bekomme. Wenn es ohne Aussehen urtd Blutvergießen abgehen kann, so" —

„Aber, HErr Juxon, Sie werden ihn doch nicht L mbringen wollen!" unterbrach ihn der Pfarrer.

„Ich gewiß nicht, aber mein Hund vielleicht. Sie wissen, Herr Pfarrer, diese Thiere sind sehr schlimm. Sie finden jede Fährte, die man sucht. In Rußland benutzt man sie, um die aus Sibirien entkommenen Sträflinge aufzufinden."

Ambrose schauderte. Der brave Juxon erschien ihm fast ehenso blutdürstig wie Goddard selbst. Der Gedanke, Menschen mit Bluthunden zu verfolgen, lag seinen englischen Anschauungen allzu fern, und es war ihm unfaßlich, wie sich sein biederer Landsmann zu einer solchen Grausamkeit herbeilassen könne. Er ver­gaß, daß die Jagd auf Papisten (d. h. Katholiken), Dissenters und politische Rebellen noch vor wenigen Generationen ein Hauptsport im freien England ge­wesen war.

„Juxon," warf er erregt ein, „ich glaube wirklich. Sie thäten besser, sich mit den Mitteln zu schützen, welche Ihnen das Gesetz an die Hand gibt. Im Interesse der Menschlichkeit" —

„Die Menschheit hört auf, wenn ein Mann das Leben eines andern bedroht. Sie geben selbst zu, Ambrose, daß mein Leben nicht sicher ist, so lange sich Goddard hier umhertreibt. Wenn Sie sich dennoch meiner Weise, ihn zu fangen, widersetzen, so ist das nicht logisch."

Die Richtigkeit dieser Behauptung leuchtete dem guten Manne zwar ein, allein er dachte in diesem Falle vor Allem daran, den Gutsherrn von seinem barbarischen Vorhaben abzubringen.

„Ich meine," begann er von Neuem, „daß man mit Hilfe von Gall und vielleicht auch von einem Ge­heimpolizisten —"

„Gall ist überhaupt ein altes Weib, und was den Geheimpolizisten betrifft, so braucht man mindestens 24 Stunden, um einen solchen zu requiriren. In 24 Stunden aber kann der Strolch Alles ausgeführt haben, was er vorhatte."

„Den Weg in Ihr Haus, Juxon, kann er sich doch nicht erzwingen."

„Ich würde also genöthigt sein, ihm zu Ehren zu Hause zu bleiben? Nein, das fällt mir nicht ein. Vielleicht hat er auch währenddesfen seinen Entschluß geändert und ist weitergegangen. Die Folge davon würde sein, daß Frau Goddard bis zu ihrem Lebens­ende keine ruhige Stunde mehr hätte."

„Er würde gewiß niemals wieder zurückkommen."

„Warum denn nicht? Sie wird ihm natürlich, so oft er kommt, Geld geben — und je mehr Geld sie ihm gibt, desto häufiger wird er wieder erscheinen. Dieser Gefahr muß von vorn herein vorgebeugt werden."

„Der Direktor von Portland würde uns gewiß gern mit allen Mitteln unterstützen, um eine gründ­liche Suche anzustellen," sagte der Pfarrer.

„Ich dachte. Sie wollten Frau Goddard vor un- nöthigem Skandal bewahren," gab Juxon unwillig zurück. „Den Direktor von Portland um Hilfe an­gehen, hieße so viel, als sich einen Trupp Polizei­soldaten auf den Hals laden, welche die ganze Sache veröffentlichten. Wenn der Direktor Goddard's Aufent­halt hier ahnte, so würde er gleich die entsprechenden Maßregeln getroffen haben."

„Woher mag Goddard selbst ihren Aufenthalt hier erfahren haben?" bemerkte der Pfarrer.

„Ich weiß es nicht. Vielleicht erzählte sie es ihm bei ihrem letzten Wiedersehen; oder sie schrieb es ihm in das Gefängniß. Der Direktor hat jedenfalls die Ortsangabe übersehen."

„Wenn Sie ihn aber lebend einfangen, wie wollen Sie es dann verhindern, daß man ersährt, wer er ist?"

„Wenn er lebend in meine Hände fällt, so schaffe ich ihn fort, ehe man in Billingsfield etwas von seiner Existenz weiß. Ich habe übrigens durchaus nicht die Absicht, ihn zu verletzen; ich will ihn nur in's Ge­fängniß zurückbringen. Sie können sich vollkommen darüber trösten, daß ich nichts thun werde, um Frau Goddard's Sorgen zu vermehren."

Der Pfarrer seufzte erleichtert auf.

„Um fo besser," sagte er, „dann habe ich nichts mehr hinzuzufügen, aber ich kann nicht leugnen, daß ich Jhret- und Frau Goddards wegen in großer Sorge bin. Daß man so etwas in unserem lieben Billings­field erleben muß!"

„Jedenfalls trifft Sie nicht die Verantwortung, Herr Pfarrer, Sie find nicht schuld daran."

Juxon stand noch lange in Sinnen verloren da, nachdem Ambrose den Heimweg angetreten hatte. Ob er wirklich an die Möglichkeit eines glücklichen Aus­ganges dachte oder nicht, bleibt ungewiß. Jedenfalls bedauerte er die krasfe Entwickelung des ganzen Drama's mehr um des Pfarrers, als um feiner selbst willen. Ambrose war ein edler Mensch, welchen das Schicksal either von jedem Einblick in die niederen Leidenschaften )er großen Menschenmaffe bewahrt hatte. Juxon er- reute sich schon lange nicht mehr dieser glücklichen Unbefangenheit. Er hatte Erfahrung genug, um zu wiffen, daß auf dieser vortrefflichen Welt nicht immer Alles zum Besten ausgeht.

Als der Pfarrer seine Schritte durch den Park zurücklenkte, war sein Gemüth mehr beunruhigt wie zuvor. Es war schon schlimm genug, daß Goddard feine Absicht verrathen hatte, den Gutsherrn zu tödten, daß dieser ihn aber mit einem Bluthunde zu Hetzen trachtete, war geradezu furchtbar.

Er überlegte die Drohung, welcher derselbe eben ausgesprochen hatte. Es unterlag gar keinem Zweifel, daß Stambul von dem erwähnten Fenster aus die Fährte aufnehmen könne. Der Sträfling hatte zwei­mal an demselben Platze gestanden. Die Spur war kaum zwölf Stunden alt. Stambul mußte sie ver­folgen können, — es sei denn, daß der Flüchtling einen Wagen bestiegen habe — doch dies war kaum anzunehmen. Das wäre Alles gut gewesen, aber in Juxons Innerem regte sich ein neues Bedenken.

Es unterlag keinem Zweifel, daß er berechtigt war, den Sträfling mit allen ihm zu Gebote stehen­den Mitteln abzufangen. Nicht nur das Gesetz, sondern auch seine eigene Sicherheit und Frau God­dard's Ruhe erforderten ein energisches Vorgehen. Ob es ihm aber gelingen würde, den Sträfling un­verletzt in seine Hände zu bekommen, das war eine ganz andere Sache.

Juxon erinnerte sich noch des Tages, an welchem der Hund im Walde von Belgrad einer seiner An­greifer niedergerissen und vollständig zerfleischt hatte. Wenn er ihn auf Goddard's Spur hetzte, so war es für diesen kaum möglich, mit dem Leben davon zu kommen. Im ersten Zorne hatte er diesem Um­stande kein besonderes Gewicht beigelegt. Bei reiflicher Ueberlegung erschien ihm die Gefahr in einem ganz anderen Lichte.

(Fortsetzung folgt.)