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Mittwoch, den 6. Oktober 1897.

______ _ 24. JahrgMfl

iildlierWZeitiliig

__________urit Unterhaltungs-Deilage „Sterne und Klnmeu".

w Puttkamerun.

Der Kreisausschuß des märkischen Kreises Bebzig hat über einen Ortsvorsteher die Amtsentsetzung ver­hängt, weil dieser in seinem Hause eine Wohnung an eine Sozialdemokratin vermiethet hatte. Und die konservative preußische Presse findet dieses Verfahren gut und berechtigt.

Was liegt diesem Verfahren zugrunde? Welcher Gedankengang ist dabei maßgebend gewesen?

Wenn der Ortsvorsteher in Nahmitz, so heißt der fragliche Ort, systematisch seine Wohnungen an Sozial­demokraten abgegeben, die Sozialdemokratie dadurch gewissermaßen in seinem Orte heimisch zu machen ge­sucht hätte, so würde eine Maßregelung für ihn am Platze gewesen sein. Denn bei aller Toleranz für Andersdenkende brauchen wir nicht so weit gehen, daß wir amtlichen Personen eine unmittelbare Züchtung der Sozialdemokratie gestatten. Aber hier liegt der Fall durchaus nicht so. Im Gegentheil: der Orts­vorsteher hat fest und bestimmt bekundet, daß er ein Gegner der Sozialdemokratie ist, und daß er die Frau, der er seine Wohnung bereits aufgekündet hatte, nur folange darin wohnen lassen wollte, bis sie eine andere Wohnung gefunden hatte. Mit einem Worte, der Ortsvorsteher wollte als billig denkender Mann die Frau nicht auf die Straße setzen; er wollte sie nicht blos deswegen obdachlos machen, weil sie zu den An­schauungen der Sozialdemokratie sich bekennt.

Jeder vorurtheilslos denkende Mann, vor allen Dingen jeder Mann von christlichen Anschauungen kann dem Ortsvorsteher von Nahmitz darin nur bei­stimmen Der disciplinarische Urtheilsspruch des Kreisausschusses aber zeugt von einer Gehässigkeit der Gesinnungen, die durchaus zu verdammen ist; ganz abgesehen davon, daß er in den bestehenden Gesetzen keine Stütze findet. Nicht einmal unter der Herrschaft des Ausnahmegesetzes gegen die Sozialdemokratie hätte sich eine Handhabe geboten dafür, die Amts­entsetzung des Ortsvorstehers zu rechtfertigen, ge­schweige denn jetzt, wo die Anhänger der Sozial­demokratie auch vor dem gestrengen Auge preußischer Polizeibehörden mit uns auf dem Boden des gemeinen Rechtes stehen. Die Maßregel des Bebziger Kreis- uusschusfes ist also nicht allein gehässig; sie ist auch durchaus ungesetzlich, und hoffentlich ist im Interesse -er allgemein gesetzmäßigen Handhabung der ein­schlägigen Bestimmungen in dieser Sache noch nicht has letzte Wort gesprochen worden.

Die Folgen solchen Vorgehens, sollte dies etwa als Grundsatz nach und nach mehr Umfang und An­hänger in unserem Verwaltungsleben gewinnen, würden unabsehbar sein; sie könnten verhängnißvoll wirken

und würden unfehlbar durch die gewaltthätige und maßlose Reizung eine tiefe Verbitterung in weiten Kreisen der ärmeren Volksschichten Hervorrufen gegen diejenigen, die bie, Gunst der Umstände in solcher unbesonnenen Weise gegen jene ausnützen. Solche Grundsätze, wie sie hier maßgebend waren, allgemein oder auch nur in größerem Maßstabe auf unser politisches Leben übertragen, würden nichts weniger und nichts mehr vorbereiten als eine bürgerliche Revo­lution. Denn sie gleichen der Aechtung, der Vernehmung einzelner Menschen wegen ihrer Gesinnung. Sie ziehen s^llkmach, eine Klasse von Menschen heran, die schlechterdings nichts mehr zu verlieren haben und, verbittert bis aufs Blut, von jeder Umwälzung höchstens eine Verbesserung, keinesfalls aber eine Verschlechterung ihrer Lage zu erwarten haben.

Wir können nicht glauben, daß die leitenden preußischen Behörden einverstanden sind mit dem Vor­gehen des Bebziger Kreisausschusses. Und zum Glück steht das Verfahren dieses letztem bisher vereinzelt da. Aber obwohl schon einige 'Zeit verstrichen ist, seitdem der Ortsvorsteher von Nahmitz seines Amtes entsetzt wurde, haben wir bis heute noch keine Äußerungen in der Regierungspresse gefunden, die jenes Verfahren auch nur krilisirte. Und das scheint doch sehr nöthig zu sein, um die öffentliche Meinung nicht irre zu führen und nicht etwa auf den Glauben zu bringen, daß die leitenden Stellen an dem ungesetzlichen Ver­fahren der kleinen Despoten des Belziger Kreises nichts auszusetzen hätten.

Deutsches Keich.

Berlin, 5. Oktober.

* Der Kaiser hat der 50. Hauptversammlung des Gustav-Adolf-Vereins ein längeres Tele­gramm zugehen lassen, in dem gesagt ist, daß der Kaiser „die treuen Segenswünsche... mit herzlicher Freude entgegengenommen hat und aufs wärmste für die freundliche Begrüßung dankt". Der Kaiser wünscht „den segensreichen Bestrebungen der Gustav-Adolf- Sache auch ferner Gottes Schutz und reicher Erfolg" und verspricht, ihr stets sein „besonderes Interesse und Fürsorge gern zutheil werden zu lassen".

* Der Unterstaatssekretär im Auswärtigen Amte Ireiherr von Motenyau, hat einen Urlaub an­getreten und hat Berlin am letzten Montag verlassen Früher wurde berichtet, Herr von Rotenhan gedenke nach dem Amtsantritte des Botschafters von Bülow als Leiter des Auswärtigen Amtes aus diesem aus­zuscheiden. Herr von Bülow hat, wie berichtet, nun­mehr soeben die Leitung der Geschäfte des Auswär­tigen Amtes übernommen.

h Die ,Nordd. Allgem. Ztg.' steht wieder einmal m einem Zeitabschnitte der Dementirunge«. Heute schreibt sie, daß die in letzler Zeit mehrfach aufge­tauchte Behauptung, im Reichsmarineamte sei em eigenes Preß- B u r e a u für Marineartikel errichtet

worden, unwahr sei. Es bestehe dort nur eine „Nach- richten-Abtheilung" mit der Aufgabe, „diejenigen Nachrichten m die Presse zu geben, die die Oeffent- lichkeit niteressiren". — Uns kommt es vor, als käme es wenig darauf an, ob man „Preß-Bureau" oder , Nachrichten-Abtheilung" sagt. Der Thatbestand bleibt derselbe.

™^$albatntIirf,et Ankündigung zufolge besteht die Abpcht, die Gesetzentwürfe über den Ausbau d.er Kriegsflotte durch den ,Reichsanzeiger" zu ver­öffentlichen, sobald diese Entwürfe endglltig festgestellt fein werden. Das ist eine lobenswerthe Absicht. Hoffentlich wird auch der Veröffentlichung des Ent­wurfes eine -redjt ausführliche Begründung bei­gefügt.

.. X Unter der Überschrift „Das Keutrum und dre Ikottenfrage« beschäftigt sich die nationalliberale Berliner ,Nationalzertung' mit einigen Auslassungen der,Köln. Volkszeitung'. Das nationalliberale Blatt hat sich aus dieser Beschäftigung folgendes Urtheil g?budet: „Wie in der gegenwärtigen politischen Lage überhaupt, so ist auch im Hinblicke auf die Forderungen für die Flotte die Stellung des Centrums offenbar eine sehr kompli- zirte." Es scheint, als suche die,National-Zeitung' nach Leidensgenossen für die unangenehme Lage, in der die Nationalliberalen im Hinblicke auf die Forder­ungen für die Flotte sich befinden. Wenigstens können wir beim besten Willen nichts entdecken innerhalb der Kreise der Centrumspartei, das die Behauptung der.National-Zeitung' rechtfertigen könnte. Im Gegen­theil, gerade dieser F l o t t e nfr a g e gegenüber erscheint uns die Lage der Centrumspartei ganz be­sonders klar und einfach zu sein. Vielleicht kommt der Tag recht bald, an dem die ,National- Zeitung' und ihre Freunde dies einsehen.

ff Auf der Generalversammlung des Vereins für Soziakpokttik in Köln hatte Prof. A. Wagner den kathol. Geistlichen seine Anerkennung für ihre Thätigkeit auf dem Gebiete der Raiffeisen'schen Darlehnskassen ausgesprochen und sie den evangelischen Geistlichen als Muster hin­gestellt. Dies hat auf der andern Seite Eifersucht erregt. Pfarrer Icke. Web er hat Wagner gleich tele­graphisch ersucht, seine Aeußerung zurückzunehmen, da evangelische Geistliche (auf dem Westerwald, Huns­rück und überall) ebenso an den Kassen betheiligt seien, wie die katholischen. Daß Wagner die Aufforderung Nicht befolgt hat, „bedauert" der ,Eoangel. Gemeindc- bote' „aufs allertiefste". Die Verdienste der evange­lischen Geistlichen hat Wagner gewiß nicht verkennen wollen; er beklagte ja, daß er den katholischen ein besonderes Lob spenden müsse. Jene mögen ja stellen­weise viel leisten, aber mit dem „überall" hat es schwerlich seine Richtigkeit. In Ostelbien zumal wagt der evangelische Geistliche vielfach gar nicht, sich in solche Dinge zu mischen, „dieweil sie das nichts angeht". Daß der „sozialpolitische" Erlaß des Oberkirchenraths

Verfolgt.

DemEnglischen von Marion Crawford nacherzählt von Cora von Schönburg.

^6 ------ (Nachdruck verboten.) T

Die Bemerkung klang in diesem Falle sehr nüchtern, -das fühlte auch Juxon, aber er war froh, keiner größeren Aufregung begegnen zu müssen.

„Rathen Sie mir, etwas Besonderes zu thun?" fragte sie sodann.

"Es ist eigentlich nichts zu thun," sagte er in leichterem Tone. „Man könnte das Haus zwar unter polizeiliche Sicherheit stellen, aber — doch was ist Ihnen?" . '

roar wie in physischem Schmerze aufgesahren. „O nichts," sagte sie, „bitte, fahren Sie nur fort." 'm Quitte, wie gesagt, den Konstabler Gall zur Wache aufstellen, aber das würde für Sie den Nachtheil haben, daß die Aufmerksamkeit des ganzen Dorfes auf Ihr Hauswesen gelenkt würde."

„O bitte, nur das nicht — nur das nicht," flehte sie.

„Nein, gewiß nicht. Ich halte es auch sür sehr unklug — zudem —" Er war auf dem Punkte ge­wesen, ihr zu sagen, daß er sich selbst für einen weit sicheren Wächter als Gall halte, aber er hielt noch zur rechten Zeit ein.

„Zudem — was?" fragte sie.

„Nichts — ich meinte nur, daß Gall in der Eigen­schaft als Polizist und Wächter nicht sehr zu empfehlen sei. Aber versprechen Sie mir eins, Frau Goddard, wenn etwas passirt, so benachrichtigen Sie mich — ich könnte Ihnen hilfreich sein."

„Aufrichtigen Dank", sagte sie. „Ich weiß, wie gut Sie sind."

„Davon ist keine Rede. Ich freue mich nur, wenn Sie meine Absicht recht verstanden haben."

„Vollkommen. Jetzt aber, verzeihen Sie, Herr Juxon, ich bin so schwach--"

»Sie möchten, daß ich ginge?" lächelte der Guts­herr, indem er aufstand. „Ja, ich verstehe. Leben Sie wohl, liebe Freundin. Es wird alles wieder gut werden."

„Leben Sie wohl — und nochmals herzlichen Dank. Sie verstehen mich immer," sagte sie, ihm die schmale, kalte Hand reichend. „Halten Sie mich nicht für undankbar," fügte sie hinzu und blickte ihm in die Augen.

„Sicher nicht, wie sollte ich dazu kommen?"

Juxon überschritt leichten Schrittes die Straße, welche die Cottage von dem Parkthore trennte. Als er in den Park eintrat, bemerkte er den elend aus­sehenden Landstreicher nicht, welcher an dem Gitter

entlang schlich und so lange seiner sortschreitenden Gestalt nachsah, bis diese unter den blätterlosen Bäumen verschwunden war. Wäre Stambul bei seinem Herrn gewesen, so würde der Strolch gewiß nicht unbeachtet geblieben sein. Die Wege waren jedoch in der letzten Zeit so schmutzig, daß der Hund, wenn Juxon Besuche machte, zu Hause gelassen wurde. Walter Goddard hatte den ganzen Tag auf der Lauer gelegen. Endlich hatte er sein Ziel erreicht. Zuerst war der Gutsherr in Begleitung des Pfarrers vorbei gekommen, dann hatten sich beide getrennt, Juxon war umgekehrt und Goddard hatte ihn in der Cottage verschwinden sehen. Die Sache war klar, er hatte seinen Besuch vor dem Pfarrer verbergen wollen. Der Schlechte sieht Andere immer auf dem Pfade wandeln, den er selbst gegangen Der Herr im Jagdkostüm konnte natürlich Niemand anders als der Gutsherr sein Die Art, wie er das Haus betreten batte, verrieth die Gewohnheit häufiger Besuche. Die Vorsicht, mit welcher er sich der Beob­achtung des Pfarrers entzogen hatte, ließ auf das Unstatthafte seines Verkehres schließen. Goddard knirschte mit den Zähnen und schwor, dem Spiele bald ein Ende zu machen. Ja, je länger er darüber nachdachte, desto verführerischer erschien ihm der Ge­danke, in einer neuen Untbat Befriedigung zu suchen. Was konnte es ihm schließlich schaden, ob er dem