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Donnerstag, den 7. Oktober 1897.
---------------------------- .. 24. Jahrgang
FiildaerMZeitmig
__________________mit Unterhaltungs-Keilage „Sterne um» Blumen".
D Die badischen Landtagswahlen, welche bekanntlich noch in diesem Monate stattfinden sollen, haben schon deshalb ein allgemeines Interesse weil es sich darum handelt, ob die winzige Majorität der Nationalliberalen endlich gänzlich beseitigt werden soll oder nicht. Von den 63 Sitzen der badischen Kammer waren bisher 32 in Händen der Nationalliberalen, die damit für sich allein die Majorität hatten, wenn auch diese Majorität sehr knapp war.
Die Hälfte der Abgeordneten scheiden nun aus; es finden also 31 Neuwahlen statt und von diesen 31 Mandaten hatten die Nationalliberalen 16 im Besitz, und es gilt, ihnen eines oder mehrere von diesen 16 Mandaten zu entreißen. In Karlsruhe, wo die Nationalliberalen mit 3 Mandaten zur Neuwahl stehen, haben Demokraten und Sozialdemokraten ein Wahlbündniß gegen sie geschlossen, das alle Aussicht aus Sieg bietet. Das Centrum hofft den Nationalliberalen die Mandate für die vier Bezirke Meßkirch-Stockach, Engen-Stockach, Bonndorf-Jestetten und Donaueschingen mit fast ganz katholifcher Bevölkerung zu entreißen.
Freilich über Baden darf man nicht prophezeien. Schon im ^ahre 1893 waren die Nationalliberalen auf 30 herabgedrückt; aber obwohl sie bei ihrer Kulturkämpferei verharrten und mit Hilfe der Konfervativen die Zulasfung von Männerorden in Baden Hintertrieben, gelang es ihnen 1895 doch, wieder eine „einstimmige" Mehrheit zu erreichen, während das Centrum von 23 auf 21 Mitglieder herabsank. Auch schon zu Anfang des vorigen Jahrzehnts hatten einmal die Nationalliberalen ihre Mehrheit verloren; 1881 standen 30 Nationalliberalen 22 Centrumsmänner, 5 Demokraten, 3 Konservative und 3 Wilde gegenüber. Aber mit Hilfe des Ministeriums Turban, das alle Beamten für die Nationalliberalen mobil machte, kamen diese 1883 schon wieder auf 34 Mann, während das Centrum auf 19 fiel. Dann brachen die Streitigkeiten in der Centrumspartei aus und es ging gewaltig mit ihr bergab. In den Jahren 1885 und 1887 verlor sie je 5 Mandate, so daß sie auf 9
Deutsches Reich.
Berlin, 6. Oktober.
, / Das preußische Staatsminikerium trat heute Nachmittag 2 Uhr im Dienstgebäude unter dem Vorsitze des Ministerpräsidenten F ü r st e n zu H o h e n - lohe zu einer Sitzung zusammen.
19. Kapitel.
. Aist Morgen nach dem zuletzt beschriebenen Ereignisse saß Pfarrer Ambrofe beim Frühstücke seiner (sattln gegenüber, als Frau Goddard's Kammerjungser mit einem Briefe ihrer Herrin hereintrat. Die wenigen Zeilen sprachen den dringenden Wunsch aus, ihn sobald als möglich zu sehen, und er säumte daher nicht, sich sofort auf den Weg zur Cottage zu begeben.
Der Pfarrer traf, als er eintrat, die junge Frau am Kamine sitzend. Sie war offenbar beflissen, sich nicht den Anschein einer Kranken zu geben. Etwas weniger Selbstbeherrschung würde, das fühlte sie, ein vollständiges Zusammenbrechen ihrer Kräfte zur Folge haben. Trotzdem war Ambrose bei ihrem Anblick erschrocken. Er fühlte, daß sie sehr leiden müsse.
„Was haben Sie, meine liebe Frau Goddard?" begann er. „Sind Sie krank? Oder ist sonst etwas geschehen?" 1
■ -®fr ?ellte die letztere Frage, weil ihm plötzlich emstel, daß der Gutsherr ihr bereits die Mittheilunq sio'V.6! Flucht ihres Mannes gemacht haben könne Wahrtcheinllch stand dies auch im Zusammenhangs mit ihrem schlechten Aussehen. '
„Ja," sagte sie mit einer ihr selbst sremdklingenden Stimme, „ich habe Sie rufen lassen, weil ich in großer Nolh bm — in entsetzlicher Noch."
„Es wird sich gewiß eine Abhilfe finden lassen," unterbrach sie der Geistliche.
„Vielleicht, Herr Pfarrer. Sie sind immer so
von Herrn Gall her, welcher die ruhige Nacht zum Patroullllren benutzte. Sein gleichmäßiger, schwerer Gang k>ang unheilbringend durch die nächtliche Stille Etwa 15 Meter von der Cottage entfernt blieb er gehen, übersah das ossenstehende Parterrefenster und letzte, wie es schien, recht befriedigt von der Inspektion, seinen Weg fort. Sobald feine Schritte verklungen, erhob sich Walter wieder und steckte den Kopf zum Fenster hinein. 0
--Du siehst,, wie leicht es eben gewesen wäre. Dich zu fangen," flütterte seine Frau noch athemlos von der über,tandenen Aufregung. „Das war der Kon- ltabler; wenn ich ihn angerufen hätte, so würdest Du jetzt sein Arre,taut sein. Versuche es nicht noch b^mal, wieder zu kommen; ich fühle mich nicht verpflichtet, Derne Freiheit zu schützen."
„Du willst also meinen Untergang?" fragte der Verbrecher mit einem neuen Fluche. „Sieh Dich vor, wenn Dir ^suxon's Leben lieb ist." Damit verschwand er von dem Fenster und eilte seinem Verstecke zu.
Mary Goddard hatte kaum die nöthige Kraft, {Jen,ter zu schließen. Dann sank sie auf den nachststehenden Stuhl und starrte in das Dunkel hinein. Die empörende Anschuldigung ihres Mannes
ste fast noch mehr als seine Drohung erschüttert. Sie suhlte, daß sie vor der schrecklichen Alternative stehe, den eigenen Gatten zu verrathen, oder in der beständigen Furcht zu leben, daß er ihren treuesten Freund ermorde.
Nerfolgt.
Dem Englischen von Marion Crawford nacherzählt von Cora von Schönburg.
(Nachdruck verboten)
Es war kaum nöthig, die unglückliche Frau zur Eile anzutreiben. In weniger als drei Minuten was sie wieder zurück. Sie legte die Lebensmittel auf das Fenstergesimse und zog ihre Hand, ehe er dieselbe ergreifen konnte, zurück. Er hielt noch immer die Fensterladen offen.
... --Jetzt gehe," drängte sie. „Ich kann nichts mehr jur .ctd, thun — um Gottes willen gehe!"
„Du scheinst sehr besorgt, mich los zu werden," beavlworttte er hämisch ihre Aufforderung. „Ich sehe Dich im Geiste schon unter den Zuschauern bei meiner Exekution, der Hauptstadt urtheilt man über plche Dinge ziemlich frei. Aber sei ruhig, morgen Abend komme ich wieder. Hättest Du etwas mehr Herz gezeigt, so würde ich mich zufrieden gegeben haben, bei solcherKälte kann man jedoch weitere 50 Pfund beanspruchen. Mache Dich darauf gefaßt "
Wenn Dir mir nicht versprichst, den Ort auf der Stelle zu verlassen, so schlage ich Alarm," erklärte seine Frau, -ußer Fassung gebracht. „Ich will Alles ertragen - aber--still, da kommt Jemand!" I
Das scharfe Ohr des Flüchtlings hatte den Ton bereits vernommen — im Nu lag er flach unter dem Fenster ausgestreckt. Die nahendem Schritte rührten I
mit 53 000 2, mehrere Städte mit etwa 10 — 15 000 Einwohner je 1. Durlach hat gar nur 9000 Ein- wohner, desgleichen Rastatt ohne die Garnison; beide wählen aber für sich einen Abgeordneten. Die län d- l ich en Wahlkreise, welche nur je 1 Abgeordneten roablen, haben dagegen 24,000 bis gegen 50,000 Ein- ^"finer. Bei den ganz großen Städten hat sich in Folge der Bevolkerungszunahme das Verhältniß qegen- uber dem Lande mit der Zeit ja ein wenig gebessert. Aber auch ste sind immer noch bevorzugt. Daß nun aber gar eine Reihe von Städtchen, die 3, 4, 5mal Heiner sind als Landbezirke, ebenso gut ein Mandat zu vergeben haben wie diese, ist ein schreiendes Unrecht und trifft vor Allem die Katholiken.
Was die Wahlkreis-Arithmetik noch übrig gelassen hat, besorgt dann die Wahlkreis-Geometrie. Um den Protestanten möglichst viele Mandate zuzu- ■•t beit Eatholiken möglichst wenig zu überlassen, hat man unbekümmert um geschichtliche wrrthschaftliche und natürliche Beziehungen die Wahlkreise willkürlich ab gegrenzt. Wo Protestanten
”“rbe etn möglichst kleiner Wahlkreis gebildet; für Katholiken em möglichst großer. Katholische Land- striche wurden zerstückelt und mit protestantischen zu Wahlkreisen vereinigt, um die Katholiken, welche, hätte ma" Ue beisammen gelassen, die Mehrheit besaßen, m die Minderheit zu bringen. So sind z B im Kreise Mosbach 63 pCt. Katholiken, 37 pCt. Nicht- katholiken; durch die Wahlkreiskünste hat man es Ä ^bracht, daß in 3 von 5 Wahlbezirken die Nichtkatholiken die Uebermacht haben. Im Kreise Heidelberg dagegen mit 34 pCt. Katholiken hat man gesorgt, daß die Katholiken in keinem von 4 Wahlbezirken zur Geltung kamen.
Die Wahl ist in Baden eine indirekte, beruht leooch nicht auf einem Census. In den letzten Jahren sind wiederholt Anläufe gemacht worden, direkte Wahlen einzuführen, wobei sich aber die Nationalliberalen als etwas unsichere Kantonisten bewiesen. Der letzte mit Stimmengleichheit angenommene Antrag aus dem vorigen Bahre lautet auf Einführung der direkten Wahl und einer Interessenvertretung für die Städte. Bis jetzt ist aber aus der Sache nichts geworden. Die genügt übrigens nicht; auch die Wahlkreise müssen abgeändert werden. Hoffentlich brmren die Wahlen eine Mehrheit, die das kräftig und mit Erfolg betreiben kann.
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Mitglieder zusammenschmolz. Als dann 1888 die Nationalliberalen aus der kirchenpolitischen Vorlage be" ^Nikel über die Zulassung kirchlicher Orden strichen (vermuthlich mit heimlicher Zustimmung der Regierung), bemächtigte sich der Katholiken eine große Erbitterung, die vertrauensselige Richtung unter ihnen verlor an Boden und bei den Wahlen von 1889 stieg die Zahl der Centrumsabgeordneten schon wieder auf 14. Bei den Wahlen von 1891 brachte das Cenhum es auf 21 Mandate und die nationalliberale Mehrheit wurde eine „einstimmige", bis sie 1893, roie ^gesagt, verschwand, 1895 aber wiederhergestellt
Daß Baden mit seiner katholischen Bevöl- kerungs Mehrheit sich seit mehr als drei Jahrzehnten von den Nationalliberalen beherrschen ja terrorisiren läßt, ist für außerbadische Katholiken vielfach unbegreiflich, iudeß doch wohl erklärlich. In be™ ??r bald 100 Jahren aus protestantischen und tatholischen Theilen zusammengeschweißren Lande ist es sozusagen Regierungstradilion, daß die Katholiken sich die Behandlung müssen gefallen lassen, die m früheren Jahrhunderten unter den unduldsamen Markgrafen von Baden ihnen als der Minderheit zu Theil wurde. Wurden sie doch schon unter dem ersten Großherzog, dem Napoleon katholische Gebiete geschenkt hatte, derart als Bürger zweiter Klasse behandelt, daß der Franzosen kasier 1810 dem Groß- gerjog deshalb ernste Vorstellungen machen ließ. Unter dem Großherzog Karl, der die Stieftochter Napoleons geheirathet hatte, wurde es besser- als dieser aber 1818 starb und die Nebenlinie der Hochberg zur Regierung kam, wurde die protestantische Tradition wieder ausgenommen. Die Regierung be- günstigte den Josephinismus, Wessenbergianismus sp/er den Rougeanismus und Altkatholizismus auf alle Weise. An der stiftungsmäßig katholischen Uni- ^U/sst Freiburg wurden mit Vorliebe ungläubige Professoren angestellt; auch die Gymnasien, Lehrerseminare u. s w. waren zum Theil Stätten des Unglaubens. Kern Wunder, daß es da mit der Katholizität in den Massen bergab ging. Allmählich wurde es freilich wieder besser, insbesondere als der Nationalliberalismus ans Ruder kam und die Kulturkämpferei in Szene setzte.
Für die Dauer der Herrschaft des Natiouallibe- ralismus war außer durch die Arbeit des gefammten Regierungs-Apparates durch die Wahlkreis- Arithmetik und Geometrie gesorgt. Die Man- hotc sind so vertheilt, daß auf die Intelligenz der Städte 20, auf das Land 43 fallen, wiewohl dies Verhältniß keineswegs der Bevölkerungszahl entspricht. Mannheim mit 91,000, Karlsruhe mit 84,000 Seelen wählen je 3 Abgeordnete, Heidelberg und Pforzheim ! mit 35,000 und 33,000 je 2, desgleichen Freiburg 1
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