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Samstag, den 2. Oktober 1897
21. Jahrgang
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mit Unterhaltungs-KriLage „Sterne «nd KLumen-.
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Spanien und Cuba.
Der Ministerpräsident Azcarraga hat am letzten Donnerstag der Königin-Regentin von Spanien das Entlassungsgesuch des Gesammtministeriums in aller Form schriftlich überreicht, nachdem bereits am Tage vorher die mündliche Anzeige stattgefunden hatte, daß das Ministerium die Absicht habe, zurückzutreten. Die Königin-Regentin hat das Entlassungsgesuch angenommen, und nur wenige Tage wird es dauern, bis das Land Spanien ein ganz neues Ministerium haben wird.
Unter anderen Umständen als gerade augenblicklich brauchte ein Kabinetswechsel in Spanien just kein Ereigniß zu sein, über das wir lange Betrachtungen anzustellen die Pflicht hätten. Unsere Beziehungen zu Spanien sind dazu nicht eng genug. Aber diesmal bat der Kabinetswechsel in Spanien eine ganz besondere Bedeutung: er bedeutet mit dem höchsten Grade von Wahrscheinlichkeit einen vollständigen Systemwechsel auf der Insel Cuba.
Muthmaßlich wird auf Azcarraga ein Kabinet Saga st a folgen. Herr Sagasta ist zwar hoch bei Jahren und von zarter Gesundheit, so daß man von ihm sagt, er werde die Bürde des leitenden Postens im spanischen Ministerium nicht lange tragen können. Aber im gegenwärtigen Augenblicke wird sich Herr Sagasta doch schwer der Erfüllung der vaterländischen Pflicht entziehen können, die an ihn herantritt. Er wird die Führung des neuen spanischen Ministeriums übernehmen müssen. Der Draht berichtete sogar schon über die Zusammensetzung, die das neue Kabinet Sagasta vermuthlich haben werde.
Was verlangen die Cubaner von den Spaniern, und was wird Sagasta gewähren wollen?
Die Cubaner verlangen vor allen Dingen, daß General Weyler abberufen und damit der Krieg der Regierungstruppen gegen die Truppen der aufständischen Cubaner beendet werde. Dann verlangen sie politische Selbständigkeit der Insel unter spanischer Oberhoheit. Endlich aber erheben sie die Forderung, daß das freie Cuba nicht verpflichtet werde, aus seinen Einkünften die 55 Millionen Zinsen der cubanifchen Schuld zu bezahlen, die drei Milliarden beträgt.
Es ist vorläufig kaum anzunehmen, daß irgend einespanische Regierung alle d iese Forderungen auf einmal bewilligen könnte. Nach den Meldungen, die aus Madrid vorliegen, denkt man sich die Sache etwa so, daß die neue spanische Regierung einen Civilgouverneur nach Cuba entsenden wird, der ganz ausgedehnte Vollmachten erhalten würde. Dieser Civilgouverneur würde über den General Weyler gesetzt, dieser letztere aber vorläufig noch in Cuba belassen werden. Seines Bleibens auf der Insel dürfte aber keinesfalls mehr von langer Dauer sein. Eine gewisse Selbstständigkeit würde das Mutterland der Insel Cuba wohl zugestehen, etwa nach dem Muster, wie die Selbstständigkeit der Insel Kreta unter türkischer Oberhoheit gedacht wird. Aber ob das Mutterland in der Lage sein wird, auch die Finanzwünsche der Cubaner zu erfüllen, ist außerordentlich fraglich. Das hingegen ist kaum noch fraglich, daß man in Spanien, wenn man es auch nicht zugestand, die Insel Cuba je länger desto mehr als eine Last empfand, deren ledig 'zu werden man sich freut. War es doch schon lange ein Besitz, der dem Mutterlande viel mehr Schaden als Nutzen brachte!
Wahrscheinlich ist es, daß der Wechsel in der spanischen Regierung durch das Eingreifen der Vereinigten Staaten von Nordamerika beschleunigt worden ist. Daß er allein durch das Heroortreten der Dankee- Staaten hervorgerufen worden ist, kann man mit gutem Rechte bezweifeln. Anfänglich wurde angenommen, Spanien werde gegen die Vereinigten Staaten von Nordamerika um Hilfe anrufen bei europäischen Großmächten; oder einige dieser letzteren würden aus freien Stücken ihre diplomatische Unterstützung gegen die Vereinigten Staaten in Madrid anbieten. Mer keine dieser Annahmen scheint das Richtige getroffen zu
haben. Wohl nur dann würden europäische Mächte sich ins Mittel gelegt haben, wenn die Vereinigten Staaten allzu scharf vorgegangen wären und Gelüste zu erkennen gegeben hätten, die Insel Cuba recht innig in ihre eigenen Arme zu schließen. Die Neigung dazu mag ja auch in Washington vorhanden gewesen sein und noch sein; aber zum Vollbringen fehlte es doch allzu sehr an der nöthigen Deckung.
Das neue Ministerium zieht in diesen Tagen in Madrid ein. Und ebenso wird ein anderes Regierungssystem auf der Insel Cuba seinen Einzug halten. Aber ob damit auch das Ende aller Waffengänge zwischen den Truppen der Regierung und den cubanischen Aufständischen gegeben sein wird, ist sehr in Frage; denn die Meldungen, die aus Spanien und aus Cuba vorliegen, berichten, daß die Cubaner nur dann die Waffen niederlegen wollen, wenn ihnen alle Forderungen bewilligt werden. Und auf der andern Seite wird Spanien schwerlich in der Lage sein, sofort auf alle diese Forderungen der Cubaner einzugehen.
Deutsches Deich*
Berlin, 1. Oktober.
* Reichskanzler Iürst z« KoHenkotze wird in der Nacht von Samstag auf Sonntag in Berlin zurückerwartet. Vorher hieß es, die Rückkehr werde vermuthlich erst gegen Ende des Monats Oktober erfolgen. — Außer dem Fürsten zu Hohenlohe befindet sich von preußischen Ministern gegenwärtig nur noch der Eisenbahnminister Thielen in Urlaub.
* Das preußische KtaatsminiKerium hat am letzten Donnerstag, Nachmittags 2 Uhr beginnend, unter dem Vorsitze des Staatsministers v. Miquel eine Sitzung abgehalten.
* Bisher hatte man angenommen, das preußi- sche Abgeordnetenhaus werdemit ber neuen Sitzungs- Periode auch das neue, prächtige Heim an der Albrechtstraße beziehen können. Allem Anschein nach ist das sehr zweifelhaft geworden, da die Arbeiten im Innern des Gebäudes noch sehr im Rückstände sind. Mehrfach wird sogar behauptet, es stände schon jetzt fest, daß die bevorstehende Sitzungs-Periode noch im alten Hause werde sich entwickeln müssen. Dieses ist, wie wir hören, jedoch noch nicht beschlossene Sache.
* Der Bureaudirektor des Abgeordnetenhauses, Geh. Reg.-Rath Kleinschmidt ist erkrankt. Infolge dienstlicher Ueberanstrengung leidet er an hochgradiger Nervosität.
* Graf v. Mray-Steinvurg, Gesandter am schwedisch-norwegischen Hofe, ist laut Meldung des ,Reichsanzeigers' behufs anderweitiger Verwendung von diesem Posten abberufen worden.
* Der ,Reichsanzeiger' meldet, daß der Präsident der Eisenbahndirektion in Köln Koeter zum Ministerialdirektor im Handelsministerium ernannt worden ist.
* Die deutsche Kandwirthschafts-cheseCschast hält ihre Herbsttagung Hierselbst in der Zeit vom 11. bis 13. Oktober. Als Nachfolger des Herzogs Johann Albrecht zu Mecklenburg tritt mit dem heutigen Tage Prinz Friedrich August, Herzog zu Sachsen, für das Jahr 1898 an die Spitze der Gefellschaft.
* Der Kokoniakrath wird voraussichtlich Ende dieses Monats, spätestens in den ersten Tagen des November, zu einer Sitzung zusammentreten. Bis dahin werden, der,Postt zufolge, auch die Verhandlungen der Kolonialabtheilung mit dem Reichsschatzamt, betreffend den Etat beendet fein
* Die Frage des Staatssirciches scheint in der so königstreuen,Post' des Freiherrn v. Stumm zur stehenden Rubrik zu werden. Die neueste Blüthe der Staatsrechts - Auslegung des frischen Besens in der Redaktion des Berliner Schleifstein ist,
„daß Sr. Maj. dem Kaiser nach Beschluß des Bundesrathes das Recht der Auflösung des Reichstages zusteht, daß er also gegebenen Falles auch gegen die Beschlüsse des Parlamentes regieren kann."
Oho! Damit ist nur der Appell an einen neu zu wählenden Reichstag und nichts weiter gegeben. Stellt sich der neue Chef-Redakteur der , Post' so dumm oder hat er wirklich nichts gelernt?
h. Auch in der Dresdener Regierungspresse wird entschieden geleugnet, daß bei der sächsischen
Regierung der Plan vorhanden oder gewesen sei, Staffelsätze für die Araustener und eine Erhöhung der jetzigen Brausteuersätze einzuführen. In Dresdener maßgebenden Kreisen, so schreibt das amtliche .Dresdener Journal', ist von einer solchen Absicht nicht das Mindeste bekannt. Der Erlaß der Dresdener Zoll- und Steuerdirektion, der zu der erwähnten irrigen Deutung führte, soll vielmehr lediglich den Zweck verfolgt haben, Unterlagen zu gewinnen für die Beurtheilung zahlreicher Petitionen von Brauern an den Reichstag, die noch nicht erledigt sind. Der eine Theil dieser Petitionen befürwortt lebhaft die Einführung von Staffelsätzen für die Brausteuer, der andere Theil bekämpfte sie heftig, während beide Theile vermeintliche Wirkungen der bayerischen Staffelsätze als Beweismaterial für ihre Ansichten zu ver- werthen suchten. Daß die Zoll- und Steuerdirektion bei Erfüllung der ihr gestellten Aufgabe auch an die Handels- und Gewerbekammern sich gewendet hat, um deren Gutachten zu erlangen, soll nach der Angabe des genannten Dresdener Regierungsblattes diese Behörde „in gänzlicher Verkennung des Zweckes der getroffenen Anordnung" gethan haben. — Die Ableugnung lautet so fest und bestimmt, daß man ihr nicht gut den Glauben versagen kann. Das ändert natürlich keinen Deut an der hohen Wahrscheinlichkeit der Thatsache, daß Herr von Miquel große Surft dazu in sich verspürt, bei nächster Gelegenheit es doch wieder einmal mit einer Erhöhung der Brausteuer zu versuchen.
* Eine geniale Idee hat das Stöckersche,Volk'. Zur Widerlegung der neuesten päpstlichen Canisius- En cyklika, bez. ihres Urtheils über den Protestantismus beruft es sich auf die Kriminalstatistik, welche so laut als möglich sage, daß „die evangelische Kirche kein minderwertiges, sondern ein überlegenes sittlich-religiöses Prinzip gegenüber dem Katholizismus darstellt". Das „Prinzip des Judentums" würde hiernach in sittlich- religiöser Beziehung noch dem protestantischen überlegen sein, denn die Kriminalität der Juden ist eine geringere als die der Protestanten. In Wahrheit ist die Kriminalität kein Barometer der Sittlichkeit, sondern des Wohlstandes. In den armen, ungebildeten Volksklassen ist die Kriminalität am größten, und zwar aus drei Ursachen: aus Roth, aus Rohheit und aus Dummheit und Unbildung. Aus Roth stiehlt so Mancher; aus Rohheit prügelt ein Dienstknecht den andern windelweich, statt ihn mit Worten zu züchtigen; aus Dummheit begeht ein Dienstmädchen eine Urkundenfälschung, indem sie in ihrem Dienstbuche ein schlechtes Zeugniß in ein gutes umändert. Millionäre kommen nicht so leicht vor die Schranken des Gerichtes, um sich wegen einer Straftat zu verantworten. Nach der Theorie des ,Volk', welche die Kriminalität zum Maßstabe der Sittlichkeit nimmt, ließe sich hieraus die wahnwitzige Schlußfolgerung ableiten, daß die Millionäre moralischer sind als die Arbeiter. Die katholische Bevölkerung steht in Preußen hinsichtlich ihrer materiellen Lage relativ auf der niedrigsten Stufe. Die Ursachen davon sind mancherlei Art; auch die seit Jahrhunderten bestehenden ungünstigen Paritätsoerhältnisse dürsten dazu mitwirken. Lediglich aus diesem Umstande erklärt es sich, daß die Kriminalität der Katholiken keine günstigere ist. Das Resultat würde ein anderes sein, wenn man 1000 katholische Bauern, Beamte, Handwerker mit ebenso viel protestantischen vergliche.
* Die Aegierungsbureaudiätare sollen der ,Neuen Berl. Korr/ zufolge aufgebeffert werden. Die Regierung beabsichtigt, diese Aufbesserung durch eine Vermehrung der etatsmäßigen Stellen auf ein Fünftel der Gesammtstellen herbeizuführen.
-2- Die Ergebnisse der sächsische« Landtags- watzke» lassen sich jetzt ziemlich genau übersehen: in 29 von den beteiligten 31 Wahlkreisen besteht schon jetzt mehr als die Hälfte der Wahlmänner aus Anhängern der Kartellparteien. Die Zahl der sozialdemokratischen Abgeordneten betrug bisher im sächsischen Landtage 15. Ihre Zahl wird so herabgedrückt, daß sie auf keinen Fall mehr eigne Anträge werden einbringen können. Die Aenderung der Zusammensetzung des Landtages rührt bekanntlich von der Neueinführung des Dreiklaffen-Wahlfystems für die sächsischen Landtagswahlen her. /