Einzelbild herunterladen
 

iinirnjniTunge-tiriiarir „Stmir und tilumen“.

Dienstag, den 5. Oktober 1897

iildaer

I die die Betheiligung wünschen. Die süddeutschen, namentlich die bayerischen Parteimitglieder rathen den preußischen Genossen sehr zur Theilnahme an diesen Wahlen. Für die Beurtheilung dieser Frage ist wichtig der Ausfall der Ersatzwahlen zum sächsischen Land­tage, die in allerjüngster Zeit stattgefunden haben. ,jn Sachsen ist entgegen der früheren Bestimmung, daß alle Männer von einer sehr geringen Steuerstufe ab gleich berechtigt sind zur Theilnahme an der Wahl zum Landtage, nunmehr ein ganz ähnliches Wahlgesetz wie rn Preußen eingeführt 'worden: Wahl in drei Abtheilungen je nach der Höhe der gezahlten Steuer. Dabei haben die Sozialdemokraten natürlich erhebliche Einbußen erlitten. Aber einige wenige Sitze (9) haben sie trotz des neuen Wahlgesetzes in der sächsischen Kammer behalten; und sehr wahrscheinlich würden auch die Sozialdemokraten in Preußen einige Sitze im Abgeordnetenhause erobern, wenn sie sich an der Wahl betheiligen wollten. Wir sür unseren Theil würden es nicht bedauern, wenn das der Fall sein würde. Besser, daß die Leute Gelegenheit bekommen, ihre Meinung zu sagen, als daß sie vor der Masse der Parteigenossen, zielbewußten und unbewußten, in dem vortheilhaften Lichte der Unterdrückten dastehen, die durch bestehende gesetzliche Einrichtungen angeblich zum Schweigen gezwungen sind. Aber diejenige Richtung innerhalb der Sozialdemokratie, die durch­aus der bestehenden Weltordnung keine Zugeständnisse machen will, ist gegen die Betheiligung an den Wahlen zum preußischen Abgeordnetenhause, und ohne Zweifel wird gerade diese Frage sehr heftige Auseinander­setzungen veranlassen.

Unter den Anträgen, die in Hamburg zur Berathung gelangen, befinden sich auch alte Bekannte. Vor anderen verdient darunter allgemeines Interesse der Antrag, daß niemand in der Sozialdemokratie mehr als 3000 Mark jährliches Gehalt von der Partei beziehen soll. Herr Liebknecht wird, wie auch früher, mit Feuereifer diesen Antrag bekämpfen Denn er bezieht als Leiter des ,Vorwärts" ein jähr­liches Gehalt von 7000 Mark, und aus der Partei- kaffe hat er außerdem Nebeneinkünfte im Betrage von mindestens 3000 Mark jährlich. Nach bürgerlichen Begriffen ist dies kein übermäßig hohes Honorar, und Herr Liebknecht hat ganz recht mit der früher

da, nur zeitweise thun sie einen tüchtigen Schluck aus dem Kruge, der vor ihnen auf dem Tische steht. So war es diesmal auch. Die Burschen saßen einander gegenüber und glotzten sich in's Gesicht. Keiner sprach ein Wort, nur wenn der Krug zur Neige ging, strit­ten sie sich, an wen von ihnen diesmal die Reihe zum Weinholen kam.

Es mochte gegen Mitternacht gewesen sein, da wurde es nach und nach in der kleinen Gesellschaft ein wenig laut. Der Hiefel und der Seppel, an denen zuletzt die Reihe zum Weinholen war, haben sich offen- | bar geirrt, und den Krug statt mit sanftem Apfelmost imt schwerem alten Dalmatiner gefüllt, von dem ein Fäßchen allerdings in nächster Nähe des Mostfasses stand. Die Unterhaltung wurde immer ungezwungener, und jetzt nach einigen schüchternen Versuchen stimmten ein paar Burschen sogar ein Liedchen an. Das war gewiß nicht schön, aber der Wein stieg den Leuten halt in den Kopf und hat sie vergessen lassen, in welcher ernsten Stimmung sie hier'versammelt sind.

Da wurde es Mitternacht. In ernsten, dumpfen Schlägen tönte es von der Kapelle her. Fast schien es, als sollten die pstichtvergessenen Leichenwärter da­durch erinnert werden, daß hier nicht der Ort für ein lärmendes Gelage ist. Diese aber hörten überhaupt nichts mehr, sie tranken und sangen um die Wette, und damit üe nicht um jeden Krug in deu Keller mußten, holten sie gleich das ganze Fäßchen herauf.

Es war ein Glück für die Burschen, daß ihnen der Wein die Besinnung verdunkelte; wären sie nüch­tern gewesen, ihr Haar hätte sich emporgesträubt, wenn sie gesehen hätten, was geschah.

Auf der Bahre regte es sich, erst ein wenig, dann stärker, und nun wieder mehr, und jetzt —' wahr­haftig, es kann keine Täuschung sein — der Todte sitzt sich auf und schaut verwundert herum. Von all' dem sahen die Leichenwächter nichts, erst jetzt, wo der Todte zu ihnen tritt, erschrecken sie gewaltig über das „Gespenst".

Bald beruhigten sie sich; denn das Gespenst hatte rothe Backen und langte nach dem Kruge, aus dem es eine große Menge Rebensaft durch die Kehle gur­geln ließ.

Da gab's keinen Zweifel mehr. Trinkende Ge­spenster gibt es nicht, das steht fest, wer trinkt — sintemal, wenn es so schwerer Wein ist — der lebt, daher lebte auch der Riegelbauer, das war Allen klar. Wie es kam, daß derselbe von den Todten auf­erstand, interessirte die Burschen nicht im mindesten. Genug, er war da, und statt sechs saßen sieben Per­sonen am Tische und alle zusammen tranken und schrien wie zuvor.

Als der Nachtwächter durch das Dorf kam, ging er voll Entrüstung geradewegs auf das Trauerhaus zu, aus dem ein Lärm wie aus einer Wirthsstube kam. Als sich das Auge des Gesetzes jedoch überzeugt hatte, daß die Fröhlichkeit berechtigt war, setzte es sich fried­lich zum „Verstorbenen" hin und trank ihm mit einem Nachtwächterschlucke „Gesundheit" zu.

So ging's fort bis zum Morgen. Mit Entsetzen hörten die Nachbarsleute den Lärm und malten sich schon im Geiste die Strafen aus, zu denen das Ge­meindeoberhaupt die frevelhaften Burschen verdonnern muß. Nach und nach wurde es im Trauerhause still und als Riegelbauers Vetter, der hinter dem Berge wohnte, mit seiner zahlreichen Familie dahermarschirt kam, herrschte im ganzen Hause eine so feierliche Ruhe, wie man sie in einem Hause, wo eine Leiche liegt iu finden pflegt. 8 3

Entblößten Hauptes traten die Trauergäste ein. Ob sie sich über das, was sie sahen, verwunderten? Na und ob! Wie wenn der Teufel ihnen erschienen wäre, rannte sie alle davon. Natürlich: Eine Leiche glaubten sie zu finden und acht „Leichen" fanden sie freilich waren sie nicht ganz tobt, denn sie schnarchten um die Wette, und der „Verstorbene" that sich dabei ganz besonders hervor.

M Sozialdemokratischer Parteitag.

Am letzten Sonntag haben in Hamburg die Be- rathungen des sozialdemokratischen Parteitages begonnen Die Verhandlungen der sozialdemokratischen Partei­tage pflegen sich im allgemeinen nicht ruhig abzuwickeln Aber die Annahme ist berechtigt, daß die Geister dies­mal besonders scharf aufeinander platzen werden. Denn unter den Gegenständen und Anträgen, die auf der Tagesordnung stehen, haben einige ganz be­sondere Wichtigkeit für die sozialdemokratische Partei.

zunächst der Antrag, den sogenannten Weltfeiertag am 1. Mai fallen zu lassen, ■yjm vorigen Jahre schon trat man mit dem Mai- feiertage einen Rückzug an. Die Arbeit, so wurde beschlossen, sollte nur da ruhen, wo eine Möglichkeit zur Arbeitsruhe vorhanden ist. Jetzt ist beantragt die Arbeitsruhe am 1. Mai überhaupt fallen zu lassen' Nur für den Abend des ersten Tages im Monat Mai, nach gethanerArbeit, sollen festliche Veranstaltungen vorgenommen werden. Wie ganz anders hört sich das an, als die Wühlereien früherer Jahre für die allgemeine Arbeitseinstellung am 1. Mai; und noch im Jahre 1895 empfahl die sozialdemokratische Partei lettung möglichst umfangreiche Arbeitseinstellung als würdigste Feier des Tages! Das ist ein deutliches Anzeichen dafür, daß viele der Herren Genossen tüchtig ernüchtert worden sind. Nichtsdestoweniger ist wohl vorläufig an ein vollkommenes Fallenlaffen der Forderung der Arbeitsruhe am 1. Mai nicht zu denken. 0

Eine besonders wichtige Sache ist die Frage, ob die Sozialdemokratie an den preußischen Land­tagswahlen sich betheiligen soll oder nicht. Bisher hat sie das nie gethan. Aber in neuerer Zeit haben sich die Ansichten darüber vielfach geändert; auch bei Führern der Partei. So war beispielsweise Herr Bebel ehedem ein ausgesprochener Gegner der Be- therligung an den Landtagswahlen in Preußen, und jetzt ist er sehr geneigt, sich zu denjenigen zu gesellen.

Mne fidele Leichenwacht.

(Eine Erzählung aus Tyrol.)

Der Riegelbauer ist gestorben. Vorgestern war er noch kreuzfidel, gestern Morgen traten Uebelkeiten ein und heute Mittag war er schon tobt. Ein Glück war es zu nennen, baß ber Kaplan von ber ziemlich weit entfernten Pfarre auf einem Verfehgang burch bas Gebrrgsbors kam, sonst wäre er gestorben ohne die Tröstungen ber hl. Religion.

Kein Mensch konnte sich erklären, wie es so schnell über ben Riegelbauer gekommen war; er war boch ein hanbfester Geselle unb es fehlte ihm sonst nie etwas. Aber ber Tob scheert sich leider nicht darum, ob einer eine noch so feste Gesundheit hat, er sucht sich seine Opfer aus nach eigenem Geschmack.

Der Riegelbauer wurde aufgebahrt, wie es ein rechtschaffener Besitzer verlangen kann — in einem Walde von Tannenreisig und Birkenzweigen lag sein entseelter Körper da, und die Leute vom Dorfe und aus der Umgebung kamen und sahen sich den armen Riegelbauer zum letzten Male noch einmal an.

Vor dem Hause hielten ein halbes Dutzend alter Weiber Rath, an was der Riegelbauer eigentlich ge­storben sei. Die eine meinte, er habe einen Wurm im Leibe gehabt, der hätte ihm den Magen durchge- zwickt, die andere rieth auf „Schlag", kurz: jede wußte ein neues Leiden, bas ben Riegelbauer um's Leben gebracht haben sollte. Nachbem sie sich eine Zen lang gezankt unb gestritten hatten, kamen sie insoweit überein, baß ber Riegelbauer wirklich gestorben sei, wünschten einanber guten Abend und trollten sich davon.

. ,^s.,die Sonne niederging, trat die Leichenwache in ihr Amt. ^enn nämlich ein besserer Bauer stirbt, so halten sechs Burschen bei seiner Leiche Wache, wo­für ihnen der Keller und die Küche des Hauses geöff­net wird. Bei dem unheimlichen Scheine der Wachs­kerzen sitzen sie die ganze Nacht, ohne viel zu reden.

--

chin gebrauchten Entgegnung, daß er in gleichen Stellung bei den bürgerlichen Parteien viel mehr verdienen könnte. Aber er stellt sich mit einer solchen Entgegnung auch auf bürgerlichen Standpunkt Denn er will damit sagen, daß geistige Arbeit eines höheren Lohnes bedarf als körperliche Arbeit, und das ist gar nicht recht sozialdemokratisch gedacht.

Deutsches Keich.

Berlin, 4. Oktober.

X Infolge der Ausführung des Leüreröe- fokduugsgefetzes durch einzelne Schulverbände ist in Lehrerkreisen eine Beunruhigung eingetreten. So ist, wie der,Kreuzzeitung" mitgetheilt wird, aus der Thatsache, daß eine Herabsetzung des Grundgehaltes beschlossen worden ist, die Möglichkeit einer Minderung des Dlenstemkommens gefolgert worden. Demgegen­über macht die ,Kreuzztg." darauf aufmerksam, daß eine Herabsetzung des Einkommens, das dem einzelnen Lehrer für seine Person vor dem Inkrafttreten des Gesetzes zugestanden hat, nur zulässig ist, wenn eine solche ausdrücklich vorbehalten war. Da das Gesetz bestimmt, daß die vor dem 1. April d. I. angestellten Lehrer zu der Erklärung auszufordern sind, ob sie den neuen Besoldungsvorschriften sich unterwerfen wollen oder bei der bisherigen Ordnung verbleiben wollen, so ist auch dafür Sorge getroffen worden, daß die Aussichten des einzelnen für die Zukunft keine Ver­schlechterung erfahren dürfen. Wenn anderseits in Lehrerkreisen vielfach die Ansicht verbreitet ist, das Gesetz wolle unter allen Umständen eine Erhöhung des bisherigen Gehaltes, so ist das ebenfalls irrig- in dem neuen Gesetze steht davon kein Wort. Aller­dings kann nicht geleugnet werden, daß die Erhöhung des Gehaltes vielfach unbedingt nothwendiq war schon aus Gerechtigkeits- und Billigkeitsgründen.

* Jüdische itttb christliche Iseiertage. Die ,Emdener Zeitung" brachte in voriger Woche folgende fettgedruckte Annonce: „Des hohen israelit. Fest­tages wegen werden sich die Viehhändler israel. Kon­fession an dem am Dienstag, den 28. ds. M.s, hier stattfindenden Viehmarkte nicht betheiligen." Die Folge war, daß zu dem Viehmarkt, der sonst gut besucht zu werden pflegt, nur 20 Stück Rindvieh angetrieben